Tokyo Sympathy Tower (Rie Qudan)

Hoffmann und Campe (Mai 2025)
Taschenbuch, 160 Seiten; 23,00 EUR
ISBN‏: ‎978-3455019346

Genre: Near Future


Klappentext

Japan in der nahen Zukunft. Statt Kriminelle zu bestrafen, begegnet man ihnen mit Milde und Mitgefühl. So soll die renommierte Architektin Sara Machina nun ein modernes Gefängnis gestalten. Im Zentrum Tokios wird ein Luxusturm für die innovative Inhaftierung von Straftätern entstehen. Doch Sara zweifelt an dem Konzept: verdienen Verbrecher es wirklich, dass man ihnen Wohlwollen entgegenbringt? Schon der Name “Sympathy Tower” behagt ihr nicht. In ihrer kreativen Krise wendet sie sich ratsuchend an einen Chatbot, nur um festzustellen, dass auch dieser nicht frei von Ideologie antwortet.

Ein brandaktueller, fesselnder Roman über Moral und die Vereinnahmung von Sprache, über Kunst und Identität im Zeitalter der künstlichen Intelligenz.


Rezension 

Puh, es gibt Bücher, die überraschen einen, manchmal im positiven Sinn, manchmal eher, na ja, zwiespältig. Tokyo Sympathy Tower von Rie Qudan fällt für mich eindeutig in die zweite Kategorie: nicht schlecht, nicht langweilig, aber ein Roman, der mich mit gemischten Gefühlen zurücklässt. Warum? Das liegt weniger am Schreibstil oder an der Hauptfigur, sondern an der Frage, die mich von Anfang an begleitet hat:
Feiert dieser Roman die dargestellte Gesellschaft oder kritisiert er sie? Kleiner Spoiler: Ich weiß es auch nach der Lektüre nicht.

Japan, nahe Zukunft. Das Land hat ein radikal neues Strafsystem eingeführt: Kriminelle werden nicht hart bestraft, sondern mit Milde, Respekt und Wohlwollen behandelt. Weg von Gefängnismauern, hin zu einem luxuriösen Turm mitten in Tokio: dem „Sympathy Tower“. Dessen Konzept: Straftäter in einem Umfeld „rehabilitieren“, das ihnen Lebensqualität statt Entbehrung bietet. Architektin Sara Machina soll diesen Turm entwerfen, ist jedoch skeptisch. Der Name gefällt ihr nicht, die Idee noch weniger. In ihrer kreativen und moralischen Krise sucht sie Rat bei einem Chatbot, nur um zu merken, dass auch dieser nicht neutral ist, sondern eine eigene ideologische Färbung hat.

Die Autorin kombiniert hier zwei Erzählperspektiven: Sara, die eher traditionsbewusst ist, aber auch in der Vergangenheit feststeckt, und ihren Liebhaber Takuto, der für Aufbruch und Zukunft steht. Zwischen den beiden entsteht ein Spannungsfeld aus Konservatismus und Fortschrittsglauben, das durchaus reizvoll ist.

Was mich aber am meisten beschäftigt hat, ist die Grundidee dieser „egalitären“ Gesellschaft. Im Roman wird versucht, alle Menschen als gleichwertig zu behandeln, Täter wie Opfer. Das ist theoretisch ein faszinierendes Gedankenexperiment, gerade in einem Land wie Japan, das real betrachtet eher auf klare Hierarchien, soziale Rollen und subtile gesellschaftliche Ausgrenzung setzt.

In der Realität ist Japans Strafsystem nämlich hart: lange Untersuchungshaft, eine extrem hohe Verurteilungsquote, strenge Regeln und eine gesellschaftliche Stigmatisierung, die oft ein Leben lang anhält. Tokyo Sympathy Tower dreht dieses System komplett auf links. Täter bekommen hier nicht nur eine zweite Chance – sie leben in einem Umfeld, das besser sein könnte als das vieler unbescholtener Bürger:innen.

Und genau hier liegt für mich der erste große Widerspruch:

Ist das nun eine humanistische Vision, die Strafe durch Empathie ersetzt? Oder ist es eine dystopische Überzeichnung, die zeigt, wie absurd es wäre, wenn Täter mehr Fürsorge erhalten als ihre Opfer?

Rie Qudan lässt diese Frage offen; zu offen, wenn ihr mich fragt.

Zudem packt die Autorin auf nur 170 Seiten eine beeindruckende Menge an Themen rein: sexuelle Gewalt, künstliche Intelligenz, Umgang mit Straftäter:innen, Zensur und Gleichberechtigung. Das klingt nach einem ordentlichen Themenfundus und das ist es auch. Aber: Keines dieser Themen bekommt den Raum, den es eigentlich bräuchte. Statt in die Tiefe zu gehen, reißt der Roman vieles nur an. Das wirkt manchmal wie eine Serie von interessanten Denkanstößen, die aber nicht zu Ende gedacht werden, was enorm schade ist.

Gerade bei der KI-Thematik hätte ich mir deutlich mehr erhofft. Die Idee, dass ein Chatbot selbst Ideologien reproduziert und dadurch Einfluss auf moralische Entscheidungen nimmt, ist hochaktuell, nicht nur in Japan. Aber statt diese Problematik konsequent zu nutzen, bleibt sie eine Nebenstrang im Roman.

Trotz aller inhaltlichen Schwächen muss ich sagen: Sara Machina als Figur hat mich trotzdem gepackt. Sie ist nicht die klassische, sympathische Identifikationsfigur, ganz und gar nicht. Sie kann kalt, berechnend und rücksichtslos sein und im nächsten Moment wieder von Selbstzweifeln übermannt werden. Ihre innere Zerrissenheit passt perfekt zu den widersprüchlichen Botschaften des Romans. Allerdings bleibt auch sie für mich zu sehr im Ungefähren. Ich habe mich immer wieder gefragt: Warum lehnt sie das System wirklich ab? Ist es ein moralischer Impuls, ein ästhetisches Unbehagen oder schlicht Angst vor Veränderung? Ich weiß es nicht.

Was Tokyo Sympathy Tower besonders herausfordernd macht, ist, dass die Autorin nicht klar Position bezieht. Einerseits gibt es Passagen, die wie eine Hymne auf Gleichheit, Empathie und eine „bessere“ Gesellschaft wirken. Andererseits tauchen im Text Vorurteile und subtile rassistische Stereotype auf, die das Ganze wieder relativieren. Das Ergebnis: Ich schwankte ständig zwischen „Interessanter Gedanke!“ und „Moment mal, was will mir die Autorin jetzt eigentlich sagen?“ Gerade bei so einer komplexen Grundidee hätte ich mir eine stärkere moralische Orientierung gewünscht, vielleicht nicht im Sinne von „die Autorin muss meine Meinung teilen“, sondern im Sinne einer klareren erzählerischen Haltung.

In Japan wäre ein Konzept wie der „Sympathy Tower“ fast schon ein gesellschaftlicher Tabubruch. Das reale System basiert auf der Idee, dass Strafe abschreckend wirken muss und dass sozialer Ausschluss eine legitime Konsequenz für kriminelles Verhalten ist. Ein Roman, der diese Logik ins Gegenteil verkehrt, provoziert allein durch seine Prämisse. Aber auch hier gilt: Ohne klare Einordnung bleibt unklar, ob diese Provokation intendiert ist oder ob sie als „Vision“ ernst gemeint ist. Gerade im japanischen Literaturkontext, in dem viele Werke stark symbolisch oder ambivalent erzählt werden, kann diese Unschärfe gewollt sein. Für mich bleibt sie jedoch eher frustrierend.


Fazit

Unterm Strich ist Tokyo Sympathy Tower ein Buch, das mich gleichzeitig fasziniert und genervt hat. Fasziniert, wegen der spannenden Grundidee, der ungewöhnlichen Protagonistin und der Themen, die alle hochaktuell sind. Genervt, weil diese Themen oft nur angerissen werden, weil die moralische Haltung der Autorin schwer greifbar bleibt und weil die erzählerische Ambivalenz hier eher als Schwäche wirkt denn als Stärke.

Mit mehr Raum, vielleicht 300 statt 160 Seiten, hätte Rie Qudan ihre Ideen entfalten und die Widersprüche produktiv auflösen können. So bleibt der Roman für mich ein gut gemeinter, teils fesselnder, aber letztlich unentschlossener Kommentar zu einer möglichen Zukunft.


Pro & Contra

+ Interessante Ausgangsidee
+ gute Hauptfigur

- viel zu kurz
- zu viele Themen auf zu wenigen Seiten
- moralische Einordnung fehlt

Bewertungsterne3

Handlung: 3/5
Charaktere: 2,5/5
Lesespaß: 3/5
Preis/Leistung: 2/5