Der letzte Prinz (Steven Price)

Price Der letzte Prinz

Diogenes, 2020
Originaltitel: Lampedusa (2019)
Übersetzung von Malte Krutzsch
Leinen, 366 Seiten
€ 22,00 [D] | € 22,70 [A] | CHF 33,90
ISBN 978-3-257-07142-6

Genre: Historischer Roman


Rezension

Der Fürst Giuseppe Tomasi di Lampedusa erfährt von seinem Hausarzt, dass er ein Lungenemphysem hat und zu Rauchen aufhören muss. Seiner Frau, der Psychoanalytikerin Licy, erzählt er nichts davon. Das Wissen um seinen baldigen Tod veranlasst ihn, einen Roman über sein Leben, das Sizilien des Risorgimento und die Vereinigung Italiens zu schreiben. Der Roman mit dem Titel Il Gattopardo (Der Leopard) wurde bei Mondadori und Einaudi eingereicht und beide Male abgelehnt. Seine Veröffentlichung erfolgte nach Lampedusas Tod. Er erschien 1958, wurde in mehrere Sprachen übersetzt und war der erfolgreichste italienische Roman des 20. Jahrhunderts. Dazu beigetragen hat sicher die Verfilmung durch Luchino Visconti.

Lampedusas Roman ist elegisch, ein wenig ironisch, und er widmet sich intensiv der Trauer über eine vergangene Zeit. Anders als im Film gibt es im Roman auch Momente, in denen ein Blick in die Zukunft gewagt wird, wodurch die Fragilität menschlicher Existenz eine weitere Facette bekommt. Lampedusa war ein sizilianischer Aristokrat, ein nachdenklicher Konservativer, der dem Fortschritt skeptisch gegenüberstand. Steven Price fiktionalisiert in Der letzte Prinz, wie Giuseppe Tomasi di Lampedusa dazu kam, Der Leopard zu schreiben, das Sterben des Protagonisten, der die Veröffentlichung seines Romans nicht mehr erlebt.

Das Projekt bestimmt Lampedusas Alltag, Nebenhandlungen beschreiben auf das Thema ausgerichtete Inhalte, wie einen Besuch in Lampedusas Herzogtum, bei seinen Cousins und die Teilnahme an einem Schriftstellerkongress. Etwa zwei Jahre aus Lampedusas Leben, die Zeit von 1955, als sein Emphysem diagnostiziert wird, bis zu seinem Tod 1957 behandelt Price. Hinzu kommen ein Rückblick in den März 1911 und ein Ausblick in den August 2003.

Der Fürst scheint nach einer ereignisreichen Vergangenheit kaum mehr am Leben zu sein, erdrückt von der Geschichte und seinen Erinnerungen, schließlich noch der Diagnose, die auf sein Ende hindeutet. In seiner Familie gab es frühen Tod, Suizid und Mord. Der Palazzo der Familie, ein Symbol für die Dauerhaftigkeit, wurde im Krieg zerstört. Der Fürst sieht sich als Relikt einer Zeit, die nicht mehr existiert, wie er es einmal seinem Cousin erklärt. Die Entwicklungslinien des Romans laufen auf den Fluchtpunkt Literatur zu. Lampedusa beginnt als Leser, bietet jungen Menschen kostenlose Literaturkurse an, schreibt Gedichte, erfolglos, und beginnt seinen Roman.

Während der Protagonist in Der Leopard seinen Niedergang nicht versteht, ihn vielleicht auch nicht zur Kenntnis nimmt oder gar leugnet, erlebt Prices Protagonist ihn quälend mit und stemmt sich durch die und in der Arbeit am Roman gegen die Vergänglichkeit. Der letzte Prinz steht nicht nur für sich, sondern schafft auch einen Kontext für Der Leopard. Die Erzählung gleitet wie auf einer ruhigen Woge dahin.

Lampedusas majestätischer Leopard durchschreitet die Welt in Veränderung, während Prices Lampedusa ein ruhiger Mann des Wortes ist, der sich in Erinnerungen und in Bücher versunken wohler zu fühlen scheint als in der physischen Welt. Schon deshalb sollte man nicht die biographischen Elemente bei Price zum Anlass nehmen, den Protagonisten mit Lampedusa oder dem Leoparden zu verwechseln. Seine Frau Licy nennt ihn bei Price Leopard, just in einer Szene, die auf eine sexuelle Begegnung hinauslaufen könnte.

Empathisch schreibt Price über nicht nur die inneren Vorgänge Lampedusas, das bewusste langsame Sterben durch ein Lungenemphysem, dass sich zum Krebs auswächst, das Gefühl des Scheiterns sowohl beim Kampf mit dem Buch wie auch den beiden Ablehnungen des Manuskripts durch Verlage. Auch die Biographie Lampedusas, sein Verhältnis zur sizilianischen Geschichte, zu seiner Frau und Personen aus seinem näheren Umfeld sind von vergleichbarer Wärme. Seine Frau sagt einmal zu ihm, er sei so traurig, weil er Hoffnung habe. Der junge Lampedusa wird als Melancholiker beschrieben, für den Bücher eine Art Schutzraum erzeugen. Er wird von Verwandten als Monster bezeichnet, aufgrund seines monströsen Lesehungers.

Der letzte Prinz verbindet eine Erzählung aus dem Leben eines sizilianischen Aristokraten mit Gedanken über das Schreiben selbst. Price, ein kanadischer Dichter, bezieht sich auf Lampedusas Der Leopard und dessen gleichnamige Verfilmung durch Luchino Visconti sowie Gespräche mit Verwandten, die er während eines Aufenthaltes auf Sizilien führte. Der letzte Prinz und die darin fiktionalisierte Arbeit an Der Leopard entfalten sich parallel. Beide sind eine Chronik des Niedergangs eines Aristokraten während gesellschaftlicher Verwerfungen.

Bei einem biografischen Roman stellt man sich vielleicht die Frage, was daran der Wahrheit entspricht, überprüfbares Faktenwissen ist, heute vielleicht mehr als zu einer früheren Zeit. Dies mag man bei Interesse selbst ergründen. Price erzählt von einer Zeit und von wenigen Menschen in einer Weise, die uns die Figuren anders näherbringt, als dies ein biografisches Sachbuch leisten könnte.

Sehr schön sind die Beschreibungen sizilianischer Landschaften, der Beziehungen zwischen Menschen, häufig mehr als persönliche Wahrnehmung wiedergegeben, von Dingen, die das Vergehen von Zeit konkretisieren und die Transformation von Zeit in Erinnerungen veranschaulichen, schließlich Lampedusas Reflektionen. Beeindruckend ist auch das Ineinanderwirken von Erinnerungen an die Vergangenheit, Gegenwartsbeobachtungen und Charaktergestaltungen.


Fazit

Steven Price hat mit Der letzte Prinz keine Biografie Lampedusas geschrieben, sondern er bedient sich aus dessen Biografie für eine Fiktion, die er mit Reflektionen über den schriftstellerischen Prozess, besonders die immer gegebene Möglichkeit zu Scheitern, verbindet.


Pro und Kontra

+ reichhaltige biografische Fiktion
+ Besessenheit mit der Vergangenheit und deren Wirkung auf das Leben
+ Porträt eines Zeitalters
+ stilistisch herausragend

Wertung:sterne5

Handlung: 5/5
Charaktere: 5/5
Lesespaß: 5/5
Preis/Leistung: 5/5

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