
Klett-Cotta (März 2025)
Taschenbuch: 526 Seiten; 18,00 EUR
ISBN: 978-3608124040
Genre: Science Fiction
Klappentext
Henry Meadows wird zwölf, als die Erde stirbt. Mit seinem Vater und seinen Geschwistern reist er nach Perm, einem urzeitlichen Mond in einem fernen Sonnensystem. Henrys Mutter ist mit einem anderen Raumschiff geflogen. Sie wird von der Familie sehnsüchtig erwartet. Doch plötzlich mehren sich die Zeichen: Sie ist schon hier gewesen, vor langer Zeit. Und sie hat eine Warnung hinterlassen.
Mit Hightech trotzt die erste und einzige Kolonie der Menschheit der Natur des Mondes Perm, die faszinierend und bedrohlich zugleich ist. Hier gibt es Berge, die in den Weltraum ragen, zwei Arten von Nächten und eine gefährliche, unsichtbare Tierwelt. Als Henry ankommt, ist die neue Heimat noch nicht "fertig": Die Atmosphäre ist giftig und enthält zu wenig Sauerstoff, ohne Schutz ist ein Aufenthalt im Freien tödlich. Irgendetwas hat das Terraforming Perms verhindert. Henrys Mutter Mildred kennt den Grund. Die Wissenschaftlerin hat sich entschieden, nicht mit ihren Kindern zu fliegen, sondern einen neuen Antrieb abzuwarten, mit dem sie ihre Familie um Jahrtausende überholt. Sie will für die bestmögliche aller Welten sorgen. Dazu legt sie sich mit dem mächtigen Leiter des Unternehmens an, der ein anderes Ziel verfolgt. Ein Kampf entbrennt, der über das Leben von Henry und seiner Familie entscheiden wird – viele tausend Jahre später.
Rezension
Mit „Lyneham“ legt Nils Westerboer ein Werk vor, das nicht weniger als ein Meilenstein moderner Science-Fiction genannt werden darf. Und das nicht nur wegen der großen Themen, die er aufgreift, sondern vor allem wegen der Art und Weise, wie er sie behandelt: klug, fordernd, präzise und zutiefst menschlich.
Die Geschichte beginnt mit Henry Meadows, einem Zwölfjährigen, der gemeinsam mit seinem Vater und seinen Geschwistern die untergehende Erde verlässt. Ziel der Flucht ist Perm, ein urzeitlicher Exomond in einem fernen Sonnensystem, der als die letzte Hoffnung der Menschheit gilt. Henrys Mutter Mildred ist bereits vor ihnen aufgebrochen – mit einer riskanten Technik, die es ihr ermöglicht, schneller zu reisen und vor ihrer Familie anzukommen. Der Plan: Perm so vorzubereiten, dass die Kolonisten dort eines Tages ein neues Leben aufbauen können. Doch als Henry und seine Familie Perm erreichen, ist nichts so, wie es sein sollte.
Westerboer gelingt es, den Leser sofort in den Bann dieses fremden, faszinierenden Ortes zu ziehen. Perm ist kein klassischer Science-Fiction-Schauplatz mit exotischen Aliens und beeindruckenden fremden Metropolen, sondern eine Welt, die wie aus einem Albtraum der Evolution wirkt. Berge, die sich in den Weltraum recken, doppelte Nachtzyklen, eine toxische Atmosphäre und eine unsichtbare, hochgefährliche Fauna. Das Terraforming ist ins Stocken geraten. Und während die Menschen versuchen, mit Hightech-Equipment eine lebensfähige Kolonie zu errichten, wird schnell klar: Die Natur dieses Mondes wehrt sich.
In zwei ineinander verflochtenen Erzählsträngen schildert Westerboer den Kampf ums Überleben aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Da ist einerseits Henry, dessen Perspektive kindlich-naiv und gleichzeitig unglaublich eindrücklich geschildert wird. Durch seine Augen erleben wir die ersten Schritte der Kolonisten auf Perm, die Unsicherheiten, die Ängste und die kleinen Wunder einer fremden Welt. Andererseits begleitet der Leser Mildred, Henrys Mutter, die mit einer kleinen Gruppe Wissenschaftler lange vor der Ankunft ihrer Familie die erste Landung vorbereitet hat. Mildreds Handlungsstrang gibt dem Roman seine philosophische und moralische Tiefe: Sie beginnt, die ethischen Grundlagen der gesamten Mission infrage zu stellen.
Hier wird Westerboers eigentliches Thema sichtbar: Hat die Menschheit aus ihrem Untergang auf der Erde irgendetwas gelernt? Oder wiederholt sich der Zyklus aus Gier, Machtspielen und rücksichtsloser Ausbeutung einfach auf einem neuen Planeten? Die Konfrontation zwischen Mildred und dem machtbewussten Leiter der Kolonie eskaliert zu einem Konflikt, der über das Schicksal der gesamten Mission entscheidet. Mildred will Perm bewahren und respektieren, während andere bereit sind, das Ökosystem des Mondes zu opfern, um eine zweite Erde zu erzwingen.
Westerboer stellt diese Fragen mit einer wissenschaftlichen Akribie, die beeindruckt. Biologie, Biochemie, Physik, Terraforming-Technologien – das alles bildet das Fundament der Geschichte. Er verlangt seinen Leser:innen einiges ab, denn er setzt voraus, dass man sich auf komplexe naturwissenschaftliche Zusammenhänge einlässt. Hier zeigt sich die intellektuelle Wucht von „Lyneham“: Es ist kein leichtes Lesevergnügen, sondern ein Werk, das fordert und dafür belohnt. Gelegentlich wird der Text so anspruchsvoll, dass man innehalten muss, vielleicht gar die Suchmaschine konsultiert. Doch genau das macht den Reiz auch irgendwie aus.
Dabei bleibt der Roman nie trocken oder akademisch. Westerboer versteht es einfach, wissenschaftliche Details mit emotionaler Wucht zu verknüpfen. Er schafft Charaktere, die keine Abziehbilder sind, sondern glaubhafte, vielschichtige Menschen mit Ängsten, Hoffnungen und Fehlern. Henrys Sehnsucht nach seiner Mutter, seine kindliche Neugier, aber auch seine Verzweiflung bilden einen starken Kontrast zu Mildreds innerem Konflikt zwischen wissenschaftlicher Verantwortung und dem Überlebenswillen ihrer Familie.
Besonders hervorzuheben ist Westerboers Schilderung des Exomondes Perm selbst. Seine Flora und Fauna sind nicht einfach exotisch, sondern beängstigend realistisch gedacht. Der Mond wird so zu einem Sinnbild für das, was auf dem Spiel steht: eine fremde, faszinierende, aber verletzliche Welt, die von den ersten Schritten der Menschheit akut bedroht wird.
Im Subtext schwingt immer wieder die zentrale Frage mit: Hat der Mensch das Recht, fremde Welten seinem Willen zu unterwerfen? Oder ist der Preis dafür zu hoch? Westerboer zieht hier eine klare Linie: Der Mensch bleibt selbst in der äußersten Zukunft das größte Risiko für seine eigene Existenz. Machtgier, kurzfristiges Denken und das Ausblenden ethischer Verantwortung bestimmen weiterhin das Handeln der Akteure. Die Kolonisation Perms wird so zu einem bitteren Spiegelbild des menschlichen Wesens.
„Lyneham“ ist dabei keinesfalls hoffnungslos oder zynisch. Im Gegenteil: Gerade die emotionale Tiefe der Figuren, die Komplexität der Konflikte und die Schönheit der Beschreibungen machen das Buch zu einem beeindruckenden Erlebnis. Westerboer zeigt, dass große Science-Fiction keine interstellaren Kriege oder fremde Supermächte braucht. Es reicht, den Menschen selbst ins Zentrum zu stellen und die existenziellen Fragen zu stellen, die wir viel zu oft verdrängen.
Was Westerboer hier vorlegt, ist Science-Fiction auf höchstem Niveau: anspruchsvoll, tiefgründig, erschütternd und dabei immer spannend erzählt. Er verbindet Philosophie, Naturwissenschaft und eine starke emotionale Erzählweise zu einem Roman, der das Genre bereichert und Maßstäbe setzt. „Lyneham“ zeigt, dass gute Science-Fiction nicht nur unterhalten, sondern auch herausfordern und zum Nachdenken anregen kann / muss.
Fazit
Nils Westerboer hat mit „Lyneham“ ein Meisterwerk geschaffen. Ein Roman, der fordert, der große Fragen stellt und der in Erinnerung bleibt. Wer bereit ist, sich auf die anspruchsvolle Thematik einzulassen, wird mit einer der stärksten Science-Fiction-Erzählungen der letzten Jahre belohnt.
Pro & Contra
+ starkes Setting
+ vielfältige Figuren
+ tolle Gesellschaftskritik
- hin und wieder etwas zu technisch
Bewertung: ![]()
Handlung: 5/5
Charaktere: 5/5
Lesespaß: 5/5
Preis/Leistung: 5/5
