Mike Krzywik-Groß (24.11.2020)

Interview mit Mike Krzywik-Groß

mike krzywik gross foto 1Literatopia: Hallo, Mike! Kürzlich ist Dein neuer Shadowrun-Roman „Alter Ratio“ erschienen. Was erwartet die Leserschaft diesmal? Und muss man zuvor „Alter Ego“ gelesen haben?

Mike Krzywik-Groß: Hallo Literatopia, schön mit Euch zu sprechen!

Nein, nein, man muss nicht Alter Ego gelesen haben, auch wenn es natürlich Spaß macht bekannte Gesichter wiederzusehen. Mir ist bei jedem meiner Bücher wichtig, dass sie für sich alleine stehen und abgeschlossene Geschichten erzählen. Greift also bedenkenlos zu.

Wir befinden uns im Jahr 2079 und eine dunkle Macht erhebt seine hässliche Fratze über Berlin. Was das mit der alten Kabelmatrix der Stadt zu tun haben könnte, lest gerne selbst. Der Roman hat eine enge Verknüpfung mit dem Metaplot des Rollenspiels. Es geht also um wirklich große Dinge, deren Entwicklungen schon viele Jahre zurückreichen. Mehr will ich aber noch gar nicht verraten.

Literatopia: Inwiefern haben sich Aggi und Paul Dante seit den Geschehnissen in „Alter Ego“ verändert? Wo liegen jeweils ihre Stärken und Schwächen?

Mike Krzywik-Groß: Paul, der abgehalfterte Privatdetektiv, versucht krampfhaft sich nicht zu verändern. Aber die Welt um ihn herum tut es und die Geschwindigkeit, mit der er tiefer und tiefer die Abwärtsspirale nimmt, ist schwindelerregend. Gut, dass seine größte Stärke darin liegt wieder aufzustehen, wenn er am Boden lag. Er hat das Scheitern mit wehenden Fahnen quasi professionalisiert.

Aggi hingegen hat ihre Liebe gefunden. Ein Umstand, der ihr emanzipiertes, freiheitsliebendes Leben ganz schön auf den Kopf stellt. Dafür hat sie sich in „Alter Ratio“ deutlich mehr Screentime erstritten und dem alten Mann etwas beiseitegeschoben. Schließlich ist die Zukunft weiblich und gehört den jungen Menschen – in der Fiktion genauso, wie im echten Leben.

Literatopia: Wie sieht Dein Berlin im Jahr 2079 aus? Hat sich auch etwas zum Guten verändert? Und gibt es noch Orte, die man wiedererkennen kann?

Mike Krzywik-Groß: Im Jahr 2079 ist Berlin ein eher düsteres Zerrbild der heutigen Stadt. Megakonzerne haben sich weite Teile der Stadt einverleibt und mit gigantischen Arkologien versehen. Doch es gibt auch Hoffnung. Kieze und befreite Bereiche, die der neoanarchistischen Idee anhängen und Solidarität leben, stemmen sich wie gallische Dörfer gegen das kapitalistische Rom der Sechsten Welt. Die Stadt hat sich, wie sie es auch in den letzten Jahrhunderten getan hat, neu transformiert. Wiedererkennen wird man aber sicherlich die Renitenz der alten Dame Berlin.

Literatopia: Shadowrun mischt Cyberpunk mit Fantasy. Warum funktioniert das Deiner Meinung nach so gut? Und welche Fantasywesen mischen in „Alter Ratio“ mit?

alter ratioMike Krzywik-Groß: Das hat sicherlich etwas mit dem gameistischen Ansatz zu tun. Das Pen & Paper Rollenspiel wurde konzipiert um beide Seiten gleichermaßen zu bedienen – sowohl Freunde von klassischer Fantasy, als auch die SciFi- und Cyberpunknerds. Es sollte ein größtmöglicher Spaß daraus entstehen, was gut geklappt hat. Dazu lassen sich Fantasywesen wunderbar dazu nutzen, um Gesellschaftskritik überspitzt darzustellen. Wenn Möbel, Fahrzeuge etc. nur auf Menschengröße zugeschnitten sind, macht das Diskriminierung greifbar.

In „Alter Ratio“ trifft man z.B. auf eine Trolltürsteherin die man lieber nicht „Schätzchen“ nennen sollte. Sie kam bei den Leser*innen schon mal ganz gut an. Aber auch miese Zwerge und eine liebenswerte Orkin sind ebenfalls mit an Bord.

Literatopia: „Alter Ratio“ ist der Auftakt für die neue Kampagne „Netzgewitter“. Kannst Du uns etwas mehr darüber verraten? Und wäre „Netzgewitter“ auch für Neueinsteiger geeignet?

Mike Krzywik-Groß: Netzgewitter ist die große Kampagne der deutschen Redaktion von Shadowrun. Sie beginnt wenige Monate nach den Ereignissen von „Alter Ratio“ und greift einige zentrale Handlungsstränge der Erzählung auf und legt sie in die Hände der Spielerinnen und Spieler. Diese haben dabei die Möglichkeit die Ereignisse so zu Ende zu führen, wie sie es möchten (falls sie so lange überleben sollten). Die Kampagne ist seit vielen Jahren angelegt und vorbereitet worden, selbst das Computerspiel Shadowrun Dragonfall hat direkte Bezüge zu der Kampagne und dem Roman. Es wird also so richtig schön crossmedial.

Und ja, auch Einsteigerinnen und Einsteiger können bei Shadowrun direkt mit den coolen Abenteuern anfangen und müssen sich nicht mit Kleinkram aufhalten.

Literatopia: Wie bist Du dazu gekommen, Romane für das Shadowrun-Universum zu schreiben? Biegen sich Deine Bücherregale unter Quellenbüchern? Oder musstest Du Dich erst in die Welt einarbeiten?

Mike Krzywik-Groß: Ja, ich bin großer Fan und tatsächlich biegt sich mein Regal schon etwas unter den Lasten der Regel- und Quellenbücher. Bereits seit dreißig Jahren verfolge ich das Franchise und habe so ziemlich alles gelesen, was dazu publiziert wurde. Und trotzdem war das Schreiben meiner Shadowrungeschichten die rechercheintensivste Arbeit, die ich bisher hatte. Unzählige Querverweise und Informationshappen verteilt auf dutzende Bücher – puh, da kommt man auch als Autor für Rollenspiele etwas ins Schwitzen. Als ich zwischendurch in Büchern aus der 1990er Jahren recherchiert hatte, war ich selbst etwas verblüfft, wie weit die einzelnen narrativen Stränge reichen.

mike krzywik gross3Literatopia: Was fasziniert Dich persönlich an der Welt von Shadowrun?

Mike Krzywik-Groß: Cyberpunk war schon seit dem Film „Blade Runner“ eines meiner favorisierten Genres. Die Melange aus Film Noir, Gesellschaftskritik und Dehumanisierung faszinierte mich quasi schon immer. Shadowrun geht den gleichen Weg und zeigt in überspitzer Form Missstände unserer Gesellschaft auf. Das System Rassismus und was passiert, wenn Großkonzerne ungezügelt den Neoliberalismus vorantreiben, kann man ganz gut im Weltenbau von Shadowrun erkennen. Dazu hat die Welt einen gewissen Coolnessfaktor, den ich am ehesten mit dem Film Matrix vergleichen kann. Eine tolle Mischung!

Literatopia: Hast Du Shadowrun-Romane Deiner Kolleg*innen gelesen? Welche haben Dir am besten gefallen?

Mike Krzywik-Groß: Na klar! Ich liebe Geschichten aus der Welt von Shadowrun und bin wie gesagt nicht nur Autor, sondern auch Fan. Als die Romanreihe ihren Neustart in deutscher Sprache erlebte, war ich sehr glücklich. Gerade meine direkten Kolleg*innen wie Martina Nöth, David Grade, Sonja Rüther oder Bernd Perplies haben einen ausgezeichneten Job gemacht. Da lohnt sich wirklich jedes Buch.

Literatopia: Gute Fantasybücher kannst Du nur schwer aus der Hand legen – welchen Roman hast Du zuletzt quasi in einem Rutsch gelesen?

Mike Krzywik-Groß: Da gibt es gleich zwei, die ich erwähnen möchte. Sehr gut gefallen hat mir „Ich bin Gideon“ von Tamsyn Muir. Schon lange hatte mich kein Buch mehr so sehr begeistert wie dieses. Die Figuren sind großartig gezeichnet und ich hatte ständig das Gefühl etwas Neues zu erleben. Das Buch hat mich ein wenig aus meiner Komfortzone geholt.

Das andere ist eine Novelle von meinem Freund und Kollegen Henning Mützlitz ... äh ... Malcom Darker meine ich natürlich hüstel. Er hat aus der Reihe Sorrowville den Auftaktband „Der Knochenfürst“ geschrieben, ein herrlicher Spaß, den ich tatsächlich in einem Rutsch gelesen hatte.

Literatopia: Wie sieht Dein Schreibprozess aus? Plottest Du vorher die komplette Geschichte durch oder legst Du nur Eckpunkte fest, an denen Du Dich entlang hangelst?

Mike Krzywik-Groß: Bei mir wird alles vorher angelegt. Das hat den einfachen Hintergrund, dass mir Verlage für meine Arbeit Geld bezahlen und sie gerne wissen möchten, für was sie ihr Budget belasten. Dementsprechend wollen sie vorweg ein eindeutiges Exposé haben und nicht die Katze im Sack kaufen. Das trifft im Bereich der Rollenspielromane noch mal doppelt zu, da es eine engere Abstimmung mit der Spielredaktion geben muss. Gerade bei Projekten wie „Alter Ratio“, wo die Ebenen eng verzahnt sind, ist das unabdingbar.

Ich arbeite gerne mit schriftlichen Charakterskizzen und vor allem mit einer Kapitelstruktur, die weitgehend steht, bevor ich loslege den eigentlichen Text zu schreiben.

Nichtsdestotrotz überrascht mich manch Figur doch noch mit einem smarten Satz oder einer nachvollziehbaren Entwicklung, die ich zuvor nicht gesehen hatte. Die Kunst ist dann alles zu einem konsistenten Ganzen zusammenzufügen.

Literatopia: Welche Deiner Figuren hat Dich denn überrascht und inwiefern?

alter egoMike Krzywik-Groß: Aggi, die ja in „Alter Ratio“ mehr in den Fokus gerückt ist, hat ein paar spannende Wege bestritten. Ich möchte nicht zu viel verraten, aber es hat mir viel Spaß gemacht der queer-feministischen Neoanarchistin mit so etwas wie Verliebtheit zu konfrontieren. Sie musste ihre Komfortzone mehr als einmal verlassen und ich war selbst neugierig, wohin sie dabei ihre Schritte lenken wird. Ihr größter Wunsch ist persönliche und politische Freiheit. Ein wenig davon musste ich ihr im Schreibprozess ebenfalls zukommen lassen.

Literatopia: Du hast mal eine Lesung in einem Käfig gehalten – im „Hamburg Dungeon“. Warum hat man Dich eingesperrt?

Mike Krzywik-Groß: Ha, dass stimmt! Wahrscheinlich wegen subversiver Literatur oder einem ähnlichen Verbrechen gegen die Mehrheitsgesellschaft. Es war eine tolle Gelegenheit an diesem ganz besonderen Ort zu lesen. Die Plätze waren restlos ausverkauft und ich habe an diesem Abend tolle Kolleg*innen kennengelernt, die mit mir dort gelesen hatten. Einzig die am Boden platzierte Kerze hätte mich beinahe in eine menschliche Fackel verwandelt, aber zum Glück ist ja alles gut gegangen.

Literatopia: Du warst mal Jurymitglied bei einem Kurzgeschichtenwettbewerb – bei welchem? Und nach welchen Kriterien hast Du die Geschichten bewertet?

Mike Krzywik-Groß: Es war ein Nachwuchswettbewerb für das Rollenspiel Das Schwarze Auge. Ich weiß noch genau, wie verblüfft ich war, was für großartige Geschichten auf meinen Schreibtisch geflattert kamen. Zuvor hatten wir uns vier oder fünf Kategorien überlegt, nach denen wir die Erzählungen bewerteten wollten. Ich weiß noch, dass ich dem Autor meiner Favoritengeschichte eine E-Mail geschrieben hatte mit der Bitte unbedingt am Ball zu bleiben und weiterzuschreiben, da ich von der Tonalität und dem Einfallsreichtum der Geschichte begeistert war.

An alle angehenden Autor*innen dort draußen: Macht bei solchen Wettbewerben mit! Nicht unbedingt um sie zu gewinnen, sondern weil es eine tolle Schule ist sich an Zeichenbegrenzungen und Abgabetermine zu gewöhnen. Mit etwas Glück bekommt ihr sogar noch ein Feedback für Eure Texte.

Literatopia: Zum Schluss noch ein kleiner Ausblick in die Zukunft: Wird es weitere Shadowrun-Romane von Dir geben? Oder wirst Du Dich wieder stärker der Fantasy zuwenden?

Mike Krzywik-Groß: The future is unwritten. Ob es mal wieder mit Shadowrun macht wird sich zeigen, bei so etwas fließen ja immer viele unterschiedliche Faktoren ein. Ich würde mich sehr freuen, da ich diese Welt aufrichtig liebe.

Gerade habe ich ein paar journalistische Artikel für das Magazin Geek! abgeschlossen, sowie eine Novelle zu der oben bereits erwähnten Reihe Sorrowville – eine wüste Mischung aus John Sinclair und Cthulhu. Der Arbeitstitel war „Horrorstreik im Albtraumhafen“, mal schauen ob der Verlag den so durchwinkt ;-)

Im kommenden Jahr wird es aber auch wieder einen Roman von mir geben. Diesmal ist es das Rollenspiel Splittermond, zu dem ich schon einige Texte beigesteuert habe und welches ich regelmäßig spiele, dass ich unsicher machen durfte. Der Roman trägt den phantastischen Titel „Trümmerland“ und es macht mir gerade gewaltigen Spaß ihn zu schreiben.

Literatopia: Herzlichen Dank für das Interview!

Mike Krzywik-Groß: Vielen, lieben Dank für die tollen Fragen und das Interesse.

 

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Autorenfoto: Copyright by Mike Krzywik-Groß

Autoren-Website: www.krzywikgross.de


Dieses Interview wurde von Judith Madera für Literatopia geführt. Alle Rechte vorbehalten.

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