Endstation U-Bahnhof Kottbusser Tor (Alper Soytürk)

Books on Demand (2018)
Taschenbuch
416 Seiten, 12,99 EUR
ISBN: 978-3-748181460

Genre: Zeitgenössische Literatur


Klappentext

Von der Schwierigkeit, in Kreuzberg ein guter Türke zu sein …

Ferhats Familie lebt im Osten der Türkei. Sein Vater schickt ihn nach Berlin. Er soll das Abitur machen, um Medizin studieren zu können. Doch Ferhat hat in Kreuzberg mehr Probleme als gute Tage. Die Freunde nerven, an seiner Schule ereignen sich Selbstmorde mit Jugendlichen mit Migrationshintergrund, zwei Nebenjobs sind zwei zu viel, auch mit den Mädchen scheint es nicht zu klappen. Und dann passiert das Unglück mit Cemal – Ferhats bestem Freund …

Ein Episodenroman über den Umgang türkeistämmiger Jugendlicher mit Geld und Karriere, Familie und Heimat, Freundschaft und Liebe sowie über die Suche nach Identität.


Rezension

In „Endstation U-Bahnhof Kottbusser Tor“ lernen wir mehrere junge Menschen kennen, die aus verschiedenen Gegenden, verschiedenen ethnischen und kulturellen Gruppen in der Türkei stammen. Einige von ihnen sind gerade erst nach Deutschland gekommen, andere sind dort geboren. Alle wohnen sie in Berlin Kreuzberg. Einer von ihnen, der Protagonist des Romans, ist Ferhat.

Er ist erst vor relativ kurzer Zeit nach Berlin gekommen und auch wenn er auf den ersten Blick auf Erfolgskurs ist – er liest zum Spaß Klassiker, möchte Medizin studieren und schafft es, irgendwie eine Menge Arbeit zu bewältigen – ist er unglücklich. Er ist einsam und überfordert, vermisst seinen ländlichen Heimatort und steht sowohl der Kultur seiner Community als auch der Deutschen ambivalent gegenüber. Auf der einen Seite kritisiert er seine Freunde dafür, dass sie noch nicht genug deutsch sprechen und sieht, wie der Druck von Familien, angemessene Ehen zu schließen, Beziehungen und Menschen zerbrechen lässt. Auf der anderen Seite ist er aber auch z.B. schnell dabei, junge Frauen für „unangemessenes“ Verhalten zu verurteilen. Immer wieder fällt ihm auf, wie verschieden die Kultur seiner in Deutschland aufgewachsenen Freunde mit türkischer Migrationsgeschichte und seine eigene sind. Ferhat verbringt das Buch damit, mehr oder weniger das Richtige zu tun, aber immer in einem emotional verletzlichen Zustand, der ihn dazu verleitet, Hoffnungen auf andere Menschen zu projizieren und am Boden zerstört zu sein, wenn sich die Realität als anders herausstellt.

„Entstation …“ begleitet Ferhat durch seinen Alltag – zu den Hochzeiten, auf denen er kellnert, zu seinem Charlottenburger Gymnasium, wo eine kleine Gedenkstelle an die Suizide zweier Mitschülerinnen erinnert, zu Freunden und Bekanntschaften, in deren Gedanken die Erzählperspektive uns kurz eintauchen lässt, um ihre Geschichten zu erzählen. Soytürk zeichnet das Bild eines trostlosen Berlins, in dem verlorene Menschen an unglücklicher Liebe und zerrütteten Familien und dem Zwiespalt aus ihren Wünschen und den Erwartungen ihres Umfelds leiden.

Aufgelockert wird die Geschichte immer wieder durch den mehr oder weniger freundlichen Hickhack zwischen Ferhat und seinem Freund und schließlich Mitbewohner Cemal. Zwei große Wendepunkte der Handlung, in deren Zentrum beide Male Cemal steht, bilden eine Klammer um den ansonsten eher episodischen Roman und verleihen ihm eine gewisse Geschlossenheit.

Immer wieder werden psychische Krankheiten, Suizidalität, unglückliche Beziehungen – jedes Kapitel wird von einem kleinen Zitat eingeleitet, in denen es oft um Liebe geht – und erdrückende Erwartungen thematisiert. Das Figurenensemble des Romans ist sehr divers – uns begegnen Männer und Frauen mit verschiedenen ethnischen Hintergründen und verschiedenen politischen Überzeugungen, die auch verschiedenen Generationen entstammen. Teilweise werden diese in den schon erwähnten Kapiteln gezeigt, in denen sich die Erzählperspektive ändert, teilweise aber auch durch lange Dia- und Monologe.

Insgesamt handelt es sich um ein Buch, das trotz seiner ernsten Themen unterhaltsam ist, aber auch das Anliegen zu haben scheint, ein Gespräch über psychische Belastung in migrantischen Communities, über Rassismus, Gentrifizierung und über die Diversität innerhalb einer Gruppe, die von Deutschen gerne mal als kultureller Monolith wahrgenommen wird, zu beginnen – was ein lobenswertes Ziel ist. Ein Nachwort geht auch noch weiter auf diese Aspekte ein.

Gelegentlich geht das jedoch ein wenig auf Kosten der Immersion, weil sich einige Szenen und Dialoge anfühlen, als erwüchsen sie weniger organisch aus der aktuellen Situation der Figuren als vielmehr dem Bedürfnis, ein bestimmtes Thema anzusprechen. Da die Themen wichtig und die Informationen interessant sind, schränkt das das Leseerlebnis jedoch nicht ein. Hier und da habe ich auch konsistentere Figurenstimmen vermisst. Ansonsten handelt es sich um einen leicht zu lesenden Roman über schwere Themen, der auch seinem Schauplatz gerecht wird. So fängt Soytürk z.B. die Erfahrung, in Berlin U-Bahn zu fahren, perfekt ein.


Fazit

Alper Soytürks „Endstation U-Bahnhof Kottbusser Tor“ ist eine Geschichte über mehrere türkeistämmige Menschen, die versuchen, in Berlin ihren Weg zu finden. Der Roman bietet einen ein spannenden, empathischen Einblick in den Alltag junger Menschen, die mit einer Menge Herausforderungen konfrontiert sind.


Pro und Contra

+ flüssig erzählt
+ diverses Figurenensemble
+ Own Voice
+ Humor in Dialogen
+ thematisiert wichtige Probleme

-teilweise etwas unnatürliche Dialoge

Wertung: 

Handlung: 3,5/5
Figuren: 4/5
Lesespaß: 3,5/5
Preis-Leistung: 3,5/5

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