Kleiner Drache (Norbert Stöbe)

kleiner drache norbert stoebe

p.machinery (November 2020)
AndroSF 121
Paperback, 376 Seiten, 16,90 EUR

ISBN 978 3 95765 220 1

Genre: Near Future / Dystopie / Cyberpunk


Klappentext

China schottet sich hinter der Großen Mauer nach außen hin gegen Klimaflüchtlinge und Arbeitsmigranten, nach innen gegen ausreisewillige Staatsbürger ab. Die achtundzwanzigjährige Wei Xialong, ausersehen, eines Tages die Leitung des Roboterkonzerns Jiqiren zu übernehmen, wähnt sich auf der Seite der Privilegierten. Doch dann nimmt eine Doppelgängerin ihren Platz im Konzern ein und trachtet ihr nach dem Leben.
In Begleitung des Sexbots Litse flieht Xialong und wird nach dem Grenzübertritt als Arbeitssklavin nach Bangladesch verkauft. Sie flüchtet erneut in den Space Market des nahen Raumhafens, wo alles zu haben ist, was für Geld zu kaufen ist: illegale Augmente, Designerdrogen aus den Mondkolonien und Sex. Xialong schwingt sich zur Anführerin eines Aufstands auf. Doch sie hat noch einen anderen Plan: Rache zu nehmen und um ihren Platz im Konzern zu kämpfen.


Rezension

Xialongs Leben in Beijing ist perfekt. Sie wurde bestens dafür vorbereitet, die Leitung des Roboterkonzerns Jiqiren zu übernehmen und ahnt nicht, wie dreckig es den Menschen außerhalb ihrer Wohlstandsblase geht. Ihre schöne heile Welt zerbricht, als ihr die Identität gestohlen wird. Eine Frau, die genauso aussieht wie sie, hat ihren Platz eingenommen. Xialong entgeht nur knapp einem Anschlag auf ihr Leben und einer Verhaftung. Sie sucht Hilfe bei einem Hacker, der ihr die Flucht in den Süden ermöglicht. In Bangladesch erwartet sie die Sklaverei in einer Schiffswerft und der Weg hinaus führt auf den Space Market, wo alle illegalen Träume Verwirklichung finden. Xialong kämpft sich zurück ins Leben, baut sich eine neue Existenz auf – und riskiert diese wieder, um sich an ihrem Klon zu rächen …

Der Klappentext umreist die Handlung von „Kleiner Drache“ fast bis zum Ende, insofern weiß man schon, wohin Xialongs Reise geht, als sie noch ihr ruhiges, durchgeplantes Leben in Beijing führt. Man kann sich gar nicht vorstellen, dass diese junge, unsichere Frau ein eigenes Geschäft leitet, geschweige denn dass sie die Flucht ins Ausland wagt und eine Revolution auf einem Schwarzmarkt anzettelt. Xialongs Entscheidungen sind oft nachvollziehbar, doch genauso oft handelt sie überstürzt oder aus einer Laune heraus. Sie hat gute Ideen und verfolgt ihr Ziel, gleichzeitig sind viele ihrer Handlungen von einer Naivität geprägt, die man bei einem Teenager, nicht aber bei einer Erwachsenen erwartet würde. So gerät sie auch immer wieder in Abhängigkeit und macht teils haarsträubende Fehler. Im Verlauf der Handlung wird sie mutiger und entwickelt sich zu einer abgebrühten, Gefahren gegenüber fast schon gleichgültigen Frau, die andere für ihre Zwecke einspannt. Sie lässt illegale Modifikationen an sich vornehmen und agiert zunehmend skrupelloser, während ihre Psyche nach und nach auseinanderbricht. Bei allem, was ihr widerfährt, eine nachvollziehbare Entwicklung. Trotzdem wirkt Xialong nicht immer glaubwürdig, oft macht sie dumme Fehler und dass ihr das Meiste irgendwie doch gelingt, liegt an schlichtem Glück oder seltsam konstruierten Zufällen.

Während die Protagonistin charakterlich starken Schwankungen unterworfen ist, sind die meisten Nebenfiguren auf die Erfüllung ihres Zwecks reduziert. Norbert Stöbe führt eine Reihe durchaus interessanter Personen ein, entwickelt sie jedoch nicht weiter, sondern verwirft sie nach wenigen Kapiteln wieder. Die einzige Figur, die Xialong den ganzen Roman über begleitet, ist Sexbot Litse, die jedoch nur in die Handlung eingreift, wenn es gerade günstig ist. Xialong lässt sie „entprogrammieren“, sodass Litse frei ist, sich zu einem eigenständigen Lebewesen zu entwickeln. Ein spannender Aspekt, auf den der Autor nur dann eingeht, wenn er für Xialong zum Problem wird. Ansonsten hofft man vergebens auf die Persönlichkeitsentwicklung einer KI. Viele der Nebencharaktere finden ein schmerzhaftes Ende, andere werden einfach auf ein Abstellgleis geschoben und bei manchen weiß man nicht einmal, was sie überhaupt in der Handlung zu suchen hatten.

Da es in „Kleiner Drache“ nahezu niemanden gibt, mit dem man mitfiebern kann, lässt sich das Buch leicht aus der Hand legen. Da hilft es auch wenig, dass das Setting in China und Südasien durchaus gut ausgearbeitet ist. In der nahen Zukunft hat sich das Reich der Mitte mit Hilfe einer Großen Mauer abgeschottet, Flüchtlinge sollen draußen bleiben, das eigene Volk drinnen. Wer etwas besitzt und sich systemkonform verhält, lebt ein gutes Leben in hochtechnisierten, sauberen Städten. Wer aus dem System rausfällt, wird dagegen erbarmungslos verfolgt. Außerhalb der Megastädte grassiert die Armut, sodass sich viele Drogen oder den drei Wahrheiten, einer Art Internetreligion, zuwenden. Der Autor zeichnet ein vielschichtiges Bild Chinas und streut die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen beiläufig in die Handlung ein. 

In Bangladesch hingegen herrscht Chaos und das Recht des Stärkeren, von einer Regierung oder einem funktionierenden Staat bekommt man nichts mit. Flüchtlinge stranden in der Sklaverei und auf dem Space Market blüht die Kriminalität. Ab hier wird aus „Kleiner Drache“ dann auch kurzzeitig richtiger Cyberpunk und Norbert Stöbe wartet mit coolen Gimmicks wie den Augmenten auf, genetischen Veränderungen, die Menschen zum Beispiel Drachenschuppen am Rücken wachsen lassen, oder implantierten Minibrains. Der Space Market ist ein bunter, schriller und abgründiger Ort, der von den Mondkolonien Drogen und biotechnologische Spielereien bezieht. Prostituierte reihen sich neben Chirurgen und zwielichtigen Händlern ein. Über alle herrscht das Schwarze Netz, das den Kriminellen Schutzgeld abpresst. Ausgerechnet Xialong wird zur Führerin einer Rebellion und dank experimenteller Implantate weiß sie selbst nicht, wie ihr dieser Coup gelingt.

So atmosphärisch viele Kapitel von „Kleiner Drache“ geschrieben sind, mit der Darstellung von Sexualität und Missbrauch sorgt der Roman für Frust. Hier gibt es kein aufrichtiges Interesse, kein Begehren, sondern Triebbefriedigung und Machtdemonstration. Sexualität dient nur dazu, andere gefügig zu machen oder ihnen ihren Platz zuzuweisen. Man weiß nicht, ob der Autor damit die Härte seiner Welt demonstrieren oder sexuelle Offenheit darstellen wollte, aber zu lesen, wie Frauen nur als Sexobjekte wahrgenommen und teilweise missbraucht werden, als wäre etwas ganz Normales, ist ekelerregend. Es scheint zudem nur weibliche Sexbots zu geben, mit denen die Männer dann das machen, was sie keiner Frau antun würden (zu freundlich). Und wenn Frau in dieser Welt etwas erreichen will, dann bezahlt sie mit Sex für Gefallen und Schutz. Die wenigen weiblichen Figuren in diesem Roman sind meist schwach und haben sexuell verfügbar zu sein, während alle Machtpositionen männlich besetzt sind. So hart und schmutzig Cyberpunk als Genre ist, so sexistisch war er selten.


Fazit

„Kleiner Drache“ bietet ein spannendes Setting in China und Südasien sowie coole Cyberpunkelemente und interessante Figuren – die Norbert Stöbe meist schnell wieder verwirft, während seine Protagonistin Xialong zwischen Unsicherheit, Naivität und Skrupellosigkeit schwankt. Krude Sexszenen und zu viele konstruierte Zufälle trüben den Lesespaß zusätzlich.


Pro und Contra

+ asiatisches Setting mit einem isolationistischen China
+ spannende Grundidee mit Identitätsdiebstahl
+ Xialong wird im Verlauf der Handlung mutiger und härter
+ der schrille, abgründige Space Market
+ beiläufig eingestreute gesellschaftliche und politische Entwicklungen
+ teils sehr atmosphärisch

- Xialongs Charakter ist extrem unbeständig
- Sexbot Liste mischt nur mit, wenn es gerade passt
- zu viele unglaubwürdige Zufälle
- interessante Figuren verschwinden schnell wieder
- zu viele stumpfe Sexszenen
- sexistische Darstellung von Frauen

Wertungsterne3

Handlung: 3/5
Charaktere: 2,5/5
Lesespaß: 3/5
Preis/Leistung: 2,5/5

Tags: Dystopie, Norbert Stöbe, AndroSF

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