
Verlag: Panini; (Dezember 2024)
Softcover: 200 Seiten; 25 €
ISBN-13: 9783741638961
Genre: Superhelden
Klappentext
Die Legende schlägt zurück …
In den USA der Zukunft herrschen Überwachung und Unterdrückung. Steve Rogers sieht, dass sein Land ihn braucht. Doch Captain America ist inzwischen ein alter Mann und trägt kein Supersoldatenserum mehr in sich. Trotzdem will er die Unschuldigen beschützen und seine vom Bösen korrumpierte Nation retten. Und so kehrt Cap zurück und stellt sich dem Kampf – und er schlägt diese Schlacht nicht allein.
Die große Marvel-Dystopie in der Tradition von Frank Millers Batman: Die Rückkehr des Dunklen Ritters, geschrieben von Eisner Award-Gewinner Chip Zdarsky (Spider-Man, Batman) und bebildert von Daniel Acuna (Uncanny Avengers, Captain America).
Rezension
Steve Rogers ist alt geworden. Luke Cage kann sich kaum bewegen und Daredevil, Matt Murdock, verteidigt immer noch die Armen und Schwachen, kann aber kaum noch was bewirken. Denn nach dem sogenannten H-Day haben sich die USA zu einem Überwachungsstaat gewandelt, der von einem Präsidenten regiert wird, der eigentlich nur die Marionette für Tony Starks Sohn und dessen Ziehvater Kyle Jarvis ist. Unterdrückung und Gewalt herrschen nun auf den Straßen und die Staatsmacht übt sie aus, alles unter dem Deckmantel, das Leben aller verbessern zu wollen, obwohl klar ersichtlich ist, dass das Gegenteil der Fall ist. Aber die Medien sind nicht mehr unabhängig und senden nur das, was gesendet werden soll. Die USA sind jetzt ein autoritärer, faschistischer Staat, von dem die Rechten immer geträumt haben. Dann allerdings hat Captain America ein Schlüsselerlebnis und er beginnt sich aufzulehnen und die Avengers zusammenzurufen. Gemeinsam kämpfen sie gegen die Situation an und Cap muss feststellen, dass hinter all den Änderungen sein alter Feind Red Skull steckt.
Als Avengers: Twilight in den USA Anfang 2024 erschien, war es noch eine düstere Dystopie, mittlerweile muss gesagt werden, dass Chip Zdarsky leider viel zu nahe an der Realität ist.
Sein Entwurf einer USA, die von rechten Techunternehmern regiert wird und dafür einen Präsidenten als Marionette benutzen, könnte nicht näher an der Wirklichkeit sein. Und auch die Art, wie sich die USA geben und wie mit „unliebsamen“ Menschen umgegangen wird, ist etwas, das sich leider viel zu sehr in der Realität widerspiegelt.
Bei seinem Erscheinen war Avengers: Twilight eine Dystopie und ein Plädoyer nicht auf rechte Populisten hereinzufallen, jetzt ist es umso mehr eine Warnung und eine bittere Abrechnung mit der gegenwärtigen Situation in den USA und anderen Staaten, die von autoritären Politikern geführt werden.
Und damit dies alles so echt wirkt und um seine Geschichte erzählen zu können, nutzt Chip Zdarsky zwei alte Feinde, die erneut aufeinanderprallen. Niemand anderes ist so sehr prädestiniert für solch eine Handlung als Captain America und Red Skull. Vor allem mit Blick auf die Geschichte der Figuren. Schließlich hat Steve Rogers einst gegen Hitler und die Nazis gekämpft und Red Skull war sein großer Gegner. In den vierziger Jahren war Cap also der Held gegen den Faschismus und die Nazis und es ist nur logisch, dass er in Avengers: Twilight erneut in diese Rolle schlüpft und auf Red Skull trifft. Zwar hätte Zdarsky auch jemand anderes hinter allem stecken lassen können, aber um jemanden wie Trump oder Musk zu demaskieren und den Lesern zu zeigen, wer sie wirklich sind, ist Red Skull genau der Richtige, denn er ist die Fratze des Faschismus und genau dies muss klar ausgesprochen werden. Will man also die Milliardäre zeigen wie sie sind, ist er der Schurke der Wahl.
Glücklicherweise beschränkt sich Chip Zdarsky nicht nur darauf Steve Rogers als den großen Helden zu zeigen. Zwar besiegen Cap und seine Verbündeten Red Skull und bringen damit vieles in Ordnung, das muss in einem Superheldencomic sein, allerdings sind die Defenders fast noch wichtiger, um Red Skull und sein Gedankengut aus den Köpfen der Menschen zu bekommen. Sie sind es, die aufklären, die die Wahrheit verbreiten über den sich ausbreitenden Faschismus und wie er entstehen konnte und so sind sie es auch, die ganz am Ende den Unterschied ausmachen dürften, um den Faschismus zu besiegen. Leider wird dies nicht mehr ausführlich gezeigt, die Handlung bricht nach dem Sieg über Red Skull ab und feiert dies als Sieg für die Freiheit.
Für einen Superheldencomic ist das in Ordnung, man kann an dieser Stelle abbrechen, schließlich geht es ab diesen Zeitpunkt nicht mehr um Cap und Co.. Viel eindrucksvoller und ermutigender wäre Avengers: Twilight, wenn sich der Comic auch mit dem Wiederaufbau der Demokratie beschäftigen würde. Wenn er zeigen würde, wie schwer es ist, die Demokratie neu zu installieren und zu wahren, aber auch wie belohnend dies ist. Diese Chance lässt sich Chip Zdarsky entgehen. Auch ohne dies ist sein Avengers: Twilight aber auf jeden Fall mehr als zum Zeitpunkt seines Erscheinens ein überaus wichtiger Comic, da er die Reichen und Machtgierigen entlarvt, Strukturen und Methoden des Faschismus zeigt und zum Widerstand aufruft.
Marvel kann also doch noch wichtige Inhalte mit ausreichend Tiefe transportieren. Bitte mehr davon.
Daniel Acuna ist Chip Zdarskys Partner bei Avengers: Twilight und hat sich um die Zeichnungen gekümmert. Häufig kann über die Zeichnungen bei Marvelcomics gemeckert werden. Marvel scheint sich jedoch bewusst gewesen zu sein, wie wichtig dieser Comic als Kommentar zur politischen Situation sein kann, dass die Zeichnungen in diesem Fall wirklich gut sind. Acuna erzeugt immer die richtigen Stimmungen, zeigt die Zweifel in den Gesichtern und die Hoffnung, alles ändern zu können. Er setzt die Handlung in tollen Bildern um, so wird vielleicht der ein oder andere aufgrund seiner Zeichnungen zu Avengers: Twilight greifen und dann in die Geschichte gesogen werden, die viel Aufmerksamkeit verdient.
Es ist übrigens fast etwas zynisch, wenn im Klappentext davon gesprochen wird, Avengers: Twilight stünde in der Tradition von Frank Millers Der Dunkle Ritter kehrt zurück. Auch wenn dieser Batmancomic noch anders gelesen werden kann und richtig gut ist, ist der Autor, der auch Sin City schrieb, schließlich eher sehr konservativ eingestellt und hat den fast unlesbaren Holy Terror verbrochen.
Fazit
Avengers: Twilight hätte zu keinem passenderen Zeitpunkt erscheinen können. In Zeiten, in denen der Faschismus und autoritäre Anführer anscheinend wieder Boden gut machen oder bereits in Regierungen sitzen, setzt Chip Zdarsky mit seinem Comic ein Zeichen und will auf seine Art wachrütteln. Hoffentlich hören die Richtigen zu.
Pro & Contra
+ brandaktuell
+ zeigt wie leicht Menschen verführt werden können
+ wichtiges Thema, das alle angeht, in einem Superheldencomic verpackt
Bewertung: ![]()
Handlung: 4,5/5
Charaktere: 4,5/5
Zeichnungen: 5/5
Lesespaß: 5/5
Preis/Leistung: 5/5
