Eisschmelze (Robert von Cube)

ohne ohren (Februar 2021)
Taschenbuch, 643 Seiten, 14,99 EUR
ISBN: ISBN: 978-3-903296-33-6

Genre: Science Fantasy


Klappentext

Eine erfrierende Erde.
Ein fliehender Mann.
Und ein Hund.

Die Natur rächt sich – Erdbeben, Vulkane, Zerstörung. Ein Teil der Menschheit flieht in den Weltraum. Auch Henry besteigt ein Raumschiff. Doch als er aus dem Kryoschlaf wieder erwacht, muss er feststellen, dass er sich immer noch auf der Erde befindet. Die Welt ist beängstigend geworden, kalt und feindlich. Und auch die Menschen haben sich verändert. Henry stolpert über die Relikte der Vergangenheit, dunkle Mythen und den Stoff, der diese neue Erde zusammenhält. Wird Henry sich ebenfalls verändern oder verändert das Eis ihn?


Rezension

Die Erde ist in Aufruhr, Erdbeben und Vulkanausbrüche verwüsten den Planeten und läuten eine neue Eiszeit ein. Gastronom Henry hat sich einen Platz auf einem Raumschiff, das die Erde verlässt, gesichert. Als er jedoch aus dem Kryoschlaf erwacht, findet er sich allein in der Dunkelheit wider. Die Menschen in den anderen Kryokammern sind alle tot und das Raumschiff hat die Erde niemals verlassen, sondern steckt in einem zugefrorenen See. Henry gelingt es, sich aus dem Schiff zu befreien und erblickt eine weiße Welt. Auf der Suche nach Nahrung begegnet er einem Hund mit blauen Warzen, den er vor Angreifern rettet und der ihm nicht mehr von der Seite weicht. Und bald begegnet er auch Menschen, die nicht mehr viel von der einstigen Zivilisation wissen und den Strom, der die Welt verlassen hat, anbeten. Henry versucht, sich eine neue Existenz aufzubauen, er knüpft Freundschaften und verliebt sich, macht furchtbare Fehler und findet sich inmitten eines Kampfes zweier mystischer Mächte wider, die die neue Welt beherrschen …

„Eisschmelze“ spielt in einer unbestimmbar weit entfernten Zukunft, in der Europa von Eis überzogen ist, das unsere Zivilisation unter sich begraben hat. Die Menschen leben wieder wie im Mittelalter auf Höfen, in kleinen Dörfern und Städten, die kaum größer als Dörfer sind. In der kurzen Sommerzeit trotzen sie dem kalten Land Nahrung ab, bauen Pflanzen an und jagen Tiere. Und sie handeln mit alten Dingen, mit Plastikteilen, Autoreifen und seltener mit alten Geräten, die zweckentfremdet werden, weil es fast keinen Strom mehr gibt, außer im Palast der Königin. Als Zahlungsmittel dienen Stücke von Platinen, die umso wertvoller sind, je größer sie sind. In dieser postapokalyptischen, eisigen Zukunft gibt es jedoch auch etwas Magisches: das Salm. Eine zähflüssige Substanz, die Menschen und Tiere segnet oder sie in dunkle Monster verwandelt. Die Menschen sprechen dabei von der Blauen Gnade, die sie anbeten, und der Dunklen Bitterkeit, die sie fürchten.

Henry begreift lange nicht, was es mit dem Salm auf sich hat, obwohl sein Hund gesegnet ist. Auf dessen Körper finden sich diverse warzenartige blaue Gebilde, die wie Edelsteine aussehen, weshalb Henry den Hund Lapislazuli nennt. Das Tier wird zu seinem ständigen Begleiter, warnt ihn vor Gefahren und weist ihm den Weg, allerdings hat es Robert von Cube versäumt, die Beziehung zwischen Hund und Mensch zu vertiefen, zumindest dürften sich Hundemenschen nicht mit Henry identifizieren, der zwar von Lapislazuli profitiert, ihn aber dennoch nur mit menschlicher Arroganz betrachtet und seine Fähigkeiten lange unterschätzt. Man merkt, dass Henry keinen richtigen Bezug zu Hunden hat und entsprechend Lapislazulis Sprache – und damit auch dessen Warnungen – schlecht versteht.

Als Gastronom bringt Henry vieles mit, was ihm in der für ihn völlig fremden Eiszeitwelt hilft. Er kann gut mit Menschen umgehen und ihre Sympathie gewinnen und er nutzt sein Wissen um die alte Welt, um sich eine neue Existenz aufzubauen. So kehrt er zum Raumschiff zurück, um Teile daraus zu bergen und zu verkaufen. Zudem bemerkt Henry, dass die Eiszeit sich ihrem Ende nähert und das Eis in naher Zukunft schmelzen wird, was bedeutet, dass es bald alte Relikte in Hülle und Fülle geben wird. Also bietet er sich hohen Persönlichkeiten als Berater an, wobei er verschweigt, dass er aus der Vergangenheit kommt. Stattdessen lässt er alle in dem Glauben, er käme aus dem Süden, über den die Menschen im eiszeitlichen Deutschland fast nichts wissen.

Neben Henry verfolgt man die Lebenswege von Barn und Arnia, die er auf dem Hof, wo er zuerst Zuflucht findet, kennenlernt. Die beiden sind miteinander verwandt und Barn ist besessen von Arnia, die ihn aber zurückweist und stattdessen an Henry Interesse zeigt. Der schläft mir Arnia, während er sich mit Barn anfreundet und mit ihm Geschäfte plant. Barn wirkt auf den ersten Blick sympathisch und hilfsbereit, hat allerdings nur eigene Interessen im Sinn. Er ist ein- und ungebildet, weiß aber immer genau, wann und wie er jemanden ausnutzen kann – außer seine Cousine Arnia, die ihn durchschaut. Sie ist klug und verantwortungsbewusst und entwickelt sich im Verlauf des Romans zu einer faszinierenden Persönlichkeit. Henry ahnt nicht, dass Aria vom Salm gesegnet ist und was das für sie bedeutet – und trifft eine fatale Entscheidung.

Zu diesen drei gesellen sich zahlreiche Nebencharaktere, von denen man meist eine sehr gute Vorstellung hat. Hier treffen verschiedenste Menschen mit unterschiedlichsten Motivationen aufeinander, stehen einander im Weg, betrügen einander, aber helfen sich auch gegenseitig. Zu den gefährlichsten Widersachern gehört der Bändiger, eine finstere Gestalt, die offensichtlich von der Dunklen Bitterkeit befallen ist, die aber so gefürchtet wird, dass jeder zurückweicht. Der Bändiger ist äußerst brutal und bastelt aus toten Tieren monströse Kreaturen, die er mit Messern und Rasierklingen bestückt und die als Untote zu Waffen werden. Die Dunkle Bitterkeit beschert den Leser*innen einige eklige Szenen und reichert den Roman mit Horrorelementen an. Faszinierend ist auch die alte Frau Nurrte, die von einer dritten Art Salm erfüllt ist und Henry auf grobe und kryptische Weise unterstützt.

Was anfangs noch postapokalyptische Science Fiction ist, wandelt sich immer stärker zu Fantasy, da das Salm und mit ihm zusammen Intrigen und Machtkämpfe in den Vordergrund treten. Die Dunkle Bitterkeit breitet sich aus, die Königin wird ermordet und hinterlässt ein Machtvakuum, in dem ein erbitterter Streit der Fürstentümer entbrennt. Dabei gehen die Diener der Dunklen Bitterkeit subtil vor und verschleiern ihren Befall so gut es geht, um Menschen auf ihre Seite zu ziehen und durch rechtmäßige Wahl eine neue Königin zu installieren, die das Land in die Finsternis stürzen will. In seiner Beraterstellung kommt Henry mit den verschiedensten Persönlichkeiten in Kontakt und erfährt so von der Verschwörung. Eigentlich will er andere nur warnen, muss aber letztlich selbst um sein Leben und die Zukunft kämpfen.

Leider verliert sich im Verlauf der Handlung ein wenig der Bezug zum Titel „Eisschmelze“. Von einem Ende der Eiszeit bemerkt man kaum etwas, ab und an beschreibt der Autor Pfützen und Matsch, aber der Fokus liegt so stark auf dem Kampf „Gut gegen Böse“, dass das Ereignis der Eisschmelze kaum wahrgenommen wird. In der zweiten Hälfte gibt es zudem einige Längen, es wird zu viel Zeit auf einzelne Ereignisse aufgewendet und die Protagonist*innen müssen so viele Niederlagen verkraften, dass die Stimmung kippt. Zum Ende hin zieht das Erzähltempo wieder an und am Ende geht alles sehr schnell. Hinzu kommt eine äußerst unschöne Szene, die sich den ganzen Roman über bereits angedeutet hat, aber auf die Robert von Cube gerne hätte verzichten können.

Interessant an „Eisschmelze“ ist, dass das Salm nicht eindeutig ein Fantasyelement ist, sondern auch der Science Fiction zugerechnet werden könnte. Robert von Cube verrät wenig über die Herkunft der Substanz und es eröffnen sich verschiedene Interpretationsmöglichkeiten. So bleibt die größte Stärke des Romans das Worldbuilding, in dessen Rahmen der Autor gerne weitere Geschichten erzählen dürfte.


Fazit

„Eisschmelze“ ist ein faszinierender Mix aus Science Fiction, Fantasy und Horror, der in einer eiszeitlichen Postapokalypse vom Kampf „Gut gegen Böse“ erzählt. Protagonist Henry bringt viele Eigenschaften mit, die ihn extrem anpassungsfähig machen, oft hat er aber auch nur schieres Glück – letztlich ist es Arnia, die über sich hinauswächst und die Leser*innen mit ihrer Entwicklung und ihren Fähigkeiten beeindruckt.


Pro und Contra

+ außergewöhnliches Worldbuilding als eiszeitlicher Postapokalypse-Fantasy-Mix
+ spannendes Konzept von Blauer Gnade und Dunkler Bitterkeit
+ authentische Protagonist*innen, die Fehler machen und bitter für diese bezahlen
+ sehr unterschiedliche und viele interessante Nebenfiguren
+ Arnias positive Entwicklung und die zunehmende Anerkennung ihrer Fähigkeiten
+ Hund Lapislazuli
+ überwiegend atmosphärisch und spannend zu lesen

- Hund Lapislazuli kommt zu kurz
- mehrere Längen in der zweiten Romanhälfte
- Bezug zur titelgebenden „Eisschmelze“ geht verloren

Wertung: sterne4.5

Handlung: 4,5/5
Charaktere: 4/5
Lesespaß: 4,5/5
Preis/Leistung: 4/5


Interview mit Robert von Cube (2021)

Tags: Science Fantasy, Winter, deutschsprachige SF, Robert von Cube, Eiszeit, Postapokalypse

Kommentar schreiben

Sicherheitscode
Aktualisieren