This Is What Happened (Mick Herron)

herron this is what happened

Soho Press, 2018
Paperback, 304 Seiten
ISBN 978-1-61695-861-9

Genre: Thriller


Rezension

Die 26-jährige Maggie Barnes ist vor einigen Monaten nach London gezogen, um von einer schlechten Beziehung wegzukommen und ihren Horizont zu erweitern. Doch stattdessen ist der geschrumpft auf ein kleines Zimmer mit monatlicher Kündigungsfrist in einem nicht angesagten Stadtteil und einen öden Job in der Poststelle von Quilp House, einem Büroturm im Zentrum. Maggie ist einsam, hat keine Freunde und keine Familie, abgesehen von ihrer älteren Schwester. Miranda ist klug, hat einen Universitätsabschluss, einen guten Job in London, eine Wohnung, ein Auto, einen Freund. Doch seit einem Streit auf der Beerdigung der Eltern haben sie keinen Kontakt mehr.

Niemand würde Maggie vermissen. Einzige Highlights in ihrem neuen Leben sind die täglichen Besuche im Café und ihr Twitter Account. Eines Tages wird sie von dem Mittvierziger Harvey Wells angesprochen. Er kennt ihren Namen und ihren Arbeitsplatz, denn er ist vom MI 5. Und er weiß, dass Quilp House in Wahrheit eine Basis der chinesischen Regierung ist, die die Übernahme Großbritanniens plant. Maggie würde gerne Teil einer bedeutenden Sache werden. Fortan liefert sie ihm täglich Berichte. Nach einigen Monaten schickt er sie auf eine Mission, die sie das Leben kosten oder zur Heldin machen könnte. Sie soll Spionagesoftware auf das Computernetzwerk in Quilp House laden.

Damit, wie Maggie sich nach Feierabend heimlich in ein fremdes Büro schleicht, beginnt der Roman. Erst allmählich wird den Leser*innen klar, wer Maggie ist und was hinter ihrer Mission steckt. Diese gerät außer Kontrolle, als Maggie überrascht wird und schnell handeln muss. Mick Herron, 1963 in Newcastle upon Tyne geboren, studierte Englische Literatur in Oxford, wo er auch lebt. Bekannt wurde er vor allem durch seine mittlerweile sechs Slough House-Romane, mehrfach ausgezeichnete und preisgekrönte Spionagethriller um eine abgehalfterte britische Agententruppe und deren Chef, das alte Schlachtross Jackson Lamb.

Auch This Is What Happened ist vordergründig zunächst ein Spionagethriller, doch nach Maggies Mission erfolgt ein Zeitsprung mit einer unerwarteten Wendung hin zu einer ganz anderen Geschichte, einem Psychothriller. In den Leser*innen keimt schon früh der Verdacht auf, dass Harvey ein Geheimnis hat und Maggie nicht alles verrät. Harvey verfolgt eine eigene Agenda, doch aufgrund seiner Inkompetenz geraten beide in eine Falle.

Wie in den Spionageromanen handelt auch This Is What Happened von Menschen und Dingen, die anders sind als sie scheinen. Es geht um falsche Identitäten, gefährliche Doppelspiele, Lügen, Täuschungen und nicht zuletzt um Selbsttäuschung. An diesen Stellen kommt dann auch Herrons spezieller schwarzer Humor zum Tragen – wenn Menschen sich in ihrer Selbstüberschätzung oder ihrem vermeintlichen Opferstatus lächerlich machen, weil sie ein Bild von sich haben, das inkongruent mit der Realität ist. Oder wenn sie Situationen fehlinterpretieren, weil ihnen eine realistische Wahrnehmung für andere Personen oder Situationen fehlt. Das kann komisch sein, das kann böse enden. Meistens beides.

Herron erzählt nicht nur die Geschichte aus unterschiedlichen Perspektiven, sondern auch einzelne Ereignisse. So erfährt man beispielsweise Maggies erste Begegnung mit Harvey zuerst aus ihrer Sicht, später dann wird die Episode aus Harveys Sicht erzählt. Beide Narrative unterscheiden sich wesentlich. Worauf ja auch der Titel hindeutet: This Is What Happened. Das ist es, was geschehen ist. Doch was ist wirklich passiert? Das wird erst ganz allmählich klar.

Der Roman beschränkt sich auf wenige Handlungsorte und wenige Figuren. Im Zentrum stehen dabei die naive Maggie, der geheimnisvolle, charismatische Harvey und die intelligente, weltgewandte Meredith. Die begegnet auf der Suche nach ihrer Schwester einem klassischen Misogyn und Stalker, der sich für die Zurückweisung durch eine Frau rächen will. Natürlich hält er sich nicht für einen Stalker, und natürlich ist die Frau an allem Schuld, vor allem daran, dass er seine letzte Anstellung verloren hat. Sein unheimliches Verhalten betrachtet er nach Merediths Einschätzung als persönlichen Charme. Welche Bedeutung dieser Mann mit der schmuddeligen Kleidung hat, der sich aufspielt, weil er gebildet ist, aber im realen Leben nichts erreicht hat und dennoch an eine Karriere glaubt, zeigt sich im Verlauf der Geschichte.

Geschickt platziert Herron linguistische und andere Hinweise, mit denen die Leser*innen das Spiel schon vorher durchschauen können. Vor dem Hintergrund insularer Paranoia, die die Brexit-Kampagne befeuerte, sozialer Medien mit ihrem Info-Strom globaler Desaster und Katastrophen, der Vereinzelung und zunehmenden Verunsicherung des Individuums, entfaltet Mick Herron ökonomisch knapp eine aufrichtige Geschichte über eine bedauernswerte naive und eine wehrhafte weltgewandte Frau, über Loser, Misogyne, einen Angeber und Fantasten, der sich immer weiter in seine Lügen verstrickt. Die ein, zwei Stellen, die weniger glaubwürdig sind, fallen vielleicht gar nicht auf oder zumindest nicht ins Gewicht.


Fazit

Mick Herron erzählt in This Is What Happened eine spannende, realitätsnahe Geschichte, die als Spionagethriller startet und sich zu einem klaustrophobischen Psychothriller verkapselt, mit kleinem Figurenensemble, wenigen Themen und London als einzigem Handlungsort und Sinnbild einer modernen Schreckensmetropole.


Pro und Kontra

+ kammerspielartige genaue Darstellung einer unheilvollen Beziehung
+ intelligent, inspiriert, mit Substanz
+ komplex gezeichnete Figuren
+ intensive düstere Atmosphäre

o ein, zwei Dehnungen in der Glaubwürdigkeit
o ein, zwei Klischees

Wertung:sterne4

Handlung: 4/5
Charaktere: 4/5
Lesespaß: 4/5
Preis/Leistung: 3/5

Tags: Mick Herron, Spionagethriller, Großbritannien, psychologischer Thriller

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