Feuerseelen (Annie Francé-Harrar)

Plan 9 Verlag (März 2021)
Hardcover, 180 Seiten, 20,00 EUR
ISBN: 978-3-948700-29-4

Genre: Science-Fiction-Klassiker / Climate Fiction


Klappentext

Goldene Zeiten scheinen für die Menschheit anzubrechen, das Leben in großen Städten ist komfortabel und nun wurde mit künstlicher Nahrung auch der Hunger auf der Welt besiegt. Doch der Forscher Henrik 19530 macht eine Entdeckung, die ihn an dieser Utopie zweifeln lässt. Aber niemand möchte seine Zweifel hören. Auch nicht als unerklärliche Brände die Städte bedrohen.

Annie Francé-Harrar war Biologin und ihr Foschungsschwerpunkt war Fruchtbarkeit von Böden. Ihr 1920 erschienener Roman liest sich wie eine zeitgemäße Warnung, nicht die Augen vor der Umweltausbeutung zu verschließen. Aus diesem Grund wurde der Titel in der Reihe „Vergessene Sterne“ des Plan9 Verlags aufgenommen.


Rezension

„Das ist ja das Schreckliche, dass man sich mit unserer ganzen Kulturentwicklung in eine Sackgasse verrannt hat, die nirgends mehr weiter führt, als zurück zu einem Leben, dessen wir nicht mehr fähig sind. Oder zum Ende.“ (Seite 54)

In ferner Zukunft leben fast alle Menschen in gigantischen Weltstädten, deren Maschinen sie mit allem versorgen, was sie brauchen. Nur einzelne Bauern leben noch außerhalb, um pflanzliche Nahrung anzubauen, doch selbst dies wird unnötig, als man nicht mehr nur künstliches Fleisch, sondern auch künstliches Obst, Gemüse und Getreide erzeugen kann. Also sollen die Bauern in die Städte ziehen, die für sie fremde Welten sind. Für die künstliche Nahrung entziehen die riesigen Städte ihrer Umgebung unter anderem Stickstoff und während sich die Menschheit darüber freut, endlich vollkommen unabhängig von der Natur zu sein, mahnt Wissenschaftler Henrik 19530, dass die Menschen der Natur zu viel entziehen und ihre Lebensgrundlage vernichten. Einzelne glauben ihm, doch alle anderen sonnen sich in ihrer Utopie, ihrer genialen Kultur, die bald am Abgrund steht. Das Land um die Städte verdorrt und aus dem Mangel entsteht neues Leben, das die alte Welt vernichten wird …

„Feuerseelen“ ist erstmals 1920 erschienen und wurde nun in der Reihe „Vergessene Sterne“ bei Plan 9 neu veröffentlicht. Wer an Science-Fiction-Klassiker denkt, denkt wohl zuerst an die Werke des Golden Age und männliche Namen. Die österreichische Biologin und Schriftstellerin Annie Francé-Harrar gehört zu den wenigen (noch bekannten) Autorinnen dieser Zeit und beschreibt ein Szenario, das heutige Leser*innen stark an den Klimawandel erinnert. Natürlich sind die wissenschaftlichen Grundlagen des Romans inzwischen veraltet, insbesondere die Entdeckungen in der modernen Biologie kamen später, sodass uns zum Beispiel die Kreation künstlicher Blumen oder die Nahrungserzeugung aus Luftstickstoff nicht glaubwürdig erscheinen. Das mindert die Faszination an diesem Werk jedoch kaum, zumal die Ideen der Autorin aus damaliger Sicht durchaus klug und spannend sind (wie die Entstehung völlig anders gearteter, neuer Lebensformen). 

Die Beschreibung der Weltstadt A 15, Hauptschauplatz des Romans, ähnelt unseren Vorstellungen futuristischer Städte so sehr, dass man kaum glauben kann, dass „Feuerseelen“ vor über einhundert Jahren geschrieben wurde. Gigantische Wohntürme dominieren das Stadtbild, Ringbahnen dienen dem Transport, Sonnennetze fangen tagsüber Licht ein, über riesige Bildschirme werden Informationen geteilt. Unten ist das Reich der Maschinen, oben leben die Menschen – schwache, empfindliche Wesen, die kaum selbst laufen und sich auf sogenannten Autinos fortbewegen, die man sich wie einen Segway vorstellt. Über die Bauern, die sogenannten Hüttenbewohner, spricht man verächtlich und hält sie für barbarisch und tierisch, entsprechend leben diese abgeschottet in eigenen Bezirken und wollen am liebsten hinaus in die Natur ziehen – so wie zwei junge Städter, die in einem Bergdorf ein neues Leben beginnen und eine Alternative aufzeigen.

„Der Mensch ist ein Organismus, der sich, wie jedes andere Lebewesen, an die natürliche Umgebung anpassen muss, um leben zu können. Verhindert man das, so verliert er diese Anpassungsfähigkeit, wird einseitig und geht zugrunde.“ (Seite 131)

Obwohl alles künstlich erzeugt werden kann und alle Grundbedürfnisse gestillt werden, gibt es keine soziale Gleichheit in A 15. Je mehr Steuereinheiten man hat, umso mehr Ansehen genießt man und desto mehr Luxus kann man anhäufen. Die „moderne“ Frau in dieser Gesellschaft sollte ein zierliches, schönes, stumpfes Wesen sein, das der Mann umsorgen kann wie ein exotisches Haustier – was heutigen Leserinnen aufstoßen dürfte. Immerhin erwähnt die Autorin, dass es vorher anders war, und deutet an, dass diese „moderne“ Erziehung der Frau ein Rückschritt ist. Trotzdem sind ihre Protagonisten allesamt männlich, sie gestalten die Handlung allein, und nur einzelne Frauen mischen als Liebschaften mit und erfüllen die Rolle der „Damsel in Distress“. Aus heutiger Sicht erscheinen alle Figuren überzeichnet, doch die Frauen eben besonders.

So utopisch das Leben in den Weltstädten auf den ersten Blick erscheint, so leer und falsch wirkt es auf den zweiten Blick. Die Menschen haben sich völlig von der Natur abgewandt und sind in ihrer hochgelobten Kultur starr und apathisch geworden. Die Stadtbewohner ignorieren die drohende Katastrophe zuerst, können sich in ihrer Hybris nicht vorstellen, dass ihre Technologien nicht alles kompensieren können. Später leugnen sie Henriks Erkenntnisse und als die Stadt schließlich brennt, schreien und trampeln sich die Menschen bei der Flucht gegenseitig nieder. Zumindest im Angesicht ihrer Vernichtung zeigen sie echte Regungen und ihr hässliches Gesicht. Auch hier erkennt man erschreckend viele Parallelen zu unserer Zeit.

Herausgeberin Sandra Thoms hat den Text bearbeitet und ihn der aktuellen Rechtschreibung angepasst. Auch wurden archaische Wörter, die für uns seltsam klingen und negativ behaftet sind, gegen moderne Alternativen getauscht und „die Adjektivflut eingedämmt“ – Letzteres ist schade, da so der Stil verändert wurde, der damals durchaus der Mode entsprach und damit den Zeitgeist spiegelte. Auch wurden einzelne Szenen gekürzt. Der Originaltext ist aber als eBook im Fabula-Verlag verfügbar, falls jemand vergleichen möchte. „Feuerseelen“ liest sich mit den Bearbeitungen durchaus gut, erscheint immer noch wie aus der Zeit, und ist stellenweise mit seinen alten wissenschaftlichen Begrifflichkeiten anspruchsvoll.

Leider hat das Buch kein Korrektorat erhalten, zumindest steht beim Korrektorat kein Name und der Text enthält auffällig viele Fehler, vor allem überflüssige und doppelte Worte sowie falsche Artikel und falsche Wortendungen. Offenbar handelt es sich dabei um die Überbleibsel der Überarbeitung und da hätte wirklich nochmal jemand drüber schauen müssen – vielleicht wurde aber auch die falsche Version in den Druck gegeben. So oder so ist es bitter, dass dieser Klassiker so voller vermeidbarer Fehler steckt.


Fazit

„Feuerseelen“ hat sich schon vor einhundert Jahren mit der Entfremdung von Mensch und Natur sowie den dramatischen Folgen der Ressourcenausbeutung beschäftigt. Auch wenn die Ereignisse aus heutiger Sicht sehr phantastisch anmuten, so enthält der Roman viele Parallelen zur Klimakrise und ist damit immer noch aktuell. Darüber hinaus ist er als Zeugnis der frühen deutschsprachigen Science Fiction wahnsinnig interessant und steckt voller kluger und spannender Ideen.


Pro und Contra

+ beschäftigt sich mit den Folgen der Ressourcenausbeutung und Naturzerstörung
+ Wissenschaftler Henrik hält eisern an seiner Forschung fest
+ spannende Ansätze, wie die Katastrophe aufgehalten werden könnte
+ futuristische Weltstädte, die heutigen Megacitys teils ähnlich sind
+ die Utopie wandelt sich in eine Dystopie, in der die Menschheit ihren Untergang selbst verschuldet
+ gelungene Darstellung der Schattenseiten der „Kultur“
+ schickes Hardcover im Retrolook mit Lesebändchen

o liest sich aufgrund der veralteten wissenschaftlichen Grundlagen manchmal seltsam

- zweifelhaftes Frauenbild (wohl geprägt von der Zeit)
- fehlendes Korrektorat

Wertungsterne4

Handlung: 4/5
Charaktere: 3,5/5
Lesespaß: 4,5/5
Preis/Leistung: 3/5

Tags: SF-Autorinnen, SF-Klassiker, Climate Fiction

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