Tommy Krappweis (25.11.2009)

Interview mit Tommy Krappweis

Literatopia: Hallo Tommy! Als Comedian, Moderator, Regisseur und Produzent bist Du ein echtes Multitalent. Deinen Namen bringen die meisten wohl mit RTL Samstag Nacht oder mit „Bernd das Brot“ in Verbindung, dabei schreibst Du neuerdings auch Fantasy-Romane. Wie kam es dazu?

Tommy Krappweis: Naja, das sollte eigentlich eine Mysteryserie für ProSieben werden und ich habe nach Themen gesucht, die irgendwie „deutscher“ sind als Poltergeister und Roswell-Aliens. Das soll jetzt ich keinster Weise deutschtümelnd klingen – ich mag gute amerikanische Serien. Aber ich finde, wenn man sowas in Deutschland auf Deutsch dreht, dann sollten sich erstens die Protagonisten auch entsprechend verhalten und nicht klingen wie Synchronsprecher und zweitens sollten die Themen hier verortet sein. Ansonsten schaue ich mir mit „Lost“ und Co lieber das Original an. Und bei der Recherche unserer Mythen und Sagen landete ich unweigerlich mitten in der nordisch-germanischen Mythologie. Jetzt musste ich nur noch den Klischee-Hauptfiguren ausweichen (25-35 Jahre, meist männlich, Student der „es immer schon gewusst hat“) und landete bei einem 14jährigen mürrischen Mädchen namens Mara. Nachdem ich in kürzester Zeit 100 Seiten beisammen hatte, stellte ich fest, dass das kein Konzept für eine TV-Serie war sondern ein Roman. Und da ich der festen Überzeugung bin, dass der Inhalt die Form bestimmt, setzte ich mich hin und versuchte dem Stoff gerecht zu werden.

Literatopia: Im September ist bei Egmont Schneider Dein Debütroman „Mara und der Feuerbringer“ erschienen. Magst Du uns ein bisschen was über das Buch erzählen? Worum geht es?

Tommy Krappweis: In Kürze geht es um die 14-jährige Mara, die einfach nur unauffällig sein möchte, was ihr angesichts ihres Hangs zur Tagträumerei und den Hänseleien in der Schule schon schwer genug fällt. Außerdem ist Maras Mutter alles was Mara nicht sein will: Eine eher extrovertierte Frau mit Hang zur Esoterik und selbst ernannte „Wicca“ auf der Suche nach einer anderen Wahrheit. Dummerweise muss Mara erfahren, dass ausgerechnet sie das Talent einer germanischen Seherin – einer Spákona – hat und anscheinend ziemlich alleine damit ist. Somit aber leider auch die Einzige, die die drohende Götterdämmerung verhindern kann.
Mit einer gehörigen Portion Zweifel an sich, dem Universum und dem ganzen Rest fügt sie sich in ihr Schicksal und gerät zwischen die Mühlen von Göttern, Halbgöttern, Lindwürmern und Riesenschlangen. Dabei erfährt sie (und der Leser) von vielen Zusammenhängen und Resten der Religion unserer entfernten Vorfahren mit dem Heute. Also eine Mischung aus weiblich-widerwilligem Harry Potter, DaVinciCode und germanischer Mythen- und Sagenwelt.

Literatopia: Insgesamt sind drei Bände zu „Mara“ geplant – wie wird es weitergehen? Und wann?

Tommy Krappweis: Es geht so weiter, dass ich gerade die Details für Band 2 in Reihe bringe. Die Storyline steht bis zum Ende von Band 3 fest, aber die Hauptarbeit kommt erst noch. Und es geht dann weiter, wenn der Verlag entscheidet, dass es Sinn macht Band 2 herauszubringen. Ich hätte das gerne 2010 um dieselbe Zeit – aber das entscheiden die Leserinnen und Leser. Es macht ja wenig Sinn, Band 2 von etwas auf den Markt zu bringen das kaum gelesen wurde. Kommen wird er, aber wann hängt einzig und allein von den Zahlen ab, die die Welt bedeuten.

Literatopia: Warum hast Du Dir gerade die germanische Mythologie als Background für „Mara“ ausgesucht? Hast Du Dich zuvor schon damit beschäftigt oder bist Du erst durch Deinen Roman dazu gekommen?

Tommy Krappweis: Ich kam dazu durch die Recherche für oben genannte TV-Serie und blieb hängen. Heute lese ich Sekundärliteratur aus Interesse am Thema und es macht großen Spaß sich immer weiter hinein zu wühlen. Die wichtigsten Quellen stammen sowohl von Römern wie Tacitus, die damit immer auch ein bestimmtes Ziel verfolgten - z.B. um ihren Mitrömern den Spiegel vorzuhalten - oder von den isländischen Skalden (Dichtern), die zu dem Zeitpunkt bereits christianisiert waren und deren komplexe Metaphern sich der Mythen und Sagenwelt bedienen. Das bedeutet, dass man die historischen Quellen nie einfach so unreflektiert annehmen darf, wie sie in den gelben Reclam-Heften stehen. Man muss all diese Texte immer im Kontext der Absicht der Autoren lesen. Zum Beispiel hat Snorri Sturluson uns im 12. Jahrhundert mit seiner sogenannten Prosa-Edda einen wahren Schatz an Material hinterlassen. Aber da er keine Mythensammlung schreiben wollte, sondern eine Art „Handbuch für Skalden“ fühlte er sich auch berufen, das bisher vorrangig mündlich weitergegebene Material zu kategorisieren, Göttern und Wesen neue Eigenschaften und Zusammenhänge zuzuschreiben und irgendwie zu vereinheitlichen. Also haben wir auch hier nur eine weitere Interpretation des Stoffes vorliegen und man muss das dann z.B. mit archäologischen Erkenntnissen abgleichen um herauszufinden was älter ist als die „Edda“ und was nicht. Einerseits sehr komplex, andererseits wirklich unglaublich spannend. … finde ich.

Literatopia: Wie hoch ist der Rechercheaufwand für Dich?

Tommy Krappweis: Ich habe mir den Aufwand selbst so hoch gesteckt, weil ich wollte dass jeder präsentierte Fakt über die germanische Mythologie und die Germanen dem momentanen Kenntnisstand der Wissenschaft entspricht. Ich hatte viel Spaß am DaVinciCode, aber wenn man nicht die These von Jesu Hochzeit mit Maria Magdalena mitgeht – und dafür gibt es bestenfalls Indizien, keine Beweise – dann fällt das ganze wirklich wunderschön gebaute und verdammt clever kombinierte Konstrukt in sich zusammen. Natürlich gehe ich auch nicht davon aus, dass die Götterdämmerung droht oder dass mir demnächst Odin erscheint und mich gandalf-esk und einäugig vorwurfsvoll anstarrt – aber alles, was als Fakt präsentiert wird, sollte eben auch ein solcher sein. Und weil ich das unmöglich alleine stemmen konnte, habe ich mir Hilfe gesucht: Professor Rudolf Simek von der Uni Bonn hatte Lust darauf und auch gerade noch so ansatzweise genug Zeit dafür. Ich bin diesem Mann so dankbar für seine Arbeit – und auch seiner Tochter Rosie, die in Maras Alter ist und mich erstens immer ermahnte wenn ihr etwas zu unglaubhaft schien und mich zweitens immer wieder an die Korrekturen ihres Vaters erinnerte. „Du hast übrigens immer noch den Namen von Lokis Frau falsch geschrieben auf Seite x,x,x, und x.“…
Im nächsten Band geht es auch um historische Themen wie die Varusschlacht im Teutoburger Wald und zu diesem Zweck habe ich bereits die Ausgrabungsstätte und das Museum in Kalkriese besucht. Ich konnte mit den jeweiligen Wissenschaftlern und dem Museumsleiter sprechen und bekam eine grandiose Führung über Gelände und Ausstellung. Das war nicht das letzte Mal, dass ich dort aufschlage. Das, was ich an Erkenntnissen von dort mitgenommen habe, kann man sich weder ergooglen noch erlesen.

Literatopia: Warst Du schon immer Fantasy-Fan und kommst in dem Genre daher sehr gut zurecht oder ist doch noch alles recht ungewohnt?

Tommy Krappweis: Meine ersten Bücher waren Fantasy (Jim Knopf, Unendliche Geschichte, Der kleine Hobbit…) und ich habe von Herr der Ringe über Spellsinger, Riverworld und The Chronicles of Thomas Covenant bis hin zu heutigen Meistern wie Terry Pratchett und Neil Gaiman nie damit aufgehört. Ich lese auch andere Bücher, neben SF eben auch Belletristik, Fach/Sachbücher und Biographien – aber Fantasy war meine Einstiegsdroge und wird immer mein Lieblingsrausch bleiben.

Literatopia: Bedienst Du Dich bei Deinen Charaktere bei realen Vorbildern? Sprich müssen Familienglieder und Freunde dran glauben und finden sich in veränderter Gestalt in deinen Büchern wieder? Falls ja und entsprechende Personen das wissen: Was sagen sie dazu?

Tommy Krappweis: Oh ja. Egal ob in den Bernd-das-Brot-Folgen ein ungeliebter Lehrername als Bösewicht auftaucht oder ob ich für Maras Mutter auf den reichhaltigen Schatz esoterischer Wirrungen aus meinem familiären Umfeld zurückgreife – meine Mitmenschen und meine Umwelt fließen teilweise sehr direkt in das jeweilige Werk mit ein. Das ist auch der Rest-Comedian in mir, der einfach irgendwann anfing, Stoffe zu sammeln für Stand-Up-Gags, Sketche usw. Comedy ist immer am wirkungsvollsten, wenn sie aus dem Leben kommt und man das auch spürt. Für mich verpufft die Wirkung eines Stand-Ups wenn ich merke, dass mir da jemand eine Geschichte als „voll wahr und so“ verkaufen will, die er sich zuhause am PC ausgedacht hat. Vorsicht vor Sätzen wie: „Gestern, ich so in der S-Bahn…“ Populäre TV-Comedians fahren nicht mehr mit der S-Bahn sondern bestenfalls Taxi.

Literatopia: In „Mara und der Feuerbringer“ finden sich Illustrationen von Adriaan Prent. Wie kam es dazu, dass er die Gestaltung Deines Romans übernommen hat? Und wie gefällt Dir die Aufmachung des Buches allgemein?

Tommy Krappweis: Ich bin sehr zufrieden damit, was der Schneider Verlag da für in der Tat sensationelle 12,95.- als Hardcover in die Regale gestellt hat. Das aufwändige Cover mit Prägung, die Federzeichnungen, der Anhang von Prof. Simek… darüber habe ich mich wirklich sehr gefreut und tue es noch. Und Adriaan Prent ist mein Stiefbruder. Wir haben uns in der FOS für Gestaltung München kennengelernt und wir waren beide Scheidungskinder. Seine Mutter war ebenso Single wie mein Vater und da haben wir kurzerhand ein Date arrangiert. Die beiden gingen getrennt vorne ins Kino rein und kamen hinten als Pärchen wieder raus. Heute sind sie verheiratet und so habe ich ein großes Stück Familie dazu bekommen. Adriaan hat schon damals so verdammt gut gemalt und gezeichnet, dass ich ihn manchmal gerne bewusstlos gewürgt hätte. Aber heute habe ich mich im Griff und jeder macht das, was er am besten kann.

Literatopia: Im Fantasy-Forum hast Du an der Leserunde zu Deinem Debütroman teilgenommen. Was hast Du für Dich aus dieser Erfahrung gezogen? Wie war der Kontakt zu den Lesern?

Tommy Krappweis: Ich hatte mich dort relativ plump per Posting vorgestellt und bat darum, meinem Buch eine Chance zu geben, falls jemand nichts Besseres vorhabe. Daraufhin luden mich die Admins zu einer virtuellen Leserunde ein, bei der der Autor zu den Postings der Leser/innen möglichst frequentiert und detailliert Stellung nimmt. Ich sagte zu und kam erst hinterher auf die Idee, mal nachzulesen wie es anderen Autoren bei den Leserunden so erging… Ich war zugegebenermaßen etwas schockiert, wie knallhart und teilweise auch eher grenzcharmant hier kritisiert wurde. Aber da war es schon zu spät… und was soll ich sagen… ich kam gottseisgedankt wirklich verdammt gut weg. Den meisten Leser/innen gefällt mein Buch sogar sehr gut und sogar die, deren Ding es nicht so war, fanden positive Worte für den Humor, den Stil und die Lesbarkeit. Außerdem habe ich durch das Fantasy-Forum jetzt nicht nur einen Geburtstag für Mara, weil eine Leserin meine Hauptfigur als Sternzeichen Krebs mitsamt Aszendenten „identifizierte“ und ich ihren Datumsvorschlag gerne annahm – sondern auch eine Tonne wertvoller Tipps und Erkenntnisse, wie ich Band 2 und 3 besser machen kann. Es gibt für mich kein größeres Lob, als wenn richtige Hardcore-Fantasy-Fans mir schreiben, dass sie Spaß hatten an meinem Buch. Natürlich freue ich mich wie ein Depp, wenn das Buch ein Erfolg wird – aber mein Herzblut können nur die Fans erwärmen oder eben auskippen. Wenn Mara so erfolgreich wird, dass ich es verfilmen kann, werden sich alle Teilnehmer der Leserunde die am richtigen Tag am richtigen Ort sind, vor der Kamera wiederfinden wenn wir die große Actionszene mit dem Lindwurm Fafnir auf der Museumsbrücke drehen. Das habe ich versprochen und dazu stehe ich. In der Bernd-das-Brot-Folge „Brot und Spiele“ kann man auch die verdientesten, langjährigsten Berndfans aus dem Berndboard als Briegels Online-Zoker-Kumpels bewundern. Ich mag solche Aktionen.

Literatopia: Als Comedian sollte es Dir eigentlich leicht fallen, Lesungen interessant und amüsant zu gestalten. Nutzt Du diese „Vorbildung“ entsprechend aus? Und bist Du trotzdem noch nervös dabei?

Tommy Krappweis: Ich habe während meiner Zeit als Comedian und Livemusiker so dermaßen abgrundtief peinliche und niederschmetternde Auftritte absolviert, dass ich eigentlich inzwischen immun bin. Problematisch wäre für mich nur, wenn ich Text auswendig lernen müsste und es kein Liedtext ist. Aber freier Vortrag mit Stichpunktzettel in der Hand und anschließendes Vorlesen macht mir keine Angst. Natürlich hat man immer Respekt vor dem jeweiligen Publikum: Eine Klasse Realschüler mit verschränkten Armen und hochgezogener Eminem-Lippe sind auf ihre Weise eine ebenso harte Nuss wie die Aufgabe, auf den Fantasy-Days weitestgehend leere Stuhlreihen durch Stand-Up zu füllen, um nicht in einen leeren Raum hinein zu lesen. Auch das „Tommy Krappweis heute hier neben der Wursttheke-Gefühl“ in einem Münchner Buchladen muss man eben aushalten, wenn man will dass die Leute das Buch lesen. Ich glaube, ich bin einfach ziemlich schmerzfrei was das angeht. Wenn einer lacht sind wir schon zwei.

Literatopia: Zu dem Film „Dörte’s Dancing“ hast Du das Drehbuch geliefert. Worauf muss man Deiner Meinung nach beim Schreiben von Drehbüchern achten? Und wie lange arbeitest Du durchschnittlich daran?

Tommy Krappweis: „Dörtes Dancing“ war ein unfassbarer Quotenerfolg, aber ich hätte es als Regisseur anders umgesetzt. Allerdings kann es gut sein, dass es dann vielleicht weniger gut angekommen wäre und ProSieben kann froh sein, dass Andi Niessner das übernommen hat. Wenn man etwas schreibt, das jemand anders dreht, sollte man dem Buch nochmal hinterher winken und es dann am besten vergessen. Die Enttäuschung ist systemimmanent, denn warum sollte ein Regisseur Dein Gehirnkino verfilmen, wenn sein eigenes ebenso gut funktioniert.
Generell versuche ich bei Drehbüchern immer einen Film zu schreiben, den ich gerne sehen würde. Wenn ich Glück habe, ist es auch das was der Sender will und es geht glatt durch. Wenn wir alle Pech haben, stellt sich jede Partei irgendwie was anderes vor und dann gilt natürlich das Wort dessen, der bezahlt. Also die Redaktion des Senders, klar. Für die „ProSieben Märchenstunde“ habe ich 6 Drehbücher geschrieben oder bearbeitet, war in der ersten Staffel auch Headwriter. Und da konnte ich auch ein paar meiner eigenen Bücher umsetzen. Aus der ersten Staffel fand ich „Frau Holle“ gelungen, obwohl da eigentlich noch 10 Minuten mehr nötig gewesen wären, um einen wirkungsvolleren Schluss zu bauen und in der zweiten Staffel war es „Der gestiefelte Kater“ und „Aschenputtel“ was mir bis heute gut gefällt. Dummerweise sind diese Folgen gar keine Parodie mehr sondern eher liebevoll verfilmte Märchen… Ups.
Die Schreibdauer eines Drehbuchs ist total abhängig davon, ob Auftraggeber und Autor in etwa die gleiche Vision teilen. Wenn das so ist, kann es ganz schnell gehen. Schnell bedeutet in dem Fall: Wenige Wochen. Sollten die Vorstellungen aber weiter auseinander liegen, kann so etwas auch Jahre dauern. Für den geplanten Bernd-das-Brot-Kinofilm sitzen wir jetzt an Drehbuchfassung 29… bei 28 hatten wir den Partner gewechselt. Oder der Partner uns… so genau kann man das gar nicht sagen.

Literatopia: Seit 1992 spielst Du in einer Band, den „Harpo Speaks“, und hast auch zur Pro Sieben Märchenstunde etwas beigesteuert. Wo siehst Du die Verbindung zwischen Musik und Literatur? Und unterscheidet sich Deiner Meinung nach das Schreiben von Songtexten grundsätzlich von Romanen – oder gibt es auch Gemeinsamkeiten?

Tommy Krappweis: Ehrlich gesagt, ist „das alles“ für mich ein Ding. Musik, Singen, Schreiben, Schneiden, Drehen, Spielen, Singen, LEGO bauen oder Marionetten basteln… Das meine ich nicht polemisch oder effekthascherisch, sondern ganz ehrlich. Alles was den Kreativmuskel kitzelt ist irgendwie ähnlich. Manches nervt mehr, manches weniger – manches wird schlecht bezahlt, manches gar nicht, manches unverhältnismäßig viel – aber irgendwie ist es alles gleich.

Literatopia: Bei RTL Samstag Nacht hast Du recht schnell den Platz hinter der Kamera eingenommen und geschrieben. Wie kamst Du zu dieser Position? Was hat Dir daran besser gefallen als vor der Kamera zu stehen?

Tommy Krappweis: Erstens: Kreative Kontrolle. Zweitens: Die volle Verantwortung für das, was ich mache. Drittens: Ich muss keine Texte mehr lernen. Und zu der Position kam ich, weil wohl alle gespürt haben, dass ich da besser aufgehoben bin. Stefan Raab hat mir damals meinen ersten professionellen Regiejob außerhalb der Show gegeben. Ein Musikvideo für seine erste Longplay „Schlimmer Finger“. Ab da ging‘s dann so weiter bis heute.

Literatopia: Die obligatorische Fragen für alle Autoren: Wann und warum hast Du mit dem Schreiben angefangen? Gehörst Du zu denen, die schon in der Grundschule regelmäßig kleine Geschichten geschrieben haben oder kam irgendwann der Punkt, an dem Du diese Leidenschaft für Dich entdeckt hast?

Tommy Krappweis: Ich habe mit 8 Jahren meinen ersten Stop-Motion-Film auf Super-8 gedreht und mir dafür eine Geschichte überlegt. Das erste schriftlich fixierte Stück war auch gleich mit Schreibmaschine und zwar in der dritten Klasse: Ein Theaterstück auf Basis der Kurzgeschichte „Pumuckl und die Grippetabletten“. Es folgten weitere Adaptionen diverser Kinder- und Jugendhelden von Asterix bis Bud Spencer & Terence Hill – sicherlich eins der seltsameren Theaterstücke der Achtziger – und immer wieder Filme, Filme, Filme. Dazu versuchte ich mich laufend an Kurzgeschichten, hatte aber leider in dieser Form noch nichts zu erzählen. Es kam nicht über die Mimikry von Dingen hinaus, die ich gerade gelesen hatte also spürte ich früh, dass die Zeit dafür noch nicht gekommen war. Ich musste erst noch mehr lesen und vor allem mehr erleben. Mit „Mara“ war jetzt der richtige Zeitpunkt, weil der Stoff einforderte, ein Buch sein zu wollen. Wenn nichts raus will, sollte man wirklich kein Buch schreiben finde ich. Aber das kann ich auch nur sagen, weil ich davon nicht leben muss. Denn Drehbücher und Sketche schreibe ich ja auch, egal ob die „raus müssen“ oder nicht. Die müssen nur insofern raus, als dass es einen Abgabetermin gibt und da sollte es besser fertig und gut geschrieben sein.

Literatopia: Brauchst Du ein bestimmtes „Setting“, um schreiben zu können? Sprich einen ruhigen Abend in Deinem Arbeitszimmer oder mit Laptop auf dem Bett. Oder schreibst Du einfach immer, wenn es zeitlich gerade passt?

Tommy Krappweis: Einfachere Dinge kann ich immer schreiben. Einen Sketch tippe ich zur Not in der Trambahn, weil ich gerade was gesehen habe und es nicht vergessen will, oder nachts, weil eine Mail aus meiner Firma kommt, dass wir noch drei 60-Sekünder brauchen. Aber sobald mehr Emotionalität und Atmosphäre in dem Werk vorkommen soll, muss ich mir auch ein Umfeld schaffen, das es mir ermöglicht mich darin zu versenken. Bei „Mara“ habe ich immer mindestens zwanzig Minuten und manchmal eine Stunde gebraucht, bis ich zu tippen angefangen habe. Erstmal zur Ruhe kommen, ein Stück lesen, noch was korrigieren… evtl. Musik aussuchen außer es wäre für die Szene hinderlich, wenn ich mir dadurch ein Timing vorgebe. Und dann geht es irgendwann los. Wenn jetzt das Telefon klingelt oder meine Frau „nur schnell was fragen“ will oder meine 15 Monate alte Tochter breit grinsend ins Arbeitszimmer stapft, um mir zu zeigen, was sie aus dem aktuellen SPIEGEL ausgerissen oder aufgegessen hat, dann ist es erst mal vorbei. Grundsätzlich verfüge ich allerdings über eine sehr hohe Disziplin und verpasse auch keine Abgabetermine.

Literatopia: Findest Du bei Deinen vielen Tätigkeiten eigentlich noch Zeit zum Lesen? Wenn ja, was liest Du gerne? Und erinnerst Du Dich noch an den ersten Roman, den Du gelesen hast?

Tommy Krappweis: Ups, das hab ich ja oben eigentlich schon beantwortet. Ich glaube, es muss entweder Jim Knopf oder vielleicht auch der Räuber Hotzenplotz gewesen sein… Meine erste Leseerfahrung an sich ist aber „Petzi sticht in See“. Das konnte ich auswendig, bevor ich in die Schule kam. Und wie oben schon erwähnt lese ich eigentlich dauernd. Viel. Immer.

Literatopia: Was wird uns in Zukunft von Dir erwarten? Du willst das Schreiben hoffentlich nicht wieder an den Nagel hängen. Wirst Du weiterhin Fantasy-Romane schreiben und Dich vielleicht auch in andere Gefilde wagen?

Tommy Krappweis: Was „Mara“ angeht, hoffe ich ganz stark auf einen Erfolg. Und wenn mir dieser ermöglicht, weitere Bücher schreiben zu können – nicht nur die Folgebände sondern auch andere Geschichten – dann wäre das großartig. Ich hab auf jeden Fall sehr große Lust dazu. Aber das entscheiden die Leser/innen. Denn wie schon bei meiner Kehrtwende vom Comedian zum Autor/Regisseur will ich nichts machen, das nur dazu taugt, dass ich mich „TV-Komiker“ oder eben „Romanautor“ nennen darf. Ich gebe ganz unumwunden zu, dass es mir wichtig ist, ob Leute Spaß an meinen Werken haben. Egal was es ist. Ich will weder ein Musiker sein, der auf einer Bühne für sich selbst spielt, noch ein Autor, der nur für sich schreibt. Es gibt Menschen, die das so sehen, sich nur dann wahrhaftig fühlen und für diese Personen ist das dann der richtige Weg. Für mich nicht. Ich will, dass mein Kram Leuten Spaß macht.

Literatopia: Vielen Dank für das Interview, Tommy!

Tommy Krappweis: Aber gern, Literatopia!


Illustrationen: Copyright by Adriaan Prent / Schneider Verlag

Mehr über Tommy und Mara auf: http://www.maraundderfeuerbringer.de/

Mara-Special (Januar 2011)

Rezension zu "Mara und der Feuerbringer" (Band 1)

Rezension zu "Mara und der Feuerbringer - Das Todesmal" (Band 2)

Rezension zu "Mara und der Feuerbringer - Götterdämmerung" (Band 3)


Dieses Interview wurde von Judith Gor für Literatopia geführt. Alle Rechte vorbehalten.

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