Auf der Suche nach dem Vogel der Zeit (Serge Le Tendre, Régis Loisel)

Verlag: Carlsen; (Mai 2021)
Gebundene Ausgabe: 240 Seiten; 40 €
ISBN-13: 978-3-551-73896-7

Genre: Fantasy


Rezension

Ganz Akbar ist in Gefahr. Der böse Gott Ramor droht aus seinem Gefängnis, einem Schneckenhaus, zu entkommen. Es bleiben nur noch wenige Tage Zeit, den Fluch, der ihn gefangen hält, zu erneuern. Zu diesem Zweck schickt die Zauberprinzessin Mara ihre Tochter Pelissa zu dem alten Ritter Bragon, einst ihr Geliebter. Er soll ihr das Schneckenhaus bringen und danach den Vogel der Zeit suchen, denn der durchzuführende Zauber braucht lange und ohne die Macht des Vogels der Zeit, besteht keine Chance ihn rechtzeitig zu beenden. Nur widerwillig lässt sich Bragon darauf ein.
Er bricht also auf und begegnet auf seiner Reise alten Freunden und Feinden. Gemeinsam mit Pelissa und ihrem ständigen Begleiter Pelzchen, dem Unbekannten und zwischenzeitlich dem Zauberprinzen Bodias erlebt Bragon sein vielleicht größtes Abenteuer, das ihn durch die ganze wundersame Welt Akbars führt.

Anfang der 80er Jahre erschien Auf der Suche nach dem Vogel der Zeit und war damals eine kleine Sensation. Den Serge Le Tendre und Régis Loisel widmeten sich darin einer waschechten Fantasygeschichte und sollten mit ihr nachhaltig europäische Autoren und Zeichner beeinflussen. Erst durch sie wurde im europäischen Comic die Fantasy ein größeres Thema. Allein durch seine Bedeutung hat Auf der Suche nach dem Vogel der Zeit also den Klassikerstatus bereits verdient.
Tatsächlich ist das jedoch nicht der einzige Grund. Andere Klassiker mögen daraus ihre Existenzberechtigung und weitere Auflagen beziehen, bei Le Tendres und Loisels Werk ist dies nicht der Fall.
Denn Auf der Suche nach dem Vogel der Zeit ist noch immer genauso gut, wie zur Zeit seines ersten Erscheinens. Loisel und Le Tendre erzählen hier eine große, epische Geschichte, die sich aber immer auf ihre Charaktere und ihre Entwicklung konzentriert, statt auf Intrigen, Monster oder Action. Davon gibt es zwar auch reichlich, aber keiner dieser Aspekte steht im Zentrum oder erdrückt die Geschichte oder die Charaktere. Sie sind es die, die Handlung bestimmen und ausmachen. Die Suche nach dem Vogel der Zeit ist da eher ein McGuffin, um vor allem Bragon die Möglichkeit zu geben, zu wachsen. Und der alte Ritter wächst einem sehr schnell ans Herz, so mürrisch wie er ist. Aber ebenso sind die anderen Charaktere interessant geschrieben und machen ihre eigene Entwicklung durch. Sei es Bulrog, der ehemalige Schüler Bragons, der Unbekannte, der sich vom Volltrottel zu einer Hilfe wandelt oder Pelissa, Tochter von Mara und auf den ersten Blick ein wandelndes Klischee in einer Fantasygeschichte der damaligen Zeit. Das mag auf den ersten Blick bei einigen ein seltsames Gefühl hervorrufen, aber Le Tendre und Loisel nutzen ihr Aussehen, um damit mit Klischees zu spielen und gehen damit geschickt um, so dass klar wird, dass Pelissa in Wirklichkeit sehr intelligent ist und weiß, sich einen Vorteil zu verschaffen. Zudem gibt es am Ende eine mehr als schlüssige Erklärung für ihre Figur.
Alle anderen Nebenfiguren, die für kurz oder lang auftauchen, besitzen ebenso ihren eigenen Charakter und so kann sich die Handlung entwickeln. Le Tendre erzählt sie sehr spannend und mit genau der richtigen Dosis Humor und Ernsthaftigkeit. Selten wird die Balance in einer Geschichte so gut gehalten.
Dazu kommt eine phantastische Welt voller Wunder an jeder Ecke, die sich entfaltet und den Leser augenblicklich an einen anderen Ort bringt. Mann will einfach mehr von dieser Welt sehen, in der es Pongeneier gibt, seltsame Reittiere und einen Vogel der Zeit. Le Tendre begeht nicht den Fehler, wie er derzeit häufig in Romanen und Comics gemacht wird, alles erklären und zeigen zu wollen. Er wird mit Sicherheit einen gut ausgearbeiteten Hintergrund für sich gehabt haben, aber er breitet ihn nicht unnötig aus. Nur was wirklich für die Handlung nötig ist, wird erwähnt, alles andere bleibt höchstens Andeutung. Dadurch wird die Geschichte nie ausgebremst und ausgewalzt, sondern bleibt fokussiert und entwickelt so einen regelrechten Sog. Die vier Alben bilden so eine Einheit, die am Besten auf einmal genossen wird.

Régis Loisel stand bei Auf der Suche nach dem Vogel der Zeit mehr oder weniger noch am Anfang seiner Karriere. Peter Pan oder Das Nest lagen noch in der Zukunft. Und das ist zu sehen. Allerdings nicht, weil seine Zeichnungen nicht so gut oder nicht auf dem Niveau von seinen heutigen wären. Nein, er bedient sich hier ganz einfach eines anderes Stils, der zu einer Fantasygeschichte perfekt passt. Mit einer unglaublichen Kreativität gestaltet er die Umwelt, ihre Gefahren, aber vor allem die Wesen Akbars. Und davon gibt es wirklich viele zu sehen. Teilweise sind die Einflüsse eines Moebius dabei nicht zu übersehen, und dies gibt den Zeichnungen eine große Ausdruckskraft. Loisel fängt in seinen Bildern alles wesentliche atmosphärisch ein, so dass man beim Betrachten sofort die Stimmung erfasst und auf das Kommende vorbereitet wird.
Loisel gestaltet seine Charaktere in einem gewissen Rahmen realistisch, wenn man so will. Die Menschen sind nur leicht an die anderen Wesen angepasst und besitzen nur wenige ausgeprägte Merkmale, die sie etwas mehr dem Fantasygenre anpassen. Wen jeder sofort ins Herz schließen dürfte, ist Pelissas Begleiter Pelzchen, den vermutlich jeder gerne als Haustier/ Begleiter hätte.

Als Bonusmaterial gibt es die ursprünglichen beiden ersten Episoden der Geschichte, die Mitte der 70er Jahre in einem bald eingestellten Comicmagazin erschienen. Es ist interessant zu sehen, wie sich die Geschichte dann noch verändert hat.


Fazit

Starke Charaktere, eine große Bedrohung, eine sehr gute Geschichte, eine Welt voller Wunder und jede Menge Überraschungen machen Auf der Suche nach dem Vogel der Zeit heute noch zu einer der besten Fantasygeschichten. Wer Le Tendres und Loisels Klassiker nicht kennt, hat mit dieser Gesamtausgabe die Gelegenheit dazu ihn nachzuholen und sollte sie sich nicht entgehen lassen.


Pro & Contra

+ Pelzchen
+ viele Überraschungen
+ bittersüßes Ende
+ sehr gute Zeichnungen
+ Charaktere und Geschichte stehen im Mittelpunkt, nicht Action

Bewertung:

Handlung: 4,5/5
Charaktere: 4,5/5
Zeichnungen: 4,5/5
Lesespaß: 5/5
Preis/Leistung: 5/5


Literatopia-Links zu weiteren Titeln von Régis Loisel:

Rezension zu Das Nest Gesamtausgabe Bd.1
Rezension zu Das Nest Gesamtausgabe Bd.2
Rezension zu Der Schweinehund Bd.1

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