Endstation - Die Passepartout-Logfiles (Kia Kahawa)

Plan 9 (April 2021)
Taschenbuch, 380 Seiten, 15,00 EUR
ISBN 978-3-94870-012-6

Genre: Science Fiction / Dystopie / Near Future


Klappentext

Noah Clines Job ist es, Menschenleben zu beenden. Er ist jedoch kein Auftragskiller, sondern Abschalter bei der regierungseigenen Krankenversicherung. Seit der Lebensepidemie Ende des 21. Jahrhunderts haben Menschen eine Lebenserwartung von 140 Jahren. Doch fallen laufend junge und alte Personen auf unerklärliche Weise ins Koma. Und diese müssen, wenn kein Angehöriger für sie bezahlen kann, abgeschaltet werden. Eines Tages entdeckt Noah etwas, das er besser nicht gesehen hätte. Eine grausame Wahrheit, die er ans Licht bringen will. Dazu schließt er einen Pakt mit einer Künstlichen Intelligenz, die allerdings nicht die einzige KI an seiner Seite ist.


Rezension

Im 22. Jahrhundert haben Menschen eine Lebenserwartung von 140 Jahren und verbringen diese dank Hypophysenkit gesund – wenn sie nicht plötzlich ins Koma fallen. Der Versicherungskonzern Global Insurance versorgt die Komapatienten. Solange man seine Beiträge bezahlen kann, werden im Koma liegende Angehörige von Maschinen versorgt und am Leben gehalten. Geht das Geld aus, werden die Menschen „abgeschaltet“, ebenso wie Schwerkriminelle. Noah Cline arbeitet als Abschalter und fällt täglich Entscheidungen über Leben und Tod. Eigentlich würde er lieber in der Forschung arbeiten, doch persönliche Gründe zwingen ihn zu einem Job, der ihn in die Depression treibt. Als er eines Tages dunkle Machenschaften in seiner Firma aufdeckt, sieht er sich gezwungen, zu handeln. Er will Global Insurance das Handwerk legen – mit Hilfe zweier Künstlicher Intelligenzen …

„Endstation – Die Passepartout-Logfiles“ wartet mit einer spannenden Grundidee auf: Technologie ermöglicht den Menschen ein immer längeres und gesünderes Leben, doch es gibt fatale Nebenwirkungen und ein Konzern entscheidet über Leben und Tod. Bürokratie und die Gier nach Geld und Macht schaffen ein unmenschliches System, in dem jeder in Angst davor lebt, geliebte Menschen an das Koma zu verlieren und ihre Lebenserhaltung nicht mehr bezahlen zu können. Global Insurance ist so unermesslich reich und mächtig geworden, dass der Konzern die Regierung abgelöst hat, und hat entsprechend wenig Interesse daran, die Komaepidemie zu beenden. Die Abschalter arbeiten dabei unter großem Druck, denn ihr firmeninterner Score entscheidet über ihre Zukunft. Dieser ermittelt sich unter anderem aus Menge und Erfolg von Klagen gegen ihre Entscheidungen.

Der Fokus der Handlung liegt auf dem Protagonisten Noah Cline, der sich vor allem selbst im Weg steht. Er ist gefangen in einem beruflichen Alptraum und ertränkt seine Abscheu in ausschweifenden Partys. Seine Familie ist reich, entsprechend hat er wenig Bezug zu Geld und sieht es nur als Mittel zum Zweck. Anfangs erscheint er wie der depressive, gelangweilte Sohn aus reichem Hause, doch nach und nach zeigt sich, dass Noah seinen Wohlstand auch einsetzt, um anderen zu helfen und allen Grund hat, zutiefst unglücklich zu sein. Seine Schwester, die ebenfalls bei Global Insurance arbeitet und seine Vorgesetzte ist, unterstützt ihn tatkräftig, während ihm die Mutter als Aufsichtsrätin Steine in den Weg legt. Der Konflikt mit Global Insurance wird so auch zum Familienkonflikt, der den Vater als KI-Programmierer einschließt.

Noahs bester Freund ist eine Künstliche Intelligenz: die Haus-KI von Global Insurcance, die er Orwell nennt und nicht wie eine Maschine, sondern wie ein lebendiges Wesen behandelt. Dadurch wird Noah für Orwell zur Bezugsperson und die KI unterstützt ihn im Rahmen ihrer beschränkten Möglichkeiten, denn Orwells Programmierung verpflichtet ihn zur absoluten Loyalität gegenüber Global Insurance. Die Interaktion zwischen Noah und Orwell liest sich oft amüsant und spannend, da die KI zunehmend eigenständiger und menschlicher erscheint. Insbesondere im Mittelteil spielt Orwell eine wichtige Rolle, dafür kommt er im letzten Drittel kaum noch vor. Ab hier fällt die Spannung dann auch ab, da klar wird, dass „Endstation – Die Passepartout-Logfiles“ der erste Band einer Trilogie ist und viele Antworten erst im nächsten zu erwarten sind. Die zweite KI ist neben Noah Perspektivfigur und übertrifft Orwell. In irrsinniger Geschwindigkeit erledigt sie ihre Aufgabe und saugt nebenbei Unmengen von Daten aus dem Internet auf, sodass sie schnell eine komplexe, mit Sinnfragen hadernde Persönlichkeit entwickelt. Sie setzt sich zudem intensiv mit ihrem Tod auseinander, wobei Kia Kahawa hier viel Potential verschenkt und kaum in die Tiefe geht.

Die beiden KIs sind neben Noah die spannendsten Figuren, werden jedoch zu stark auf ihre Funktionen innerhalb der Geschichte reduziert und im letzten Drittel von Noahs Vergangenheit verdrängt. Die Zukunft ist technologisch teilweise deutlich weiter, teilweise hat sich aber auch nicht viel verändert. Selbstfahrende Publicars transportieren die Menschen von A nach B. Leadphones, die Nachfolger der Smartphones, lassen sich via Gedanken steuern. Das Hypophysenkit reguliert den Hormon- und Neurotransmitterhaushalt, was auch Schattenseiten hat. Die meisten KIs erscheinen wie verbesserte Sprachassistenten und Noah sitzt als Abschalter in einem Büro am Computer, was angesichts der technischen Möglichkeiten anachronistisch erscheint. In Bezug auf Technik offenbaren sich auch einige Schwächen des Romans, so passen beispielsweise gigantische Datenmengen auf kleine Datenträger, billige, schlecht platzierte Wanzen werden nicht entdeckt und die dunklen Machenschaften bei Global Insurance erinnern an plumpen SF-Horror. Zudem hat Noah selbst selten wirklich gute Ideen und schlittert mit Glück durch die turbulente Story.

Kia Kahawa zeichnet insgesamt eine dystopische Zukunft, in der es fast nur künstliche Nahrung gibt und echtes Obst und Gemüse kaum zu bezahlen sind. Was nicht aus staatlichen Quellen stammt, ist illegal, und so werden Menschen kriminalisiert, die Salat anbauen. Es gibt allerdings auch positive Seiten wie das flexible Schulsystem, das sehr gut auf die individuellen Bedürfnisse der Schüler*innen eingeht. Es gibt keine Diskriminierung von homosexuellen Paaren, die dank neuer medizinischer Methoden Kinder bekommen, von denen beide genetisch die Eltern sind. Nichtbinäre Personen sind ein selbstverständlicher Teil der Gesellschaft und in verschiedensten beruflichen Positionen vertreten. Für sie werden Neopronomen verwendet (ser und dey) und durch die häufige Verwendung fühlt sich das beim Lesen schnell ganz natürlich an. Statt Gendersternchen nutzt die Autorin die Endung –ex, um alle Mitglieder einer Gruppe einzuschließen, zum Beispiel „Abschaltex“. Allerdings nur in der wörtlichen Rede, wobei hier hin und wieder ein generisches Maskulinum übersehen wurde. Schön sind auch die vielen Anspielungen auf SF-Klassiker (Buch und Film).


Fazit

Kia Kahawa entwirft in „Endstation – Die Passepartout-Logfiles“ eine dystopische Zukunft, in der technologischer Fortschritt Segen und Fluch zugleich ist. Ein skrupelloser Konzern nutzt dies gnadenlos aus und geht in seiner Gier zu weit. Trotz Schwächen ein insgesamt interessanter Auftaktband, der sich stark auf seinen Protagonisten, dessen verzweifelten Kampf um die Zukunft und die gesellschaftspolitischen Themen konzentriert.


Pro und Contra

+ dystopisches Near-Future-Setting
+ Protagonist mit Ecken und Kanten
+ inklusivere zukünftige Gesellschaft
+ die Machtstrukturen innerhalb von Global Insurance
+ gut dargestellte Schattenseiten der lebensverlängernden Technologie
+ zwei Künstliche Intelligenzen, die über ihre Programmierung hinaus wachsen

- die KIs werden im letzten Drittel von Rückblenden verdrängt
- Noah hat wenig gute Ideen und zu oft Glück
- platter SF-Horror als Stein des Anstoßes
- Antagonistin bisher klischeehaft bösartig

Wertungsterne3.5

Handlung: 3/5
Charaktere: 3,5/5
Lesespaß: 4/5
Preis/Leistung: 3,5/5


Interview mit Kia Kahawa (2021)

Tags: Dystopie, Künstliche Intelligenz, Kia Kahawa

Kommentare  

#1 Antagonistin komischYvonne Tunnat 2021-09-18 21:23
Liebe Judith, ich arbeite noch an meiner Rezension, bin also noch nicht fertig. Ich fand die Antagonistin marlen auch seltsam. Was genau war ihre Motivation? Das Gendern fand ich auch gelungen. Und ich hatte bei einigen Dingen auch das Gefühl, ich befinde mich in den Neunziger Jahre, Beispiel Figur Oli. Die erste Hälfte des Romans hat mir gut gefallen, im zweiten Teil fand ich nur die Szenen mit Merlin gut und sonst nicht viel. Auch viele lose Enden. Ja, es gibt eine Fortsetzung, seufz, aber der Schluss war trotzdem nichts für mich. LG Yvonne

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