Norylska Groans (Michael R. Fletcher, Clayton W. Snyder)

Selfpublishing (Mai 2021)
Paperback
393 Seiten, 13,29 EUR
ISBN: 979-8725366846

Genre: Fantasy Noir, Grimdark


Klappentext

Norylska Groans...
with the weight of her crimes. In a city where winter reigns amid the fires of industry and war, soot and snow conspire to conceal centuries of death and deception.

Norylska Groans...
and the weight of a leaden sky threatens to crush her people. Katyusha Leonova, desperate to restore her family name, takes a job with Norylska's brutal police force. To support his family, Genndy Antonov finds bloody work with a local crime syndicate.

Norylska Groans...
with the weight of her dead. As bodies fall, the two discover a foul truth hidden beneath layers of deception and violence: Come the thaw, what was buried will be revealed.


Rezension

“Norylska Groans” beginnt damit, dass jemand in einer Fleischverarbeitungsfabrik eine tödliche Begegnung mit einer Säge hat, und damit sind der Ton und das Optimismus-Level der Geschichte ganz gut eingeführt. Neben der Kälte, dem Gestank und der Armut Norylskas lernen wir auch die beiden Hauptfiguren kennen: Genndy, der in einem brutalen Krieg für sein Land gekämpft hat, nur um jetzt vor dem Nichts zu stehen, und Katyusha, die ein bescheidenes Leben und eine bescheidene Beziehung führt und sich bisher eingeredet hat, dass sie damit zufrieden ist. Als sie einen Sekretärinnen-Job bei der Militisa Norylskas annimmt, ist sie nicht von der Feindseligkeit und der ständigen Sexualisierung überrascht, mit der sie als eine der ersten arbeitenden Frauen der rückständigen Stadt konfrontiert ist – aber davon, dass sie anscheinend genau da weitermachen soll, wo ein toter Militsioner, Kostas, aufgehört hat.

Genndy gerät an die Shkut-Familie, einen der großen Spieler im organisierten Verbrechen der Stadt, die sein Talent für Gewalt zu schätzen wissen. Sowohl er als auch Katyusha machen nun auch unmittelbare Bekanntschaft mit dem Magiesystem der Welt: Veneficum sind in der Lage, Charakterzüge und Erinnerungen in magischen Steinen zu speichern. Wer diese Steine trägt, kann über das Wissen und die Eigenschaften ihrer vorherigen Träger*innen verfügen, aber alle Erlebnisse, während man einen solchen Stein trägt, werden in diesem gespeichert. Legt man ihn ab, verliert man den Zugriff auf diese Erinnerungen. Katyusha braucht eine Weile, sich an die Erfahrung zu gewöhnen, während der Arbeit eine völlig andere Person zu sein und am Nachmittag nur aufgrund des Drecks an ihrer Kleidung und neuer Verletzungen annähernd rekonstruieren zu können, was sie erlebt hat, und auch Genndy macht eine Reihe interessanter Beobachtungen.

Die Autoren stellen ihr Magiesystem elegant in den Dienst des Plots und der von ihnen erkundeten Themen. Dass Katyusha auf Kostas Erinnerungen – unter anderem die an seinen schmerzhaften Tod –, sein Wissen, dass die Shkut-Familie einen Informanten in der Militsia hat, und seine Gefühle für einen ihrer Kollegen zugreifen bzw. ihnen nicht entkommen kann, ist ein wichtiger Treiber für den Plot. Aber die Steine, die Kat und Genndy tragen, werden auch zum Anlass für sie, sich einige Fragen zu ihrer eigenen Identität, ihren Zielen, ihren Beziehungen und nicht zuletzt dazu zu stellen, wer sie gerade benutzt und was sie dagegen tun können.

Beide Figuren durchlaufen eine Entwicklung – von Figuren, denen Dinge passieren, zu Figuren, die Dinge anstoßen. Nicht immer rationale und oft sehr unerfreuliche Dinge. Sie und ihre deprimierende, von Russland im frühen zwanzigsten Jahrhundert inspirierte Umgebung sind eindrucksvoll und einprägsam geschildert und tatsächlich ist „Norylska Groans“ nach einem etwas holprigen Start ein Buch, das sich nur schwer zur Seite legen lässt. Die Atmosphäre ist dicht und der Schreibstil passt perfekt zu ihr.

Allerdings fand ich nicht alles an dem Buch überzeugend. Zum Beispiel verstehe ich nicht, wie Kostas’ Erinnerungsstein seinen Weg zurück zu den Militsionern gefunden hat und falls das nicht nur daran liegt, dass ich etwas überlesen habe, wäre das ein recht großer Logikfehler. Die Zitate über den Kapitelanfängen – teils von fiktiven Personen aus der Welt des Buches, teils von historischen Figuren aus unserer Welt – helfen teils, z.B. die Magie des Schauplatzes zu erklären oder ihm durch Kontext-Informationen mehr Tiefe oder Atmosphäre zu verleihen, aber teilweise irritiert es, ein Zitat darüber, dass die Welt moralisch grau ist, über einem Kapitel zu sehen, in dem Figuren moralische Grauzonen schon seit einer Weile hinter sich gelassen haben.

Ich glaube, der Teil des Buches, bei dem ich am ambivalentesten empfinde, ist die permanente Darstellung extremer Gewalt – ich bin normalerweise ziemlich neutral, was so etwas angeht, und war angesichts des Buch-Marketings und anderer Lesenden-Reaktionen nicht wirklich überrascht. Trotzdem bin ich nach einer Weile dazu übergegangen, hier und da kleine Abschnitte diagonal zu lesen. Ich respektiere die Entscheidung, brutale Straßenkämpfe und Folter mit einer Menge unbehaglicher Details zu schildern, aber hatte auch so einige „Ist das wirklich nötig?“-Momente. Auch, weil die Aussagen, welche einige der entsprechenden Szenen über die Welt und Figuren treffen, eigentlich schon vorher gut rübergekommen sind. Die Szenen sind zu eindringlich unangenehm, als dass emotionale Distanz aufkommen könnte, aber fühlen sich trotzdem etwas monoton an.


Fazit

„Norylska Groans“ ist eines der düstersten, brutalsten Bücher, die ich kenne. Michael R. Fletchers und Clayton W. Snyders Roman folgt dem Weg zweier Figuren durch eine von Hoffnungslosigkeit und Korruption geprägte Stadt und verflechtet ein faszinierendes Magiesystem geschickt mit der Figurenentwicklung. Es ist eine Geschichte mit vielen spannenden Aspekten, die sich definitiv ins Gedächtnis schreibt, aber ich war nicht von allen Wendungen und Szenen überzeugt.


Pro und Contra

+ Magiesystem schafft interessante Situationen und ist gut mit Figurenentwicklung verbunden
+ einprägsame Hauptfiguren
+ atmosphärische Welt
+ interessantes Rätsel und spannende Figurenkonstellation im Katyusha-Handlungsstrang

o sehr viel Gewalt und Tragik

-Womöglich ein größeres Plothole
-Buch wird zum Ende hin etwas repetitiv

Wertung:

Figuren: 4/5
Handlung: 3,5/5
Lesespaß: 3,5/5
Preis-Leistung: 3,5/5


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Tags: Grimdark, Michael R. Fletcher

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