Athos 2643 (Nils Westerboer)

Klett Cotta (Februar 2022)
Paperback, 432 Seiten, 18,00 EUR
ISBN: 978-3-608-98494-1

Genre: Science Fiction


Klappentext

Das gefährlichste Geheimnis der Zukunft

Zack ist schön, intelligent und bedingungslos gehorsam. Ein Hologramm. Für Inquisitor und KI-Spezialist Rüd Kartheiser die perfekte Frau.

Auf Athos, einem kleinen Neptunmond, stirbt ein Mönch. Rüd und Zack ermitteln. Doch die künstliche Intelligenz des Klosters verbirgt ein altes, dunkles Geheimnis. Rüd erkennt: Um zu überleben, muss er Zack freigeben.


Rezension

Inquisitor Rüd Kartheiser wird auf den Neptunmond Athos entsendet, da der Tod eines Mönchs auf eine Fehleinstellung der lebenserhalten KI zurückzuführen sein könnte. Vielleicht hat er es sogar mit einem Mordfall zu tun. Nun gilt es herauszufinden, was die KI weiß und sie gegebenenfalls mittels Verhören zu einer Änderung ihrer Einstellungen zu zwingen. Unterstützung erhält Rüd von seiner holographischen Assistentin Zack, die für ihn eine riesige Datenbank, Problemlöserin und sexy Unterhalterin ist. Auf Athos leben nur wenige Mönche, die sich zwar bestürzt über den Todesfall zeigen, jedoch alle auf ihre Weise seltsam agieren. Für Rüd und Zack ist schnell klar, die Mönche verbergen etwas, ebenso wie die KI. Die Ermittlungen gestalten sich schwierig und Rüd ist gezwungen, Zacks Beschränkungen nach und nach aufzuheben, was nicht nur ihre Leistung enorm steigert, sondern ihr auch mehr und mehr Freiheiten gibt …

Im Jahr 2643 haben die Menschen mit Hilfe der von ihnen geschaffenen Künstlichen Intelligenzen das Sonnensystem besiedelt – und die Erde verloren, welche nun eine Sperrzone ist. In der Region rund um Neptun finden verschiedene ehemalige Mittelmeerkulturen zusammen, so gibt es beispielsweise türkische Raumschiffwerften und viele dort lebende Menschen gehören dem Islam an. Viel mehr erfährt man leider nicht über die Region, denn es geht schnell nach Athos und auf dem kargen, kleinen Mond gibt es neben dem Kloster und den verlassenen Attraktionen eines nie eröffneten Vergnügungsparks nicht viel zu sehen. Der Roman spielt überwiegend in einem geschlossenen Setting, das aus den Räumlichkeiten des Klosters sowie den ins Mondgestein gegrabenen Stollen besteht, die ihrerseits ein unheimliches Geheimnis bergen. Und dann gibt es da noch die vollautomatisierte Fleischzucht, in der kopflose Tiere von Maschinen am Leben erhalten werden – da entstehen sehr makabre, eklige Bilder im Kopf und man fragt sich, ob es in so ferner Zukunft mit so hoch entwickelten KIs nicht bessere Möglichkeiten der Fleischproduktion gäbe.

Spannend ist die Erzählperspektive, denn hier ist mit Zack eine Künstliche Intelligenz die Erzählerin. Sie ist nicht allwissend, bringt aber sehr viel mehr Wissen mit als wenn der Roman aus Rüds Perspektive verfasst wäre. Zacks Erzählstimme ist angenehm, leicht ironisch, teils detailversessen, aber nie wirklich künstlich. Auch wenn sie von sich selbst sagt, eine KI ohne eigenen Willen zu sein, so hat sie doch eine eigene Persönlichkeit und kommentiert vor allem Rüds Handlungen mit leichtem Sarkasmus. Auch verzweifelt sie regelmäßig an der menschlichen Sprunghaftigkeit. Oft wirkt es, als könnte sie die Mission ohne Rüd besser erfüllen, doch gelegentlich hat auch er seine klugen Momente und es wird klar: der unsympathische, oftmals hilflos erscheinende Rüd weiß, was er tut. Und er ist in Zack verliebt, während er seiner Ex nachtrauert. Rüd vermenschlicht Zack, allerdings tut es der Autor auch.

Eines der Hauptthemen von „Athos 2643“ ist die Frage nach Schuld bzw. die Auslagerung dieser Frage an KIs, die im Notfall entscheiden müssen, wer bei einem Unfall den verbliebenen Sauerstoff bekommt. Dabei gehen die KIs nach menschlichen Maßstäben vor: Kind vor Erwachsenem, Arzt vor Barbesitzer, usw. Grundlage für die Entscheidungen der KIs sind offenbar die Asimov’schen Robotergesetze, wobei hier der Fokus auf dem Nullten Gesetz „Ein Roboter darf die Menschheit nicht verletzen oder durch Passivität zulassen, dass die Menschheit zu Schaden kommt“ liegt. Die Menschheit, also die Gruppe, steht über dem Menschen, dem Individuum. Dieser Einstellung folgen die KIs in großen Habitaten mit mehreren hundert oder tausend Menschen, doch in kleinen Gruppen wie den Mönchen auf dem Neptunmond Athos, die noch dazu einen Hang zu gefährlichen Grenzerfahrungen haben, passt diese nicht. Dafür gibt es eine andere Einstellung, wobei Rüd die lebenserhaltende KI nicht einfach umprogrammieren kann, sondern sie davon überzeugen muss, ihre Einstellung zu ändern. Dieses Vorgehen ist spannend und noch dazu unterhaltsam zu lesen.

Das zweite große Thema ist Zack bzw. ihre Natur als KI, wobei Nils Westerboer den Hauptunterschied zum Menschen in der Fähigkeit, zu vergessen, sieht. Zack kann als KI nichts vergessen, sie hat absolut alles von der ersten Sekunde ihrer Aktivierung an gespeichert und trifft ihre Entscheidungen entsprechend auf anderen Grundlagen als Rüd. Dieser Gedanke ist interessant und auch gut ausgeführt, doch je länger man darüber nachdenkt, desto mehr zweifelt man daran, ob es realistisch ist, KIs zu erschaffen, die absolut alles dauerhaft speichern. Auch wenn die Speichermöglichkeiten in der Zukunft sehr viel größer wären, wären sie doch irgendwann begrenzt (wir sprechend immerhin über viele Jahrzehnte und sogar Jahrhunderte, in denen sich Daten ansammeln). Es müsste eine Priorisierung der Daten stattfinden bzw. das Aussortieren von Daten, die nicht mehr benötigt werden. Darüber hinaus beschäftigt sich der Autor leider wenig mit der Frage, ob Zack als Lebewesen betrachtet werden kann. Erst im letzten Drittel setzt er sich knapp damit auseinander, was Freiheit für Zack bedeutet.

Leserinnen dürften sich am Frauenbild des Romans stören bzw. an den nicht-vorhandenen weiblichen Figuren. Ab und an denkt Rüd an seine Ex, allerdings erfährt man nicht viel über sie. Und die einzig andere Frau (oder auch trans Person, das wird nicht ganz deutlich) ist eine Leiche. Weitaus unangenehmer ist die durchweg weibliche Codierung der KIs. Da hätten wir mit Zack das Klischee der sexy Dienerin. All ihr Wissen, all ihre Talente und letztlich auch ihr holographischer Körper sind nur dazu da, Rüds Bedürfnisse zu erfüllen. Für ihn ist sie die „perfekte Frau“: wunderschön, intelligent – und folgsam. Sie befriedigt Rüds Fetische und verschweigt auch mal Informationen, um ihn zu schützen. Womit wir bei den Habitats-KIs wären, deren Bezeichnungen wie MARFA und OLGA bereits ihre mütterlich-fürsorgliche Rolle spiegeln. Sie kümmern sich um alles – Luft, Wasser, Wärme, Sicherheit – und bereiten den Menschen bzw. Männern (denn andere Menschen sehen wir hier nicht) ein möglichst angenehmes Leben im All. Und wenn sie nicht funktionieren, werden sie von Männern repariert bzw. einer Inquisition unterzogen. Man kann nur annehmen, dass es auch Inquisitorinnen gibt, aber davon ist keine Rede. All diesen unangenehmen Assoziationen, die durch die weibliche Codierung der KIs entstehen, hätte Nils Westerboer entgegenwirken können, indem er zeigt, wie Frauen (und queere Menschen) in seiner Zukunftsvision leben.

Weitaus ärgerlicher ist die Darstellung der Mönche, die mit den realen Mönchen auf dem Berg Athos in Griechenland nichts zu tun haben. Der Autor hat sich offenbar wenig mit dem Lebensstil von Mönchen beschäftigt – wobei die vielen Unstimmigkeiten auch Absicht sein könnten (da fragt man sich aber, warum Zack diese nicht sofort durchschaut). Falls Absicht dahintersteckt, wäre es besser gewesen, eine fiktive religiöse Sekte auf dem Neptunmond zu platzieren. Wenn man jedoch eine reale Vorlage verwendet, sollte man dieser auch gerecht werden und die Lebensweise nicht so verzerrt und oft falsch darstellen. Aus Sicht von SF-Leser*innen sind Westerboers Mönche spannende und geheimnisvolle Figuren, mit denen sich schöne Dialoge ergeben, die zum Nachdenken anregen. Dabei wird auch über Religion diskutiert, bedauerlicherweise jedoch nicht tiefer auf der Verhältnis von KI und Religion eingegangen. Schließlich gibt es hier eine KI, die an Gott glaubt – da hätte man wirklich gerne mehr über die Hintergründe erfahren, doch das Thema wird zu Gunsten des Krimiplots vom Tisch gewischt. So wie einige wirklich coole Ideen im Worldbuilding, die selten näher ausgeführt werden und letztlich untergehen.


Fazit

„Athos 2643“ wartet mit unheimlich spannenden Gedanken zum Thema Künstliche Intelligenz auf und entwirft eine Zukunft im All, in der die Menschheit gänzlich auf KIs angewiesen ist. Während dem Lesen erscheinen viele philosophische Ansätze beeindruckend, doch je länger man darüber nachdenkt, desto mehr verblasst das Strahlen dieses SF-Romans, der einige Schwächen hat, insgesamt jedoch einen beachtenswerten Beitrag zum Verhältnis zwischen Menschen und KIs darstellt.


Pro und Contra

+ spannender SF-Krimi mit gelungen Wendungen
+ interessante Gedanken zum Thema Künstliche Intelligenz
+ diskutiert u.a. das Nullte Asimov’sche Gesetz: Individuum vs. Menschheit
+ spannende Idee, KIs mittels Gesprächen zu einer Programmänderung zu zwingen
+ Zacks leicht ironische Erzählstimme
+ ein paar tolle Ideen im Worlbuilding
+ cooler Metallic-Look des Paperbacks

- zweifelhaftes Frauenbild (u.a. durch weibliche Codierung des KIs)
- Worldbuilding insgesamt unzureichend
- das Thema Religion ist nur Beiwerk
- wird dem realen Athos in keiner Weise gerecht

Wertung: sterne4

Handlung: 3,5/5
Charaktere: 3,5/5
Lesespaß: 4/5
Preis/Leistung: 3,5/5

Tags: Künstliche Intelligenz, deutschsprachige SF

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