Dr. Jekyll und Mr. Hyde – Illustrierte Schmuckausgabe (Robert Louis Stevenson)

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Verlag: Coppenrath; (September 2024)
Gebundene Ausgabe: 272 Seiten; 30 €
ISBN-13: 978-3-649-64800-0

Genre: Grusel/ Horror/ Drama/ Krimi


Klappentext

„Zu jener Zeit schlief das Gute in mir;
das Böse vom Ehrgeiz wachgehalten, lag auf dem Sprunge …“

Dr. Henry Jekyll hat in seinem Leben viel erreicht:
Er ist ein erfolgreicher Arzt, angesehen in der Gesellschaft und vom Schicksal mit guten Freunden beglückt – all das stets geleitet von Moral und Anstand. Doch ist es wirklich das, was er möchte?
Was wäre ihm möglich, wenn er diese Bande der Zivilisation abstreifen könnte? Wenn es ihm gelänge, den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse in uns Menschen zu beenden und der einen oder anderen Seite zur Vorherrschaft zu verhelfen?
Sein Freund Gabriel Utterson ahnt nichts von diesen Gedanken, wundert sich allerdings, welchen Umgang Henry neuerdings pflegt: Während seine alten Freunde den Arzt kaum noch zu Gesicht bekommen, scheint er regen Kontakt zum abstoßenden und zwielichtigen Mr. Hyde zu haben. Der Verdacht, Henry schwebe in großer Gefahr, lässt Utterson nicht los. Also stellt er eigene Untersuchungen an und erkennt: Das Böse – einmal losgelassen – ist nicht mehr zu bändigen …

Neben dem Gruselklassiker Der seltsame Fall Dr. Jekyll und Mr. Hyde enthält die Sammlung fünf weitere schaurig-mysteriöse Geschichten des bekannten Autors: Der Leichenräuber, Markheim, Der Flaschenteufel, Der Selbstmörderklub und Die Versprengte.


Rezension

Obwohl Dr. Jekyll und Mr. Hyde bis heute eine der bekanntesten Horrorgeschichten ist und zigmal verfilmt und auf Theaterbühnen gebracht wurde und es noch jede Menge andere Umsetzungen in andere Medien gibt, dürfte den wenigsten bewusst sein, dass dieser Klassiker aus der Feder von Robert Louis Stevenson stammt. Während andere Horrorklassiker unweigerlich mit dem Namen ihrer Autoren verknüpft sind, wie z.B. Bram Stokers Dracula, Mary Shelleys Frankenstein oder auch Oscar Wildes Das Bildnis des Dorian Gray ist dies bei Der seltsame Fall Dr. Jekyll und Mr. Hyde seltsamerweise nicht der Fall. Robert Louis Stevenson wird vielmehr mit dem damals erfolgreicheren und heute ebenso zu den Klassikern zählenden Roman Die Schatzinsel verknüpft. Dabei hat Stevenson nicht nur diese eine Horrorgeschichte geschrieben, sondern gleich mehrere Kurzgeschichten, die alle mehr oder weniger diesem Genre zugeordnet werden können. Der Coppenrath Verlag hat nun für seine Schmuckausgabe mit Der seltsame Fall Dr. Jekyll und Mr. Hyde fünf weitere Geschichten aus seiner Feder ausgewählt, die zusammen mit seiner berühmten Horrornovelle veröffentlicht werden. Dabei fällt auf, dass auch diese Geschichten gar nicht so unbekannt sind, wie es auf dem ersten Blick erscheint. Teilweise wurden sie z.B. in der sehr erfolgreichen Hörspielreihe Gruselkabinett umgesetzt.

Der Leichenräuber

Seit Jahren sitzen der mürrische Fettes und seine Bekannten Abend für Abend in der Gaststube „George“ in Debenham. Wenig ist über den Mann bekannt, auch wenn sie ihn Doktor nennen, weil er wohl medizinische Kenntnisse besitzt. Seine Gewohnheit ist es jeden Abend fünf Becher Rum zu trinken. Dieses Schema wird durchbrochen, als ein Arzt von außerhalb für die Behandlung eines Patienten nach Debenham kommt. Dr. Wolfe Macfarlane ist ein alter Bekannter Fettes´ und keiner von beiden ist erfreut den anderen zu sehen, als Dr. Macfarlane die Gaststube betritt. Beide verlassen überstürzt das „George“. Erst an weiteren Abend erzählt Fettes seine und Macfarlanes gemeinsame Geschichte, die in Edinburgh vor vielen Jahren begann und in einem kleinen Dorf auf dem Lande endete.
Robert Louis Stevenson greift hier die realen Ereignisse um die Leichenräuber auf, die die medizinischen Fakultäten mit Leichen versorgten. Im Speziellen sogar dann auch die Morde, die von Burke und Hare verübt wurden und anfangs des 19. Jahrhunderts einen großen Skandal heraufbeschworen, war doch ein berühmter Anatom einer ihrer Abnehmer. Und genau dieser kommt auch in Der Leichenräuber vor, jedoch nur als jemand über den gesprochen wird. Allein durch das Thema herrscht eine wohlig-gruselige Stimmung und am Ende schleicht sich der Horror auf leisen Sohlen an. Dabei wirft Robert Louis Stevenson die Frage nach der persönlichen und der wissenschaftlich-medizinischen Verantwortung auf. Ein Thema das nicht alt wird.

Markheim

Der Kleinkriminelle Markheim betritt den Laden eines Händlers, der es nicht so genau mit der Herkunft der Dinge, die er ankauft, nimmt. Dieses Mal behauptet Markheim allerdings, dass er etwas fürseine Geliebte kaufen möchte. Nach ein paar spitzen Bemerkungen des Händlers und entsprechenden Antworten Markheims, tötet Markheim, wie von Anfang an beabsichtigt, den Händler. Ab diesem Moment wird Markheim immer unsicherer und nervöser. Er durchdenkt seine Tat und seine Fehler dabei. Schließlich beginnt er Geräusche innerhalb des Hauses zu hören und plötzlich steht einseltsamer Mann vor ihm, der ihn kennt und seine Hilfe anbietet.
Das Gute und das Böse, welches in jedem einen Kampf führen, stehen in Markheim in Mittelpunkt, während nie klar ist, ob der Protagonist in den Wahnsinn abgleitet.

Der seltsame Fall Dr. Jekyll und Mr. Hyde

Bei einem Spaziergang mit seinem Freund Richard Enfield erfährt der Rechtsanwalt Utterson von diesem von dem anscheinend gewissenlosen Mr. Hyde. Enfield beobachtete, wie Hyde ein Mädchen über den Haufen rannte und der junge Mann mit dem seltsamen Aussehen davonzulaufen versuchte. Allerdings konnten Enfield und andere Zeugen Mr. Hyde dazu zwingen, dem Mädchen und seinen Eltern eine Entschädigung zukommen zu lassen. Dabei stellte sich heraus, dass Mr. Hyde ein Freund des bekannten Wohltäters Dr. Jekyll ist. Utterson mag dies zunächst nicht glauben, da er das jekyll2Testament Dr. Jekylls kennt und dieser eben jenen Mr. Hyde praktisch als Alleinerben eingesetzt hat. Das mag nicht zusammenpassen, aber Dr. Jekyll bestätigt ihm, dass Mr. Hyde sein Protégé ist.
Doch damit nicht genug, je häufiger Utterson den Namen Hyde hört, desto seltsamer wird die Geschichte dieses seltsamen Mannes und sein Umgang mit Dr. Jekyll. Als Hyde dann einen Mord begeht,scheint er sich in Luft aufzulösen und Dr. Jekyll wieder der Alte zu werden, doch dann kehrt das Böse mit aller Macht zurück.
Eine unheimliche, gruselige Stimmung durchzieht die wohl bekannteste Novelle von Robert Louis Stevenson. Wie bereits in anderen Geschichten, beschäftigt er sich hier mit dem Guten und Bösen in jedem Menschen. Dabei entwickelt sich der Horror erst nach und nach, denn zunächst wirkt Dr. Jekyll und Mr. Hyde wie ein klassischer Krimi, der mit psychologischen Horror mehr und mehr vermischt wird, um dann mit einem etwas übernatürlicheren Aspekt zu enden. Hier bieten sich auch noch weitere Interpretationsmöglichkeiten an. Natürlich kennt man heute die Grundzüge der Geschichte, allerdings ist es doch überraschend, wie sehr diese beim Lesen aus dem Gedächtnis gelöscht zu sein scheint, denn die Erzählung ist spannend und das Ende ist dann doch auf seine Weise wieder überwältigend. Und damit zeigt sich, welch grandioser Erzähler Robert Louis Stevenson war.

Der Flaschenteufel

Der Seemann Keawe stammt von Hawaii. In San Francisco verkauft ihm ein ungewöhnlich reicher Mann eine ganz besondere Flasche. In ihr wohnt ein Geist, der jeden Wunsch erfüllt. Es gibt jedoch ein Problem. Wer die Flasche bei seinem Tod besitzt, dessen Seele landet in der Hölle. Und ein weitere Einschränkung existiert. Die Flasche muss immer günstiger als man sie selbst gekauft hat, weiterverkauft werden, ansonsten kehrt sie zu einem zurück. Da er fünfzig Dollar für die Flasche bezahlt, scheint Keawe diese Bedingung nicht wirklich gefährlich. Und so kehrt er nach Hawaii zurück und besitzt schon bald ein großes Haus und auch die Liebe findet er. Doch dann tritt etwas ein, dass dazu führt, dass er die bereits weiterverkaufte Flasche erneut erstehen muss. Doch der Preis ist mittlerweile soweit gesunken, dass kaum die Chance besteht, sie erneut zu verkaufen.
Der Flaschenteufel ist äußerlich eine Horrorgeschichte, der Kern ist jedoch eine romantische Liebesgeschichte, mit der Stevenson zeigen will, dass nicht Geld glücklich macht, sondern die Menschen mit denen man sein Leben teilt.

Der Selbstmörderklub

Prinz Florizel von Böhmen und sein Begleiter Oberst Geraldine sind immer auf der Suche nach Abenteuern. Ihr Neuestes nimmt seinen Anfang in London. Dort stoßen sie auf einen jungen Mann, der durch die Kneipen und Salons zieht und Sahnetörtchen verteilt. Dieses mehr als seltsame Verhalten zieht die Aufmerksamkeit von Prinz Florizel und Oberst Geraldine auf sich und kurz darauf sitzen sie bereits im Selbstmörderklub. Und er trägt seinen Namen zurecht. Hier kommen nur die her, die dem Leben entfliehen wollen. Dabei geschieht der Tod zufällig. Es wird jeden Abend, an dem Mitglieder im Club sind, ausgelost, wer sterben und wer denjenigen töten soll. Für den Präsidenten des Clubs, der selbst nicht an der Verlosung teilnimmt, ist der Club ein sehr gutes und einträgliches Geschäft. Prinz Florizel und Oberst Geraldine beschließen, dem ein Ende zu setzen. Doch als der Präsident entkommt, wird die Jagd nach ihm ungleich komplizierter und gefährlicher.
Der Selbstmörderklub könnte glatt ein James Bond-Abenteuer sein, wenn Ian Fleming seinen Helden im 19. Jahrhundert angesiedelt hätte. Die Handlung ist originell und richtig spannend und am Ende gibt es bondtypisch ein letztes Duell zwischen Held und Schurke. Selbst eine Femme Fatale hat ihren Auftritt im zweiten von drei Teilen. So ist Der Selbstmörderklub ein erstklassiger Thriller, der nicht unter seiner Kürze leidet.

Die Versprengte

Auf Island in Frodiswasser lebt Finnward Keelfarer mit seiner Frau Aud. Diese hat ein äußerst gieriges Wesen und scheint kein Gewissen zu besitzen. Dann kommt eines Tages die reiche Thorgunna nach Frodiswasser und Aud gerät in Versuchung. Als Thorgunna dann noch in Finnwards Haus stirbt, kann sich Aud nicht zurückhalten und gibt ihrer Gier vollkommen nach. Aber das hat größere Konsequenzen als sie oder irgendjemand hätte ahnen können.
Die Versprengte basiert auf einer alten isländischen Sage und bietet feinen Grusel, der mit einer Moral daherkommt.

jekyll3Über die Geschichten hinaus hat diese Schmuckausgabe wieder so einiges zu bieten. Martin Engelmann hat ein Nachwort verfasst, dass neugierig auf den Menschen und Abenteurer Robert LouisStevenson macht.
Dazu gibt es umfangreiche Anmerkungen zu den Geschichten, die manches näher erklären und in Zusammenhang mit der Zeit der Entstehung stellen. Und nicht zuletzt sind wie bei anderen Schmuckausgaben, neben zahlreichen Illustrationen auch noch zehn Extras dabei, die mehr Informationen bieten, Hintergründe beleuchten oder ganz einfach zur Atmosphäre beitragen.
Das Poster zur Dr. Jekyll und Mr. Hyde Verfilmung mit Spencer Tracy sticht dabei heraus, auch wenn das Poster zu der Version aus dem Jahr 1931 noch interessanter gewesen wäre, soll sie doch deutlich besser sein und ihr Hauptdarsteller Fredric March erhielt damals sogar den Oscar.


Fazit

Der seltsame Fall Doktor Jekyll und Mr. Hyde mag die bekannteste Geschichte in diesem Band sein, die Beste ist sie allerdings nicht, denn das dürfte Der Selbstmörderklub sein, der vieles vorwegnimmt, was siebzig Jahre später Ian Fleming mit James Bond etablierte. Insgesamt kommen Genrefans voll auf ihre Kosten und Robert Louis Stevenson ist auch fast 200 Jahre später ein brillanter Erzähler.


Pro & Contra

+ Der Selbstmörderklub ist ein spannender Thriller eines James Bonds würdig
+ Robert Louis Stevenson erweist sich als ein hervorragender Erzähler
+ heute noch frische Ideen
+ tolle Extras

Bewertung: sterne5

Handlung: 5/5
Charaktere: 5/5
Lesespaß: 5/5
Gestaltung/ Design: 5/5
Preis/Leistung: 5/5


Literatopia-Links zu weiteren Schmuckausgaben von Klassikern:

Rezension zu Frankenstein
Rezension zu 20.000 Meilen unter den Meeren

Tags: Klassiker;