Facetten der Zukunft (Hrsg. Stefan Cernohuby)

ohne ohren (2022)
Taschenbuch, 318 Seiten, 13,99 EUR
ISBN 978-3-903296-49-7

Genre: Science-Fiction-Anthologie


Klappentext

Die Zukunft – unstet, unbegreiflich und voller Möglichkeiten. Das große Unbekannte, das unsere weitere Existenz als Menschheit bestimmt, beginnt bereits morgen. Dystopie trifft auf Utopie, auf dem Walzerparkett drehen sich technische mit sozialen Entwicklungen Arm in Arm durch den Ballsall der Möglichkeiten.

Was lauert im unbekannten Morgen? Klimakatastrophen, Pandemien, globale soziale Ungerechtigkeit? Ist das alles? 13 Geschichten des Möglichen zeichnen finstere und helle Bilder, schreiben Hoffnungsschimmer mit visionärer Feder und zeigen, dass sich die Zukunft in vielen Facetten widerspiegelt.


Rezension

Die deutschsprachige Science Fiction ist in den letzten Jahren vielseitiger geworden und hat viele neue Stimmen hervorgebracht, darunter auch einige aus Österreich. Der Kleinverlag ohne ohren hat nun mit "Facetten der Zukunft" eine Anthologie herausgebracht, die ganz den österreichischen Autor*innen gewidmet ist. Da es kein übergeordnetes Thema gibt, sind die Geschichten thematisch breit aufgestellt und verschiedenste SF-Subgenres werden bedient, wobei auch hier wie allzu oft die dystopischen Szenarien überwiegen. 13 Beiträge sind dabei eine gute Zahl, sodass die einzelnen Geschichten Raum zur Entfaltung haben - und hier und da schimmert österreisches Lokalkolorit hindurch.

Die erste Geschichte dieser Anthologie enthält besonders viel davon: "Der letzte Wiener" von Werner Skibar ist ein chaotischer Trip durch eine virtuelle Welt, die schnell als solche zu erkennen ist. Diese steckt voll östereichischer Klischees inklusive Kaiserin Sisi, die dem jungen Protagonisten zu Hilfe eilt. Teils unterhaltsam zu lesen, teils aber auch überladen und mehr surrealer Traum mit Videospielatmosphäre als Science Fiction.

Faye Hells "Anekdote zur Nivellierung der Arbeitsmoral" gehört zu den besten Geschichten dieser Sammlung und begeistert sowohl stilistisch als auch inhaltlich. Protagonistin Andrea ist eine sogenannte Nona, eine Arbeitskraft, die immer den gleichen Tagesablauf hat und nichts mehr will, als zu arbeiten. So ist sie programmiert, ihr Wille ist unfrei. Doch Andrea hat einen Defekt, nur einen kleinen, der bald eine große Wirkung entfaltet. Der repetitive Stil unterstreicht den immergleichen Tagesablauf und umso intensiver wirken die Abweichungen, die Andrea mit Glück erfüllen, ihr aber schließlich eine schreckliche Wahrheit offenbaren.

"Träumen KIs von analoger Liebe?" fragt sich Jacqueline Mayerhofer in ihrem kurzen Weltraumabenteuter, in dem sich eine KI auf eine Raumschiffcaptain fixiert. Galvina Threllford hält es zunächst für relativ normal für eine hochentwickelte Schiffs-KI, das diese Eigenheiten entwickelt und ist einer Freundschaft gegenüber offen. Doch KI Asur will mehr und legt bald das ganze Schiff lahm, um Galvina für sich zu gewinnen und zu beschützen. Dabei werden auch Fragen nach der Lebendigkeit der KI angerissen, doch diese bleiben oberflächlich. Die Analogie des Titels zu Phil K. Dicks "Do Androids Dream of Electric Sheep?" ist offensichtlich und die Autorin weckt damit Erwartungen, die sie nicht erfüllen kann.

Caroline Hofstätter widmet sich in "Zukunftsinvestition" der Optimierung der Menschen bzw. seiner Nachkommen. Wir erleben dabei ein Paar, dessen Lebensentwurf an toxische Klischees der 1950er erinnert. Protagonistin Lisa bemüht sich, die schöne und perfekte Frau zu sein und scheint vollkommen von ihrem Mann abhängig. Für diesen ist seine Frau ebenso ein Statussymbol wie sein Auto und sein zukünftiges Kind, das in einer Kinderwunschklinik genetisch designt werden soll. Die genetische Ausstattung des Kindes ist Verhandlungsgegenstand und Lisa hat dabei kaum etwas mitzureden - immerhin erkennt sie, wie menschenverachtend ihr Mann eigentlich ist, und trifft eine folgenschwere Entscheidung. "Zukunftsinvestition" ist gut erzählt und illustriert anschaulich, zu welchem Irrsinn die Genetechnik führen könnte, allerdings sind der Umgang mit Lisa, ihre Abhängigkeit und das Kleinmachen kaum zu ertragen.

Auch in "Crisper Cracker" von Michael Marcus Thurner geht es um die Optimierung, allerdings mit düsteren Cyberpunkvibes und Drogen, die die Gehirnstruktur umbauen können. Accos Zukunft scheint entschieden, die Governante = der Staat hat ihn ausführlich analysiert und seinen Lebensweg festgelegt. Doch dann kommt er an einen Crisper Cracker, der ihn zu einem wertvollen Mitglied der Gesellschaft und zu einem machtgeilen Egoisten macht. Die Gesellschaftskritik ist vielleicht etwas plakativ, doch die Botschaft kommt rüber und der schnelle, harte Erzählstil gefällt - die mitschwingende Misogynie allerdings nicht.

Herausgeber Stefan Cernohuby ist mit "Rufe den Donner" vertreten: Max Gruber erwacht aus dem Kälteschlaf, seine tödliche Krankheit, wegen der er sich einfrieren ließ, konnte endlich geheilt werden. Doch die Welt, in der er erwacht, ist eine gänzlich andere. Max findet sich in einer Postapokalypse samt archaischer Gesellschaft wider, die von ihm nun erwartet, eine Prophezeiung zu erfüllen und den Donner zu rufen. Schön atmosphärisch und mit einem trotz aller Düsternis humorvollen Ende.

Zu den Highlights dieser Anthologie gehört auch "Farm 49" von Jana Paradigi. Nach Kriegen, Pandemien und Naturkatastrophen sind die wenigen Überlebenden auf den Mars umgesiedelt. Die Marsgesellschaft erscheint beinahe utopisch, leidet aber unter einen sehr geringen Fruchtbarkeitsrate. Terraläufer sollen eine Farm auf der Erde kontrollieren und die Ernte zum Mars bringen, doch sie stürzen über der ehemaligen Ukraine und damit in verseuchtem Gebiet ab. Die Autorin zeichnet ein spannendes Bild der zukünftigen Erde und des Mars und verpasst ihrer Geschichte eine erstaunliche Wendung. Gern würde man einen ganzen Roman mit diesem Setting lesen. 

"60 Minuten" von Roman Schleifer handelt von einer makaberen Gameshow, in der die Teilnehmer*innen entscheiden sollen, wer von ihnen Selbstmord begeht. Der Protagonist hat sich zur Teilnahme entschieden noch bevor er wusste, um was es geht, und hält alles für einen bösen Scherz, doch die Macher meinen es verdammt ernst. Zum Ende gibt es noch einen Twist, der kaum überrascht, und die Science Fiction ist hier nur schmückendes Beiwerk.

Nora Bendzko nutzt in "Dein Paradies" die ungewöhnliche Wir-Perspektive, denn es geht um einen sogenannten Bee - einen neuralen Zusammenschluss von Menschen und Anthroid*innen. Immer mehr Menschen und KIs organisieren sich in der Zukunft in solchen Bees, an deren Spitze eine Königin steht, eine Art Puppe, die den gemeinsamen Willen des Bees repräsentiert. Als eine Königin ermordet wird, kommen die Schattenseite der Utopie zum Vorschein. Einer der besten und kreativsten Beiträge dieser Anthologie.

"Stars & Stripes" von Andreas Gruber erzählt sehr ausführlich vom Besuch des Protagonisten im Weißen Haus, wo er die Präsidentin treffen und vor einer schrecklichen Gefahr warnen will. Dudley Teek hat tausende Horoskope von historischen Persönlichkeiten analysiert, auch die von Diktatoren und Massenmördern und glaubt, ein fatales Muster erkannt zu haben. Es ist amüsant zu lesen, wie Dudley die Securities überlistet und immer weiter in für Besucher gesperrte Bereiche des Weißen Hauses vordringt, allerdings ist die Geschichte fast zu lang und verliert seine Leser*innen zwischendrin. Auch gibt es ein paar große Zufälle zu viel. Trotzdem eine unterhaltsame Variante der selbsterfüllenden Prophezeiung.

In "Der Vermicelli-Nebel" deutet Mia Faber eine dystopische, vom Krieg zerrüttete Zukunft an, doch man erfährt nur sehr wenig darüber und bleibt ganz nah bei der schweigsamen Protagonistin, die auf einer Raumstation einen Herzensmenschen sucht. Die Story lebt ganz von ihrer Atmosphäre, die immer beklemmender wird, und braucht nicht viele Dialoge. Etwas mehr Hintergrundinformationen wären für das Verständnis dennoch wünschenswert gewesen.

Eine Zeitreisegeschichte darf in einer SF-Anthologie nicht fehlen. Für diese sorgt Leo Lukas mit "Futurum exactum". Jacky will gerade ihren Laden schließen, als zwei merkwürdige Gestalten vor ihrer Tür stehen und behaupten, aus der Zukunft zu kommen. Sie sind da, um die Ereignisse in Gang zu setzen, die zu ihrer glorreichen Zukunft führen - diese ist jedoch aus Jackys Sicht eher ein Alptraum, auch wenn sie genau solches Gedankengut im Internet unterstützt hat, der Likes wegen. Der Autor überspitzt die fatalen Auswirkungen rechten Verschwörungsirrsinns und Schwurbelei und entlarvt die menschenfeindliche Ideologie. Das offene Ende, das eine Fortsetzung verspricht, ist in einer Anthologie unglücklich - denn jetzt will man weiterlesen und weiß nicht, wo man das tun kann. 

"Chrysalis" von Melanie Vogltanz hat Parallelen zu "Ruf den Donner", denn auch hier findet sich die Protagonistin in einer Postapokalypse wieder und soll zu etwas bestimmt sein. "Chrysalis" ist jedoch mystischer, Dea wacht ohne Erinnerungen auf und muss sich langsam an die Wahrheit herantasten. Die Autorin wechselt dabei zwischen zwei Zeitebenen, was in der Kürze gut gelungen ist, ebenso wie die Interaktion mit einer ihrer Vorgängerinnen. 

"Facetten der Zukunft" bietet eine gute Mischung von SF-Geschichten aus Österreich, wobei man abgesehen vom bereits angesprochenen Lokalkolorit nicht merkt, dass hier nur Autor*innen aus Österreich vertreten sind. Große Unterschiede zu SF aus Deutschland sind auch nicht zu erwarten, verlief doch die historische Entwicklung in den letzten Jahrzehnten sehr ähnlich und gerade für die jüngeren Autor*innen, die in der Europäischen Union und mit dem Internet aufgewachsen sind, spielen Ländergrenzen keine Rolle. Dennoch zeigt die Anthologie, dass es in Österreich eine produktive und vielseitige SF-Szene gibt, die die gleichen Themen umtreibt, wobei hier ausgerechnet die Zukunft Österreichs leider zu kurz kommt. Auch naturwissenschaftliche Themen kommen zu kurz, der Fokus liegt mehr auf gesellschaftlichen Entwicklungen und menschlichen Fehlern. Und auch von den Utopien, die sich viele wünschen, sieht man hier sehr wenig. 

Handwerklich sind die meisten Geschichten gut bis sehr gut geschrieben, dennoch gelingt es nur wenigen Autor*innen, nachhaltig zu beeindrucken und sich stilistisch hervorzutun. Man vermisst Experimentierfreude wie in "Dein Paradies" von Nora Bendzko, die aus der Perspektive eines Kollektivs schreibt, oder in "Anekdote zur Nivellierung der Arbeitsmoral" von Faye Hell, die mit dem repetitivem Stil das Risiko eingeht, zu langweilen, dies aber so gut umsetzt, dass die Geschichte von der ersten bis zur letzten Seite fasziniert.

Das pinkgrüne Cover ist ungewöhnlich für eine SF-Anthologie und damit ein richtiger Eyecatcher. Die Gestaltung innen ist schlicht und funktional, vor den einzelnen Beiträgen werden die Autor*inneninfos sowie Content Notes gereicht. Das Vorwort stammt von dem kürzlich verstorbenen österreichischen Autor Herbert W. Franke - die Anmerkung, dass es nicht mehr überarbeitet werden konnte, ist eigentlich überflüssig, denn das Vorwort liest sich sehr gut und passend. 


Fazit

"Facetten der Zukunft" bietet 13 sehr unterschiedliche SF-Geschichten von österreichischen Autor*innen, die sich in der Mehrheit gesellschaftspolitischen Themen und dystopischen Szenarien widmen. Neben wenigen Highlights gibt es viele gute Beiträge und hier und da fließt ein wenig österreichisches Lokalkolorit ein.


Pro & Contra

+ thematisch breit aufgestellt
+ "Anekdote zur Nivellierung der Arbeitsmoral", "Farm 49" und "Dein Paradies"
+ hier und das österrisches Lokalkolorit
+ schlichte Gestaltung mit Autor*inneninfos und Content Notes vor jeder Story

- ausgerechnet Österreichs Zukunft kommt zu kurz
- wenig naturwissenschaftliche Themen und wenig Originelles

Wertung: sterne3.5

Geschichten: 3,5/5
Auswahl: 3/5
Gestaltung: 3,5/5
Lesespaß: 3,5/5
Preis/Leistung: 3/5


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Tags: deutschsprachige SF, Kurzgeschichten, Österreich