Die Europäer. Drei kosmopolitische Leben und die Entstehung europäischer Kultur (Orlando Figes)

Figes Europaeer

Hanser Berlin, 2020
Originaltitel: The Europeans. Three Lives and the Making of a Cosmopolitan Culture (2019)
Übersetzung von Bernd Rullkötter
Gebunden, 640 Seiten
€ 34,00 [D] | € 35,00 [A] | CHF 51,90
ISBN 978-3-446-26789-3

Genre: Sachbuch


Rezension

Iwan Turgenew (1818-1883), Sohn einer Adelsfamilie, ist einer der bedeutendsten russischen Schriftsteller. Pauline Viardot (1821-1910), französische Opernsängerin und Komponistin, später Gesangspädagogin, war eine vielseitige und in Europa populäre Künstlerin. Am 18. April 1840 heiratete sie den vermögenden Pariser Theaterdirektor, Übersetzer, Verleger und Kunstkritiker Louis Viardot (1800–1883). Im Jahr 1843 lernte sie während eines Engagements in Sankt Petersburg Turgenew kennen, der fasziniert von ihr war. Es entwickelte sich eine lebenslange Freundschaft. Einen erheblichen Teil seines Lebens verbrachte Turgenew im Haushalt und Umfeld der Viardots. Iwan und Pauline hatten eine langlebige Affäre. Pauline hatte weitere Affären, die von ihrem Mann alle geduldet wurden.

Die Viardots, Turgenew und ihre miteinander verbundenen Lebensläufe sind für Orlando Figes das Zentrum, aus dem heraus er eine Kulturgeschichte Europas im 19. Jahrhundert entwickelt. Zum Freundeskreis der Viardots gehörten viele Künstler, darunter Henry James, Clara Schumann, George Sand, Hector Berlioz, Charles Dickens, César Franck, Frédéric Chopin, Gustave Flaubert und Franz Liszt. Camille Saint-Saënz widmete Pauline seine Oper Samson et Dalila.

Die Viardots und Turgenew waren viel in Europa unterwegs, und Figes zeichnet auf ihren Wegen die Geschichte Europas als einer Region im ständigen Wandel nach. Dieser Wandel ging einher mit und äußerte sich primär im technologischen Fortschritt der Telegrafie und Fotografie, in der Massenproduktion, vor allem jedoch in der Mobilität, der Eisenbahn. Figes spricht von einer paneuropäischen Kultur, auf die der technologische Fortschritt wie ein starker Motor wirkte.

Die Hauptfigur scheint Turgenew zu sein. Figes entwickelt eine gute Biografie des Schriftstellers, und die Darstellung ist auffallend häufig um russische Themen angelegt. Hier liegt ohnehin die Hauptkompetenz des Historikers Figes, wie ein Blick in seine Bibliografie zeigt. Er ist Autor des wichtigen und weit rezipierten Buches Die Tragödie eines Volkes. Die Epoche der russischen Revolution 1891 bis 1924, hat mit Nataschas Tanz eine Kulturgeschichte Russlands, mit Die Flüsterer ein Buch über Privatleben in Stalins Russland vorgelegt. Insgesamt hat er bislang acht Bücher über Russland veröffentlicht.

Einen hohen Stellenwert weist Figes der Eisenbahn zu, die ganz Europa zunehmend vernetzte und zu einer Beschleunigung führte, die für Wirtschaft und Kultur erhebliche Verbesserungen mit sich brachte. Beginnend 1843 mit der internationalen Verbindung zwischen Antwerpen und Köln, dann 1846 der zwischen Brüssel und Paris, durchwirkte die Eisenbahn zunehmend das gesellschaftliche Leben und die ökonomischen Bedingungen innerhalb Europas. So veränderten sich die Möglichkeiten der Kulturproduktion in atemberaubendem Tempo.

Die Entwicklung geistiger Eigentumsrechte, worin Frankreich eine Vorreiterrolle zukam, erhöhte die Einkommen von Kunstschaffenden erheblich. Vincenzo Bellini (1801-1835) verdiente zu Beginn dieser Entwicklung dreimal so viel Geld wie der in der Popularität vergleichbare Rossini ein paar Jahre zuvor. Am meisten profitierten Künstler*innen, wenn sie es verstanden, die Rechtslage für sich bestmöglich zu nutzen. Hier war Verdi eines der herausragenden Beispiele.

Frankreich, vor allem das kosmopolitische Paris, war führend im Verlagswesen und bei Übersetzungen von Literatur. Das Bildungswesen wurde verbessert, wodurch sich übergreifende positive Effekte ergaben. Frankreich hatte Vorbildcharakter für andere Länder. Bücher wurden in mehrere Sprachen übersetzt. Künstler*innen konnten relativ problemlos international auftreten. Der Aufführungsraum musikalischer Werke wurde erheblich vergrößert. Zugleich wurde Kunst marktfähig. Ein europäischer Kanon an Kunst (Büchern, Musik, Gemälden) bildete sich heraus.

Figes erzählt sehr viele interessante Dinge über die Welt des Theaters, der Oper und der Literatur, die wirtschaftliche Entwicklung im Kunstbetrieb, über die Eisenbahn und die Revolutionierung des Reiseverkehrs, darüber, wie Kunst sich besser über Europa ausbreiten konnte, die Entwicklung des Nachrichtenwesens, schließlich darüber, wie diese Entwicklung mehr Nähe in Europa schaffen konnte. Diese Nähe führte auch dazu, dass Künstler*innen unabhängig vom Herkunftsland in Europa stärker zusammenarbeiteten und voneinander lernten, was naturgemäß eine bereichernde Wirkung erzeugte.

Am Beispiel seiner drei Hauptfiguren zeigt Figes auf, wie dies funktionierte. Dabei hat er nicht nur Zugriff auf eine hervorragende Materiallage. Er reichert sein Narrativ über die europäische kulturelle Entwicklung im 19. Jahrhundert auch mit reichlich Anekdoten an. Er gestaltet einige Umwege und Ablenkungen vom Hauptweg, die zu einem tieferen Verständnis beitragen. Wir erfahren viele kleine Details, darunter, dass es im Jahr 1868 in Italien 775 im Betrieb befindliche Opernhäuser gab. Figes behandelt Europa nicht als Summe aus verschiedenen Nationalstaaten, sondern als ein organisches Ganzes. Er konzentriert sich dabei auf verbindende Kräfte.

Das Buch enthält den 564-seitigen Haupttext mit einer Vielzahl Illustrationen und Karten, 16 Seiten Bildtafeln auf speziellem Papier, einen fast 80-seitigen Anhang mit Anmerkungen, Quellenangaben und Register.


Fazit

Die Europäer. Drei kosmopolitische Leben und die Entstehung europäischer Kultur ist gleichermaßen informativ wie unterhaltsam, stilistisch elegant und lebhaft vermittelt. Die Kunstsphäre, das Milieu der Künstler*innen ist eindrucksvoll beschrieben. Auch wenn man gelegentlich beim Lesen den Eindruck hat, dass die Bedeutung der Eisenbahn für Europa und die kulturelle Entwicklung etwas zu wichtig erscheint. Aber vielleicht war sie es ja tatsächlich, und ist es nicht nur im Narrativ von Figes.


Pro und Kontra

+ liefert ein hervorragendes Zeitporträt
+ man kann sein „eigenes Europäertum“, die verbindenden „Werte und Ideen“ entdecken

Wertung:sterne4.5

Handlung: 4,5/5
Charaktere: 4,5/5
Lesespaß: 4,5/5
Preis/Leistung: 4/5

Tags: Iwan Turgenew, Pauline Viardot, Kulturgeschichte, 19. Jahrhundert

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