Die Galaxie und das Licht darin (Becky Chambers)

chambers die galaxie und das licht

Fischer Tor, 2022
Originaltitel: The Galaxy and the Ground Within (2022)
Übersetzung von Karin Will
Taschenbuch, 400 Seiten
€ 13,00 [D] | € 13,40 [A] | CHF 19,90
ISBN 978-3-596-70701-0

Genre: Science Fiction


Rezension

Das Five-Hop One-Stop ist ein bescheidenes Etablissement auf dem Planeten Gora, ein Motel, in dem Reisende einen Zwischenstopp einlegen, ihr Schiff auftanken, ein wenig ausruhen, Zerstreuung suchen oder bürokratische Angelegenheiten wie die Zertifizierung von Reisegenehmigungen klären können. Der einzige Vorteil des Planeten ist seine verkehrstechnisch günstige Position. Durch einen technischen Fehler bricht das Satellitensystem zusammen.

Im Five-Hop One-Stop sind nun sehr unterschiedliche Charaktere während der Reparaturdauer gezwungen, Zeit miteinander zu verbringen. Speaker, eine Akarak, ist eine Händlerin, die anderen Akarak Dinge beschafft, die sie benötigen, an die sie aber nicht einfach herankommen. Speakers Zwillingsschwester Tracker bleibt aus gesundheitlichen Gründen im Shuttle. Der Quelin Roveg ist ein im Exil lebender Künstler, der nach Jahren seinen Sohn auf dessen Einladung erstmals besuchen will. Die Äluonerin Pei ist Transport-Unternehmerin. Sie will sich mit ihrem heimlichen Geliebten Ashby treffen. Die Laru Ouloo, Besitzerin des Five-Hop One-Stop, und ihr Kind Tupo wollen den Gästen den Aufenthalt möglichst angenehm gestalten.

Becky Chambers beendet ihren Wayfarer-Zyklus - Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten (2016), Zwischen zwei Sternen (2018), Unter uns die Nacht (2019) - mit dem vierten Band Die Galaxie und das Licht darin (2022). Die Bücher können unabhängig voneinander gelesen werden, weil sie wesentlich nur im gleichen Universum spielen. Die Handlung ist relativ frei von Action. Die Autorin setzt die Charaktere und deren Beziehungsgeflecht ins Zentrum der Erzählung. Eigentlich nicht ins Zentrum, sondern der ganze Roman handelt davon. Sie erzählt in der dritten Person Singular, wobei die Erzählfigur sich zwischen den Charakteren bewegt wie die Kamera in den Dogmafilmen beispielsweise Lars von Triers oder Thomas Vinterbergs. Jedes Kapitel ist überschrieben mit dem Namen der Figur, die im Fokus steht.

Wir erfahren mehr über die jeweilige Figur, darüber, wie sie die anderen sieht und deren Wahrnehmung ihrer selbst. Chambers versieht die Aliens lediglich mit ein paar charakteristischen Markern. Die Laru können in einem bestimmten Alter ihr Geschlecht frei wählen. Da Tupo noch nicht in diesem Alter ist, erfolgt die Repräsentation durch Neopronomen (ser, sire). Ouloos Beschreibung mit lehmrotem Fell, langem Hals und Beutel erinnert ein wenig an eine Mischung aus Giraffe und Känguruh. Speaker gehört zu einer Spezies, deren Geschichte bestimmt ist durch Sklaverei, Kolonialismus und Flucht. Speaker ist ein vielleicht entengroßes Lebewesen, hat einen Schnabel und Hände mit Haken, benötigt eine spezielle Atemluftmischung und hält sich in einem Raumanzug auf. Roveg hat eine zweistellige Beinzahl, Facettenaugen und einen kobaltblauen Bauchpanzer, scheint also ein Insektenartiger zu sein.

Die Äluonerin Pei ist Angehörige einer Spezies, für die eine wichtige Komponente ihrer Kommunikation changierende Farben auf der Haut sind, weil sie Farben hören und lesen kann. Im gesamten Roman kommen nur zwei Menschen vor. Einer nur indirekt, Peis Geliebter Ashby, heimlich, weil er einer anderen Spezies angehört als sie; und gegen Ende hat eine Ärztin einen wichtigen Kurzauftritt. Ouloo hat einen liebenswerten und warmen Charakter, ist zu Beginn eine sehr fürsorgliche Mutter und wird zu einer sehr fürsorglichen Gastgeberin, der viel daran liegt, die Gäste bei Laune zu halten, mögliche Konflikte schon im Vorfeld zu neutralisieren, im Regelfall unter Darreichung von Leckereien. Sie ist pragmatisch und gibt gute Ratschläge aus Lebenserfahrung.

Es gibt keinen Konflikt, keine antagonistischen Figuren. Und worum geht es dann in dem Buch? Um Kommunikation zwischen fremden Spezies, um das Kennenlernen fremder Kulturen die Überwindung von Vorurteilen und Ressentiments, kurz: darum, etwas über sich und andere zu lernen und sich weiterzuentwickeln. Wobei, wenn das Buch als Space Opera verstanden werden soll, die Kommunikation nicht als politisches Machtspiel oder durch Waffen begleitete Kommunikation mit Todesfolge, Sieg und Niederlage erfolgt. Während des fünftägigen Aufenthalts auf Gora kommen die Figuren einander näher, um einen freundlichen und friedlichen Umgang bemüht. Chambers nutzt diese Situation, um durchzuspielen, wie fremde Kulturen aufeinander reagieren und welche Schwierigkeiten dabei auftreten können.

Ein Aspekt, dem Chambers relativ viel Aufmerksamkeit schenkt, ist die Sprache. Um eine Sprache zu verstehen, sei es die eigene oder eine fremde, muss man sich mit ihr beschäftigen. Sprache ist das vermutlich schwierigste Instrument der Kommunikation. Sind die Nutzungsmöglichkeiten beschränkt, im Zweifel bis hinein in einen Bereich, in dem sprachliche Verständigung schwierig wird, bestehen zwei Möglichkeiten: das Gegenüber aufzufordern, sprachlich so zu vereinfachen, dass Kommunikation, wenngleich in anderer Qualität, (wieder) möglich wird; oder durch Eigenleistung aufzuschließen. Chambers zeigt, wie schwierig Kommunikation, auch bei Verwendung unterstützender Technologien, werden kann, wenn das Instrumentarium nicht oder nur bedingt beherrscht wird.

Die Charaktere sind zwar Aliens, fremde nicht-menschliche Lebensformen. Aber ihre Probleme und die Weise, in der sie miteinander umgehen, sind aus der menschlichen Welt bekannt. Sie sind allesamt und grundsätzlich liebenswert. In etwa wie in Frank Capras berühmtem, immer wieder mal zum Fest der Liebe vom Fernsehen gezeigten Ist das Leben nicht schön?  (1946), einem der schönsten Filme, die ich kenne. Natürlich liegt der Gedanke nahe, dass Chambers ihre Figuren als diverse Vertreter*innen der Menschenwelt verstanden wissen will. In diesem Zusammenhang vermittelt die Autorin einfache menschliche Botschaften, die alle problemlos verstanden werden können. Auch wie bei Capra.


Fazit

Die Aliens sind privat oder geschäftlich unterwegs, haben es eilig, stehen unter Druck und sind plötzlich gezwungen, fünf Tage miteinander zu verbringen. Das wenige an Handlung ist so konstruiert, dass die Aliens zuerst lernen, einander zu respektieren, bevor sie in eine Situation geraten, in der sie kooperieren müssen. Am Ende gehen sie aus dem Aufenthalt verändert hervor. Chambers hat ein paar Botschaften, darunter: Es kann ja sein, dass wir verschiedener Meinung sind, aber wäre es nicht schön, wir kämen trotzdem miteinander aus?


Pro und Kontra

+ gelungener Abschluss des Wayfarer-Zyklus´
+ wie in Louis Malles Film Mein Essen mit André (1981) wird in nahezu plotloser Handlung viel gegessen und gesprochen
+ hoffnungsvoll und intim
+ Aliens zeigen, was die Menschheit für Möglichkeiten verschenkt oder nicht zulässt

Wertung:sterne4

Handlung: 4/5
Charaktere: 4/5
Lesespaß: 4/5
Preis/Leistung: 4/5


Rezension zu Zwischen zwei Sternen

Rezension zu Unter uns die Nacht

Tags: Becky Chambers, Wayfarer-Zyklus , Aliens und Kommunikation, kulturelle Unterschiede

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