Bookboy - 24 Stunden im Leben eines Buchauslieferers (Hrsg. Ann-Kathrin Karschnick und Stephanie Mühlsteph)

Verlag Torsten Low (2021)
Taschenbuch, 360 Seiten, 14,90 EUR
ISBN 978-3-96629-013-5

Genre: (Urban-) Fantasy-Anthologie


Klappentext

Bücher erzählen von Abenteuern und von verborgenem Wissen. Bücher öffnen Tore in andere Welten, berichten von der Vergangenheit und beschreiben die Zukunft. Und nicht selten steckt hinter den beschriebenen Seiten mehr, als es zunächst scheint. Und manchmal scheinen Realität und Fantasie miteinander zu verschmelzen.
All das weiß Fabius, denn sein Opa ist der Inhaber der Buchhandlung Leseratte. Und natürlich weiß Fabius es durch die Liefertouren mit seinem Fahrrad quer durch die ganze Stadt.
So auch an diesem Tag. Den ganzen Tag über klingelt das Telefon und Buchwunsch folgt auf Buchwunsch. So steigt Fabius auf sein Rad und macht sich an die Auslieferung. Und jede Bestellung verstrickt Fabius in ein neues Abenteuer, mal gefährlich, mal voller Gefühl und manchmal steckt er mitten in einer Geschichte fest – sprichwörtlich.
Doch Zeit zum Ausruhen bleibt nicht. Denn die Kunden warten auf ihre Lieferung. Und der Kunde ist König in der Leseratte.
So hat Fabius es schon immer gehalten – und so wird er es auch an diesem Tage halten. Selbst wenn der Tag bis in die Nacht dauert.
Denn er ist der Bookboy!


Rezension

Fabius Flieder lebt bei seinem Großvater und hilft täglich in dessen Buchladen aus. Das Telefon klingelt fast pausenlos und während der Großvater nahezu jeden Buchwunsch erfüllen kann, liefert Fabius die frischen Bestellungen schnellstmöglich mit dem Fahrrad aus. Dabei lernt er ganz unterschiedliche Menschen kennen und erlebt die phantastischsten Geschichten. Manche sind lustig, skurril oder auch herzerwärmend, manche finster und gefährlich. Egal, was ihn erwartet, Fabius liefert die Bücher und nimmt Anteil an den individuellen Schicksalen der Besteller. Die Anthologie enthält 25 Texte, wobei manche davon kleine Einblicke in den Alltag im Buchladen sind, während die meisten anderen abgeschlossene Geschichten bilden, die mit der Bestellung eines Buches beginnen.

Die Leser*innen erwarten unter anderem Hunde, die Eier legen, Zeitreisen, Hexen, die Lieferboten in Vögel verwandeln, Reisen in fremde Welten oder auch Geheimnisse, die in verschlossenen Hotelzimmern darauf warten, entdeckt zu werden. Thematisch sind die Beiträge sehr unterschiedlich, was für viel Abwechslung sorgt, allerdings können nicht alle Geschichten überzeugen. Manche gehen schlicht am persönlichen Geschmack vorbei, andere hingegen haben handwerkliche Schwächen oder sind nach dem Lesen schnell vergessen.

Besonders gelungen hingegen sind die leisen, emotionalen Geschichten wie „Eine Viertelstunde im Jahr“ von Andreas Acker: Hier wird eine Szene aus einem Buch lebendig und lässt einen einsamen Mann einmal im Jahr in schöne Erinnerungen abtauchen. In „Der Baum der bunten Träume“ von Johannes Harstick bestellt ein Verstorbener ein Buch für seine trauernde Tochter. Und in „Das gefiederte Buch“ von Hanna Nolden hilft ein ganz besonderes, mit flauschigen Federn besetztes Buch einer Frau über ein Trauma hinweg.

Während die meisten Geschichten abgeschlossen sind, sind manche auch untereinander durch Fabius‘ persönliches Schicksal miteinander verbunden. Er hat früh seine Eltern verloren und trifft auf seinen Lieferfahrten manchmal auf Menschen, die diese kannten und ihm mehr über ihr Verschwinden erzählen können. Hier wird es für Fabius auch richtig gefährlich, denn seine Eltern hatten mächtige Feinde – und auch sein Großvater, zu dem er eine sehr innige Beziehung hat, hütet noch so manches Geheimnis, das entdeckt werden will.

Die Idee der Anthologie passt natürlich wunderbar in die Corona-Zeit, in der viele kleine Buchläden ihren Kunden die Bücher nach Hause geliefert haben. Ein Problem ist allerdings der gewählte Zeitrahmen mit 24 Stunden: ein phantastisches Abenteuer jagt das nächste und Fabius kommt kaum zum Durchatmen. Man kann sich kaum vorstellen, dass an einem einzigen Tag so viel passieren soll, und es wirkt alles etwas gehetzt. So bleibt wenig Zeit, um andere Charaktere wie den Großvater oder auch ein Mädchen, das Fabius mag, besser kennenzulernen.

Ein weiteres Problem des Konzepts ist, dass Fabius von den verschiedenen Autor*innen unterschiedlich dargestellt wird und so sogar unterschiedlich alt wirkt, obwohl er das natürlich nicht ist. Manche stellen ihn jünger und naiver dar, andere erwachsener und reifer. Das lässt sich bei so vielen Beiträgen kaum vermeiden. Insgesamt ist es jedoch gut gelungen, in allen Geschichten Fabius‘ wichtigste Charakterzüge zu zeigen: seine Schüchternheit, seine Empathie und seine große Hilfsbereitschaft.

Das kleine Taschenbuch ist schön gestaltet und enthält zwei Zeichnungen von Fabius und seinem Großvater. Zudem stehen Titel und Autor jeweils vor den Geschichten auf einer illustrierten Seite. Mit seinem handlichen Format und den überwiegend kurzen Geschichten eignet sich „Bookboy“ wunderbar zum Lesen unterwegs.


Fazit

Der "Bookboy" Fabius Flieder ist ein supersympathischer Buchauslieferer, den man schnell ins Herz schließt, auch wenn er von den verschiedenen Autor*innen immer etwas anders dargestellt wird. Seine phantastischen Abenteuer sind schöne Geschichtensnacks für unterwegs – manche berühren das Herz und bleiben in positiver Erinnerung, andere dagegen sind schnell vergessen.


Pro und Contra

+ Fabius ist ein sehr empathischer junger Mann
+ die Buchbesteller sind ganz unterschiedliche Menschen
+ am meisten überzeugen die leisen, emotionalen Geschichten
+ Urban Fantasy mit Kleinstadtcharme
+ schöne Gestaltung des kleinen Taschenbuchs

- Fabius wirkt in den Geschichten unterschiedlich alt
- zu viele Geschichten, von denen manche schnell vergessen sind
- in dem 24-Stunden-Zeitrahmen wirkt alles zu gehetzt

Wertungsterne3.5

Geschichten: 3/5
Auswahl: 3/5
Gestaltung: 3,5/5
Lesespaß: 3,5/5
Preis/Leistung: 3/5

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