Ghosts of Tomorrow (Michael R. Fletcher)

Michael R. Fletcher (Februar 2017)
Taschenbuch
486 Seiten, 14,25 EUR
ISBN: 978-0995312241

Genre: Cyberpunk


Klappentext

The children are the future. And someone is turning them into highly trained killing machines. Straight out of school, Griffin, a junior Investigations agent for the North American Trade Union, is put on the case: Find and close the illegal crèches. No one expects him to succeed, Griffin least of all. Installed in a combat chassis Abdul, a depressed seventeen year old killed during the Secession Wars in Old Montreal, is assigned as Griffin's Heavy Weapons support. Nadia, a state-sanctioned investigative reporter working the stolen children story, pushes Griffin ever deeper into the nightmare of the black market brain trade. Deep in the La Carpio slums of Costa Rica, the scanned mind of an autistic girl runs the South American Mafia's business interests. But she wants more. She wants freedom. And she has come to see humanity as a threat. She has an answer: Archaeidae. At fourteen, he is the deadliest assassin alive. Two children against the world. The world is going to need some help.


Rezension

In “Ghosts of Tomorrow”, der überarbeiteten und erweiterten Neuausgabe seines 2013 erschienenen Debüt-Romans, entwirft Michael R. Fletcher ein düsteres Zukunftszenario: Menschen werden in einem tödlichen Verfahren gescannt, woraufhin eine digitale Kopie ihres Bewusstseins ein Leben mit zweifelhaftem rechtlichem Status beginnt. Die Nachfrage nach Scans, die Maschinen lenken oder als menschliche Computer funktionieren, ist groß, und entsprechend existiert ein großer Schwarzmarkt, um sie zu befriedigen.

Griffin ist 21 Jahre alt und komplett überfordert, als er seinen ersten Auftrag erhält: Er soll Kinder aus einer illegalen Gehirnfarm retten. Ihn erwartet der erste von vielen blutigen Fehlschlägen. Unterdessen arbeitet das gescannte Mädchen 88 daran, nicht nur ihre Freiheit, sondern die vollkommene Kontrolle über das Internet zu erlangen, während der Scan des Konzernchefs Mark Lokner seine eigenen Ziele verfolgt. Nach und nach verflechten sich ihre Geschichten miteinander und mit der des jugendlichen Attentäters Archaeidae, eines Scans, der einen „combat chassis“ lenkt. Es entspinnt sich eine rasante Geschichte, in der sich Momente, in denen die Aufmerksamkeit von Lesenden und Figuren auf die Tragik der Ereignisse gelenkt werden, und viel schwarzer Humor die Waage halten. Leider nimmt der Klappentext eine wichtige Wendung schon vorweg.

Ein großes Thema des Romans ist das Erwachsenwerden bzw. Figuren, denen es verweigert wird. Denn nahezu alle Figuren sind entweder sehr junge Erwachsene, Menschen, die das Erwachsenwerden verweigert haben, oder wortwörtlich Kinder. Ohne dass es explizit angesprochen wird, geht es im Buch auch darum, was Reife, Männlichkeit und Verantwortung für die Figuren bedeuten. Wir erleben viele Figuren, die gleichzeitig sehr früh erwachsen werden müssen und in ihrer Entwicklung feststecken. Mark Lokner fühlt sich in seiner Weigerung, Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen, weitaus jünger an als z.B. Griffin oder Abdul. Die jugendlichen, zutiefst indoktrinierten Ninja-Roboter, mit denen die Hauptfiguren es zu tun bekommen, finden alles einfach nur sehr aufregend.

Es gelingt Fletcher, eine Geschichte zu erzählen, die unterhaltsam bleibt und Lesende nicht allzu sehr herunterzieht, obwohl die Ereignisse blutig und deprimierend sind und sämtliche Figuren mehr als einmal dramatisch scheitern – dazu tragen u.a. Archaeidaes erschreckend unbeschwerte Perspektive, aber auch der Hickhack zwischen Abdul, Nadia und Griffin bei. Zwischen Nadia und Griffin entspinnt sich eine meiner Meinung nach etwas gehetzt und holprig entwickelte Beziehung. Griffins Persönlichkeit schwankt ein wenig, wobei ich nicht sicher bin, ob das ein Fehler ist oder daran liegt, dass wir einen überforderten jungen Mann beobachten, der sich und anderen etwas vorspielt.

Es ist ein wenig schade, dass Lesende Nadia und auch andere Frauenfiguren meist durch die Augen von Figuren sehen, die etwas zu unreif sind, um über „Wow, attraktive Frau!“ hinwegzusehen, aber es kommt nicht wie ein sexistisches Narrativ, sondern einfach wie die Perspektive der Figuren rüber. Über Abduls Persönlichkeit und sein Ringen mit seinem neuen Leben als Kriegsmaschine wird hingegen konsequent und spannend erzählt, und 88 ist eine interessante, amoralische Figur, die gleichzeitig Mitleid und Sorge weckt (ich bin allerdings unsicher, wie ihre Darstellung als Autismus-Repräsentation zu bewerten ist).

Die Handlung von „Ghosts of Tomorrow” schreitet schnell voran und bleibt durchgehend spannend – auch, weil hier wirklich keine Figur sicher ist. Der Schreibstil liest sich schnell und flüssig. Auch wenn einige Charakterisierungen und Beziehungen ein wenig an der Oberfläche bleiben, folgen auf die vielen dramatischen Kämpfe in der Regel sehr menschliche Schuld, Trauer und Erschöpfung, welche der Geschichte dringend benötigte Bodenhaftung geben. „Ghosts of Tomorrow“ treibt dystopische Tropes und blutige Actionszenen gelegentlich mit einem gewissen Augenzwinkern auf die Spitze und es gibt immer wieder komische Szenen, aber man verliert darüber nicht aus den Augen, was auf dem Spiel steht.


Fazit

“Ghosts of Tomorrow” ist ein blutiger, actionreicher Cyberpunk-Roman mit einer gelungenen Balance von brutaler Action und Humor. Kleine Makel ändern nichts daran, dass er ein sehr unterhaltsames Leseerlebnis mit ungewöhnlichen Figuren bietet.


Pro und Contra

+ Spannung
+ coole Anwendung vertrauter Ideen
+ gute Balance zwischen Tragik und Humor
+ Abduls Ringen mit seinem neuen Leben

- hier und da nicht ganz konsistente Charakterisierungen
- Beziehung zwischen Griffin und Nadia entwickelt sich sehr gehetzt

Wertung:

Handlung: 4/5
Figuren: 3,5/5
Lesespaß: 5/5
Preis-Leistung: 3,5/5


Interview mit Michael R. Fletcher

Kommentar schreiben

Sicherheitscode
Aktualisieren