Das Alien tanzt im Schlaraffenland (Hrsg. Ellen Norten)

das alien tanzt im schlaraffenland

p. machinery (Januar 2022)
Andro SF 148
Taschenbuch, 272 Seiten, 15,90 EUR

ISBN: 978 3 95765 269 0

Genre: Science Fiction / Humor


Klappentext

Wie Aliens aussehen, darüber kursieren die vielfältigsten Fantasien. Ob tentakelbewehrt, winzig klein, riesengroß oder schlichtweg die altbewährten grünen Männchen, gesehen hat sie noch niemand und so sind unserem Schöpfergeist keine Grenzen gesetzt. Doch bei allen Spekulationen dürfte eines wohl zutreffen – zum Leben, und das wollen wir unseren außerirdischen Mitbewohnern ja wohl zugestehen – gehört Energie. Bezeichnen wir dies als Essen, so ist der Schritt zum Schlemmen gar nicht so weit. Warum sollte es einer anderen Wesensform nicht auch munden – vorausgesetzt sie hat einen Mund oder warum sollte ihr die Energiezufuhr nicht Spaß bereiten – lustvolles Schmausen könnte es auch auf anderen Planeten geben.

Zweiundzwanzig Mahlzeiten in zweiundzwanzig Geschichten. Mal sind die Aliens bei uns zu Gast, mal werden wir in fernen Welten bewirtet, oder wir sind die stillen Beobachter, die sich an Festlichkeiten, Liebesmahlzeiten oder auch an finaler Kostverarbeitung ergötzen.


Rezension

Das Alien tanzt wieder – dieses Mal im Schlaraffenland. Entsprechend widmen sich die Kurzgeschichten der intergalaktischen Kulinarik, die je nach Betrachtungsweise oftmals speziell, manchmal eklig, oft aber auch köstlich ist. Erwartungsgemäß schmeckt bei einer großen Auswahl von 22 Beiträgen nicht alles, darum picken wir uns zunächst einmal die Rosinen heraus:

„Frischer Exquisit-Rasen mit Bolvan an Trak und Upsen“ erzählt von kulturellen Missverständnissen. Troks, ein Sch’kod’malxaner, pflegt liebevoll seinen Garten, in dem leider ein Wurmloch endet. Dieses ist zwar gesperrt, aber es poltern dennoch immer wieder unerwünschte Gäste herein, so wie die zwei Menschen, die ihren ersten Kontakt zu Außerirdischen haben und dabei den Rasen ruinieren. Troks ist hin- und hergerissen zwischen Höflichkeitsbestimmungen und dem Wunsch, diese unterentwickelte Spezies wieder loszuwerden. Als die Menschen auch noch nach Wasser verlangen, wird aus Unmut echte Panik. Jol Rosenberg schreibt aus der Perspektive des Aliens, was sich sehr amüsant liest. So ein Erstkontakt beinhaltet diverse Schwierigkeiten, die Troks ganz schön aus der Fassung bringen. Aus einem kleinen Missverständnis oder schlichter Unwissenheit kann schnell eine Katastrophe werden. So unterhält die Kurzgeschichte gut und stimmt ebenso nachdenklich.

Die Aliens in „Durch den Magen“ kommunizieren, in dem sie sich aromatisierte Substanzen auf ihre Membranen tupfen – was die Menschen zunächst nicht wissen und beim Erstkontakt in ein gigantisches Fettnäpfchen treten. Als erst einmal verstanden wurde, dass die Aliens mit Aromen kommunizieren, wird schnell eine Nachricht zusammengestellt, was zu einem weiteren, humorvollen Missverständnis führt. Andreas Fieberg hat eine der besten Ideen zum Thema, allerdings hätte man sich mehr Tiefe (und bessere Dialoge) gewünscht. So bleibt es immerhin bei einem amüsanten Zwischengang.

Bei Achim Stößer ist das „Schlaraffenland“ der Name einer Suppenküche, die der Protagonist notgedrungen eröffnet, weil sein Schiff nekrotische Flecken hat und er so erst einmal gestrandet ist. Er bemüht sich, auf die verschiedenen Geschmäcker verschiedenster Aliens Rücksicht zu nehmen und alles läuft gut – bis herauskommt, was Menschen gerne essen. Auch in „Schlaraffenland – die Suppenküche am Ende des Universums“ steht der Humor im Vordergrund, dazu entsteht auf wenigen Seiten ein buntes Universum, das gerne Schauplatz eines Romans sein dürfte.

Mit seinem post-apokalyptischen Setting sticht „Gugelmüre“ von Rainer Schorm heraus: Gigantische Vulkan-Eruptionen haben die Erde in eine kalte, giftige Hölle verwandelt. Die Überlebenden haben ihrer Epoche den Namen „Gelbsteinzeit“ gegeben. Auf die Ankunft von Raumschiffen reagieren die Menschen zunächst ängstlich, doch die Fremden scheinen freundlich und bezeichnen die Bedingungen auf der Erde als für sie geradezu paradiesisch. Was das genau bedeutet, kann man sich kurz vor Schluss bereits denken, doch das macht es nicht weniger gruselig. Thema gut umgesetzt und sehr atmosphärisch geschrieben.

Bei den restlichen Geschichten handelt es sich oftmals um Alltagsszenen, in denen intergalaktische Nahrung thematisiert wird, wobei auch mal Menschen auf dem Speiseplan stehen. Oder fremdartige, berauschende Flüssigkeiten und seltene, also extrem wertvolle Alien-Vogeleier, inklusive zweifelhafter Darstellung außerirdischer Indigener. Auch das Schlaraffenland sucht man oft vergebens, meist geht es nur um einzelne Gerichte, die zu kulturellen Missverständnissen führen oder sich als giftig (für manche Spezies) erweisen.

Die Anthologie bietet eine Vielzahl verschiedenster Aliens, die meistens Klischees entsprechen und teils an bekannte SF-Filme und –Serien abgelehnt sind. So wird man beispielsweise Zeuge eines seltsamen, romantischen Dinners mit Mistress Alien und Mister Predator in Italien. Und ein Puddingwesen erinnert stark an Tribbles. Tentakel dürfen natürlich auch nicht fehlen, wobei manchen Autor*innen die Beschreibungen der Nahrungsaufnahme mit Körpern, die gänzlich anders sind als menschliche, gut gelungen sind.

Über manche Geschichte wundert man sich auch, so über Ellen Nortens „Ilona und der Apfel“, die sich als „Schneewittchen“ im SF-Gewand beschreiben lässt – mit fragwürdigem Männer- und Frauenbild. So mancher Beitrag ist auch zu kurz und banal geraten und entsprechend schnell auf dem Gedächtnis verschwunden. Handwerklich gibt es große Unterschiede, so sind einige Geschichten sprachlich sehr gelungen, während andere lieblos heruntergeschrieben wirken. Die Anthologie hätte mit 15 oder weniger, dafür aber sorgfältiger ausgewählten Geschichten besser funktioniert.

Als Dessert werden die Vitae der Autor*innen serviert, in alphabetischer Reihenfolge. Die vier im Buch enthaltenen Illustrationen stammen von Lothar Bauer, wovon eine das Covermotiv ist. Es braucht bei 22 Geschichten nicht zu jeder eine eigene Illustration (was großartig gewesen wäre), aber vier ist doch etwas wenig, vor allem wenn man mit anderen Anthologien von p. machinery vergleicht – immerhin ist die Druckqualität wieder richtig gut.


Fazit

„Das Alien tanzt im Schlaraffenland“ bietet wenige Leckerbissen, ein paar schmackhafte Häppchen und leider auch einige halbgare Stücke, die man an den Tellerrand schiebt und schnell vergisst. Die Idee hinter der Anthologie ist toll, allerdings bleiben viele Geschichten oberflächlich und arbeiten mit Klischees, während wenige Autor*innen mehr Tiefe und Kreativität wagen.


Pro und Contra

+ ein paar echte Leckerbissen
+ viele verschiedene Aliens
+ spannende Idee, Nahrung in den Vordergrund zu stellen
+ „Frischer Exquisit-Rasen mit Bolvan an Trak und Upsen“
+ die post-apokalyptische „Gugelmüre“
+ Illustrationen von Lothar Bauer

- oftmals oberflächlich und wenig Handlung
- zu viele Klischees
- handwerkliche Schwächen in einem Teil der Beiträge

Wertungsterne3

Geschichten: 3/5
Auswahl: 2,5/5
Gestaltung: 3,5/5
Lesespaß: 3/5
Preis/Leistung: 3/5

Tags: AndroSF, deutschsprachige SF

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