Alle drei Tage. Warum Männer Frauen töten und was wir dagegen tun müssen (Laura Backes/Margherita Bettoni)

backes alle drei tage

Deutsche Verlags-Anstalt, März 2021
Gebunden, 204 Seiten
€ 20,00 [D] | € 20,60 [A] | CHF 31,90
ISBN 978-3-421-04874-5

Genre: Sachbuch


Rezension

Die Corona-Pandemie hat nach Datenlage der Vereinten Nationen weltweit zu einem starken Anstieg häuslicher Gewalt gegen Frauen geführt. Durch die Pandemie bedingte Einschränkungen wirken offenbar als Verstärker einer schon im normalen Alltag auftretenden geschlechterbasierten Gewalttätigkeit erschreckenden Ausmaßes.

Laura Backes und Margherita Bettoni, die beiden Autorinnen des Sachbuchs Alle drei Tage, beschäftigen sich mit Beziehungstaten, Mord aus Eifersucht oder Leidenschaft, wie in den Medien zumeist verharmlosend und die im Regelfall männlichen Täter entlastend Morde an Frauen aus Beziehungen heraus beschrieben werden. Sie stört, dass in der öffentlichen Wahrnehmung diesen Morden etwas von Schicksal anhaftet und dass, obwohl jeden Tag ein Tötungsversuch unternommen und alle drei Tage einer der Morde gelingt, von Einzelfällen gesprochen wird.

Sie gehen der Frage nach, wer die Opfer dieser Morde sind, was geschieht, bis es zum Mord kommt, wie die Taten ablaufen. Die Frage nach einer möglichen Tätertypologie wird ebenso untersucht wie eventuelle wiederkehrende Muster. Auch geht es darum, was mit den Hinterbliebenen eines Frauenmordes, die südafrikanische Soziologin Diana Russell prägte dafür 1976 den Begriff Femizid, geschieht und wie die Gesellschaft, besonders die Justiz und die Medien damit umgehen. Zum Schluss versuchen die Autorinnen herauszufinden, wie sich Femizide vermeiden lassen.

Sie arbeiten die strukturelle Dimension heraus und erklären Femizide zu einem systemischen Problem. Sie zeigen, dass diese Morde unabhängig vom geografischen Ort, von der Religion, dem sozialen Status oder kulturellen Parametern geschehen. Allerdings gibt es Auffälligkeiten bei der quantitativen Verteilung der Femizide. Und als Konstante durchzieht das Phänomen ein Machtgefälle zwischen den Geschlechtern.

Differenzierte Daten zu Femiziden werden (in Deutschland) nicht gesammelt. Allerdings haben Studien Risikofaktoren aufgezeigt. Insbesondere ist dies häusliche Gewalt, obgleich Expertenmeinungen hier auseinandergehen. Andere Faktoren sind Kontrolle, Drohungen, Stalking, Vergewaltigung, körperliche Angriffe, in deren Verlauf gewürgt wird.

Jane Monckton Smith, eine britische Kriminologin, hat ausgehend von empirischen Daten ein Modell entwickelt, in dem acht Stufen die Dynamik bis zum Feminizid beschreiben. Daraus wird ersichtlich, welche Bedeutung der Kontrolle einer Frau durch ihren Partner und späteren Mörder zukommt. Backes und Bettoni illustrieren dieses Modell am Beispiel eines Falls, der 2016 geschehen ist und vor dem Landgericht München I verhandelt wurde.

Eine Tätertypologie lässt sich derzeit nur bedingt entwickeln. So werden Männer zwischen 30 und 40 Jahren häufiger zu Mördern an der Partnerin als jüngere oder ältere Männer, während Männer, die außerhalb einer Beziehung töten, durchschnittlich jünger sind als Femizid-Täter. Das Geschlechterbild und psychische Erkrankungen, Probleme mit der Impulskontrolle und eventuelle Arbeitslosigkeit gehören zu den relevanten Parametern. Die Psychologin Anja Steingen identifiziert, ausgehend von Forschungsergebnissen aus den USA, vier Tätertypen. Allgemeiner ist das Problem des sexuellen Besitzdenkens als zentral für Femizide bekannt. Paolo Crepet, ein italienischer Psychiater und Soziologe, argumentiert mit einem Kulturkontext, in dem Männer nicht lernen, wie man verliert.

Auch beschäftigen die Autorinnen sich mit der Frage, ob Frauen die ihnen drohende Gefahr bewusst werden kann, wenn ja, wie, und was Institutionen beitragen können, um Frauen zu schützen. Sie zeigen, wie die Gesellschaft und die Justiz in Frankreich, Argentinien, Mexiko und Spanien damit umgehen und was wir daraus lernen können. Und sie skizzieren das Instrument des runden Tisches für Hochrisikofälle in Rheinland-Pfalz.

Zur Berichterstattung in den Medien beziehen sie sich auf den Verein Gender Equality Media, der generell Berichterstattungen auf Diversität und Gendergerechtigkeit untersucht. Er hat sechs Kategorien verharmlosender Berichterstattung über Gewalt gegen Frauen aus Untersuchungen abgeleitet: Liebe oder Eifersucht als Mordmotiv; Beziehungsdramen; angenommener Voyeurismus des Lesepublikums; Doppelmoral aufgrund der Täterherkunft; andere Formen von Gewalt gegen Frauen; euphemistische Beschreibung der Gewalt.

Backes und Bettoni vermitteln ihre Inhalte in sieben thematisch abgegrenzten Kapiteln und fünf zwischengeschalteten Protokollen (reale Fallstudien oder Gesprächsaufzeichnungen). In den Kapiteln arbeiten sie mit starkem Quellenbezug, stellen Forschungsergebnisse vor, diskutieren diese, weisen auf Probleme hin und vergleichen den Stand der Forschung wie auch des gesellschaftlichen Umgangs mit dem Femizid in Deutschland und anderen Ländern.

Die Protokolle geben die Ausführungen eines Mannes wieder, der zwei Jahre ein Anti-Gewalt-Training besucht hat, oder die einer Frau aus Rostock, die vom Tötungsversuch und von den Nachwirkungen erzählt. In einem Protokoll erzählt eine Frau von ihrem Leidensweg, den schweren Verbrennungen, die bald 70% ihrer Körperoberfläche, ihre Nase und ihre Lippen zerstört haben; auch von der Angst vor dem Tag, an dem der Mann, der sie zu töten versucht hat, aus dem Gefängnis entlassen wird. Am Ende geht es in einem Protokoll darum, dass der Staat zwar das Gewaltmonopol innehat, gefährdete Frauen aber zu wenig schützt.


Fazit

Laura Backes und Margherita Bettoni gehen in ihrem Sachbuch Alle drei Tage der Frage nach, wie sie im Untertitel schreiben: Warum Männer Frauen töten und was wir dagegen tun müssen. Das Buch ist gut strukturiert, sprachlich leicht zu lesen und inhaltlich bisweilen eine schwer erträgliche Lektüre.


Wertungsterne4

Anmerkung: Auf die in Rezensionen übliche Detailwertung verzichte ich bei diesem Buch.

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