Nordland 2061 - Gleichheit (Gabriele Albers)

nordland2061

Plan9 (August 2022)
Taschenbuch, 624 Seiten, 18,00 EUR
ISBN: 9783948700553

Genre: Near Future


Klappentext

In einem Land, in dem Mädchen nichts wert und Frauen immer noch Eigentum ihrer Männer sind, kämpft Lillith unermüdlich für Freiheit und Gleichheit. Bo, ihr wichtigster Verbündeter in diesem Kampf, sitzt nach wie vor im Gefängnis – ihretwegen. Als es Lillith endlich gelingt, ihn zu befreien, ist der Preis höher als gedacht. Viel höher. Gleichzeitig ist die Chance für einen echten Wandel im Land zum Greifen nah. Aber hat Lilith dafür die richtigen Mitstreiter an ihrer Seite?


Rezension

Wie wenig es brauchte, ein Land zurück in die Steinzeit zu katapultieren: Es reichte ein einziger Mann, dessen Gier größer war als sein Verstand. (Seite 173)

„Nordland 2061 – Gleichheit“ spielt eineinhalb Jahre nach „Nordland. Hamburg 2059 – Freiheit“ und führt fort, was Lilith zusammen mit dem Rebellen Bo begonnen hat. Man muss den Vorgängerband jedoch nicht zwingend gelesen haben, da Gabriele Albers die wichtigsten Ereignisse im Verlauf der Handlung aufgreift, sodass man auch ohne Vorkenntnisse gut in die Geschichte hineinfindet.

Im Jahr 2061 ist Deutschland seit über dreißig Jahren in mehrere kleine Staaten zerfallen. Einer davon ist Nordland mit Hamburg als Hauptstadt. Als die alte Weltordnung zusammenbrach, haben sich die reichsten Familien alles unter den Nagel gerissen, was sie kriegen konnten, und Nordland unter sich aufgeteilt. Die sogenannten Birds kontrollieren nahezu alles und regieren als Geldadel das von einer beispielslosen Dürre geplagte Nordland. Dass wenige fast alles besitzen, während andere nicht wissen, ob sie im nächsten Winter etwas zu essen haben, schürt Wut in der Bevölkerung, die die Rebellengruppe Omega für sich zu nutzen weiß. Um einen Bürgerkrieg zu verhindern, hat Lilith den Rebellenführer Bo verraten und ihn ins Gefängnis gebracht – eine äußerst schmerzhafte Entscheidung, da sie ihn liebt. Nun setzt sie als einzige Senatorin in einer Regierung alter weißer Männer alles daran, Bo auf legalem Weg aus dem Gefängnis zu holen und ihn zum neuen Bürgermeister zu machen.

Auch eine neue, gerechtere Verfassung wurde ausgearbeitet. Erst wenn diese verabschiedet wird, will Schweden Nordland mehr Unterstützung zukommen lassen und unter anderem Entsalzungsanlagen bauen. Im Vergleich zu Nordland ist Schweden als Teil der Skandinavischen Union eine Art Solarpunk-Paradies: Hochtechnisiert, sehr grün und vor allem gerecht und frei. Hier gibt es ein Bedingungsloses Grundeinkommen, hohe Vermögenssteuern, echte Gleichberechtigung und deutlich mehr Wohlstand für alle. Alles, wovon Lilith träumt. Dass sie überhaupt Senatorin ist und über die Reichtümer ihrer Familie verfügt, liegt allein daran, dass sie nicht verheiratet ist und genügend Männer ihre Beteiligung an der Regierung zähneknirschend akzeptieren. In Nordland gelten Frauen als Eigentum der Männer, erst ihrer Väter, später ihrer Ehemänner, die über alles bestimmen – wo sie sich aufhalten, wen sie treffen, wie sie aussehen und welche Kinder sie bekommen.

Für viele Leserinnen dürfte die Lektüre von „Nordland 2061“ schwer zu ertragen sein, da Frauen hier immer wieder Demütigungen und (sexuelle) Gewalt erleben – und wie sie von Männern benutzt und getäuscht werden. Die Verfassungsänderung soll Gleichberechtigung bringen, doch auch unter den Rebellen gibt es viel Misogynie und Queerfeindlichkeit, sodass gleiche Rechte für alle auch mit einem Systemwechsel nicht möglich scheinen. Lilith erringt im Verlauf der Handlung viele Siege, muss jedoch ebenso oft Niederlagen verkraften und sich der Männerherrscht fügen, inklusive Erniedrigung und Schmerz. Sie selbst stammt aus einer reichen Familie, gehört damit zu den Birds und wird trotz ihrer unermüdlichen Bemühungen um Freiheit und Gleichheit von vielen Rebellen kritisch gesehen. Sie wird zu Entscheidungen gezwungen, die sie in der Öffentlichkeit schlecht dastehen lassen, und so bekommt sie viel Hass ab. Man fiebert mit Lilith mit, doch sie ist keine selbstlose Heldin, sondern handelt oft aus Eigennutz. Sie hat erkannt, dass die rückständige nordländische Gesellschaft zum Scheitern verurteilt ist, sie lehnt sich gegen die Unterdrückung von Frauen und damit gegen ihre Unterdrückung auf und letztlich treibt sie auch die Liebe zu einem Mann an.

Die Liebe zu Bo ist Liliths größte Schwäche, sie macht sie angreif- und erpressbar. Zwar ist Bo tatsächlich sehr charmant, idealistisch und scheinbar aufrichtig, doch letztlich passt Lilith Kampf um Gleichheit nicht zu der Liebesgeschichte. Immerhin gibt es mit der Schwedin Tiiu einen Gegenpol, eine selbstbewusste, freie Frau, die sich für Lilith interessiert und auch deren Interesse weckt. Tiiu ist ihr eine große Hilfe, doch ansonsten setzt Lilith zu oft auf männliche Freunde, was ihr zum Verhängnis wird. Denn die Misogynie geht nicht allein von den alten Männern in der Regierung aus, sie ist tief in der nordländischen Gesellschaft verankert und verhindert, dass die, die etwas verändern wollen, wirklich Seite an Seite kämpfen. „Nordland 2061“ zeigt vor allem die dreckigen Seite der Politik, das Wirken alter Seilschaften, unfaire und illegale Methoden, die den demokratischen Prozess ad Absurdum führen. Lilith will keine blutige Revolution, sondern einen nachhaltigen Wandel durch Demokratie, aber es wirkt oft, als sei ihr Glaube daran einfach nur naiv. Letztlich entscheiden meist das Geld, faule Deals und Betrug – und viele gehen über Leichen, um ihre Macht zu erhalten oder Macht zu gewinnen.

Im Mittelteil müssen Lilith und die Frauen in Nordland so viele Rückschläge hinnehmen, dass man die Lust am Lesen verliert und das Buch zornig in eine Ecke werfen will. Zu sehr erinnert alles an Strömungen, die in unserer Gegenwart existieren und wo man nur hoffen kann, dass sie nie die Überhand gewinnen. Aktuell wäre ein Szenario wie in „Nordland 2061“ in den USA realistischer als in Deutschland, doch auch hier gibt es teilweise einen Backslash und Gleichberechtigung steht zwar im Grundgesetz, ist aber an vielen Stellen noch nicht verwirklicht. Von so vielen Rückschritten zu lesen, ist frustrierend, doch es lohnt sich, dranzubleiben, denn die Frauen, die sich aus Angst gegenseitig Steine in den Weg legen, erkennen letztlich, dass sie sich nur gegenseitig helfen können. Gabriele Albers zeichnet ein durchaus differenziertes Bild, in dem zwar die meisten Männer misogyn sind, es aber auch wenige gibt, die echte Verbündete sind und im Rahmen ihrer Möglichkeiten helfen. Auf der anderen Seite gibt es Frauen, die sich mit ihrer Rolle arrangieren, ihre „Eigentümer" manipulieren und das Beste aus ihrer Situation machen – und andere Frauen angreifen.

Die Technologie hat sich bis 2061 natürlich weiterentwickelt. Das Word Wide Web wurde durch das Vidya-Netz ersetzt, auf das man mittels smarter Accessoires zugreifen kann. In Schweden gibt es smarte Einrichtung, die die Natur nachahmt, sodass man mitten in einer hochtechnisierten Stadt auf Bäumen sitzt. Doch in „Nordland 2061“ sieht man vor allem die Schattenseiten futuristischer Technologien, da sie überwiegend zur Überwachung und Unterdrückung eingesetzt werden oder in Form von Roboterhunden und Ultraschallwaffen Menschen verletzen. Gabriele Albers baut hier viele interessante Ideen ein, allerdings wirkt es manchmal, als könnte Technik immer genau das, was die Autorin gerade für die Handlung braucht. In den Details steckt so manche Unstimmigkeit. Auch erfährt man leider sehr wenig über die Welt außerhalb von Nordland und der Skandinavischen Union.

Wie bereits eingangs erwähnt, kann man „Nordland 2061“ sehr gut als Einzelroman lesen, doch dürften Kenntnisse aus dem ersten Band so manche Szene in einem anderen Licht erscheinen lassen. Zumindest wird die Neugier auf die Vorgeschichte geweckt, die nächstes Jahr im Herbst bei Plan 9 in neuem Gewand erscheinen soll. Da es in Nordland sehr viele wichtige Persönlichkeiten gibt, wurde sinnvollerweise ein Personenverzeichnis am Ende des Buches eingefügt.

Nur friedlich wird sich was in Nordland ändern. Sonst ersetzen wir nur ein ungerechtes System durch das nächste. Ein gewaltsamer Umsturz bringt uns nicht weiter. Dann werden wir immer Gewalt brauchen, um uns an der Macht zu halten. (Seite 328/329)


Fazit

„Nordland 2061 – Gleichheit“ ist ein düsterer, hoffnungsvoller und oft frustrierender Roman, der eine Zukunft der sozialen Ungerechtigkeit zeichnet. Vor allem Frauen leiden unter dem System, das wenige reiche Männer begünstigt – und die kämpfen mit aller Falschheit und Brutalität um den Erhalt ihrer Macht. Es erscheint naiv und aussichtslos, wie Protagonistin Lilith sich um einen friedlichen Wandel bemüht, zu oft wird sie bitter enttäuscht und erniedrigt, doch sie gibt nicht auf und nach einem finsteren Mittelteil keimt wieder Hoffnung auf.


Pro und Contra

+ komplexe, gut verflochtene Handlung
+ erschreckende Zukunftsvision eines streng patriarchalen Nordlands
+ Bemühungen um einen möglichst friedlichen und damit nachhaltigen Wandel
+ illustriert eindrücklich politische Machtspiele und Intrigen
+ die Skandinavische Union als utopischer Gegenentwurf
+ Lilith ist eine ehrgeizige, ideenreiche Protagonistin, die nie aufgibt
+ facettenreiche, interessante Nebenfiguren
+ viele Wendungen und Offenbarungen
+ unter all der Misogynie schimmert das positive Menschenbild der Autorin hevor

- im Mittelteil (für Leserinnen) extrem frustrierend
- Lilith ist zu oft männlichen Verbündeten abhängig
- nicht ganz stimmiges Bild zukünftiger Technologie

Wertungsterne4

Handlung: 4/5
Charaktere: 4/5
Lesespaß: 4/5
Preis/Leistung: 3,5/5

Tags: SF-Autorinnen, feministische Science Fiction , Near Future, Gabriele Albers, Hamburg

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