Necrosteam (Hrsg. Detlef Klewer)

necrosteam anthologie

p.machinery (Dezember 2020)
Andro SF 132
Taschenbuch, 320 Seiten, 16,90 EUR

ISBN: 978-3957652256

Genre: Mystery / Horror / Steampunk / Cthulhupunk


Klappentext

Die Welt des 19. Jahrhunderts schickt sich an, dank ihrer dampfbetriebenen Luftschiffe und Æthertechnologie, ein neues, glücklicheres Zeitalter einzuleiten. Doch in dieser Ära des Aufbruchs durch Dieselantriebe und des elektrischen Fortschritts geraten Menschen in einen Strudel aus Brutalität, Gewalt und Zerstörung. Dunkle Bruderschaften bilden sich, uralte Siegel werden geöffnet, die alten Götter und mächtige Wesen aus anderen Dimensionen bedrohen die Menschheit. Sie wollen diese Welt zerschlagen, die Erde bersten lassen, das Leben verbrennen.

Ein neues Zeitalter des Schrecken soll beginnen und die alten Götter aus H. P. Lovecrafts Universum treffen auf mutige Abenteurer des Steampunk, die sich ihnen in den Weg stellen … …


Rezension

Mit den Großen Alten, den unbegreiflich grausamen, außerirdischen Wesenheiten, hat sich H. P. Lovecraft ein Denkmal gesetzt. Auch Jahrzehnte nach seinem Tod spinnen Autor*innen auf der ganzen Welt seinen Mythos weiter, der nach Cthulhu, dem schlafenden Gott auf dem Grund des Ozeans, benannt ist. Wer die Geschichten kennt, wird in Necrosteam viele der uralten, finsteren Götter wiedererkennen, doch auch wer den Mythos (noch) nicht kennt, kann die gelungene Verbindung aus Horror und Steampunk genießen (auch wenn man dann nicht alle Anspielungen versteht). Den meisten Autor*innen ist es gelungen, Elemente des Mythos aufzugreifen und neue Geschichten daraus zu spinnen, die sich manchmal auch kritisch mit dem Kolonialismus auseinandersetzen. Lovecrafts Rassismus wird hingegen nicht thematisiert, auch wenn manche Geschichten einen durchaus antirassistischen Ton haben. 

Was Necrosteam auszeichnet, ist die Vielstimmigkeit, die uns ganz unterschiedliche Kurzgeschichten bietet. Obwohl ein beachtlicher Teil in London/England spielt, verteilen sich die Schauplätze über mehrere Kontinente, sodass man in den Genuss verschiedenster, oft sehr atmosphärisch beschriebener Settings kommt. Auch die Figuren glänzen mit Vielfalt und so erleben wir in den Hauptrollen unter anderem Okkultisten, furchtsame Agenten, begnadete Wissenschaftler und Erfinderinnen, Monsterjäger, Luftschiffkapitäninnen, Professoren und Psychiatriepatientinnen – immerhin zwei davon auch People of Color, die sonst in den Nebenrollen eher klischeehaft durch die Perspektive der Kolonialherren dargestellt werden, mit Ausnahme einer eleganten, stolzen Prostituierten.

Wie in jeder Anthologie gefallen manche Geschichten mehr als andere, oft gibt es auch spürbare Qualitätsunterschiede. Hier sind nahezu alle Beiträge handwerklich gut und ein großer Teil davon überzeugt ebenso inhaltlich. Necrosteam enthält auffallend viele gute bis sehr gute Geschichten, die der Leserschaft Schauer über den Rücken jagen. Vielen gelingt es auch, den anfangs subtilen und schließlich durch Mark und Bein dringenden Horror Lovecrafts umzusetzen. Je weniger konkret die Beschreibungen sind, umso mehr Raum bleibt für die Phantasie und grauenhafte Vorstellungen. Dafür geht immer, wenn es zu konkret und blutig wird, Atmosphäre verloren. Im Folgenden werden die einzelnen Beiträge grob umrissen:

Mit der titelgebenden Geschichte „Necrosteam“ von David Grade beginnt die Anthologie mit einem ihrer düsteren Leckerbissen: Agenten des Kaisers suchen im dampfenden, rußschwarzen Ruhrgebiet nach Aktivisten, die vor den Gefahren des Kohlenutzung warnen. Sie finden morbide Gerüchte, beängstigend leere Häuser und etwas unvorstellbar Dunkles, das unter der Erde erwacht. Eine brutal atmosphärische, wahrhaft schaurige Geschichte, die nicht nur von phantastischen Schrecken, sondern auch von Ausbeutung und Skrupellosigkeit handelt.

„Der Krieg der Universitäten“ von Sophia Rosenberger handelt vom erbitterten Konkurrenzkampf zwischen Cambridge und Oxford, der den technologischen Fortschritt beschleunigt und schließlich in einer Katastrophe endet. Mit träumerischer Leichtigkeit gelingt Cambridge eine bahnbrechende Erfindung nach der anderen, während sich Oxford den Gleichstand mit äußerster Disziplin und Anstrengung erarbeitet. Man ahnt, welch dunkle Magie Cambridge im Griff hat. Auch diese Geschichte begeistert mit dichter Atmosphäre sowie subtilem Grauen, das die Maschinen früher als die Menschen bemerken.

In „Das Dorf der Anderen“ reisen wir an Bord eines Luftschiffs nach Indien, wo Lieutenant Shiara Kirwashi erst einmal einen arroganten Kerl in seine Schranken verweisen muss. Im Dschungel erwartet sie und ihre Begleiter ein Tempel mit fremdartigen Runen und statt diesen zu erforschen, hätten sie besser gleich die Beine in die Hand nehmen sollen. Ivan Ertlov erfreut die Leserschaft mit seiner taffen Protagonistin, kleinen Seitenhieben auf die Arroganz der Kolonialherren und dem finsteren Dschungelsetting, das unvorstellbares Grauen gebiert.

Roxane Bicker führt uns in „Der schwarze Obelisk“ in die tiefste Wüste, wo der uralte, finstere Obelisk einsam in den Himmel ragt. Kapitänin Adara hofft auf große Entdeckungen und darauf, Teil einer Heldenlegende zu werden – der Legende einer mysteriösen Person namens El. Während El den Obelisken erforscht, wird Adara von wirren Träumen gequält und schließlich Zeugin einer unheilvollen Erweckung. Roxane Bicker bietet mit der Wüste Ägyptens wieder ein neues Setting und man merkt, dass sie sich hier auskennt. Zusammen mit den ersten drei Beiträgen gehört „Der schwarze Obelisk“ zu den besten Geschichten in dieser Anthologie.

Mit “Lo-Pan“ von M. W. Ludwig geht es nach Thailand. Das Mädchen Kann trifft auf dem Weg zum Fürstenpalast zufällig auf den Europäer Osterberg, der das gleiche Ziel hat. Er ist ausgesprochen freundlich und nimmt sie in seiner Kutsche mit – und er kommt ihr zu Hilfe, als sie im Fürstenpalast eine eingesperrte junge Frau entdeckt und Zeugin vulgärer Rituale wird. Auch in dieser Geschichte findet sich leise Kritik am Kolonialismus und das Setting in Asien ist durchaus stimmungsvoll, doch leider ist die Handlung recht vorhersehbar.

“Vorator ex Machina“ von Isabell Hemmrich spielt wieder in England. Ferdinand Feigenbaum will in London sein Studium aufnehmen, verfällt beinahe den Verlockungen einer Prostituierten und entdeckt das finstere Geheimnis seines Onkels. Insgesamt eine überladene Story und auch hier lässt sich der Verlauf zu früh erahnen, was das Grauen schmälert. Dafür gibt es nette kleine Ideen wie einem Keuschheitsgürtel mit Münzeinwurf.

“Die Hysterie der Witwe Bradstreet“ von Holger Göttmann handelt von der Erfinderin Catherine Elois Bradstreet, was Ende des 19. Jahrhunderts unvorstellbar ist. Entsprechend hat sie eine Übereinkunft mit ihrem Mann, mit dem sie in einer gleichberechtigten Beziehung lebt, dass offiziell er die neuartigen Technologien entwickelt, während sie einsam im Keller herumtüftelt. Doch ihre Forschung am sogenannten Ætherport wird ihr zum Verhängnis: etwas Dunkles reißt sie aus der Zeit und lässt sie verschiedenste Leben durchleiden. Eine spannende Geschichte, die die Gesetze von Raum und Zeit außer Kraft setzt.

In Marco Ansings „Borreale Gesänge“ reißt ein dreister Dieb Seiten mit Zitaten aus okkulten Büchern, um das Werk Borreale Gesänge zu vervollständigen. Die Jagd auf den Bücherschänder erscheint zunächst planlos und zu dialoglastig, wird dann aber richtig spannend und wartet mit einem gelungenen Plottwist auf.

„Die dunkle Mission“ von Georgina Hartmann führt die junge Professorin Willy Connell auf den Grund des Ozeans, wo die Ruinen der Stadt R’lyeh liegen. Dort soll der Große Alte Cthulhu schlafen und dort wurde seine Tochter Cthylla in Gestalt eines abnormen Kraken gesichtet. Die Geschichte überzeugt zunächst mit der richtigen Balance aus düsteren Andeutungen, der Fremdheit der Tiefsee und der anfänglichen Verwirrung, dass Professor Connell eine Frau ist. Leider fällt das Ende deutlich ab und man wundert sich, warum die Protagonistin nicht sieht, was der Leserschaft längst klar ist.

In „Flammendes Inferno“ von Florian Krenn müssen die Nazis mal wieder als Bösewichte herhalten und führen blutige Beschwörungen durch, während auf Seite der Amerikaner zwei junge Wissenschaftler an steampunkigen Waffen arbeiten. Immerhin gibt die Forscherin ihrem männlichen Kollegen Kontra, wenn der ihre Fähigkeiten anzweifelt, doch der Autor wird in der Beschreibung der düsteren Kreaturen zu konkret, sodass der Horror zu reinem Splatter verkommt.

Ronja Gerdes erzählt in „Der Dschinn“ die Geschichte einer jungen Frau in einer Psychiatrie. Dort wächst ein merkwürdiger Baum, der Dschinn, und giert nach Blut. Während die junge Frau den Ärzten nicht traut, hört sie auf ihre beste Freundin: eine Fee, die nur zu ihr spricht. Auch hier ist das Ende früh absehbar, man vermisst die Steampunkelemente oder Mythos-Bezüge und Ronja Gerdes bietet trotz Psychiatriesetting zu wenig Wahnsinn.

“Fleisch“ von A. L. Norgard beginnt äußerst unappetitlich mit einem Patienten, der sich selbst verzehrt und grausam verstümmelt dahinvegetiert. Der Protagonist, ein unsympathischer Kerl, der seine Frau nur geheiratet hat, um den gesellschaftlichen Ansprüchen Genüge zu tun, will herausfinden, was dem Patienten widerfahren ist – nicht ahnend, welch grausiges Schicksal ihm selbst blüht. Die ekelerregenden Beschreibungen des Selbstverzehrens sind sehr eindrücklich, doch der Horrorfunken will nicht ganz überspringen.

“Neues Blut“ von Regine D. Ritter widmet sich dem Kult Piscatores, den Fischmenschen. Die Protagonisten, freundschaftlich verbunden durch eine Tragödie, teilen die Leidenschaft fürs Okkulte und besuchen eine uralte Kultstätte, die sie das Fürchten lehrt. Eine vergleichsweise ruhige, aber sehr stimmungsvolle Geschichte mit schaurigem Ende.

Markus Cremer ist für die Abenteuer Archibald Leachs bekannt – hier erleben wir in „Thadeus und die Kralle des Bösen“ dessen Vater beim Kampf gegen grauenerregende Ghoule. Gemeinsam mit zwei alten Kampfgefährten gilt es, die Befreiung Nyogthas zu verhindern, amüsante Dialoge inbegriffen. Eine sehr unterhaltsame Geschichte, die nicht ganz an Archibald Leach heranreicht.

In „Der Tempel“ verlassen wir endlich wieder Europa und reisen mit dem Ætherschiff nach Afrika, genauer gesagt in den Kongo. Gesandte des British Empire sollen vor den Soldaten des Heiligen Deutschen Reiches eine Kultstätte erreichen, in der der Schlüssel zum Bau von Ætherbomben liegen soll. Robert Roth erzeugt sofort Spannung durch die nervöse Erzählstimme des Protagonisten, der das drohende Unheil immer wieder andeutet. Hinzu kommen viele Bezüge zum Cthulhu-Mythos sowie Soldaten mit Steampunkprothesen.

So gut die Anthologie mit „Necrosteam“ begann, so großartig endet sie mit „Eiszeit“ von Herausgeber Detlef Klewer. Dem Empire liegen Informationen vor, dass jemand das Wetter manipulieren will. James Frobeshire soll der Sache nachgehen und stößt auf bleiche Wesen, die von Außerirdischen abstammen und die Welt in eine neue Eiszeit stürzen wollen. Steampunk und Cthulho-Mythos verschmelzen zu einer spannenden Geschichte, die die Hybris des Empires thematisiert und die Kolonialherren in Bedrängnis bringt.

Das Cover sowie die sechzehn Innenillustrationen stammen ebenfalls von Detlef Klewer, wobei jede Illustration thematisch zur jeweiligen Geschichte passt. Erfreulicherweise sind alle Illustrationen in Farbe gedruckt, was bei Anthologien, insbesondere bei kleinen Verlagen mit geringem Budget, nicht immer der Fall ist. Im Anhang finden sich die Autor*innen-Vitae, wenn man also nach einer guten Story wissen will, wer sie geschrieben hat, muss man ans Ende blättern. Hier wäre es schöner gewesen, wenn die jeweiligen Vitae direkt vor oder nach den jeweiligen Geschichten gedruckt gewesen wären.


Fazit

Necrosteam hält, was der Titel verspricht, und bietet sechzehn finstere Geschichten voller Grauen, Wahnsinn und Steampunkflair. Die Anthologie überzeugt mit ihrer Vielstimmigkeit, atmosphärischen Schauplätzen auf verschiedenen Kontinenten und einer insgesamt hohen Qualität der Beiträge. Auch wenn einzelne Geschichten abfallen, haben die meisten den tiefgehenden Horror des Chtulhu-Mythos verinnerlicht und so manche schlägt darüber hinaus auch kritische Töne an.


Pro und Contra

+ „Necrosteam“, „Der Krieg der Universitäten" und „Eiszeit“ sind die Highlights der Anthologie
+ überdurchschnittlich viele gute bis sehr gute Beiträge
+ schaurige Verbindung aus Cthulhu-Mythos und Steampunk
+ unterschiedliche und meist sehr atmosphärische Schauplätze
+ Kenntnisse des Cthulhu-Mythos sind nicht zwingend notwendig
+ stimmungsvolle Illustrationen (auch im Innenteil mit Farbe)

- einzelne Geschichten sind klischeebeladen und/oder vorhersehbar

Wertungsterne4

Geschichten: 4/5
Auswahl: 4/5
Gestaltung: 4/5
Lesespaß: 4,5/5
Preis/Leistung: 3,5/5


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