Fabienne Siegmund (19.11.2021)

Interview mit Fabienne Siegmund

fabienne siegmund2021Literatopia: Hallo, Fabienne! Kürzlich ist bei Art Skript Phantastik Dein düsterer Fantasyroman „Das Mühlenreich“ erschienen. In diesem Mühlenreich spielen die Geschichten von der Schmetterlingshexe, der Mottenfrau, der Spinnenfee und dem Käferkönig – wovon handeln diese?

Fabienne Siegmund: Die vier Figuren sind die Königinnen und Könige kleiner Bereiche, in die sich das Mühlenreich unterteilt. So heißt es im Buch:
Den Schmetterlingen die Wiesen, leuchtend im Sonnenlicht.
Den Käfern den Wald, schimmernd im Schattenschein.
Den Motten den Friedhof mit seinen Seelenflammen.
Den Spinnen aber das Mühlenschloss, wo alle Fäden sich kreuzen, wo alle Lichter verschmelzen.

Sie alle erinnern an klassische Märchengestalten, an die, vor denen man sich leicht gruselt, die aber auch gut sein können. Die Geschichte der vier wird nur am Rand behandelt, hauptsächlich geht es im Mühlenreich um Sofia, die nach langer Zeit an den Ort ihrer Kindheit zurückkehrt und dort auch wieder auf Spuren des Mühlenreiches trifft.

Literatopia: Deine Protagonistin Sofia kennt die Geschichten über das Mühlenreich seit ihrer Kindheit. Was erwartet sie im Haus ihrer Großeltern, als sie als Erwachsene zurückkehrt?

Fabienne Siegmund: Erstmal natürlich eine Menge Erinnerungen an ihre Großeltern selbst, aber auch an die eigene Kindheit. Dazu aber viele Fragen – Sofia erfährt recht schnell, dass es da etwas geben muss, dass sie vergessen hat, etwas sehr wichtiges. Und die Antworten auf diese Fragen scheinen sich im Mühlenreich zu verbergen.

Literatopia: Wer unterstützt Sofia auf ihrer Suche nach Antworten? Und wem begegnet sie im Mühlenreich?

Fabienne Siegmund: Sofia begegnet auf ihrem Weg durchs Mühlenreich vielen Menschen und anderen Wesen, davon sind ihr auch einige wohlgesonnen, wie beispielsweise die Vogelfrau. Aber das Mühlenreich ist nicht unbedingt eine freundliche Welt, und so gibt es auch Begegnungen, die nicht so schön sind.

Literatopia: Zu „Das Mühlenreich“ sind zwei Novellen erschienen, „Spinnenfee und Mäusekönig“ und „Die Bibliothek der Nacht“. Die Hefte sind auf wenige Exemplare limitiert – kann man die Novellen auch als eBook lesen? Und wovon handeln diese?

Fabienne Siegmund: Ja und nein – nicht einzeln. Es ist aber geplant, dass sie in der nächsten Auflage des Mühlenreiches oder in Band 2 mit ins Buch gedruckt werden und dann werden sie voraussichtlich auch digital im Rahmen dieser Veröffentlichungen lesbar sein.

„Spinnenfee und Mäusekönig“ erzählt die Geschichte des Mäusekönigs, einer Nebenfigur im Mühlenreich und beleuchtet darin seine Hintergründe.

„Die Bibliothek der Nacht“ hingegen schließt an die Handlung des Romans an und führt wiederum die Geschichte von zwei anderen Nebenfiguren weiter, die ich an dieser Stelle aber nicht verraten will.

Literatopia: Im November ist „Der Wolkenphönix“ im Verlag Edition Roter Drache erschienen. Was ist denn ein Wolkenphönix? Und was passiert, als Wahrsagerin Mireia Mabel beim Spaziergang eine Murmel aufhebt?

Fabienne Siegmund: Ein Wolkenphönix ist ein Verwandter des uns bekannten Phönix, anders als seine feurigen Geschwister ist er aber ein Wesen aus Wolken und Wasser – stirbt er, zerfällt er nicht zu Asche, sondern zu Myriaden aus feinen Tropfen – und entsteht nach einer Weile wieder neu, ganz wie Wolken es tun.

Was aber passiert, wenn die Mireia die Murmel aufhebt, kann ich hier schlecht verraten – denn so beginnt die Geschichte, die man im Buch erfahren kann ;)

Literatopia: Was kannst Du uns denn über die Geschichte verraten, ohne zu spoilern?

Fabienne Siegmund: Nun, dass eben Mireia und der Fremde sich am Morgen nach ihrer ersten Begegnung gemeinsam auf den Weg machen, um den einzigen Wolkenphönix zu retten – und dafür müssen sie zunächst den Weg in die Gefilde der Morgendämmerung finden, und von dort aus führt der Weg sie durch den Tag mit seinen Wüsten und Honigmeeren, die Abenddämmerung und schließlich in die Nacht.

Literatopia: Wer ist der Fremde, mit dem Mireia loszieht, um den Wolkenphönix zu retten?

Fabienne Siegmund: Der Fremde trägt den Namen Arian Galeno und hat sehr persönliche Gründe, den Wolkenphönix zu suchen und zu retten.

Literatopia: Deinen Geschichten merkt man Deine Liebe zu Märchen an. Was fasziniert Dich an dieser Art von Erzählung? Und hast Du ein Lieblingsmärchen?

Fabienne Siegmund: Märchen haben mich immer schon fasziniert, ich mochte immer die gruseligen, bei denen ich als Kind die Bettdecke bis zur Nasenspitze gezogen habe, wenn meine Eltern oder Großeltern sie mir vorgelesen haben. Und ich fand Märchen immer ermutigend – dass man auch wenn man nicht sonderlich stark ist, große Dinge mit anderen Tugenden schaffen kann. Heute faszinieren mich die Symbolik und die Bildwelten dahinter, auch die Geschichte der Märchen selbst und wie sie sich im Lauf der Jahrhunderte gewandelt haben, ohne zum Teil ihre Wahrheit und Aktualität zu verlieren. Und ich mag die Möglichkeiten, die Märchen mir als Schriftstellerin bieten – aus den alten Stoffen neue Geschichten zu weben, sie aus dem Schwarz-Weiß in Graunuancen zu betten und bunter und diverser zu gestalten.

Die Frage nach dem Lieblingsmärchen ist gar nicht so leicht zu beantworten, ich mag die Kunstmärchen von Andersen sehr, aber wenn ich ein oder zwei hervorheben müsste, wären das „Allerleirauh“ und „Östlich der Sonne, westlich des Mondes“.

Literatopia: Du magst phantastische Wesen aller Art. Gibt es auch welche, die es Dir besonders angetan haben? Über welche phantastischen Wesen würdest Du gerne öfter lesen?

Fabienne Siegmund: Tatsächlich gehört der Phönix zu meinen Lieblingsgeschöpfen, ich mag die Symbiose von Anfang und Ende und das eigentlich nichts je wirklich endet.

Ein Geschöpf, über das ich gerne mehr lesen würde, gibt es nicht wirklich – ich freue mich, wenn ich tolle Geschichten mit phantastischen Wesen entdecke, aber ein Wunschwesen habe ich nicht.

Literatopia: Deine Liebe zu Geschichten hast Du bereits als Kind entdeckt – wann hat Dir das Lesen nicht mehr gereicht? Und wovon handelten Deine ersten selbst erdachten Geschichten?

Fabienne Siegmund: Puh, eine schwere Frage. So genau weiß ich gar nicht mehr, wann das war. Allerdings habe ich neulich meine ersten selbst erdachten Geschichten noch mal in die Hände bekommen – es ging um eine Schildkröte, die in einem Wald lebte und Menschen kluge Ratschläge gab – mit der Holzhammermethode wohlgemerkt. Inzwischen ist dieses kleine Heft wieder sehr gut versteckt und wird so bald nicht mehr das Licht der Welt erblicken (und das der Öffentlichkeit eindeutig niemals).

Literatopia: Du hast Deine Geschichten lange in der Schublade versteckt. Wann kam der Wunsch auf, etwas zu veröffentlichen? Und wie hast Du den Mut gefunden, den ersten Schritt zu tun?

Fabienne Siegmund: Der Wunsch war irgendwie zu Anfang gar nicht da, und so habe ich mich auch gar nicht weiter dafür interessiert, zu veröffentlichen. Bis ich eines Tages meinem ehemaligen Arbeitskollegen und heutigen Autorenkollegen Thomas Krüger eine Kurzgeschichte von mir gab, die ich kurz davor als Teilnehmerin einer Schreibgruppe geschrieben habe, die ich inzwischen selbst leite.

Thomas gefiel die Geschichte, und er reichte sie an eine Literaturagentur weiter, die mich kurz darauf tatsächlich zu einem Gespräch einlud. Zwar wurde daraus nie etwas, aber ich begann, an kleinen Wettbewerben und Ausschreibungen teilzunehmen. Und dann erschienen die Bücher rund um die "Uralte Metropole" von Christoph Marzi, mit denen sich alles änderte. Christoph wurde zu meinem Lieblingsautoren, und als zur "Malfuria"-Trilogie ein Wettbewerb ausgeschrieben wurde, reichte ich eine Geschichte ein und belegte damit glaube ich sogar den dritten Platz – viel wichtiger war aber, dass ich im dazugehörigem Forum meinen ersten Verleger Ulrich Burger kennenlernte und meine ersten Schritte in die Buchwelt tat.

Literatopia: Inwiefern hat sich die deutschsprachige Phantastikszene Deiner Meinung nach in den letzten Jahren verändert?

Fabienne Siegmund: Ich glaube, die Geschichten sind noch bunter und vielgestaltiger und vor allem vielfältiger geworden, vielleicht fällt es mir aber auch nur mehr auf als zu Beginn …

Literatopia: Zu Deinen Lieblingsbüchern gehört „Die unendliche Geschichte“ von Michael Ende. Wann hast Du diese das erste Mal gelesen? Und hat sich Dein Blick darauf über die Jahre verändert?

Fabienne Siegmund: Wenn ich mich recht erinnere, war ich neun, als ich Phantásien das erste Mal an der Seite von Bastian Balthasar Bux betrat und seither habe ich es wirklich unzählige Male wieder getan – nicht immer lesend, sondern gerne auch mit verschiedenen Hörbüchern oder –spielen, einmal sogar als Marionetten-Theater. Momentan höre ich es als Lesung von Gert Heidenreich gesprochen auch wieder. (Ich finde, der November ist ein großartiger Monat, um nach Phantásien zu reisen. Obwohl. Das ist eigentlich jeder Monat.)

Mein Blick auf die Geschichte hat sich im Laufe der Jahre natürlich sehr verändert, mit den Augen der Neunjährigen, die sich allzuoft wie Bastian mit einem Buch unter die Bettdecke verkrochen hat, war es das Abenteuer, das es zu bestehen galt und ich weiß noch, wie schockiert ich war, dass Bastian die kindliche Kaiserin „Mondenkind“ taufte – ich selbst hatte viele, in meinen Augen schönere Namen im Kopf. Aber ich glaube, das hat Michael Ende bewusst getan – damit immer wieder Menschen ihr einen neuen Namen geben, wenn sie das Buch lesen und Phantásien so nie ganz vergessen wird.

Später dann habe ich auch all die Bilder und Symbole und Botschaften entdeckt, die zum Teil auch in Verbindung mit den Bildern seines Vaters Edgar Endes stehen, und ich glaube, ich kenne sie immer noch nicht alle. Was dieses Buch für mich aber so wertvoll macht.

Literatopia: Würdest Du uns abschließend noch einen kleinen Ausblick auf kommende Veröffentlichungen geben? Wird es beispielsweise mit den „Herbstlanden“ weitergehen?

Fabienne Siegmund: Soweit ich das kann, gerne. Zum "Mühlenreich" wird es einen zweiten Teil geben, einen genauen Termin kann ich hier aber noch nicht nennen. Zudem arbeite ich noch an anderen Projekten, die leider auch noch nicht spruchreif sind.

In den "Herbstlanden" wird es weitergehen – es sind gerade zwei weitere Novellen und eine zweite Geschichtensammlung geplant, die von Markus Heitkamp herausgegeben wird.

Literatopia: Herzlichen Dank für das Interview!

Fabienne Siegmund: Ich danke dir, dass ich bei euch zu Gast sein durfte!


Autorenfoto: Copyright by Freylin Fotografie, Jonas Steingräber

Rezension zu "Der Zirkus der Einhörner"

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Dieses Interview wurde von Judith Madera für Literatopia geführt. Alle Rechte vorbehalten.

Tags: Märchen, Fabienne Siegmund

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