Das Erbe der Elfenmagierin - Die Chroniken von Beskadur 1 (James A. Sullivan)

Piper (September 2021)
Hardcover, 448 Seiten, 16,00 EUR
ISBN: 978-3-492-70671-1

Genre: High Fantasy


Klappentext

Der Beginn einer epischen Reise …

Behütet unter uralten Bäumen, wächst der Elf Ardoas in seiner Heimatsiedlung Ilbengrund auf. Er wird von den besten Lehrmeistern in Kampfkunst, Wissenschaft und Magie unterrichtet, alles, um für seine große Aufgabe gerüstet zu sein: die verlorene Erinnerung der legendären Elfenmagierin Naromee wiederzufinden, deren Inkarnation er ist. Doch wie findet man Zugang zu Wissen, das im eigenen Gedächtnis schlummert und dennoch unerreichbar scheint? Ein geheimnisvolles Orakel ist seine einzige Hoffnung – doch der Weg dorthin ist lang und überall lauert Gefahr …


Rezension

Ardoas ist der Fürstensohn der Elfensiedlung Ilbengrund und Inkarnation der legendären Elfenmagierin Naromee, die einst in der Fremde starb. Damals wurde den Elfen die Seelenmagie gestohlen, doch leider hat Ardoas, wie alle Inkarnationen vor ihm, keinen Zugang zu den Erinnerungen, die tief in ihm verborgen sind. Einerseits hoffen alle darauf, dass es Ardoas gelingt, die Erinnerungen wiederzufinden und bereiten ihn auf seine Aufgabe vor, doch andererseits fürchten die Elfen einen weiteren Verlust und wollen nicht, dass Ardoas in die Fremde reist. Einzig seine Tante Zordura ermuntert ihn, aufzubrechen und die Dinge nicht auf Elfen- sondern auf Menschenweise anzugehen. Und so zieht es Ardoas auch in diesem Leben in die Fremde, wobei er erstmals einen entscheidenden Vorteil hat: Das Tagebuch seiner früheren Inkarnation Ardoana weist ihm den Weg, zudem hat sie Freundschaften hinterlassen, die Ardoas Unterstützung bieten. Trotzdem ist seine Reise gefährlich. Bald heften sich Verfolger an seine Fersen – manche hoffen auf Reichtümer, andere wollen ihn töten …

Auf den ersten Blick ist „Das Erbe der Elfenmagierin“ klassische High Fantasy in einer mittelalterlichen Fantasywelt, inklusive Heldenreise und dem Zusammenwachsen einer Schicksalsgemeinschaft. Der Weltenbau ist allerdings deutlich progressiver als üblich, angefangen bei den Elfen, die ihre Herrscher wählen. Es gibt Schwarze Elfen wie Protagonist Ardoas, nicht-binäre Geschlechtsidentitäten und polyamore Beziehungen. Die Elfen sind sehr tolerant und respektvoll gegenüber anderen Kulturen, allerdings leben sie aufgrund traumatischer Erfahrungen aus ihrer alten Welt zurückgezogen. Nicht nur bei den Elfen, auch bei den anderen Völkern Alvaredurs (der Erzählwelt) füllen Frauen und Männer gleichermaßen verschiedenste gesellschaftlichen Rollen und Positionen aus. Neben Menschen begegnen einem unter anderem die gehörnten Vilbaren, die stämmigen Raveelen und die geflügelten Belraunen. Die Völker leben weitgehend friedlich zusammen, allerdings ist Alvaredur nicht frei von Konflikten und machthungrigen, gierigen Gestalten.

Ardoas, der zwar vor den Gefahren außerhalb der Elfensiedlung gewarnt wurde, jedoch selbst noch keine schlechten Erfahrungen gemacht hat, geht sehr offen auf andere Völker zu. Er respektiert ihre Bräuche und versucht stets, sich anzupassen. Das erscheint oft naiv, allerdings profitiert er sehr von den Banden, die Ardoana einst geknüpft hat. So begegnen ihm oft Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit und es erweist sich oft als richtig, dass er Fremden sein Vertrauen schenkt. Doch Ardoas kann sich durchaus auch verteidigen und ist ein geübter Kämpfer, der über ein gewisses Maß an Magie verfügt. So ist er keineswegs blind für Gefahren und kann gut einschätzen, wann er einen Kampf gewinnen kann und wann er besser den Rückzug antritt. Auf seiner Suche nach Antworten stößt er auf den jungen Adligen Daludred, der ein mysteriöses Orakel sucht. Ardoas erkennt, dass das Orakel ihm mit seinen Erinnerungen helfen könnte, rettet Daludred aus der Bredouille und tut sich mit ihm zusammen. Die Dritte in der kleinen Gemeinschaft ist Söldnerin Jerudana, die genug hat von den Eskapaden ihres Cousins und ein neues Leben sucht.

Jerudana ist eine mit allen Wassern gewaschene, kämpferische junge Frau, die zu lange im Schatten ihres unfähigen Cousins stand und anfänglich Probleme hat, Ardoas und Daludred zu vertrauen. Diese überzeugen sie jedoch mit ihrer Offenheit und Ehrlichkeit. Ardoas ist ein ruhiger, nachdenklicher und neugieriger Charakter, während Daludred sich vor allem durch seinen Wissensdurst, seine Intelligenz und Ängstlichkeit auszeichnet. Er hat einen besonderen Blick für entscheidende Details und hellseherische Fähigkeiten, die er jedoch nicht richtig einzusetzen weiß. Stattdessen überfordern und ängstigen ihn die Bilder, die in seinen Geist sickern. Zwischen den dreien entsteht schnell eine innige Freundschaft und mehr – sie ergänzen sich perfekt und ihr respekt- und liebevoller Umgang miteinander liest sich einfach herzerwärmend.

Vor allem Daludred profitiert davon, dass die anderen beiden seine Ängste ernst nehmen und ihm beistehen. Jerudana erfährt durch die beiden Männer Anerkennung und Respekt und Ardoas blüht in der Gemeinschaft richtig auf. Sein ganzes Leben lang haben die Elfen ihm Angst gemacht, dass er wie seine Vorgänger*innen scheitern könnte, doch zusammen mit Daludred und Jerudana glaubt Ardoas daran, dieses Mal sein Ziel zu erreichen. Die drei finden zwar etwas zu schnell und leicht zusammen, als hätten sie sich gesucht und gefunden, doch es ist einfach schön zu lesen, wie sich gegenseitig unterstützen und zusammenwachsen. Außerdem vergeht im Roman fast ein Jahr, auch wenn es einem beim Lesen nicht so vorkommt. Vielmehr scheint die Zeit dahinzufliegen, so schnell wechseln die Orte und Nebenfiguren – so, als würde man sie wie ein Elf wahrnehmen.

Was bleibt ist die Schar der Verfolger. Söldnertruppen wollen die Belohnung kassieren, die Daludreds Familie auf seine sichere Heimkehr ausgesetzt hat. Zwielichtige Händler gieren nach dem Schatz im Tempel des Orakels. Und finstere Gestalten trachten Ardoas nach dem Leben und hetzen ihm Meuchelmörder auf den Hals. Die Verfolger bekämpfen sich teilweise gegenseitig – teilweise verbünden sie sich aber auch. Da sich die Handlung stark auf die drei Protagonist*innen konzentriert, bleiben ihre Gegenspieler vergleichsweise blass. Es dauert lange, bis man etwas mehr über die Hintergründe erfährt und James A. Sullivan hebt sich wohl vieles für den zweiten Band, „Das Orakel in der Fremde“, auf. Leider erfährt man auch sehr wenig über die anderen Inkarnationen Naromees, mit Ausnahme Ardoanas, die als erste ein Tagebuch verfasst hat bzw. vielleicht ist ihres schlicht das einzige, das den Weg zurück gefunden hat.

„Das Erbe der Elfenmagierin“ eignet sich vor allem für Fantasyfans, die die ausgetretenen Pfade verlassen wollen. James A. Sullivan beschreibt die Landschaften und Städte nur skizzenhaft, doch oft reicht schon die Wahl der Namen, um sich die Orte vorzustellen. Es gibt eine Reihe interessanter Nebenfiguren, wobei es oft bei einem kurzen Kennenlernen bleibt. Andere tauchen immer wieder mal in der Handlung auf, so wie Ardoanas einstige Geliebte Velbaree und ihre neuen Gefährten. Der Schreibstil ist schnörkellos und gut zu lesen und passt zum Weltenbau, wobei viele Informationen in den Dialogen enthalten sind. Man sollte immer gut zuhören, was die Charaktere zu sagen haben. Die Magie ist mit der Welt auf organische Weise verwoben und unterliegt verschiedenen Beschränkungen, sodass sie zwar oft hilfreich, aber nie alleinige Lösung eines Problems ist. Während die High Fantasy oftmals zu ausschweifend mit zu vielen Nebenhandlungen, hätte man sich hier von vielem etwas mehr gewünscht, insbesondere von der Vergangenheit der Elfen und den nicht-menschlichen Völkern Alvaredurs.


Fazit

„Das Erbe der Elfenmagierin“ ist eine klassische Heldenreise mit progressivem Weltenbau, bei der seltener Kämpfe, sondern meist Freundlichkeit und Vertrauen ans Ziel führen. Im Zentrum der Handlung steht die Gemeinschaft der drei Protagonist*innen, die sich gegenseitig unterstützen und ergänzen und so einer ganzen Schar von Verfolgern und ihren inneren Dämonen trotzen.


Pro und Contra

+ progressiver, diverser Weltenbau
+ Ardoas, Daludred und Jerudana ergänzen sich perfekt
+ Ardoas‘ respektvoller Umgang mit anderen Kulturen
+ Freundlichkeit und Vertrauen zahlen sich aus
+ Verfolger mit unterschiedlichsten Interessen
+ amüsante und emotionale Dialoge
+ schnörkelloser, gut zu lesender Stil

- insgesamt etwas kurz geraten
- Ardoas Reise verläuft lange zu problemlos
- zu wenig Raum für interessante Nebenfiguren

Wertung: sterne4

Handlung: 3,5/5
Charaktere: 4/5
Lesespaß: 4,5/5
Preis/Leistung: 4/5


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Tags: James A. Sullivan, queere Figuren, Schwarze Autor*innen, progressive Phantastik, High Fantasy, Elfen

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