Bury Our Bones in the Midnight Soil (V. E. Schwab)

Fischer TOR (Juni 2025)
Übersetzt von Petra Huber und Sara Riffel
Gebundene Ausgabe, 688 Seiten, 26,00 EUR
ISBN: 978-3-596-71032-4

Genre: Epische Fantasy / Historische Fantasy / Dark Fantasy / Contemporary Fantasy


Klappentext

Love runs wild. Love bites deep. Love dies last …

Dies ist die Geschichte von drei Frauen und dem Blut, das sie verbindet.

Von Maria, die im Jahre 1511 in dem kleinen Dorf Santo Domingo de la Calzada geboren wird. Sie heiratet einen spanischen Edelmann, nur um fortzukommen, doch ihr Mann ist streng und die Ehe keine glückliche. Erst als sie einer geheimnisvollen Witwe begegnet, scheint die Freiheit in Reichweite, doch der Preis ist hoch.

Von Charlotte, die im Jahr 1827 in London verheiratet werden soll, doch es vorzieht, mit einer mysteriösen Adligen zu fliehen und ein Leben in Freiheit und Sünde zu verbringen. Sie reisen Jahrzehnte durch die europäischen Metropolen. Und ziehen eine Spur der Gewalt hinter sich her.

Und von Alice, die im Jahr 2019 nach einem wilden One-Night-Stand mit höllischen Kopfschmerzen aufwacht und feststellt, dass sie eine seltsame Wunde am Hals hat. Und dass sie ein unstillbares Verlangen nach Blut entwickelt.


Rezension

Hinter dem klangvollen Titel „Bury Our Bones in the Midnight Soil“ verbirgt sich ein zugleich klassischer, epischer und erfrischend modernder Vampirroman, der den Fokus auf die miteinander verflochtenen Schicksale dreier Frauen legt, die den Weg in die Nacht auf unterschiedlichste Weise beschreiten. V. E. Schwabs Vampire sind mysteriöse, finstere Kreaturen, die von einem unstillbaren Hunger getrieben werden und eine Spur aus Blut und Tod durch Europa und Nordamerika ziehen:

Der Roman beginnt mit Maria, die im 16. Jahrhundert in Spanien aufwächst und früh erkennt, dass ihr Schicksal als Frau von ihrem zukünftigen Ehemann abhängt. Diesen will sie wenigstens selbst auswählen und begeistert einen Adligen von sich, der sich nach der Heirat jedoch als rücksichtlos erweist und mit zunehmender Brutalität versucht, sie zu schwängern. Während sie von ihrem Mann angewidert ist, entwickelt sie Gefühle für eine Bedienstete, mit der sie keine Zukunft hat. In ihrem Unglück wendet sich Maria an eine mysteriöse Witwe, die eine kleine Apotheke betreibt und ihr ein Leben in Freiheit verspricht. Maria, die sich fortan Sabine nennt, kann nicht wissen, was sie erwartet, und sie erwacht allein als Wesen der Nacht. Immer hungrig, immer gierig und immer tödlich. Das Sonnenlicht kann sie kaum noch ertragen, dafür sieht sie in der Nacht besser denn je. Ihre Sinne sind geschärft und sie ist übernatürlich stark – einzig Graberde zwingt sie in die Knie.

Ihr Leben als Vampirin beginnt einsam, sie zieht eine Spur aus Leichen hinter sich her und als sie erstmals andere trifft, die wie sie sind, löschen sie gemeinsam ganze Dörfer aus. Sabines Geschichte ist die längste der drei Protagonist*innen und erstreckt sich über sechs Jahrhunderte. Lange ist sie allein in Europa unterwegs und ganz gleich, wie viel Blut sie trinkt und wie viele Menschen sie tötet, ihr Hunger ist niemals gestillt. In Venedig lernt sie erstmals einen Vampir kennen, der anders ist und mit einem Menschen zusammenlebt. Er ist ein geschätzter Teil der Stadtgesellschaft und hilft ihr, unerkannt unter Menschen zu leben, ihre mentalen Fähigkeiten zu entdecken und ihren Hunger länger als eine Nacht zu ertragen. Sabine beginnt, ihr Leben und ihre Freiheit zu genießen, doch je länger sie lebt, desto mehr Verluste muss sie ertragen. Die Welt wandelt sich und Sabine verliert über die Jahrhunderte alles, was noch an den Menschen Maria erinnert. Zwar ist ihr Körper nahezu unsterblich, doch innerlich breitet sich der Verfall aus …

Charlotte wird im frühen 19. Jahrhundert in England dem Heiratsmarkt präsentiert. Als Kind lebte sie noch in relativer Freiheit auf dem Anwesen ihrer Familie inmitten wunderschöner Gärten und entdeckte ihre Gefühle für ihre beste Freundin – die diese erwiderte, aber aufgrund der gesellschaftlichen Zwänge von sich wies. Charlotte wird nach London geschickt und von einer Tante unterrichtet und hergerichtet. Auf einem Ball fällt sie einer adligen Dame auf, deren Schönheit überirdisch auf Charlotte wirkt. Dazu ist diese Frau unfassbar selbstbewusst und als Witwe genießt sie Freiheiten, die Charlotte durch eine Heirat verlieren wird. Also lässt sie sich nur allzu gern von dieser Frau faszinieren und verführen und brennt mit ihr durch. Sie folgt ihr in die Nacht, wird zur tödlichen Gefährtin einer Vampirin, die gewissenlos tötet. Charlotte erkennt die Notwendigkeit des Tötens, doch es fällt ihr schwer und sie sucht sich absichtlich Opfer aus, die ihrer Meinung nach den Tod verdienen. Glückliche Jahrzehnte vergehen und Charlotte fühlt sich frei – bis sie den Verfall ihrer Gefährtin bemerkt. Kleine, dunkle Momente, in denen ihre strahlende Göttin ihr wie ein Monstrum erscheint …

Im 21. Jahrhundert lernt Alice auf eine Studentenparty eine mysteriöse junge Frau kennen und verliert sich in einem folgenschweren Flirt. Sie erlebt eine traumhafte, intensive Nacht und erwacht allein mit einem Zettel, auf dem „Lebwohl, Alice“ steht. Der Traum wird schnell zum Alptraum, denn Alice geht es nicht gut. Sie ist unglaublich hungrig, doch das Essen kommt ihr direkt wieder hoch. Das Tageslicht kann sie kaum ertragen. Und dann bemerkt sie, dass ihr Herz nicht mehr schlägt. Als sie schließlich einen Mann beißt und tötet, erkennt sie, was sie nun ist – und will die junge Frau wiederfinden, die sie getötet und verwandelt hat. Ihre Suche führt sie zu anderen Vampiren in Boston, die Blut aus Tassen trinken und ihr helfen, die gesuchte Person zu finden. Und so erfährt Alice, dass sie unfreiwillig Teil einer viel größeren Geschichte geworden ist …

V. E. Schwab wechselt zwischen den Perspektiven von Sabine, Charlotte und Alice, wobei sie Sabines und Alice‘ Geschichten parallel erzählt und später mit Charlottes Geschichte ergänzt. Die drei Frauen sind zugleich völlig unterschiedlich und haben doch vieles gemeinsam. Alle drei sind als Menschen unglücklich mit ihrer Rolle in der Welt und insbesondere Sabine und Charlotte leiden als lesbische Frauen unter den Zwängen ihrer jeweiligen Gesellschaften und dem Patriarchat. Alice ist da freier, muss sich keine Gedanken darum machen, einen Skandal auszulösen und zwangsverheiratet zu werden, doch sie ist schüchtern und gezeichnet von Dramen innerhalb ihrer Familie. Während Sabine und Charlotte den Weg in die Nacht auch beschreiten, um der Brutalität des Patriarchats zu entkommen, wird Alice auf diesen Weg gezwungen. Während Sabine und Alice als frisch verwandelte Vampire auf sich allein gestellt sind, hat Charlotte von Anfang an eine tödliche Lehrerin. Und während Alice und Charlotte jeweils von einer überirdisch schönen Vampirin verführt werden, wählt Sabine diesen Weg bewusst, um der Hölle ihrer Ehe und zu entkommen und frei zu sein.

Sabine ist viel vielschichtigste Figur, die die Leserschaft am längsten begleitet und bei der man am besten die Vorzüge und die Schattenseiten eines untoten Lebens erkennt. Als Vampirin ist Sabine frei von männlicher Gewalt und dreht quasi den Spieß um. Sie ist nun die Täterin und tötet anfangs aus ihrer unstillbaren Gier heraus. Nur wenn sie Blut trinkt, fühlt sie wieder einen Herzschlag, fühlt sich für wenige Augenblicke lebendig, während das Leben ihrer Opfer zerrinnt. Sabine ist ein Gefäß, das nichts und niemand füllen kann. Später tötet sie, um ihre Spuren zu verwischen, damit niemand davon berichten kann, was sie ist. Denn gegen einen wütenden Mob mit Fackeln und Waffen kommt auch eine Vampirin nicht an. Wird ihr Herz durchstoßen oder verbrannt, stirbt sie. Solange ihr totes Herz intakt bleibt, lebt sie – und verliert mit jedem Jahrhundert mehr von ihrer einstigen Menschlichkeit. Ihre Unsterblichkeit führt sie immer tiefer in die Dunkelheit, sie verliert Menschen und Vampire, die ihr wichtig waren, verliert ihre Werte, ihre Hoffnungen, die Freude am Leben.

Charlotte verblasst anfangs neben ihrer selbstbewussten Erschafferin. Sie ist zu weich für die Nacht, ihr Gewissen schränkt sie ein, und auch wenn die Liebe sie durch die Jahrzehnte trägt, verzweifelt sie zunehmend an ihrer tödlichen Natur. Sie weiß zunächst nicht, dass es auch anders geht, dass sie nicht töten muss, dass sie anders leben kann. Erst als sie andere Vampire kennenlernt, wird ihr allmählich bewusst, in welcher Hölle ihre Gefährtin sie gefangen hält. Alice hadert ebenfalls mit ihrer neuen Natur, mehr noch als Charlotte, denn sie ist allein und sie empfindet sich als tot. Sie glaubt, ihr Leben sei vorbei, und das Einzige, was sie aufrecht hält, ist der Wunsch, ihrer Erschafferin zu finden und ihr vorzuwerfen, was sie ihr angetan hat. In Alice‘ Kapiteln erhält man flüchtige Einblicke in eine moderne Urban-Fantasy-Welt, in der Vampire und andere übernatürliche Wesen existieren und eine Art Parallelgesellschaft bilden. Doch es bleibt bei diesen flüchtigen Eindrücken, denn der Roman konzentriert sich stark auf die Schicksale der drei Protagonist*innen. Bei Alice nehmen dafür die Erinnerungen an ihre Familie und insbesondere die an ihre große Schwester viel Raum ein.

„Bury Our Bones in the Midnight Soil“ erinnert mit der sich über Jahrhunderte erstreckenden Handlung an „Interview mit einem Vampir“ bzw. die "Chronik der Vampire" von Anne Rice. V. E. Schwab gelingt es, die Atmosphäre der unterschiedlichen Schauplätze und Zeiten gut einzufangen und so liest man einen historischen und zugleich zeitgenössischen Roman, in dem sich die Schicksale dreier Frauen miteinander verflechten. In der ersten Hälfte nimmt sich die Autorin noch viel Zeit für die Details, doch mit zunehmender Seitenzahl wird die Erzählung knapper und in den letzten Kapiteln wirkt sie gar überhastet, als hätte eine maximale Seitenzahl nicht überschritten werden dürfen. Das Finale verläuft beinahe wie erwartet, überrascht dann aber doch noch und wirft insbesondere auf Alice ein neues Licht. Charlotte kommt neben den anderen beiden Frauen etwas zu kurz, für sie bleibt im letzten Drittel schlicht nicht mehr genug Zeit.

V. E. Schwabs Vampire ähneln denen aus modernen Vampirromanen: Silber, Knoblauch oder Kruzifixe machen ihnen nichts aus. Sie haben ein Spiegelbild und sehen wie Menschen aus, wobei in ihren Augen ein überirdisches Leuchten liegt. Man kann sie töten, indem man ihr Herz durchstößt oder sie verbrennt. Sonnenlicht tötet sie nicht, doch es überfordert ihre starken Sinne. Ältere Vampire haben oft mentale Fähigkeiten entwickelt, sie können Räume für sich beanspruchen und Menschen manipulieren. Ihre Herzen schlagen nur noch, wenn sie Blut trinken, wobei dies dann der fremde Herzschlag ist, der sie für kurze Zeit ausfüllt. Sie können längere Zeit ohne Blut überleben, doch der Hunger quält sie, ganz gleich, wie viel sie trinken. Die Vampire um Sabine sagen von sich, sie seien in die Mitternachtserde gepflanzt worden und tödliche Rosen. Viele von ihnen sind allein oder mit wenigen Gefährten unterwegs und wissen nicht viel darüber, was sie genau sind. Die Vampire in Alice‘ Zeit scheinen deutlich mehr zu wissen, doch wie bereits erwähnt: über sie erfährt man leider wenig. Man hätte jedoch große Lust darauf, die Geschichten so mancher vampirischen Nebenfigur zu lesen, vielleicht in einem zweiten Vampirroman.

Trotz seines Umfangs von beinahe siebenhundert Seiten liest sich „Bury Our Bones in the Midnight Soíl“ schnell weg. Die Seiten fliegen nur so dahin. Die Spannung kocht selten hoch, doch man fühlt sich den Protagonistinnen schnell nahe und will unbedingt wissen, was ihnen widerfährt. Jede historische Epoche hat ihr ganz eigenes Flair vom fast noch mittelalterlichen Spanien, dem Venedig der Renaissance, der Regency Ära in England bis zum modernen Amerika. Dabei ist insbesondere interessant, inwiefern Sabine und Charlotte anpassungsfähig sind, wie sie die unterschiedlichen Zeiten erleben. Leider nimmt dabei das eigentlich sehr spannende 20. Jahrhundert kaum Raum ein. Zum Ende hin wird immer deutlicher, wie schwierig es ist, gleich drei Protagonistinnen gerecht zu werden und auch wenn die Autorin aus allen dreien einzigartige, facettenreiche Figuren gemacht hat, so bleibt Sabine die dominante Figur des Romans.

„Bury Our Bones in the Midnight Soil“ ist als schickes Hardcover erschienen, inklusive Farbschnitt in der ersten Auflage, was heute beinahe schon ein Muss in der Fantasy geworden ist. Für Vampirfans ist dieser Roman ein Muss im Bücherregal.


Fazit

„Bury Our Bones in the Midnight Soil“ ist ein atmosphärisch dichter, vielschichtiger Vampirroman, der historische und zeitgenössische Fantasy geschickt kombiniert. V. E. Schwab thematisiert insbesondere den Schmerz der Frauen in patriarchalen Gesellschaften, den intensiven Wunsch nach Freiheit, die Qual des unstillbaren Hungers und den inneren Verfall von Wesen, die Jahrhunderte lang leben und dabei immer mehr von dem verlieren, was sie einstmals ausgemacht hat.


Pro und Contra

+ queerfeministische Vampirfantasy
+ zugleich historisch und zeitgenössisch
+ drei starke Protagonistinnen, deren Schicksale miteinander verflochten sind
+ Vampire als gefährliche und tödliche Kreaturen der Nacht
+ zeigt, wie Frauen in früheren Zeiten unter dem Patriarchat gelitten haben
+ thematisiert den inneren Verfall der Vampire und den zunehmenden Verlust der Menschlichkeit
+ vielschichtig und dennoch leicht geschrieben
+ schickes Hardcover

- Charlotte kommt im Vergleich zu den anderen beiden Frauen zu kurz
- über die modernen Vampire im 21. Jahrhundert erfährt man leider sehr wenig

Wertungsterne4.5

Handlung: 4/5
Charaktere: 4,5/5
Lesespaß: 4,5/5
Preis/Leistung: 3,5/5


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Tags: Dark Fantasy, Vampire, queere Figuren