Die Legende der Adlerkrieger (Jin Yong)

Jin Yong Legende Adlerkrieger

Heyne, 2020
Originaltitel: Shediao yingxiong zhuan (1959, 1976, 2003)
Übersetzung aus dem Chinesischen von Karin Betz
Klappbroschur, 576 Seiten
€ 16,99 [D] | € 17,50 [A] | CHF 25,90
ISBN 978-3-453-31990-5

Genre: Fantasy, Historik


Rezension

Jin Yong (1924-2018), der Louis Cha Leung-yung hieß, ist einer der bekanntesten und meistgelesenen Schriftsteller Chinas, aber hierzulande ein Unbekannter. Seine Bücher waren und sind heute noch Vorlagen für Spielfilme, Fernsehserien und Videospiele. Sein Epos von den Adlerkriegern umfasst zwölf Bände. Ende der 1950er Jahre erschienen als Serie in einer Tageszeitung, wurde die Fantasy-Saga später zweimal vom Autor überarbeitet, 1976 und 2003 neuveröffentlicht, und zählt heute zur Weltliteratur.

Die Legende der Adlerkrieger ist der erste Teil der Adler-Saga. Die deutsche Erstausgabe ist seit November 2020 bei Heyne erhältlich, übersetzt von der Sinologin Karin Betz. Die Übersetzerin hat dem Text fünfzehn Seiten Anmerkungen, ein Personenverzeichnis und ein Vorwort von fünf Seiten beigefügt, alles sehr hilf- und aufschlussreich.

Die Kung-Fu-Kämpfer Yang Tiexin und Guo Xiaotian vereinbaren, dass ihre beiden noch ungeborenen Kinder einander in Treue verbunden sein sollen. Werden es Jungen, sollen sie wie Brüder sein, oder sie sollen heiraten, wenn sie Junge und Mädchen werden. Die südliche Song-Dynastie (1127-1279) befindet sich im Krieg mit dem nördlichen Jin-Reich. Wanyan Honglie, sechster Prinz von Jin, befiehlt einen Angriff seiner Soldaten auf das Dorf, in dem Yang Tiexin und Guo Xiaotian leben. Während die beiden Männer bei dem Kampf ums Leben kommen, gelingt ihren schwangeren Frauen Bao Xiruo und Li Ping die Flucht.

Bao Xiruo rettet einen verwundeten Krieger. Dieser ist Wanyan Honglie, an dessen Hof sie bleibt und ihren Sohn Yang Kang zum Edelmann erzieht. Wanyan Honglie zwingt Bao Xiruo, ihn zu heiraten. Yang Kang wird von Qiu Chuji, Mitglied der Quanzhen-Schule, zum Kämpfer ausgebildet. Li Ping bringt ihren Sohn Guo Jing in der Mongolei zur Welt. Sie werden vom Clan des Mongolenfürsten Temüdjin, dem späteren Dschingis Khan, aufgenommen. Guo Jing lernt Kung Fu bei den berühmten Sieben Sonderlingen des Südens sowie bei Ma Yu von der Quanzhen-Schule. Außerdem erfährt er eine Ausbildung zum Bogenschützen. Der Titel des Romans steht in Zusammenhang mit einer Episode aus Guo Jings Jugend, in der er zwei Adler mit einem Pfeil abgeschossen hat.

Die beiden Hauptfiguren werden literarisch nicht behandelt, wie es üblicherweise in Romanen geschieht. Li Pings Kind wird geboren auf Seite 154, Bao Xiruos Sohn taucht noch später das erste Mal auf. Den Weg bis zur Geburt der Hauptfiguren beschreibt Jin Yong auf spannende Weise als eine skizzenhafte Familiengeschichte, eingebettet in ein großes Abenteuer. Die Handlung folgt danach den Entwicklungswegen der beiden Protagonisten, die irgendwann aufeinandertreffen. Sie geraten in ein unübersichtliches politisches Spektakel und müssen sich mit mächtigen Gegnern auseinandersetzen. Die mächtigsten Gegenspieler sind sie jedoch einander.

Beide sind Kinder von Han-Chinesen, beide wachsen in fremden Kulturen heran. Guo Jing ist ein ehrlicher, geistig etwas langsamer Mensch, Yang Kang bildet sein Gegenstück, geistig schnell und tückisch will er Reichtum anhäufen und berühmt werden. Im Verlauf der Geschichte finden sie Frauen, die sie lieben, Huang Rong und Mu Nianci.

Ein nicht unerheblicher Teil der Geschichte entwickelt ein Rachenarrativ, in dem Guo Jing in den Kampfkünsten ausgebildet wird, um den Mord an seinem Vater zu sühnen. Er und seine Meister sind involviert in eine Abfolge von Wettbewerben, die mal sportlichen, mal ernsten Charakter aufweisen. Kampfstile und Bewegungsabläufe nehmen dabei einigen Raum in Anspruch. Oft werden Kämpfe nicht beschrieben, sondern nur (erläuterte) Bewegungen genannt, wie „Die Giftschlange gleitet ins Erdloch“ oder „Glocken und Trommeln ertönen gleichzeitig“. Manche Kämpfe werden als Trinkwettbewerb ausgetragen.

Wunderbare Nebenfiguren bereichern die Handlung. Zu ihnen gehören die Sieben Sonderlinge des Südens, darunter Ke Zhen’e, ein blinder Kämpfer, Fliegende Fledermaus genannt; Huang Rong, eine so geheimnisvolle wie brilliante Kung-Fu-Kämpferin, die verkleidet durch das Land zieht; oder Mei Chaofeng und ihr Mann Chen Xuanfeng, die Zwillingsmörder der Dunklen Winde. Am Ende des ersten Buches erwarten uns eine Schlüsselbegegnung und ein erzählerisch offener Zwischenstopp, eine Station, an der die zentralen Handlungselemente nach und nach eintreffen, um vereint fortzufahren.


Fazit

Die Legende der Adlerkrieger ist eine vielschichtige Geschichte über Krieg und Liebe, die Entwicklung zweier junger Männer, der eine heißt Jing, der andere Yang, sie sind polar konstruiert und bilden wohl zwei Hälften eines noch unbestimmten Ganzen. Die Handlung lebt von rein fiktionalen und historischen Charakteren, die wiederum fiktionalisiert wurden, wie auch von Mythen und Legenden. Der Autor gestaltet Sequenzen aus der Welt des Kung Fu, den Kampf mit und ohne Waffen, den Weg zur inneren Selbstvervollkommnung, die Suche nach einem verschollenen Buch, das den Schlüssel zur Unbesiegbarkeit enthalten soll, den Kampf einzelner Menschen gegen korrupte politische und bürokratische Strukturen.

Unglaublich, dass ein Buch dieser Qualität und literarischen Bedeutung in China sechzig Jahre brauchte, um den Weg in unsere Sprache zu finden. Aber wie lautet der gute alte Spruch: besser spät als nie.


Pro und Kontra

+ bei allem Ernst komisch und unterhaltsam
+ Einblick in die Geschichte und fremde Kulturen

Wertung:sterne5

Handlung: 5/5
Charaktere: 5/5
Lesespaß: 5/5
Preis/Leistung: 5/5

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