Die Türme von Eden (Alessandra Reß)

Lindwurm Verlag (Oktober 2020)
Paperback, 500 Seiten, 18,00 EUR
ISBN: 978-3948695194

Genre: Space Fantasy


Klappentext

Du musst vor nichts mehr Angst haben. Angst braucht nur zu haben, wer allein in der Masse ist. Aber du bist nicht allein und es gibt keine Masse mehr. Nur mehr viele, irgendwann alle und vielleicht einen. Du bist jetzt ein Teil von Eden.

Vierzehn Jahre nach der Flucht von seinem zerstörten Heimatplaneten nimmt der Spion Dante einen ungewöhnlichen Auftrag an: Er soll herausfinden, was hinter den Versprechungen der Liminalen steht. Immer wieder bringen deren Mitglieder Sterbende auf ihren Planeten Eden. Denn dort, so heißt es, soll den Menschen ein neues Leben als „Engel“ ermöglicht werden.

Um seine Aufgabe zu erfüllen, schließt sich Dante den Liminalen als Novize an. Doch sein Auftrag stellt sich bald als schwieriger heraus als gedacht: Um die Rätsel von Eden zu lösen, muss Dante in eine Welt eintauchen, in der Traum und Realität verschwimmen – und sich einer Vergangenheit stellen, die ihn stärker mit den übrigen Novizen verbindet, als er sich eingestehen will …


Rezension

Einst führten die Schweigenden, eine außerirdische Spezies, die Menschen ins Sternensystem Aditi, wo sich auf mehreren Planeten ganz unterschiedliche Kulturen entwickelt haben. In der Zeit, in der der Roman spielt, sind die Schweigenden längst zu einem Mythos geworden. An ihre Stelle ist ein Glaube getreten, der viel realer ist: Menschen, die altruistisch handeln und bei der Rettung eines anderen sterben, wird die Gnade gewährt, ein Engel zu werden. Die Organisation der Liminalen sucht nach solchen „Neophyten“, die ein Serum erhalten und nach Eden gebracht werden, wo ihnen neues Leben geschenkt wird. Die Suchenden vom Mond Cyberia zweifeln daran, dass es Eden wirklich gibt, und schleusen Dante als Spion bei den Liminalen ein. Er soll herausfinden, was mit den Neophyten wirklich passiert, ob sie tatsächlich zu Engeln werden oder ob alles nur eine riesige Lüge ist …

Wer die Kurzgeschichte „Neophyt auf Eden“ von Alessandra Reß bereits kennt (erschienen in der Anthologie „Galaktisches Seemannsgarn“ bzw. auf TOR online), weiß, dass es die Engel zwar gibt, aber dass irgendetwas mit ihnen nicht stimmt. Dieses unheilvolle Gefühl stellt sich auch ohne dieses Vorwissen in den ersten Kapiteln des Romans ein, denn die Liminalen haben den Menschen zwar einen Engel gezeigt, doch wie Dante und die Suchenden zweifelt man an seiner Echtheit bzw. daran, dass es sich bei diesen sogenannten Engeln tatsächlich um die eigentlich Verstorbenen handelt. Die Handlung konzentriert sich auf die Aufklärung dieses Rätsels, wobei sich bald schon neue Rätsel ergeben. Dabei bleibt wenig Raum für die Aufarbeitung von Dantes Vergangenheit, dessen Heimatplanet vierzehn Jahre zuvor zerstört wurde. In Erinnerungen und Illusionen wird auf den Ruinenplaneten Bezug genommen, doch man erfährt recht wenig über seine einstigen Bewohner und ihre Kultur.

Dante hat sich ein neues Leben auf dem Mond Cyberia aufgebaut und die Vergangenheit verdrängt, doch als Novize bei den Liminalen muss er wieder von vorne anfangen. So sehr er sich bemüht, sich einzufügen, Dante fällt immer wieder auf und erregt Misstrauen. Insbesondere die Skrupellosigkeit der Liminalen, die ihre Gegner gnadenlos vernichten, erschwert es ihm, seine Tarnung aufrecht zu erhalten. Auch Bibliothekarin Keri tut sich schwer damit, das Kämpfen zu lernen und Andersdenkende töten zu müssen. Sie zweifelt ebenfalls an den Engeln und hat sich den Liminalen nur angeschlossen, um mehr über das Schicksal ihres Bruders herauszufinden. Ihr blieb kein anderer Weg, da sie in ihrer Kultur zu einer Ausgestoßenen wurde. Keri ist ein leise und zurückhaltende Person, die in der ersten Romanhälfte ängstlich und blass wirkt, in der zweiten jedoch zunehmend mutiger und facettenreicher wird.

Dantes Stiefschwester Misaki ist die dritte Protagonistin und bringt die Perspektive der Suchenden ein. Auf Cyberia setzen die Menschen stark auf die Wissenschaft, entsprechend ist der Mond technologisch fortschrittlich und steht dem Engelsglauben kritisch gegenüber. Insbesondere dass der Planet Eden sich nicht finden lässt, lässt die Suchenden an seiner Existenz zweifeln. Misaki beschäftigt sich vor allem mit der Auswertung von Daten, doch nachdem Dante sich monatelang nicht meldet, möchte sie an Missionen teilzunehmen. Ihre Unerfahrenheit bringt ihre Mitstreiter in Gefahr, doch ihren starken Wunsch, aktiv zu helfen, kann man gut nachvollziehen. Trotzdem kann man über manche ihrer Aktionen nur den Kopf schütteln.

Die Idee der Engel in einem Space-Fantasy-Setting ist ungemein spannend, ebenso wie die unterschiedlichen Kulturen in Aditi. Allerdings erfährt man über diese nur sehr wenig durch Erzählungen verschiedener Nebencharaktere, die die Vielfalt des Sternensystems abbilden. „Die Türme von Eden“ konzentriert sich dem Titel entsprechend auf Eden, doch das, was man über die anderen Planeten erfährt, macht so neugierig, dass man gerne mehr über sie gelesen hätte. Bei den Liminalen erhalten Dante und Keri eine Ausbildung, die an Szenarien aus Jugenddystopien erinnert: Sie lernen kämpfen, auf alle erdenklichen Arten. Dieser Teil der Handlung erscheint einfallslos und man wundert sich sehr, dass Dante nicht sofort auffliegt, so ungeschickt wie er sich als Spion anstellt. Auch die Suchenden bringen nicht die Professionalität auf, die man von solch einer Organisation erwarten würde, und sind den Liminalen kaum gewachsen.

Es gibt einige interessante Nebencharaktere im Roman, von denen die wenigsten gut ausgearbeitet sind. Zu viele erfüllen nur ihren Zweck, mit Ausnahme des Kriegers Conlai, der für Dante und Keri ein echter Freund wird. In der zweiten Romanhälfte klären sich manche Schwächen aus der ersten auf und die Handlung wird zunehmend surrealer und stellt die Erwartungen auf den Kopf. Besonders gelungen dabei ist, dass die Protagonist*innen ihre Grenzen überschreiten und sich gegenseitig unterstützen. Auch enthält der Roman einige interessante Gedanken zu Religion und Ethik. Die Charaktere werden gezwungen, ihre Vorurteile abzulegen, sich mit dem Glauben anderer auseinanderzusetzen und über ihre eigene Motivation nachzudenken. „Die Türme von Eden“ lässt sich gut als Einzelroman lesen, trotzdem hat man das Gefühl, dass es mindestens ein oder zwei Romane geben müsste, die davor spielen, um die Vielseitig Aditis wirklich erfassen zu können.


Fazit

Das Worldbuilding von „Die Türme von Eden“ wartet mit viel Liebe zum Detail auf, sodass innerhalb eines Romans ein komplexes Sternensystem mit verschiedensten Kulturen entsteht. Alessandra Reß konzentriert sich jedoch auf den Planeten Eden und den Engelsmythos, hinter dem eine erschreckende Wahrheit steckt. Die Aufklärung dieses Rätsels gestaltet sich anfangs zu schleppend und spannungsarm, bietet in der zweiten Romanhälfte jedoch Überraschungen sowie zunehmend mutiger agierende Protagonist*innen und spannende Gedanken zu Religion, Glaube und Ethik.


Pro und Contra

+ komplexes, spannendes Worldbuilding
+ drei ganz unterschiedliche Protagonist*innen
+ unheilvolles Gefühl in Bezug auf die Engel
+ Überraschungen in der zweiten Romanhälfte
+ die Technologie der Schweigenden wirkt wie Magie
+ interessante Gedanken zu Religion und Ethik
+ stimmungsvolles, cooles Cover

o man hätte gerne mehr über die verschiedenen Planeten, ihre Kulturen und vor allem über die Schweigenden erfahren

- Handlung anfangs mit zu viele Schwächen
- Nebencharaktere erfüllen zu oft nur ihren Zweck
- die Liminalen erscheinen wie eine gleichförmige Armee

Wertungsterne3.5

Handlung: 3/5
Charaktere: 3/5
Lesespaß: 4/5
Preis/Leistung: 3/5


Zur Kurzgeschichte "Neophyt auf Eden" (kostenlos auf TOR-online lesbar)

Interview mit Alessandra Reß (2020)

Interview mit Alessandra Reß (2014)

Rezension zu "Vor meiner Ewigkeit"

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