Jenny Wood (26.03.2022)

Interview mit Jenny Wood

jenny wood 20211Literatopia: Hallo, Jenny! Bei Art Skript Phantastik ist im März Dein paranormaler Krimi „Totenfluch – Ein Fall für Mafed und Barnell“ erschienen. Mit was für einem mysteriösen Fall bekommen es Deine Protagonisten zu tun?

Jenny Wood: Hallo Judith! Tatsächlich wirkt der Fall selbst am Anfang gar nicht so mysteriös. Als Rechtsmediziner wird der Totengott Mafed von Detective Barnell ins Metropolitan Museum of Art gerufen, wo in der Abteilung für ägyptische Kunst ein Sicherheitsbeamter tot aufgefunden wurde. Zuerst sieht es verdächtig nach Raubmord aus. Erst als Mafed auf eine alte Bekannte trifft, wird langsam klar, dass da weit mehr hinter steckt und dass das erst der Anfang war.

Literatopia: Erzähl uns etwas mehr über Mafed und Ian. Wie haben sie sich kennengelernt? Und verstehen sie sich gut oder gibt es viele Reibereien?

Jenny Wood: Nun, der Beziehungsstatus der beiden wäre wohl „Es ist kompliziert“. Mafed kam vor vier Jahren zum NYPD und als Gott kann er natürlich sehr arrogant sein. Er ist intelligent, reich, sehr von sich überzeugt, unsterblich und weiß das alles. Ian Barnell war anfangs nicht so motiviert in seiner Arbeit und deswegen gab es oft Streit. Die beiden konnten sich nicht leiden. Aber nachdem Ian von Mafeds Geheimnis erfahren hat (Nachzulesen in der Kurzgeschichte „Totenpfade“ in der Anthologie „Kemet – Die Götter Ägyptens“), hat sich die Situation geändert. Sie sind immer noch sehr gegensätzlich, aber lernen, sich zu vertrauen. Die Entwicklung zwischen ihnen spielt auch eine große Rolle in „Totenfluch“.

Literatopia: Wie hat sich Mafed als Unsterblicher dem modernen Leben angepasst? Ist er mit der Zeit gegangen oder tut er sich im schnelllebigen 21. Jahrhundert schwer? Und woher stammt eigentlich sein Reichtum?

Jenny Wood: Grundsätzlich gelingt Mafed die Anpassung ziemlich gut. In manchen Dingen ist er allerdings recht „altbacken“. Er mag lieber klassische Musik und Jazz statt aktueller Sachen. Modernen Luxus genießt er sehr. Wie er zu seinem Geld gekommen ist, soll erstmal ein Geheimnis bleiben. Er redet nicht gerne darüber und ich respektiere das. Aber irgendwann verrät er es vielleicht.

Literatopia: Wie ist Ian beim NYPD gelandet? Und warum er anfangs nicht besonders motiviert bei seiner Arbeit?

Jenny Wood: Ich möchte ungerne spoilern, denn dass erklärt Ian ausführlich selbst im Roman.

Literatopia: Warum hast Du New York als Schauplatz ausgewählt? Was macht die Metropole zur perfekten Kulisse für Mystery Crime?

Jenny Wood: *lacht* Das war eigentlich Zufall. Ich brauchte damals für die Kurzgeschichte einen Schauplatz und die Idee wurde sehr von meiner Vorliebe für amerikanische Crime-Serien inspiriert. Ich dachte mir, New York ist eine schöne, große Stadt, um für einen Unsterblichen in der Masse unterzutauchen, und mit einer ausreichend hohen Verbrechensquote. Erst durch spätere Recherche habe ich festgestellt, wie ideal diese Stadt zu Mafed passt.

Literatopia: Mafed ist ein vergessener, ägyptischer Totengott und dürfte tatsächlich vielen Leser*innen im Gegensatz zu Seth oder Horus unbekannt sein. Wie bist Du auf Mafed gekommen? Und was fasziniert Dich persönlich an der ägyptischen Götterwelt?

Jenny Wood: Meine Faszination dafür wurde durch eine Ausschreibung im Art Skript Phantastik Verlag geweckt. Ich habe mich schon immer für Mythologie interessiert, aber vermehrt die der Griechen und die nordische. Bei einer Ausschreibung über ägyptische Götter war mir klar, dass zu den großen, bekannten Gottheiten viele Geschichten eingereicht werden. Um meine Chancen zu verbessern, wollte ich einen unbekannten Gott nehmen. Also habe ich die Liste auf Wikipedia durchforstet und Mafed als Kater, der die Wege ins Jenseits bereist, kam mir sehr ansprechend vor. Wenn man so will, war es irgendwie etwas schummeln.

Literatopia: Wie auch „Road to Ombos“ von Melanie Vogltanz gehört „Totenfluch“ zur „Kemet“-Reihe. Wann war für Dich/Euch klar, dass aus der Anthologie „Kemet“ mehr werden soll?

Jenny Wood: Für mich war das gar nicht so schnell klar. Mit der Kurzgeschichte war das Thema für mich abgeschlossen. Ich wollte nie wirklich Crime schreiben und hatte keine Idee, was ich mit den Figuren noch anstellen könnte. Der Impuls kam von außen. Lesende und Verlegerin mochten Mafed und Ian sehr. Also habe ich mir irgendwann noch mal Gedanken dazu gemacht. Es war eine Art Liebe auf den zweiten Blick. Ich wusste nicht, ob die beiden in einem größeren Format funktionieren. So entstand mit „Totengeister“ eine weitere Kurzgeschichte, in der sie etwas mehr Raum hatten und dann der Wunsch, einen Roman zu versuchen. Naja, und seit ich mit Melanie zusammenarbeite, ist es ein Großbrand geworden. Wie Melanie das sieht, kann sie ja selbst verraten.

kemet die goetter aegyptensMelanie Vogltanz: Bei mir war es tatsächlich genau andersherum – schon beim Schreiben der Kurzgeschichte für die Anthologie habe ich gemerkt, dass da noch viel mehr ist, das erzählt werden will. „Kemet“ war da noch gar nicht erschienen, da habe ich Verlegerin Grit Richter gegenüber schon angedeutet, dass da, wo „Highway to Heliopolis“ hergekommen ist, noch mehr wäre. Nun, der Bedarf war da – und Seth bekam in „Road to Ombos“ eine weitere Chance, sich zu beweisen. Den Großbrand, von dem Jenny spricht, kann ich definitiv bestätigen – Mafed und Jenny haben sich einfach perfekt in Seths Welt gefügt und sie enorm bereichert! Relativ schnell innerhalb unserer Zusammenarbeit kam dann die Erkenntnis, dass es nicht mehr ohne die beiden gehen wird.

Literatopia: Im Herbst geht es weiter mit „Path into Duat: Seth und Mafed“, ein Gemeinschaftswerk von Dir und Melanie. Kannst Du uns vielleicht schon einen kleinen Ausblick geben?

Jenny Wood: Zum ersten Mal treffen Mafed und Seth aufeinander, denn tatsächlich sind sich die zwei vorher nie begegnet. Und am Anfang sieht es auch sehr danach aus, als wäre das eine schlechte Idee, denn sie kommen überhaupt nicht miteinander klar. Aber Seth wird in ein paar juristische Probleme verwickelt und Mafed scheint der einzige zu sein, der ihm helfen kann. Also müssen sie sich irgendwie zusammenraufen. Es wird ein ziemlich wilder Tripp durch die Wüste. Mit Bikes, Whiskey und jeder Menge Feuer. Aber auch Freundschaft, Vertrauen und die berühmte zweite Chance spielen eine große Rolle.

Literatopia: Wie lief die Zusammenarbeit zwischen Dir und Melanie? Habt Ihr zum Beispiel den Roman zusammen geplottet und abwechselnd geschrieben?

Jenny Wood: Die Zusammenarbeit mit Melanie ist manchmal etwas gruselig, weil sie so reibungslos funktioniert. Ich habe einen gewaltigen Respekt vor Melanie, ihrem Talent und ihren Leistungen. Sie ist eine intelligente, kreative Frau und ich habe nicht gedacht, ihr irgendwie das Wasser reichen zu können. Tatsächlich harmonieren wir ausgezeichnet. Wir haben sehr schnell ein Gefühl für die Figur der anderen entwickelt, außerdem denken wir in dieselbe Richtung und ergänzen uns großartig. Bisher gab es noch keine große Diskussion oder kein Problem, das sich nicht wie von selbst gelöst hat. Gemeinsam plotten wir erst grob, dann szenenweise und mit dem Schreiben wechseln wir uns ab. Dabei behält jede die Perspektive ihres Gottes. Wir tauschen uns aus, machen Anmerkungen, Ergänzungen. Es ist wundervoll, wie respektvoll sie Mafed behandelt und ich liebe Seth. Das Projekt ist in vielen Bereichen Wahnsinn und ich bin froh, dass es nicht nur bei dem einen bleibt. Außerdem entstand dabei nicht nur ein Buch, sondern auch eine wundervolle Freundschaft.

jenny wood 20212Literatopia: Seit Deiner Jugend schlägt Dein Herz für die Phantastik. Was hat damals diese Liebe entfacht? Und inwiefern hat sich Dein Lesegeschmack über die Jahre gewandelt?

Jenny Wood: Als Kind habe ich immer schon Märchen und Legenden geliebt, aber erst als Teenagerin habe ich mich wirklich an Phantastik getraut. Zu meiner Einstiegsdroge gehörte „Märchenmond“ von den Hohlbeins, aber auch „Der Herr der Ringe“ und Bücher von Ralf Isau. Mich hat gereizt, dass die Phantastik so vielseitig ist. In diesem Genre findet man so unzählige Facetten. Rückwirkend betrachtet bin ich Hohlbein wirklich dankbar, dass er mich zur Phantastik gebracht hat. Mittlerweile setze ich mich mit ihm und seinen Texten kritisch auseinander. Mein Geschmack und mein Wunsch an die Literatur haben sich in den letzten Jahren stark verändert. Und das zeigt sich auch in meiner Schreibe. Ich finde Diversität und Repräsentation sehr wichtig. Deswegen lese ich mittlerweile fast nur noch Publikationen von Kleinverlagen oder Selfpublisher*innen. Die trauen sich in den Bereichen mehr.

Literatopia: Hast Du ein paar aktuelle Buchtipps für unsere Leser*innen?

Jenny Wood: Aktuell lese ich den letzten Band der „Schwarzes Blut“ Reihe von Melanie Vogltanz. Historische Romane mit Vampiren, Werwölfen und viel Drama. Sie sind großartig. Empfehlen kann ich außerdem „Sanguen Daemonis“ von Anna Zabini. So viel Action und Queerness habe ich noch nie in einem Buch erlebt. Und wer Gothic Novells mag, sollte sich mal „Requiem für Miss Artemisia Jones“ ansehen. Sehr klassisch und blutig, aber mit erfrischendem Sarkasmus und Witz. Dazu erscheint bald der zweite Band.

Literatopia: Wann hast Du mit dem Schreiben angefangen? Und wann war für Dich klar, dass Du nicht nur für die Schublade schreiben willst, sondern auch veröffentlichen?

Jenny Wood: Das klingt kitschig, aber ich schreibe seitdem ich schreiben kann. Ich habe tatsächlich noch ein Heft aus der Grundschule mit Geschichten von einem Mädchen namens Nina. Mit dem Handwerk beschäftige ich mich intensiv seit ungefähr zehn Jahren. Aus heutiger Sicht sind die Texte grottig, aber ich sehe, wie viel ich bereits gelernt habe, und hoffe, dass noch mehr dazu kommt. Ich habe mich damals in einem Forum mit vielen Schreibenden ausgetauscht und da wurde mir auch klar, dass ich wirklich veröffentlichen möchte. Nach ein paar Kurzgeschichten und zwei Novellen halte ich nun meinen ersten Roman in den Händen. Das ist schon ein verrücktes Gefühl und hätte ich damals wahrscheinlich nicht für möglich gehalten.

Literatopia: Du bespielst verschiedene Social-Media-Kanäle – wo fühlst Du Dich persönlich am wohlsten? Wo und wie erreichst Du Deine Leser*innen am besten? Und kann man heutzutage eigentlich noch als Autorin auf Social Media verzichten?

der hain hinterm herrenhausJenny Wood: Die Antwort auf die letzte Frage ist wohl „Leider nein“. Also wenn man vielleicht schon ein Name in der Szene ist, dann kann das möglich sein. Aber ich glaube, wenn man noch recht am Anfang steht, ist ein guter Social-Media-Auftritt wichtig bzw. hilfreich. Leider bin ich da nicht so gut drin. Zu chaotisch und mein Durchhaltevermögen ist nicht so groß, weil ich Social Media als sehr anstrengend empfinde. Auf Facebook mache ich gar nichts mehr. Am meisten Spaß macht mir Twitter, wobei es da auch häufig sehr toxisch zugeht. Aber es ist schnelllebig und abwechslungsreich. Twitch macht mir auch sehr großen Spaß. Vielleicht schaffe ich es in Zukunft ja mal öfter, live zu gehen. Aber am liebsten ist mir immer noch das Netzwerken und der Austausch auf Messen. Das kann einfach nichts ersetzen.

Literatopia: Herzlichen Dank für das Interview!


Autor*innenfotos: Copyright by David Knospe

Rezension zu "Road to Ombos" (Novelle von Melanie Vogltanz)


Dieses Interview wurde von Judith Madera für Literatopia geführt. Alle Rechte vorbehalten.