Das Gutachten (Jennifer Daniel)

Verlag: Carlsen; (April 2022)
Gebundene Ausgabe: 208 Seiten; 25 €
ISBN-13: 978-3-551-78170-3

Genre: Krimi/ Drama


Klappentext

Im Sommer 1977 ereignet sich auf einer Landstraße kurz hinter Bonn ein Unfall, bei dem nicht allein Autos, sondern Welten aufeinanderstoßen. Die junge RAF-Sympathisantin Miriam Becker stirbt in ihrem Wagen und vom Unfallverursacher fehlt jede Spur. Doch Herr Martin, ein kleiner Angestellter der Rechtsmedizin, hat ganz persönliche Gründe, in diesem Fall genauer hinzuschauen...

Jennifer Daniel zeichnet ein eindrückliches Bild der deutschen Nachkriegsgesellschaft und erzählt weit über ihren spannenden Kriminalfall hinaus von Schuld, Verdrängung und dem Kampf mit der eigenen Verantwortung.


Rezension

Der kleine Rechtsmedizinangestellte Herr Martin führt im Prinzip ein recht einfaches Leben im ewigen Trott. Dann allerdings wird seine Welt eines Abends erschüttert. Im betrunkenen Zustand fährt er nach Hause und am nächsten Morgen kann er sich kaum an die letzten Stunden erinnern. Seine Erinnerung kommt allerdings schlagartig zurück, als eine junge Frau auf dem Seziertisch landet und er sie wie immer fotografieren soll. Miriam Becker, so ihr Name, kam bei einem Autounfall ums Leben und bei Herrn Martin kommen langsam die Erinnerungen zurück, an das was auf der Landstraße passiert ist. Er weiß, dass er selbst zwar keine Hilfe geleistet hat, aber der Verursacher des Unfalls war er nicht. Verbissen macht er sich an die Arbeit den Schuldigen zu finden und das führt in die hohen Kreise der Politik und gibt ihm die Chance mit seiner Vergangenheit fertig zu werden und sich mit seinem Sohn auszusöhnen.

Das Jahr 1977 ist eines der einschneidendsten Jahre in der Geschichte der Bundesrepublik. Der Prozess gegen die erste Generation der RAF fand statt, die damals noch relativ viele Sympathisanten besaß, dem sich der sogenannte Deutsche Herbst anschloss, in dem die Gewalt zwischen RAF und Staat auf ein erschreckendes Ausmaß eskalierte. Und genau zwischen diesen beiden Punkten in der Geschichte spielt Jennifer Daniels Das Gutachten.
Sie bewegt sich im Spannungsfeld zweier Generationen, die auf den ersten Blick nicht unterschiedlicher sein könnten. Da wäre die Kriegsgenerationen, die unglaubliches Grauen erleben musste und sich gleichzeitig vorwerfen lassen muss, dass sie zugesehen und nicht Verantwortung übernommen hat und auf der anderen Seite, die Jugend, die aufbegehrt und gegen die alten Institutionen und Vorgehensweisen protestiert und sich teilweise deswegen radikalisiert. Zum Glück betreibt Jennifer Daniel hier aber keine Schwarz-Weiß-Malerei. Klar führt Karl Martin ein gutbürgerliches Leben, was teilweise in Routine erstarrt ist und in dem es für ihn einfach ist, einfach nur das zu tun, was von ihm verlangt wird, aber es gibt da auch die andere Seite bei Herrn Martin. Die Seite, die sich bemüht, die Jugend zu verstehen und die aufgeweckt wird, als er entdecken muss, dass die alten Seilschaften und die überkommenen Vorstellungen der sogenannten Elite nach wie vor existieren. Karl Martin wird so zu einem komplexen Charakter, der sich immer mehr seiner Schuld bewusst wird, die die er sich neu aufgeladen hat und die aus dem Zweiten Weltkrieg. Er ist eine gequälte Seele, die ihre Erlösung schließlich in einer mutigen Entscheidung findet. Das wird von Jennifer Daniel ganz stark herausgearbeitet. Ebenso arbeitet sie die Atmosphäre der 70er sehr gut heraus. Den Kontrast zwischen Verharren und Verdrängen und Aufbruch, auch wenn der vielleicht mit Irrwegen behaftet war. Jennifer Daniels mag nur noch die Ausläufer der RAF-Zeit mitbekommen haben, aber die Stimmung und Atmosphäre der Zeit fängt sie unglaublich gut an.

Das liegt auch an ihren Bildern. Ihr Stil ist nicht schön, schöne Bilder wären hier fehl am Platz, aber sie sind perfekt für die Geschichte über Vertuschung und Seilschaften. Sie sind eher einfach, kantig vielleicht etwas schablonenhaft, aber gerade dadurch aussagekräftig. Die Farbgebung gibt das ihrige dazu. Die dunkleren Farben und das kräftige, blutige Rot sind für Herr Martin reserviert, während der Aufbruch und die Jugend mit hellen Farben als Gegenpunkt gesetzt werden. Dieses Farbkonzept geht auf und liefert einen sehr guten Schlusspunkt.


Fazit

Das Gutachten ist eine spannende Graphic Novel, die während der Zeit der RAF spielt, und sehr viel Tiefe besitzt und sich intensiv mit seiner Hauptfigur beschäftigt. Jennifer Daniels Werk ist mehr als nur eine Empfehlung wert.


Pro & Contra

+ spannend
+ setzt sich kritisch mit seinen Charakteren auseinander
+ wichtiges Thema

Bewertung:

Handlung: 4,5/5
Charaktere: 5/5
Zeichnungen: 4,5/5
Lesespaß: 5/5
Preis/Leistung: 5/5

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