Genossin Kuckuck (Feuchtenbergerowa)

genossin kuckuck

Reprodukt, September 2023. Dritte Auflage 2024
Gebunden, 448 Seiten
€ 44,00 [D] | € 45,30 [A] | CHF 59,90
ISBN 978-3-95640-346-0

Genre: Comic, Graphic Novel


Verlagstext

Kerstin kommt zu spät: Ihre Großmutter ist bereits beerdigt und das Fotoalbum, welches ihr versprochen wurde, ist nicht zu finden. Sie kommt nicht mehr weg aus der alten Dorfschule, in der ihre Großmutter Russischlehrerin war und in der sie aufwuchs. Kerstin wird von Effi heimgesucht, der sie noch die Einlösung eines Schwurs schuldig ist und Sternemann&Greiff, die – mit Rachegedanken ins Dorf zurückgekehrt – erfahren, wer sie damals wirklich ins Heim gebracht hat.

Dem Buch sei eine Warnung vorangestellt: Es wird gefressen, sich vermehrt, zersetzt, geschlagen und Plasma gesungen. Niemand entkommt der rasenden Gewalt des veteranischen Wesens. Hermaphroditen, Kannibalen, Geschöpfe, die weder Tier noch Pflanze sind, gehen im Taumel der blütenlosen Hochzeit sofort in andere Formen des organischen Lebens über.


Rezension

Genossin Kuckuck ist eine Graphic Novel von Anke Feuchtenberger, die sich als Autorin des Buches mit Feuchtenbergerowa bezeichnet. Gegliedert ist das Werk in vierzig Kapitel und einen „Nachtrag“. Entstanden ist es zwischen 2009 und 2023 und trägt den Untertitel Ein deutsches Tier im deutschen Wald. Die Kapitel enthalten mal mehr mal weniger Text, manche bestehen nur aus Text.

Im ersten Kapitel sehen wir einen Wildschweinkopf an der Wohnzimmerwand. Darunter befindet sich ein Sofa, auf dem die Mädchen Kerstin und Effi einander ewige Liebe versprechen und dass sie sich immer am Geländer der Brücke treffen wollen. Die Leichtigkeit des Seins wird im Dialog und der Bewegung deutlich, einer Bewegung, die wie Frames aus einer Filmsequenz ausschnitthaft wahrnehmbar ist. Dass beide noch Kinder sind, darf über die Ernsthaftigkeit der Versprechen nicht hinwegsehen lassen. Feuchtenberger bedient weder hier noch sonst in ihrem Buch irgendwelche oberflächlichen Gefühle und Klischees.

Mit dem zweiten Kapitel beginnt eine Art Autobiographie in Texten und Zeichnungen, ausgehend von der Kindheit in einem Dorf irgendwann in den 1960er Jahren. Kerstins Eltern sind als Helden im Dienst des Sozialismus‘ nicht in der Lage, ihre Tochter zu erziehen, die deshalb bei der Großmutter aufwächst. Die Geschichte Kerstins ist auch die eines Lebens in der DDR. Kerstins großer Bruder Jochen lebt auf dem Dachboden der Schule, weil die Großmutter keine Männer um sich haben möchte. Die Großmutter ist eine Vertreterin strenger Erziehung. Fehlverhalten wird mit Prügel geahndet („Die Brust ist für den Mann da und der Hintern zum Versohltwerden“). Oma scheint ein vollkommen humorloser Mensch zu sein. Kerstins Freundin Effi kommt irgendwann in ein Kinderheim, weshalb kein Kontakt mehr möglich ist. Den Grund dafür erfährt Kerstin erst als erwachsene Frau, zu einer Zeit, in der die DDR abgewickelt ist.

Ab dem zweiten Kapitel ist es mit der – trotz gelegentlicher Prügel - Leichtigkeit des Seins nahezu vorbei. Aber nur nahezu, als würde das Leben, die Bedingungen, unter denen es geschieht, das Schreckliche neben das Schöne bringen, oder es gar das Schöne durchdringen lassen. Dabei ist die Frage interessant, was zuerst da war. Vielleicht das Schreckliche, in dem das Schöne erkannt und erhalten werden sollte. Leonard Cohen singt in Anthem: „There is a crack, a crack in everything/That‘s how the light gets in“. Um bei Anthem zu bleiben: In Genossin Kuckuck geht es nicht nur um individuelle Erinnerungen, sondern auch darum, dass die Friedenstaube immer wieder eingefangen wird und alle Kriege immer wieder geführt werden. Und so lässt Feuchtenberger in die Dunkelheit ihrer Kohleillustrationen immer wieder das Licht, weil für die Erinnerung und den Umgang mit der Vergangenheit beides wichtig ist.

Was sich wie ein autobiographisches Werk entfaltet, ist die Erzählung einer fiktiven Kindheit und Jugend, vielleicht als ein Versuch, Erinnerungen über Text und Bild Gestalt zu geben, nicht als reaktiviertes Wissen über die Vergangenheit, die in ein kohärentes und konsistentes Narrativ gepresst wird, sondern eher episodisch, fragmentiert. Sichtbar wird darin auch die Entscheidung der Autorin, nicht „das ganze erinnerte Leben“ abzubilden, vielmehr nur bestimmte Themen. Dabei kann ich als Leserin nicht beurteilen, was individuell oder autobiographisch ist, was allgemeine oder kollektive Realität im DDR-Alltag gewesen sein mag. 

Der Realismus der Erzählung wird ergänzt durch Szenen, die an konkrete Märchen erinnern, an Traumerlebnisse. Menschen verwandeln sich mitunter in sprechende Tiere – Hunde, Schweine, Schnecken. Manche Bilder enthalten Tarot-Motive. Die Geschichte wird nicht durchgehend sondern bruchstückhaft erzählt, in Episoden, auf die Feuchtenberger den Fokus zieht. Die biographische Erzählung wird erweitert um Szenen mit Nebenfiguren. Effi verliebt sich in Jochen; Henk, Leiter des Erziehungsheims, wird im vereinten Deutschland Geldeintreiber; die Hündin Mona macht Jagd auf einen Keiler und bezahlt dieses Vorhaben sehr teuer.

Manche Motive kehren in verschiedenen Zusammenhängen wieder, wie Frank Sternemann und Torsten Greiff auf ihren Motorrädern. Oder Tiere in Wort und Bild. Zu Beginn bezeichnet Effi Kerstin als die schönste Schneckenprinzessin. Frauen, die aussehen wie Schnecken, und sei es nur in winzigen Details, tauchen wiederholt in der Geschichte auf. Sexualisierte Gewalt ist ein anderes dieser wiederkehrenden Motive, so, wenn ein nacktes Mädchen vor einem Jungen flüchtet. Feuchtenberger hat die Bilder von Hand gezeichnet, in den farblich dunklen Teilen mit Bleistift und Kohle, in manchen Kapiteln mit Tinte und Tusche in roter Farbe. Zu Beginn des ersten roten Kapitels (Kapitel 5) heißt es: „Rot ist die Farbe der Liebe und des Kommunismus“.

All die Jahre der Comic-Lektüren haben nichts grundsätzlich daran geändert, dass ich das Lesen von Comics noch immer lerne. Die subtilen Feinheiten mancher Illustrationsdetails überraschen mich immer wieder. Ein Buch wie Genossin Kuckuck würde ich, sollte ich danach gefragt werden, zuallererst als ein Kunstwerk bezeichnen. Nicht wie ein statisches Einzelbild, vielmehr wie eine Abfolge von Bildern, mit denen ich in gewisser Weise spielen kann. Genossin Kuckuck ist hier reich und flexibel genug, ein ganzes Spektrum menschlicher Erfahrungen zu umspannen, von tiefen inneren Gefühlen bis zu äußeren Wahrnehmungen im alltäglichen Leben.

Ich lese Genossin Kuckuck als ein aufschlussreiches Buch über die Erfahrungen und Wahrnehmungen von Menschen in einer mir fremden Welt, die das Fühlen und Denken der Figuren geprägt hat und die sich mir als Abbildung vor allem kultureller Phänomene auf eine Weise erschließt, die maßgeblich bestimmt wird durch die Welt, die mein Fühlen und Denken mitgeprägt hat. Insofern erschließt es sich mir in einer Weise, die dem alten Diktum „Reisen bildet“ nahe ist. Ich ziehe also etwas aus der erzählten Geschichte und dem Vergleich mit meiner Erfahrungswelt.

Jede inhaltlich zusammenhängende Bildsequenz ist einzigartig, aber es tauchen zwischendurch gemeinsame Elemente auf. Welche Bedeutung haben wiederkehrende Symbole in verschiedenen Kontexten? Welche Bedeutung hat die Farbe Rot, die einige Kapitel bestimmt? Wie ist die Verwendung bestimmter Motive zu verstehen, was ist die Bedeutung von Tierfiguren, in denen Menschen aus der erzählten Geschichte zu erkennen sind? Die Autorin verwendet unter der Oberfläche eine konsistente Symbolsprache, die zu erschließen ist.


Fazit

Genossin Kuckuck ist eine Graphic Novel über Kindheit in der DDR, beginnend in den 1960er Jahren. Die Erzählung reicht hinein in die frühen 1990er Jahre. Das Private und das Politische sind nicht voneinander zu trennen. Die Episoden lassen sich nicht leicht charakterisieren. Sie sind mal komisch, mal traurig, mal beides. Sie sind geerdet, absurd, realistisch, märchenhaft, viele Dinge werden in einem Schwebezustand gehalten. Wie soll ich abschließend den Band bewerten? Mit je fünf Sternen? Ich könnte ausnahmsweise einen Superlativ verwenden. Aber immer, wenn ich Superlative lese, bin ich weniger informiert als irritiert. Deshalb: Genossin Kuckuck empfinde ich als eine in jeder Hinsicht bereichernde Graphic Novel.


Wertung:sterne5

Handlung: 5/5
Charaktere: 5/5
Lesespaß: 5/5
Preis/Leistung: 5/5

Tags: Kindheit, Autobiographie, erinnertes Leben, DDR, sexualisierte Gewalt, Erziehung, Freundinnen