Dark and Shallow Lies (Ginny Myers Sain)

dark and shallow lies

Panini (April 2022)
Klappenbroschur, 426 Seiten, 17,00 EUR
ISBN: 978-3833241802

Genre: Mystery


Klappentext

La Cachette, Louisiana, ist der denkbar schlechteste Ort, wenn man etwas zu verbergen hat.

Denn das winzige Städtchen, in dem die siebzehnjährige Grey ihre Sommerferien verbringt, ist die heimliche Hauptstadt des Übersinnlichen – und der Ort, an dem Greys beste Freundin, Elora Pellerin, sechs Monate zuvor verschwunden ist.

Grey weigert sich, zu glauben, dass Elora sich einfach so in Luft aufgelöst hat, genauso wenig wie sie akzeptieren will, dass niemand in einer Stadt voller Hellseher weiß, was ihr zugestoßen sein könnte. Bei ihren Nachforschungen wird allerdings sehr schnell klar: so ziemlich jeder in La Cachette hat etwas zu verbergen – inklusive ihrer verstorbenen Mutter, deren Geheimnisse Grey sogar aus dem Grab verfolgen.

Als ein mysteriöser Fremder auftaucht, wird die Vergangenheit von La Cachette weitaus gegenwärtiger und viel gefährlicher, als Grey es sich je hätte vorstellen können. In einer Stadt, in der die Dunkelheit unter der Oberfläche lauert und ein Mörder frei herumläuft, kann niemand mehr als unschuldig gelten … La Cachettes seichtes Lügengeflecht droht die Stadt nun auseinanderzureißen.


Rezension

Das winzige La Cachette liegt weit draußen im Bayou Louisianas. Fast jeder hier besitzt übersinnliche Fähigkeiten, kann Gedanken lesen, die Stimmen Verstorbener hören, an zwei Orten gleichzeitig sein oder gar das Wetter beeinflussen. Geld kommt hauptsächlich durch Touristen rein, die sich die Zukunft voraussagen lassen, mit toten Haustieren sprechen oder in Honeys magischem Buchladen einkaufen. Die siebzehnjährige Grey hat bisher keine besonderen Fähigkeiten gezeigt und lebt seit dem Tod ihrer Mutter außerhalb. Doch sie kehrt jeden Sommer zurück und betrachtet La Cachette als ihre Heimat. In diesem Jahr ist allerdings alles anders – traurig, unheimlich und beklemmend. Ihre beste Freundin Elora ist Monate zuvor spurlos verschwunden, wahrscheinlich lebt sie nicht mehr. Grey will Elora jedoch nicht aufgeben und versucht herauszufinden, was ihr zugestoßen ist. Ob sie weggelaufen ist, im Bayou ertrunken, ermordet … oder vom Rougarou geholt. Grey kann nicht glauben, dass niemand in der Stadt weiß, was mit Elora passiert ist. Tatsächlich wissen die Leute mehr, als sie zugeben, und nach und nach deckt Grey die verstörenden Geheimnisse ihrer Heimat auf …

Grey ist eines von zehn Sommerkindern, die alle im gleichen Jahr im winzigen Städtchen La Cachette geboren wurden. Elora war ihre Zwillingsflamme, sie wurde in der gleichen Nacht im gleichen Haus zur gleichen Stunde geboren. Die beiden waren unzertrennlich, hatten oft die gleichen Träume und keine Geheimnisse voreinander – bis zum letzten Sommer, in dem sie sich gestritten haben. Nach Eloras Verschwinden lasten auf Grey Schuldgefühle, wegen dem, was sie ihrer besten Freundin, dem Menschen, den sie am meisten liebt, alles an den Kopf geworfen hat. Und auf ihr lasten Fragen, die ihr keiner beantworten will. Eloras Stiefbruder Hart ist nur noch ein Schatten seiner selbst und überzeugt davon, dass Eloras Freund Case sie in seiner Eifersucht getötet hat. Doch diesem konnte nichts nachgewiesen werden und er beteuert glaubhaft seine Unschuld. Auch die anderen Sommerkinder sind gezeichnet von Eloras Verlust und Grey muss schmerzlich erkennen: Keiner glaubt daran, dass Elora noch lebt.

”Dark and Shallow Lies“ ist ein Verwirrspiel, das im schwülen, heißen und unheimlichen Bayou einen bedrohlichen Sog entfaltet. Die Stimmung ist gedrückt und verzweifelt, man spürt von der ersten Seite an, wie tief die Verbindung zwischen Grey und Elora war – auch zu den anderen Sommerkindern, die vor vielen Jahren bereits einen schweren Verlust verkraften mussten. Zwei von ihnen wurden ermordet und nach Eloras Verschwinden kommen Zweifel auf, ob der Täter nicht doch noch lebt – und ob er es vielleicht gar nicht war. La Cachette ist einerseits ein magischer Ort, einst eine Zuflucht für Sklaven und Verfolgte. Andererseits gären unter der Oberfläche viele dunkle Geheimnisse, von denen manche Grey und ihre Freunde nun einholen. Die Menschen hier sehen viel, mehr als andere, doch sie sehen auch bewusst weg, mischen sich nicht ein, auch nicht, wenn sie es dringend müssten. Und sie lügen, teils um ihre Taten zu vertuschen, meist jedoch nicht aus böser Absicht, sondern um ihre Liebsten zu schützen oder weil sie die Wahrheit verdrängen.

Grey fällt es durch die vielen Geheimnisse und Lügen immer schwerer, ihren Freunden zu vertrauen und so behält sie vieles für sich und reimt sich aus ihren spärlichen Erkenntnissen Schreckliches zusammen. Manchmal liegt sie richtig, oft aber auch nicht, und so kommt man der Wahrheit immer nur ein kleines Stück näher, ehe wieder alles auf den Kopf gestellt wird. Bisher war Grey die einzige von den Sommerkindern, die keine übersinnlichen Fähigkeiten in sich entdeckt hat, doch seit Eloras Verschwinden sieht sie in Gedankenblitzen, wie ihre Freundin panisch vor jemandem wegläuft. Doch sie sieht nicht, vor wem und ob ihr Verfolger ein Mensch ist oder nicht doch ein Monster aus dem Bayou. Realität, Visionen und Alpträume vermischen sich und so weiß man nie, ob man es mit menschlichen Abgründen oder mit phantastischen Schrecken zu tun hat.

“Dark and Shallow Lies“ erfüllt mit seinen jungen Charakteren das eine oder andere Young-Adult-Klischee wie die überirdisch blauen Augen eines Fremden, mit dem Grey sich anfreundet und der ebenfalls auf der Suche nach Antworten ist. Auch zeigen sich die männlichen Figuren in ihrem Beschützerinstinkt Grey gegenüber manchmal übergriffig und Hart ist oftmals sehr grob. Allerdings befindet er sich seit Monaten in einer emotionalen Ausnahmesituation und leidet neben Grey am meisten unter Eloras Verschwinden. Als Empath kann Hart die Emotionen anderer wie seine eigenen spüren. Für ihn ist es unmöglich, außerhalb von La Cachette unter zu vielen Menschen zu leben. Die weiblichen Figuren reagieren eher mit Rückzug und Schweigen. Die jüngste von ihnen, Evie, hört die Stimmen Verstorbener, was sie zunehmend in den Wahnsinn treibt. Doch sie will nicht darüber sprechen und bastelt stattdessen Windspiele, die in der Nacht schaurige Lieder singen und Grey den Schlaf rauben. Ihr Klirren fährt auch den Leser*innen durch Mark und Knochen.

Die Handlung schreitet anfangs nur langsam voran und besteht hauptsächlich aus intensiven Gesprächen, in denen Grey sich Stück für Stück ein Bild macht. Auch wenn zunächst wenig passiert, ist man von der ersten Seite an fasziniert von dem Bayou-Setting mit seiner schwülen Hitze, den wuchernden Sumpfpflanzen und singenden Fröschen und Insekten. La Cachette ist der perfekte Ort für gruselige Geschichten und man möchte unbedingt mehr über seine Bewohner*innen und ihre Fähigkeiten erfahren. Und man will unbedingt wissen, was mit Eloras passiert ist, auch wenn klar ist, dass man erst ganz am Ende die Wahrheit erfahren wird. Das Finale ist hochdramatisch und sobald sich der Verdacht, den man schon längere Zeit gehegt hat, zu bestätigen scheint, kippt das Bild und zeigt etwas, das man so nicht erwartet hat. 

Hervorzuheben ist die gelungene Gestaltung des Paperbacks, angefangen beim wunderschönen, düsteren Cover. Auf den Innenseiten der Klappen finden sich Recherche-Fotos und vor jedem Kapitel kann man auf einer schwarzen Seite die kurzen Gedankenblitze von Grey nachlesen. Kurze Szenen, die einem das Blut in den Adern gefrieren lassen und die am Ende einen neuen Sinn ergeben. 


Fazit

Schaurige, verzweifelte Mystery: Von der ersten Seite an verheddert man sich im komplexen Lügengeflecht von ”Dark and Shallow Lies“. Zu viele Geheimnisse versperren Grey den Blick auf die Wahrheit, doch die Fassaden bröckeln in der schwülen Hitze des Bayou. Ginny Myers Sain schreibt packend, atmosphärisch und emotional, sodass es schwer fällt, das Buch aus der Hand zu legen. 


Pro und Contra

+ unheimliche Bayou-Atmosphäre
+ verschiedenste übersinnliche Fähigkeiten
+ die innige Verbindung der Sommerkinder
+ man lernt Elora in den Erinnerungen der anderen kennen
+ Realität und Phantastik vermischen sich auf unheimliche Weise
+ facettenreiche Figuren und menschliche Abgründe
+ gelungenes Verwirrspiel
+ packender, emotionaler Schreibstil
+ spannend bis zum Schluss
+ Dackel Sweet’N’Low
+ wunderschönes, perfekt passendes Cover

- das eine oder andere YA-Klischee

Wertungsterne4.5

Handlung: 4/5
Charaktere: 4/5
Lesespaß: 5/5
Preis/Leistung: 3,5/5

Tags: Ginny Myers Sain

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