The Inner Room (Robert Aickman)

Aickman Inner Room

Faber and Faber, 2019
Klappbroschur, 80 Seiten
€ 4,50
ISBN 978-0-571-35177-0

Genre: Mystery


Rezension

Ich-Erzählerin Lene und ihre Familie befinden sich anlässlich Lenes Geburtstag im Sommer 1921 auf einem Ausflug, als der Motor mitten im Nirgendwo den Geist aufgibt. Ein Fremder schleppt sie in die Stadt ab. Die Eltern gehen mit Lene und ihrem zwei Jahre jüngeren Bruder Constantin zum Ausgleich für den unglücklichen Ausflug in ein Geschäft, Popular Bazaar, wo sie Geschenke kaufen wollen. Lene möchte ein Puppenhaus haben, das der Ladenbesitzer nur widerwillig verkauft, es sei schon durch viele Hände gegangen. Zwar mag Lene keine Puppen mehr. Aber das Puppenhaus wählt sie aus, weil es „the most grown-up thing in the shop“ ist.

Nachdem das Puppenhaus geliefert wurde, bemerkt Lene, dass es mindestens neun Bewohnerinnen und keine Küche zu haben scheint und dass es dringend gesäubert werden muss. Während eines nächtlichen Sturms träumt Lene von den Puppen, die sich außerhalb ihres Hauses aufhalten. Lenes Vater wird arbeitslos, weshalb das Puppenhaus verkauft wird. Die Mutter ist Deutsche, unterrichtet ihre Muttersprache an fünf Schulen und ernährt die Familie alleine. Als Lene 15 ist, wird ihr Vater von einem Auto überfahren und stirbt. Ihre Mutter geht zurück nach Deutschland. Lene erfüllt sich einen Traum und wird Tänzerin, gibt ihre Karriere aber nach ihrer Heirat auf. Ihr Mann stirbt im nächsten Weltkrieg, ihren Bruder verliert sie, als er Mitglied in der Society of Jesus wird.

Dreißig Jahre später erinnert sich Lene an die zurückliegenden Ereignisse. Eines Tages verläuft sie sich in einem Wald. Als ein Unwetter aufkommt, findet sie Unterschlupf in einem Haus, das wie ihr altes Puppenhaus aussieht. Das im Verfall befindliche Haus wird von Frauen bewohnt, die wie lebensgroße Ausgaben ihrer Puppen aussehen und auch nicht mehr im besten Zustand sind. Sie tragen die Namen von Steinen. Sie beklagen sich über ihre Vermieterin, die nichts für die Instandhaltung macht. Scheinbar hält nur Hass das Haus zusammen und die Frauen darin. Lediglich das Esszimmer ist in gutem Zustand, der Raum, in dem die Frauen, wie es heißt, nicht essen, sondern schlemmen, weil sie dort unter sich und sie selbst sein können. Sie zeigen Lene ein altes Foto, auf dem sie mit einer Nadel im Herzen zu sehen ist.

In Robert Aickmans Geschichtensammlung The Wine-Dark Sea (1988), aus der The Inner Room für eine Einzelausgabe entnommen ist, stehen Sätze wie dieser: „Dreams are misleading because they make life seem real.“ Aber auch die Umkehrung ist möglich. Das Leben kann irreführend sein, weil es den Eindruck erweckt, Träume seien nicht real. Lene sagt in The Inner Room einmal: „But that perhaps was the worst of it: I was plainly not dreaming now.“ Aickman lehnte die Kategorisierung seiner Geschichten als Horror ab. Für ihn waren sie Strange Tales. The Inner Room ist denn auch keine klassische Horrorstory über bedrohliche Puppen. Die Puppen sind keine paranormalen Erscheinungen, sondern eine Art Kopfgeburten in viktorianischer Wollkleidung. Auf einer Ebene deutet der Titel bereits an, dass es um Innenansichten und um einen metaphorischen Raum geht. Um verlorene Zeit, die nicht zurückgerufen werden kann, die bestimmt ist durch mangelhafte Vertrauensbeziehungen innerhalb der Familie, entgangene Gelegenheiten im Miteinander und in der Lebensgestaltung, durch Verlust und Schuldgefühle.

Aickman erzählt seine Geschichte wie ein psychologisches Triptychon, nur dass die Flügel größer sind als das Mittelstück. Im linken Flügel sind Ereignisse dargestellt, die 30 Jahre zurückliegen. Der Teil erinnert an den magischen Realismus, wobei die Magie sich in der Fremdartigkeit der Beschreibung eines drei Monate umfassenden Ausschnitts aus der Familiengeschichte äußert, mit Fokus auf dem Weg zum und dem Umgang mit dem Puppenhaus, bis es schließlich verkauft wird. Das Mittelstück gestaltet den zeitlichen Übergang zwischen den Flügeln, ebenfalls realistisch, aber frei von Magie. Es ist mehr der beinahe buchhalterische Bericht des Zerfalls erst einer Familie, dann der Ehe Lenes. Der rechte Flügel nimmt das Motiv des Puppenhauses wieder auf. Dieses wird übertragen in einen surrealen Zusammenhang, in dem nur noch Lene übrig ist, die auf die reale Entsprechung des Puppenhauses und ihrer Bewohnerinnen trifft. Besonders hier ist die Erzählung sehr „strange“, mit potenziell bedrohlicher Komponente.

Es lässt sich bemängeln, dass über das Puppenhaus und seine Bewohnerinnen nicht viel geschrieben steht, man nichts darüber erfährt, wohin das Puppenhaus verkauft wurde und warum die Mutter sich so eigenartig verhält und ihre Kinder verlässt. Und in der Gegenwart, als die Erzählung in das Reich der Fantasie hinüberfließt, kommt alles schön zusammen und die Implikationen werden verständlich. Insgesamt eine Geschichte, die traurig ist und ökonomisch erzählt wird.


Fazit

Robert Aickmans Strange Story The Inner Room lotet auf subtile Weise psychische Entortung im Kontext traumatisierender Entwicklungen aus. Protagonistin Lene wird schrittweise in die dunklen Bereiche ihres eigenen Verstandes und ihrer Psyche hinabgezogen.


Pro und Kontra

+ nimmt Anleihen bei der Gothic Ghost Story
+ belässt vieles in einem unheimlichen Schwebezustand
+ Destabilisierung des Alltäglichen

Wertung:sterne4

Handlung: 4/5
Charaktere: 4/5
Lesespaß: 4/5
Preis/Leistung: 4/5

Tags: Puppen, Verlust, Kindheit, klassische Strange Story

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