Sanguen Daemonis (Anna Zabini)

ohne ohren (November 2020)
Taschenbuch, 460 Seiten, 13,49 EUR
ISBN: 978-3-903296-26-8

Genre: Dark Fantasy / Urban Fantasy


Klappentext

„Es war das Ende.“
Die Sonne versinkt in der Donau. Eine Stadt, vier schlagende Herzen.
Nesrin ist wach, aus Liebe zu Shanna, auf der Suche nach Wahrheit.
Nikola ist wach, vor Kälte, in den Armen von Sivan.
Es ist dunkel. Dämonen wittern Blut, in dem Wien zu ertrinken droht.
Das Schauspiel beginnt.


Rezension

Dämonen nisten sich in Menschen ein, zerstören ihre Wirtskörper und suchen sich den nächsten. Die Bevölkerung lebt in Angst, denn fast jeder könnte der nächste Besessene sein – mit Ausnahme der Unantastbaren und Auserwählten. Erstere können nicht besessen werden und letztere sind Halbdämonen, die die Unantastbaren als Lockmittel für die Dämonenjagd nutzen. Eine grausame Allianz, die Opfer fordert, den normalen Sterblichen jedoch immerhin ein gewisses Maß an Schutz bietet. In Österreich haben die Auserwählten einen Überwachungsstaat errichtet, es gelten strenge Regeln und Ausgangssperren. Shanna ist die neue Erste Auserwählte Wiens und verliebt sich ausgerechnet in die kritische Journalistin Nesrin. Ihr Zwillingsbruder Sivan verliert sein Herz an den Unantastbaren Nikola. Ihre Leben werden nicht nur von Dämonen bedroht, sondern auch vom Widerstand und Menschen, die schlimmer als Dämonen sind …

In ihrem Debütroman „Sanguen Daemonis“ überrascht Anna Zabini mit einer kreativen Erzählstruktur abseits meist linearer Fantasyplots. Die Handlung macht über einen Zeitraum von fünf Jahren diverse Zeitsprünge in verschiedene Richtungen, sodass zum Beispiel wichtige Ereignisse vorweggenommen werden. Die Spannung bleibt trotzdem erhalten, denn erstens will man wissen, wie es so weit kommen konnte, und zweitens ist alles doch oft anders, als man zuerst dachte. Die Autorin bleibt ganz nah an ihren Charakteren und so wie diese sich täuschen können, wird auch die Leserschaft getäuscht und im Verlauf der Handlung wartet so manche Überraschung. Der einzige Nachteil: In der ersten Romanhälfte fällt es manchmal schwer, die plötzliche emotionale Nähe mancher Charaktere nachzuvollziehen. Entsprechend sollte man immer die Zeitangaben in den Kapitelüberschriften beachten.

Die Dämonen in „Sanguen Daemonis“ sind keine Höllenkreaturen, sondern formlose Entitäten ohne Gesinnung. Sie handeln aus reinem Selbsterhaltungstrieb, welcher sich zerstörerisch auf die menschlichen Wirte auswirkt. Sie verhalten sich wie Parasiten und treiben die Besessenen in den Wahnsinn. Die Auserwählten hingegen leben eher in einer Symbiose mit ihren Dämonen, die ihnen keine magischen Kräfte, dafür aber Stärke und eine bessere Regenerationsfähigkeit verleihen. Zudem können sie sie emotional abschotten, sodass die Auserwählten äußerst kaltblütig vorgehen können. Die Dämonen in „Sanguen Daemonis“ sind äußerst faszinierend, allerdings konzentriert sich die Handlung weniger auf sie, sondern überwiegend auf die Protagonist*innen und ihre Liebes- und Leidensgeschichten.

Shanna ist äußerst pflichtbewusst und hart zu sich selbst. Sie gilt als kalt und rational, ist in Wahrheit aber oft zu nachgiebig. Ihr größter Schwachpunkt ist ihr depressiver Bruder Sivan, für den sie alles tun würden. Wirklich alles. Aufgrund seiner emotionalen Instabilität ist Sivan nicht aktiv an der Dämonenjagd beteiligt, doch um Shanna zu unterstützen, übernimmt er öffentliche Auftritte. Sein Freund Nikola wird als Unantastbarer gezwungen, die Auserwählten auf der Jagd zu unterstützen, was so gar nicht zu seinem zurückhaltenden, sensiblen Charakter passt. Journalistin Nesrin hingegen glänzt mit ihrem Mut, der sie auch nicht davor zurückschrecken lässt, eine Beziehung mit Shanna einzugehen. Denn es sind nicht nur die Auserwählten, die Nesrin aufgrund ihrer Wahrheitssuche fürchten muss, sondern auch der Widerstand.

Jede*r einzelne der Protagonist*innen trägt Narben aus der Vergangenheit und wird immer wieder mit Extremsituationen konfrontiert. Während die erste Romanhälfte noch von romantischen Szenen aufgelockert wird, tun sich in der zweiten Hälfte Abgründe auf, die sie alle zu verschlingen drohen. Ein Blick in die Content Notes zeigt, wie heftig es in „Sanguen Daemonis“ zugeht: Folter, Selbstverletzung, Missbrauch, Kannibalismus, psychische und physische Gewalt, Mord – um nur einige zu nennen. Es braucht die Dämonen fast nicht, um diese Geschichte zu einem Alptraum zu machen, denn was Menschen hier anderen Menschen antun, lässt einem den Atem stocken. Gleichzeitig beweisen die Charaktere auch immer wieder Stärke, nehmen Rücksicht aufeinander, obwohl sie selbst völlig am Ende sind. Machen Fehler und entschuldigen sich. Verzweifeln, fallen, stehen auf, stürzen, zerbrechen und stehen wieder auf.

Anna Zabini ist in der Beschreibung der zwischenmenschlichen Beziehungen und psychischen Ausnahmezustände unglaublich stark. Die gebrochenen Charaktere wirken durchweg authentisch mit ihren Ängsten, ihrem Zorn und ihrer Hilflosigkeit. Die Protagonist*innen begehen Grausamkeiten, die man aufgrund ihrer Vergangenheit und dem, was ihnen angetan wurde, nachvollziehen kann. Ob man alles verzeiht, so wie Shanna Sivan alles verzeiht, bleibt jedem selbst überlassen. Hier gibt es keine Held*innen, hier gibt es nur Menschen, die um ihr Leben und das Leben derer, die sie lieben, kämpfen. Und weil sie dabei mit all ihren Fehlern zutiefst menschlich bleiben, ist man auch dann noch ergriffen, wenn sich die Dramatik eigentlich schon abgenutzt haben müsste.

Man muss charakternahes Erzählen mit psychologischer Tiefe mögen, um von „Sanguen Daemonis“ mitgerissen zu werden. Wer mehr auf das Worldbuildung achtet, könnte enttäuscht werden. Der Roman vermittelt eine grobe Vorstellung von der Auserwählten-Diktatur, die sich insbesondere aus Anspielungen auf Bekanntes speist. Allerdings erleben wir die Ereignisse fast ausschließlich aus Sicht der Auserwählten, für die ihre eigenen Regeln nur bedingt gelten. Hier wäre eine weitere Perspektive hilfreich gewesen, um das Ausmaß der Überwachung und Angst zu erfassen. Der Widerstand bleibt ein dunkler Gegenspieler, über den man zu wenig erfährt (was ebenfalls an der einseitigen Perspektive der Auserwählten liegt). Zudem hätte die Autorin die Besonderheiten ihres Schauplatzes Wiens stärker hervorheben können, immerhin ist Urban Fantasy in der österreichischer Hauptstadt selten.


Fazit

„Sanguen Daemonis“ ist leidenschaftliche und abgründige Urban Fantasy mit queeren Charakteren, die um ihr physisches und psychisches Überleben kämpfen. Anna Zabini glänzt mit ihrer originellen Erzählstruktur, die trotz oder auch gerade wegen der Vorwegnahme wichtiger Ereignisse Spannung erzeugt, und mit der sensiblen und schmerzhaften Beschreibung emotionaler Ausnahmezustände. Dieser Roman laugt seine Leser*innen aus und schnürt ihnen die Kehlen zu, die phantastischen Elemente braucht es dazu fast nicht, doch sie verstärken die unheimliche Atmosphäre. 


Pro und Contra

+ Dämonen als parasitäre, formlose Wesen
+ dystopische Elemente
+ facettenreiche Charaktere mit vernarbten Seelen
+ enge Bindung der Zwillinge Shanna und Sivan
+ viele queere Figuren
+ emotionale Extremsituationen
+ sensibel und schonungslos geschrieben
+ originelle Erzählstruktur mit diversen Zeitsprüngen
+ sehr cooles, finsteres Cover

o teils sehr blutig und brutal (Content Notes beachten)

- der Widerstand bleibt zu blass
- verlässt sich beim Worldbuildung zu sehr auf Bekanntes

Wertungsterne4

Handlung: 3,5/5
Charaktere: 4,5/5
Lesespaß: 4,5/5
Preis/Leistung: 4/5


Interview mit Anna Zabini (2020)

Tags: Dark Fantasy, Anna Zabini, Urban Fantasy, Dämonen, queere Figuren