Neon Leviathan (T.R. Napper)

Grimdark Magazine (2019)
Paperback
344 Seiten, 15,43 EUR
ISBN: 9780648663584

Genre: Science Fiction, Cyberpunk


Klappentext

A collection of stories about the outsiders – the criminals, the soldiers, the addicts, the mathematicians, the gamblers and the cage fighters, the refugees and the rebels.
From the battlefield to alternate realities to the mean streets of the dark city, we walk in the shoes of those who struggle to survive in a neon-saturated, tech-noir future.

Twelve hard-edged stories from the dark, often violent, sometimes strange heart of cyberpunk. This collection – as with all the best science fiction – is an exploration of who we ware now. In the tradition of Dashiell Hammett, Philip K. Dick, and David Mitchell, “Neon Leviathan” is a remarkable debut collection from a breakout new author.


Rezension

Cyberpunkmotive und -ästhetik kehren gerade mit Schwung in den Mainstream zurück. In „Neon Leviathan“ begegnen uns viele davon. Wir lernen Figuren kennen, die nicht länger sicher sind, ob sie in der Realität oder in VR unterwegs sind, sind dabei, wenn spektakuläre Hacks geplant werden, oder folgen einem Attentäter mit High-Tech-Ausrüstung durch die Straßen einer Stadt voller Dreck und Neon. Allerdings zoomt Napper sehr nah an seine Figuren heran, und aus nächster Nähe betrachtet enthüllen diese vertrauten Elemente neue Facetten.

Die Geschichten sind größtenteils in Australien und Vietnam angesiedelt und nur durch jeweils 50 bis 100 Jahre von der Gegenwart getrennt. In der Zwischenzeit wurden neue Technologien entwickelt und Vietnam ist wieder zum Schauplatz eines Krieges zwischen diversen Großmächten geworden, aber die Probleme, mit denen sich die Menschen herumschlagen – soziale Ungleichheit, Rassismus, Gentrifizierung, Vertreibung, Sucht, psychische Krankheiten, Traumata –, sind die gleichen wie in der Gegenwart. Es ist ein Science-Fiction-Szenario, das zwar auch aus einer literarischen Tradition, aber noch viel mehr aus der Beobachtung der Realität zu erwachsen scheint.

Die Geschichten teilen sich ein fiktives Universum und immer wieder blitzen Querverbindungen zwischen ihnen auf. Ebenso werden sie durch wiederkehrende Motive miteinander verbunden – immer wieder werden z.B. die Fragilität der Realitätswahrnehmung und der menschlichen Erinnerung thematisiert. Letztere ist übrigens zu einer begehrten Ware und zum Spielball politischer Interessen geworden, und wir begegnen Menschen, die sich verzweifelt dagegen wehren. Nappers Geschichten sind bedrückend und zeigen oft Figuren in ausweglosen Situationen, aber wecken eher Mitgefühl und Wut als Resignation – oder lassen uns zusammen mit den Protagonist*innen darüber grübeln, was real ist.

Eine echte Bereicherung ist die Vielfalt der Figuren. Uns begegnen Figuren mit verschiedenen ethnischen und kulturellen Hintergründen, neurodiverse Figuren, Figuren mit verschiedenen sexuellen Orientierungen, die alle in spannend innere und äußere Konflikte verwickelt sind. Immer wieder fließt das Wissen des Autors über südost- und ostasiatische Kultur und Literatur ein.

Wie immer in Anthologien gibt es Geschichten, die mich weniger angesprochen haben. Aber auch einige, die ich beeindruckend fand. „Flame Trees“ ist z.B. ein gelungener Auftakt für die Anthologie und erzählt von einem jungen Mann, der sich an Erinnerungen voller Schuld klammert. „Twelve Minutes to Vinh Quang“ ist eine Geschichte, die gekonnt eine Zeitbombe platziert, deren Explosion man beim Lesen atemlos erwartet. „The Weight of the World, the Weight of Air“ ist eine Geschichte über das Leben und Überleben in einer in mancher Hinsicht erschreckend vertrauten Dystopie, in der (Selbst)Zensur an der Tagesordnung ist und jede echte Diskussion, die Dinge verändern könnte, zwangsweise im Sand verläuft.

Aber die Geschichten funktionieren vor allem auch als Puzzlestücke eines Ganzen, einige von ihnen eng miteinander verbunden, andere eher losgelöst. Verbunden werden sie auch durch den Schreibstil, der die Atmosphäre der Welt und die Emotionen der Figuren zum Leben erweckt. Obwohl die Figuren, ihre Denkweise und Stimmen sich stark unterscheiden – mal sind die Geschichten in der ersten und mal in der dritten Person geschrieben –, fühlt sich das Buch wie eine Einheit an.


Fazit

R.T. Napper entwirft in seiner Kurzgeschichtensammlung „Neon Leviathan“ eine Zukunft mit all den hinlänglich vertrauten Cyberpunkmotiven, aber erzählt mit einem starken Fokus auf seinen Figuren und deren Innenleben, originellen Details und einem wachen, gesellschaftskritischen Blick und einem Schreibstil, der einen echten Sog entwickelt. Es sind Geschichten, die das Publikum intensiv mit den Figuren mitfühlen lassen und den Blick zurück auf die Gegenwart lenken.


Pro und Contra

+ vielfältige, plastische Figuren
+ Gesellschaftskritik
+ vertraute Motive aus einer neuen Perspektive
+ dichte Atmosphäre
+ mitreißend erzählt

o viele tragische Geschichten, Thematisierung von Gewalt, Sucht, psychischer Krankheit, Trauma, Hoffnungslosigkeit

Wertung

Handlung: 4,5/5
Figuren: 4,5/5
Lesespaß: 5/5
Preis-Leistung: 3/5

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