Anni Bürkl (19.01.2023)

Interview mit Anni Bürkl

anni buerklLiteratopia: Hallo, Anni! Kürzlich hast Du Deinen historischen Roman „Als sie das Leben träumten“ veröffentlicht, der 13 Jahre nach dem zweiten Weltkrieg spielt. Was erwartet die Leser*innen 1958 in Wien?

Anni Bürkl: Servus, liebe Judith und danke für das Interview!
In Wien 1958 geht es langsam aufwärts, es wird viel gebaut, doch die Stadt ist grau und es gibt immer noch Baulücken von Bombenschäden. Die Stimmung ist gemischt – vom Krieg beschädigte ältere Menschen und junge Leute, die den Krieg nicht mehr bewusst erlebt haben, die das Leben auch genießen wollen, nicht nur arbeiten wie ihre Eltern, denen der Wiederaufbau und das Wirtschaftswunder alles geben.

Literatopia: Würdest Du uns Deine Protagonistin Irene näher vorstellen? Was zeichnet sie aus? Und inwiefern profitiert sie persönlich vom Wirtschaftswunder?

Anni Bürkl: Irene ist die Tochter einer Hausbesorgerin und will hinaus aus der Enge, also aus der kleinen Wohnung, die sie mit ihrer Mutter bewohnt, aber auch der Stadt, sie will mehr kennenlernen. Sie sehnt sich nach Freiheit, will ihre Haare nicht mehr wie üblich mit einem Kopftuch bedecken und Neues kennenlernen. Das Wirtschaftswunder ermöglicht immer mehr Menschen, zu reisen, in Wien gibt es bereits eine Auskunftsstelle für „Fremde“. Und so kann Irene Arbeit in einem Reisebüro finden und so ein wenig von der Welt kennenlernen.

Literatopia: Wer sind Irenes Freundinnen? Und wie sieht ihr Leben als Frauen 1958 aus?

Anni Bürkl: Also, das „Haus der Freundinnen“ besteht (vom 1. Band „Das Leben wie sie es liebten“) aus den älteren Freundinnen Loretta, Paula und Ursula.
Irene ist Paulas Tochter, die Töchter der anderen beiden, Natascha und Margit sind weit jünger als Irene. Irene freundet sich mit Gitte aus ihrer Arbeit an, mit der sie tanzen geht und lernt Angela/Angie in einem sogenannten Tröpferlbad (öffentliches Brausebad) kennen (viele Menschen haben damals noch kein Bad in der Wohnung). Durch Gitte lernt sie weitere junge Leute kennen, die eine Clique bilden. Und sie lernt, wie Frauen zusammenstehen könnten und was das bringt, auch wenn Männer übergriffig werden.

Heute erscheint es uns arg, dass Frauen bis in die 70er-Jahre hinein zB. kein eigenes Konto eröffnen und keinem Beruf nachgehen durften, ohne die Erlaubnis ihres Ehemanns und vieles mehr. Vergewaltigung in der Ehe gab es nicht als Delikt, auch Frauenhäuser nicht. Man ließ sich kaum je scheiden, weil auf geschiedene Frauen herunter geschaut wurde. Es war ein Rückschritt in eine Welt, in der Frauen abhängig waren.

All das ist die Situation der weiblichen Hauptfiguren in meinen Romanen, auch 1958! Das hat in Österreich erst Staatssekretärin und Frauenministerin Johanna Dohnal geändert, der wir wirklich ein Denkmal dafür setzen sollten.

Literatopia: Da würde ich gerne einen kleinen Exkurs machen, denn in Deutschland dürften viele Johanna Dohnal nicht kennen (so wie allgemein Politikerinnen von damals eher unbekannt sind) – was hat sie für Frauen in Österreich zum Positiven verändert? Und was verbindest Du persönlich mit ihr?

Anni Bürkl: Johanna Dohnal ist hierzulande eine Ikone der Gleichberechtigung – allerdings erst jetzt, früher wurde sie für ihre Forderungen lächerlich gemacht, ignoriert oder gar persönlich angegriffen. Sie wurde vom sozialdemokratischen Bundeskanzler Bruno Kreisky in die Regierung geholt, beide stehen für Aufbruchsstimmung in den Siebzigerjahren - Justizreform,

Wir verdanken Dohnal heute u.a. das erste Frauenhaus, dass sexuelle Belästigung gesetzlich verboten ist, Betretungsverbote für gewalttätige Männer, eine Frauenquote an den Unis oder dass ledig geborene Kinder KEINEN Amtsvormund mehr bekommen müssen. Erst seit 1993 ist „gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ gesetzlich verankert. Aber man hat sich lustig gemacht über ihre Sager „Männer an den Herd“ oder ihre Forderung nach 50:50.

Heute ist so vieles davon selbstverständlich – zumindest theoretisch sind wir Frauen gleichberechtigt. Wir haben Gesetze, auf die wir uns berufen können. Das gab es früher nicht. Ich persönlich verbinde mit ihr insbesondere, dass Feminismus offenbar weh tut und frau sich wehren kann und wehren muss, dass das aber nie leicht ist.

Der Film „Die Dohnal“ von Sabine Derflinger ist sehr empfehlenswert

Literatopia: Heute denken viele bei den 1950ern zuerst an das Wirtschaftswunder, an Aufschwung, mehr Freiheiten und mehr Wohlstand. Doch der Krieg hat Wunden und Narben hinterlassen. Inwiefern leiden Deine Figuren unter den Nachwirkungen des Krieges?

Anni Bürkl: Vor allem fehlen überall Männer – auch Irenes Vater ist nicht anwesend seit der Nachkriegszeit, er ist gewalttätig und (soll ich spoilern?) wurde von den Freundinnen vertrieben.

Paula will ihre Tochter Irene kaum loslassen aus Panik, es könnte ihr etwas zustoßen. Sie will, dass sie sich gesittet anzieht und benimmt, keine kurzen Röcke oder Lippenstift trägt, weil Paula die Übergriffigkeit und Gewalt der Männer kennt.

Ursula spürt Distanz zu ihrem kriegsversehrten Mann Josef, der nicht reden will und im Krieg verletzt wurde.

Und die Frauen, die im Krieg das Leben am Laufen hielten, fühlen sich zudem jetzt wieder zurückgedrängt, seit die Männer zurück sind, die wieder Nummer 1 überall sein wollten.

In der direkten Nachkriegszeit haben die Menschen gehungert, das prägt. Noch bis in die späten Fünfzigerjahre wurden Kinder aus Wien ins Ausland „verschickt“, nach Belgien, Holland, nach Portugal und Spanien oder in die Schweiz wo sie endlich genug zu essen bekamen.

das leben wie sie es liebtenLiteratopia: „Als sie das Leben träumten“ ist die Fortsetzung von „Das Leben wie sie es liebten“, wo Loretta 1946 im zerbombten Wien lebt. Wie erging es den Frauen so kurz nach dem Krieg?

Anni Bürkl: Dazu sollte man das Buch lesen. :-)
Es erging ihnen schlecht, Hunger und Kälte und Infektionskrankheiten waren allgegenwärtig und es gab fast keine Ärzt*innen (ein Großteil von ihnen war jüdisch und wurde ermordet oder zur Emigration genötigt), aber viele Krankheiten – Lungentuberkulose, Fleckfieber und so weiter.

Doch die Freundinnen im Buch haben gemeinsam vieles geschafft, z.B. In dem sie die Lebensmittelzuteilungen gemeinsam verkochen.

Literatopia: Auch Dein unter dem Pseudonym Katharina Schöndorfer veröffentlichter Roman „Bis zum letzten Tanz“ spielt in Wien zur Zeit des zweiten Weltkriegs. Warum interessieren Dich besonders Frauenschicksale aus dieser Zeit? Und sind in Deiner Familie Geschichten aus dem zweiten Weltkrieg überliefert?

Anni Bürkl: Meiner Einschätzung nach wirkt der Krieg bis heute in vielen Menschen nach, denken wir nur an die Bücher über Kriegskinder und Kriegsenkel. Das Besondere an den Erlebnissen der Frauen ist für mich, dass sie gekämpft und den Alltag geregelt haben gegen alle Probleme durch Krieg und Diktatur – da sehr stark waren, aber später wieder aus diesen Positionen hinausgedrängt wurden, von den Heimkehrern. Die Fünfzigerjahre waren ziemlich bieder in ihrem Frauenbild, da waren die Zwanzigerjahre deutlich fortschrittlicher. Die rebellischen jungen Menschen waren wohl zumindest in Wien in der Minderheit.

In meiner Familie gibt es zum Teil auch Geschichten aus dem Krieg, aber nicht alle haben darüber geredet – manche konnten oder wollten nicht, was typisch war für die Nachkriegszeit. Einfach weiter machen, alles wieder aufbauen, Gefühle brauchte man nicht oder konnte gar nicht mit ihnen umgehen.

Literatopia: Was sind aus Deiner Sicht die Hauptgründe, dass die positiven Entwicklungen für Frauen aus den 1920ern nach dem Zweiten Weltkrieg verloren gegangen sind?

Anni Bürkl: Der eine Hauptgrund sind die Dreißigerjahre und der Nationalsozialismus, in dem Frauen bereits aus dem Beruf VERdrängt und zur Mutterschaft HINgedrängt wurden. Das Bild Frauen am Herd mit Kindern hat man dann belassen, halt ohne allzu offene faschistische Hintergründe, die Entnazifizierung gab es eh nur an der Oberfläche und in der allerersten Nachkriegszeit. Es war ja auch die konservative ÖVP an der Regierung. Die beliebten Heimatfilme waren wunderbar harmlos, um nicht über die Zeit vor 1945 nachdenken zu müssen – sie waren wohl auch ein Vorbild für die Geschlechterrollenverteilung.

bis zum letzten tanzLiteratopia: Deine historischen Romane und auch manche Deiner Krimis spielen in Deiner Heimatstadt Wien. Was gefällt Dir besonders an „Deiner“ Stadt?

Anni Bürkl: Ich bin eine späte Lokalpatriotin – aber Wien ist einfach auch in den Jahren seit den Neunzigern so viel besser geworden. In den Achtzigerjahren war Wien ödest, gerade für Jugendliche wie mich damals, es gab kaum Lokale zum Ausgehen und der seit Jahren so beliebte Silvesterpfad zB. Wurde erfunden, weil sich der damalige Bürgermeister ärgerte, dass man an so einem Abend nicht ausgehen konnte!

Die Häuser waren grau, alles irgendwie grau. Heute ist die Stadt bunt in jeder Hinsicht: eine (bald) Zwei-Millionen-Stadt, in der du zB. Speisen aus jedem Land der Erde essen kannst, dazu die nötigen Geschäfte findest, viele Sprachen hörst, Menschen aus allen Ländern triffst und so weiter. Lustig ist, dass alle Zuwandernden irgendwann den Grant der bisherigen Einheimischen übernehmen, Oida! ;-)

Dann gibt es viel Grün mitten in der Stadt, auch nicht unangenehm.

Außerdem hast du hier so viele verschiedene historische Zeiten, die ihre Spuren hinterlassen haben – der Tourismus lebt von Sisi, Freud & Mozart – aber da sind auch die gern verschwiegenen Gräuel der Nazi-Zeit, die Babenberger*innen und vieles mehr. Auch der erste Weltkrieg hat einiges verändert, z.B. Hat damals die heute bekannte Art von Fürsorge von städtischer bzw. staatlicher Seite begonnen. Dann das rote Wien der Zwischenkriegszeit, wo so viel für Arbeitende, Kinder und so weiter getan wurde – der Wohnbau ist bekannt.

Dann kenne ich außerdem viele Plätze und Dinge, die wenig bekannt sind und das macht es noch interessanter, über diese Stadt zu schreiben.

Literatopia: Auf Deiner Website schreibst Du, dass Dir das Schreiben leichtfällt. Gab es dennoch manchmal Momente, in denen es in einer Deiner Geschichten nicht mehr weiterging? Was machst Du dann?

Anni Bürkl: Auf die Frühwerke wollen wir lieber nicht eingehen. ;-)
Einmal habe ich tatsächlich einen geplanten Roman an die Wand gefahren – dann konnte ich das Ding nur weglegen.

Blockaden an sich kenne ich beim Schreiben nicht – eher „Veröffentlichungsblockaden“, wenn ich nicht weiß, wie es weitergeht, wenn meine Bücher niemanden zu interessieren scheinen. Jetzt als Selfpublisherin habe ich ja alles in der Hand und das tut gut! Und – meine Bücher werden viel gelesen.

Literatopia: Wie bist Du dazu gekommen, Deine Bücher selbst zu veröffentlichen? Und was muss man beim Selfpublishing bedenken, damit es funktioniert?

Anni Bürkl: Ich war neugierig und ich hatte Projekte, die ich lieber selbst machen sollte – ein interessierter Verlag wollte einen Roman nur, wenn ich eine bestimmte Ebene komplett raus nehme. Ich hab schon beides gemacht, auch Verlagsbücher, derzeit hauptsächlich Selfpublishing. Der größte Unterschied ist, dass Buchhandlungen eher Verlagsbücher auf Lager legen – aber das war es auch schon.

Beim Selfpublishing gilt es sich erst einmal reinzufuchsen – also sich informieren, wie es genau abläuft, dann gute Cover und gute Manuskripte zu haben, alles professionell angehen. Und wesentlich: viel Marketing machen – aber welches Buch wird schon von Verlagen groß beworben? Ganz wenige – der Großteil muss schauen, dass er von den Stapeln in den Buchläden gekauft wird. Viele Verlage machen nur den Vorschauprospekt als Werbung – mehr nicht.

schwarzteeLiteratopia: Wie gehst Du bei der Recherche für Deine historischen und zeitgeschichtlichen Romane vor? Was nutzt Du als Quellen?

Anni Bürkl: Zum einen weiß ich schon sehr viel über Geschichte und gerade die österreichische Zeitgeschichte. Ich habe viele Sachbücher dazu gelesen, Vorträge und Filme gehört/gesehen. Bei konkreten Fragen werfe ich daher gern das Internet an. :-) Und da sind die Online-Archive der österreichischen Nationalbibliothek ein besonderer Quell der Freude – man kann Tageszeitungen von früher digitalisiert lesen und da amüsieren mich zum Beispiel die Werbeeinschaltungen.

Literatopia: Du teilst Deine Erfahrungen als Autorin und bietest unter anderem Autor*innentraining an. Welche Fehler machen neue Autor*innen denn besonders häufig?

Anni Bürkl: Hihi, endlich kann ich mal ein paar Klischees von mir geben, die tatsächlich so passieren:

Fehler bei Erzählperspektiven, das Springen zwischen verschiedenen Perspektiven, womöglich im selben Absatz. Viele wissen nicht einmal, dass es so etwas wie Erzählperspektiven gibt!

Satzzeichen, hier vor allem Beistriche scheinen das letzte Mysterium der Welt zu sein!

Infodumps am Beginn eines Romans.

Kein Plan von der Handlung – und dann ist nach 20 oder 50 Seiten entweder alles erzählt oder – schlimmer: es geht nicht mehr weiter.

Literatopia: Du warst auch schon als Ghostwriterin tätig. Immer noch denken viele dabei an Betrug im Sinne von „… hat das Buch ja gar nicht selbst geschrieben!“ – welche guten Gründe gibt es für Ghostwriting?

Anni Bürkl: Vorab: ich mache kein akademisches Ghostwriting, denn dieses ist wirklich unehrenhaft und auch gesetzlich verboten.

Für das Ghosten von Büchern, v. a. Sachbüchern, gibt es gute Gründe: Fachleute sind z. B. gut auf ihrem Fachgebiet, vielleicht auch als Speaker*in, aber nicht unbedingt beim Schreiben. Oft fehlt es an der Zeit. Niemand würde die eigene Therme selbst zu reparieren versuchen. Beim Sachbuch ghosten bin ich wie eine Journalistin, ich recherchiere bei der Autorin und oft auch alleine und erfasse ein Thema, um es in Worte z. B. Eines Ratgebers zu fassen.

Literatopia: Würdest Du uns abschließend verraten, was Du selbst gerne liest? Welche Bücher haben Dich zuletzt richtig begeistert?

Anni Bürkl: Ich hatte zuletzt einen gewissen Schwung an historischen bzw. lebensgeschichtlichen Büchern – „Alles was wir nicht erinnern“ fand ich richtig gut, darin geht eine Frau den Fluchtweg ihres Vaters ab, heute, nach seinem Tod.

Ähnlich ist das Buch „Und was hat das mit mir zu tun“ von Sacha Batthyany.

In beiden Büchern geht es um Familienmitglieder der Autor*innen und die Frage, was das nach Jahrzehnten mit uns heute macht.

“Das Wunder von Bahnsteig 5“ ist ein toller Roman und das Beste: er bricht voll mit Klischees!

Literatopia: Herzlichen Dank für das Interview!

Anni Bürkl: Ich danke!


Autorinnenfoto: Copyright by Anni Bürkl

Website: https://texteundtee.at/ 


Dieses Interview wurde von Judith Madera für Literatopia geführt. Alle Rechte vorbehalten.