Der Uhrmacher in der Filigree Street (Natasha Pulley)

Pulley Uhrmacher Filigree

Klett-Cotta, 2021
Originaltitel: The Watchmaker of Filigree Street (2015)
Übersetzung von Jochen Schwarzer
Gebunden, 448 Seiten
€ 24,00 [D] | € 24,70 [A] | CHF 36,90
ISBN 978-3-608-98475-0

Genre: Science Fiction, Histo-Krimi, Fantasy


Rezension

Ende des 19. Jahrhunderts war die Organisation Clan na Gael eine in den USA ansässige, vom Exiliren John Devoy geführte, Schwesterorganisation der Irish Republican Brotherhood (IRB). Devoy war zwar mittlerweile US-Bürger, hatte sich aber dem Kampf für die Unabhängigkeit Irlands verschrieben. Zwischen 1881 und 1885 überzogen die Irischen Republikaner das Britische Empire mit Bombenanschlägen, die bekannt wurden als Fenian bombing campaign. Der Fenianismus strebte eine unabhängige Republik Irland an.

Am 26. Februar 1884 explodierte eine Bombe in der Victoria Station, am 11. April 1884 wurde John Daly aus der Führungsgruppe dieser Kampagne verhaftet, am 30. Mai gab es eine Anschlagsserie mit drei Bombenexplosionen in London, darunter im Hauptquartier des CID (Criminal Investigation Department) und der Special Irish Branch des Metropolitan Police Service, bekannter unter der Bezeichnung Scotland Yard.

Im Jahr 2015 hat Natasha Pulley ihren ersten Roman veröffentlicht, The Watchmaker of Filigree Street, der kürzlich als Der Uhrmacher in der Filigree Street in deutscher Übersetzung erschienen ist. In Pulleys Roman ist diese historische Situation ein wichtiger Baustein des Narrativs, die Hauptfigur Nathaniel „Thaniel“ Steepleton, zu Beginn Telegrafie-Mitarbeiter im Innenministerium, erlebt das Attentat auf Scotland Yard mit. Er wird jedoch nur leicht verletzt, wofür eine Taschenuhr direkt verantwortlich ist, die vom Uhrmacher Baron Keita Mori gefertigt wurde und auf nebulöse Weise ein halbes Jahr zuvor in Thaniels Besitz gelangt ist. Thaniel schickt jeden Monat einen erheblichen Teil seines Einkommens an seine Schwester, die in Edinburgh lebt und seit dem Tod ihres Mannes alleinerziehende Mutter zweier Kinder ist.

Der talentierte Pianist Thaniel ist ein Synästhetiker und verknüpft auditive Wahrnehmungen mit Farben. Im Rahmen seiner Ermittlungen für das Außenministerium mietet er sich in ein freies Zimmer bei Mori ein. Langsam werden die beiden einsamen Männer Freunde. Mori gerät in den Fokus der Ermittlungen. In die Haupthandlung zwischenmontierte Kapitel spielen zeitlich vor dieser und erzählen von Mori und seinen aristokratischen Wurzeln und Handlungen in Japan. Statt primär Licht ins Dunkel zu bringen, werfen sie weitere Fragen auf.

Die Physikstudentin Grace Carrow versucht die Existenz von Äther nachzuweisen, womit nicht die Chemikalie gemeint ist, sondern eine hypothetische Substanz, über deren Bedeutung für die Ausbreitung von Licht im 17. Jahrhundert Vorstellungen entwickelt wurden. Grace versucht durch ihre Experimente eine Anstellung an ihrem College Lady Margaret Hall in Oxford zu bekommen und so einer Ehe zu entgehen, durch die sie ihr späteres Erbe an einen Mann verlieren würde. Ihr Vater bereut es, dass er ihr eine über ihren viktorianischen Lebenssinn hinausreichende Ausbildung hat zukommen lassen. Ihr japanischer Kommilitone Akira Matsumoto sucht sie jeden Nachmittag auf um zu überprüfen, ob sie sich mit ihren Experimenten schon in die Luft gejagt hat. Mori hat auch für Grace eine Taschenuhr mit besonderen Eigenschaften gebaut.

Thaniel, Grace und Mori sind die drei zentralen Charaktere in dieser Geschichte und nicht nur über Moris Taschenuhren miteinander verbunden. Thaniel arbeitet bald wegen seiner rudimentären Japanischkenntnisse im Außenministerium. Mori, der vielleicht ein Hellseher ist, könnte mit den Attentaten in Verbindung stehen. Und Grace könnte die große Unbekannte sein. Als sich die Wege von Thaniel und Grace schneiden, wird nicht nur die Geschichte düster. Grace hofft, zwischen Moris Fähigkeit und dem Äther einen Zusammenhang herstellen zu können.

Der Uhrmacher in der Filigree Street ist zum Teil Science Fiction, der Stand der Technologie ist zeitgemäß. Ende des neunzehnten Jahrhunderts erwiesen sich die Versuche von Albert Michelson und Edward Morley, die Existenz von Äther in Experimenten nachzuweisen, als erfolglos. Grace forscht über Äther und befindet sich damit in einem realen zeitgenössischen Kontext. Die technischen Erfindungen Moris, wie der mit filigranem Bewegungsapparat ausgestattete mechanische Oktopus Katsu, sind nicht nur amüsante technische Spielerei. Der Oktopus ist insbesondere interessant, weil er ein mechanisches Zufallsgetriebe enthält, wodurch seine Aktivitäten nicht vollständig prognostizierbar sind. Er wirkt auf uns Außenstehende wie eine künstliche Intelligenz, klaut schon mal Socken oder richtet sich eine Art Nest in der Wäscheschublade ein.

Zum Teil ist Der Uhrmacher in der Filigree Street ein historischer Kriminalroman, weil die Handlung in einer Vergangenheit spielt, die Gemeinsamkeiten mit dem historischen London im Ausgang des neunzehnten Jahrhunderts aufweist, und weil terroristische Attentate begangen werden, die Gegenstand der Ermittlungen von Scotland Yard, des Außenministeriums und Thaniels sind. Das treibende historische Motiv in der Geschichte ist Terrorismus. Aber das Erzähltempo ist recht gemächlich, es gibt viele Abweichungen, die der impliziten Dringlichkeit der Fallaufklärung entgegenwirken. Die Bombe tickt, aber wir trinken erst einmal in Ruhe ein Tässchen Tee. So verwundert es auch nicht weiter, dass dieser Erzählstrang zunehmend an den Rand verschoben wird und die Figuren mitunter in zur Schau gestellten Fakten verlorenzugehen drohen.


Fazit

Natasha Pulley hat mit Der Uhrmacher in der Filigree Street eine unkonventionelle Mysterygeschichte geschrieben, die den historischen Krimi, Science Fiction und in Spuren Fantasy miteinander vereint. Weiter greift es Genderdiskurse auf. Das Buch macht einen gut recherchierten Eindruck, auch wenn die Rückblicke ins Japan Ende des 19. Jahrhunderts sehr nicht-japanisch wirken.


Pro und Kontra

+ gut recherchierter und ausgearbeiteter historischer Hintergrund
+ teils gute Nebenfiguren (Fanshaw)

- Hauptfiguren dünnen im Erzählverlauf aus
- manche Exkurse wenig zielführend

Wertung:sterne3.5

Handlung: 4/5
Charaktere: 3/5
Lesespaß: 3,5/5
Preis/Leistung: 4/5

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