Kondorkinder - Das Spiegelbuch und die verlorenen Geschichten (Sabrina Železný)

kondorkinder das spielebuch und die verlorenen geschichten

Art Skript Phantastik (Juni 2021)
Klappenbroschur, 576 Seiten, 16,00 EUR
ISBN: 978-3-945045-45-9

Genre: Phantastik


Klappentext

“»Geschichten sind wilde Tiere. Du kannst ihr Vertrauen gewinnen, aber du kannst sie nie ganz zähmen.«

Malinka liebt zwei Dinge – das Erzählen phantastischer Geschichten und die Weiten Perus. Aber ihr Auslandsjahr liegt lange zurück und in ihrem Alltag finden die magischen Erzählungen keinen Platz mehr. Damit hat sie sich schweren Herzens abgefunden, bis plötzlich Matteo auftaucht. Damals im Studium hat er Malinkas Phantasiegeschichten verspottet, nun ist ausgerechnet ihm ein magisches Buch in die Hände gefallen, das ihn tödlich verflucht hat. Einzig Malinka kann sein Leben retten, doch dazu muss sie im Hochland der Anden die Geschichte finden, die dem lebendigen Buch einst verlorenging.

Eine gefahrvolle Reise beginnt, die Matteo und Malinka nicht nur quer durch Peru führt, sondern auch auf die Spuren einer Geschichtenerzählerin, die vor langer Zeit den Zorn der Berggötter herausforderte.


Rezension

Mitte des 18. Jahrhunderts lebt Yawar mit seiner Mutter in einem kleinen Dorf in den Anden. Vom Einfluss der spanischen Kolonialherren spürt man hier wenig, einzig der Dorfpriester drängt darauf, dass Yawar lesen und schreiben lernt. Seine Mutter lehnt jedoch ab – aus Sorge, dass Yawar das gleiche tragische Schicksal widerfährt wie seinem Vater. Er und auch sie waren einst bei den Kondorkindern, eine Gruppe von Hochlandrebellen, die die alten Geschichten ihres Volkes bewahren und dafür verfolgt werden. Als während einer Gewitternacht ein Kondor abstürzt, nimmt Yawars Mutter ihn auf und pflegt ihn gesund – nicht ahnend, dass dieser ein „malku“ ist, der Gehilfe eines „apus“ (Berggottes), der Yawar bei seiner bevorstehenden Aufgabe helfen soll. Er wurde ausgewählt, der neue Yuyaq zu werden, der Hüter des Spiegelbuchs und seiner Geschichten. Als dieses zerstört wird, muss Yawar seine Mutter verlassen, um ein neues Spiegelbuch zu erschaffen …

Im 21. Jahrhundert hat Matteo gerade sein Studium abgeschlossen, als ihm ein altes peruanisches Buch in die Hände fällt. Kurz darauf geht es ihm schlecht und auch wenn er nicht daran glaubt, muss er in Betracht ziehen, dass ihn ein Fluch getroffen hat. Zumindest behauptet das das Buch, in dem auf magische Weise neue Sätze erscheinen und Matteo direkt ansprechen. Die einzige, die ihm helfen kann, ist ausgerechnet die verträumte Malinka. Die beiden haben bei einem Projekt zusammengearbeitet und er hat ihre phantastischen Geschichten verspottet. Matteo geht Rationalität über alles, doch nun braucht er Malinkas Wissen über alte Kulturen und magische Geschichten. Um den Fluch zu brechen, reisen sie gemeinsam nach Peru und begeben sich auf die Suche nach dem „apu“, der den Fluch lösen kann …

„Kondorkinder – Das Spiegelbuch und die verloren Geschichten“ ist die überarbeitete Neuausgabe der nicht mehr erhältlichen „Kondorkinder“-Romane „Der Fluch des Spiegelbuchs“ und „Die Suche nach den Verlorenen Geschichten“. Nun hat Sabrina Železný beide in einem Buch vereint und es liest sich wirklich wunderbar, wie sich die Geschichten von Yawar, Matteo und Malinka miteinander verflechten und gegenseitig ergänzen. Abwechselnd erzählt die Autorin von der Vergangenheit und der Gegenwart und es macht Spaß, die vielen kleinen Verbindungen zwischen den Handlungssträngen zu entdecken. Dabei erkennen die Leser*innen schon vor Matteo und Malinka, dass ihre Reise mit Yawars Geschichte verbunden ist, was den Lesespaß jedoch nicht beeinträchtigt. Im Gegenteil, man ist gespannt darauf, wann Matteo und Malinka die Zusammenhänge erkennen, zudem erfährt man in ihren Parts auch vieles, was in der Vergangenheit (noch) nicht beschrieben wurde.

Die vierte Protagonistin ist Isabel, die Tochter des Buchbinders, bei dem Yawar in die Lehre geht. Die beiden wachsen zusammen auf, sodass Isabel von Yawar viel über seine Kultur lernt. Sie ist ein wissbegieriges, selbstbewusstes Mädchen, das mit Yawar die Liebe zu Geschichten teilt und sich sehr für die der Inka interessiert. Anders als ihr Vater, der in Yawar einerseits einen begabten Lehrling, andererseits jedoch einen „wilden“ Indio sieht. „Kondorkinder“ offenbart hier seine schmerzhaften Seiten, denn die Überheblichkeit der Kolonialherren, die die indigene Bevölkerung als minderwertig und dumm betrachten, zerstört Leben. Sabrina Železný streift die gesellschaftspolitischen Unruhen nur am Rande, zeigt jedoch anhand persönlicher Schicksale, wie tief rassistische Ressentiments in der spanischen Bevölkerung verankert waren und welch fatale Auswirkungen diese hatten – bis zum Versuch, ganze Sprachen und Kulturen auszulöschen.

In der Gegenwart erlebt man hingegen ein Peru, in dem alte und neue kulturelle Einflüsse verschmolzen sind. Die Kolonialzeit ist überall noch zu sehen und zu spüren, doch es wird wieder Quechua gesprochen und viele alte Geschichten haben in den Herzen der Menschen überlebt. Hinzu kommen asiatische Einflüsse, was man insbesondere in der Verbindung der peruanischen und chinesischen Küche erkennt. Zudem spürt man auf jeder Seite die Liebe der Autorin zu Peru und bekommt eine Fülle an Eindrücken geboten, die ein vielschichtiges, chaotisches und faszinierendes Bild des südamerikanischen Landes entstehen lassen. Hier gibt es wahnsinnig viel zu sehen, zu hören, zu riechen und zu schmecken. Sowohl in der Vergangenheit bei Yawar als auch in der Gegenwart bei Matteo und Malinka hat man das Gefühl, wirklich dort zu sein – und man lernt so ganz nebenbei unheimlich viel über das heutige Peru und das alte Inkareich.

Was „Kondorkinder“ vor allem auszeichnet, ist die Liebe zum Land, aber auch zu den Menschen und ihren Geschichten. Trotz tödlichem Fluch und finsterer Gestalten enthält der Roman unglaublich viel Hoffnung und Empathie, nicht nur zwischen Familien und Liebenden, sondern auch in alltäglichen Begegnungen. Die Protagonist*innen treffen auf viele Unterstützer, viele davon herzlich und freundlich, manche geheimnisvoll und manche schlicht eigennützig wie eine Sängerin, für die Malinka Texte schreibt. Im Verlauf der Handlung tragen Matteo und Malinka viele Konflikte miteinander aus, entwickeln aber nach und nach mehr Verständnis füreinander. Matteo wirkt dabei oftmals zynisch und verbittert (manchmal zu plakativ), während Malinka eine gewisse Melancholie umgibt, da sie meint, ihre Gabe, Geschichten zu erzählen, verloren zu haben.

Geschichten sind in „Kondorkinder“ lebendige Wesen, die zu denen kommen, die sie erzählen und aufschreiben. Allerdings ist es nicht leicht, ihr Vertrauen zu gewinnen, und so ergreift manche Geschichte die Flucht, bevor sie ihren Platz im Spiegelbuch finden kann. Auch wenn die Reise von Matteo und Malinka zwischenzeitlich recht plan- und ziellos erscheint und sich dahinzieht, so wird es nie wirklich langweilig, da es überall kleine Geschichten und phantastische Elemente zu entdecken gibt. Der Roman begeistert mit leisen Tönen, enthält gelegentlich jedoch actionreiche Szenen, die die Gefahr des Fluchs wieder in den Vordergrund rücken. 

„Kondorkinder“ kommt bei Art Skript Phantastik mit einem wunderschönen neuen Cover daher und enthält im Anhang einen Glossar mit Übersetzungen aus dem Spanischen und Quechua. Viele der Fremdwörter erklären sich jedoch im Kontext von selbst oder werden von den Charakteren direkt übersetzt, sodass man nicht immer nach hinten blättern muss.


Fazit

„Kondorkinder – Das Spiegelbuch und die verlorenen Geschichten“ ist eine magische Reise durch das historische und heutige Peru, das Sabrina Železný mit unglaublich vielen Details und ihrer großen Liebe zum Land, seiner Kultur und seiner leidvollen Geschichte lebendig zeichnet. Sie erzählt ganz nah an ihren facettenreichen Charakteren, verwebt zwei völlig unterschiedliche und doch ähnliche Erzählstränge miteinander und berührt das Herz mit ihrer wahrhaft phantastischen Geschichte.


Pro und Contra

+ wunderschöner, atmosphärischer Anfang im historischen Peru
+ mystische Berggötter und ihre magischen Gehilfen
+ Yawars glückliche und schmerzhafte Momente
+ Matteo und Malinka überwinden nach und nach ihre Gegensätze
+ viele unterschiedliche, interessante Nebencharaktere
+ lebendige Geschichten, die im ganzen Land zu finden sind
+ zeigt die fatalen Auswirkungen rassistischer Ressentiments
+ einfühlsam und mit viel Liebe zu Peru und seinen Menschen erzählt
+ wunderschönes neuer Cover

- Matteos und Malinkas Reise wirkt manchmal zu ziellos

Wertungsterne4.5

Handlung: 4/5
Charaktere: 4,5/5
Lesespaß: 5/5
Preis/Leistung: 4/5

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