Orlando - eine Biografie (Virginia Woolf)

orlando

Anaconda (2022)
Gebundenes Buch, 288 Seiten, 7,95 EUR
ISBN: ‎ 978-3730611128

Genre: Historik / zeitgenössischer Roman / fiktive Biografie


Klappentext

Ewige Jugend und Schönheit gibt es nur im Roman und in wohl keinem so viel wie in diesem: Über drei Jahrhunderte lebt Orlando in diversen Rollen und an den verschiedensten Orten. Der junge Adlige am Hof Königin Elisabeths I. wird Diplomat in Konstantinopel. Dann wandelt sich Orlando zur Frau, lebt bei einer Zigeunertruppe, bis sie nach England zurückkehrt und schließlich im 20. Jahrhundert als Schriftstellerin berühmt wird. Eine verrückte Idee? Ein faszinierendes Buch! Virginia Woolfs »Orlando« (1928) bricht energisch auf in die literarische Moderne und feiert die Liebe und das Leben.


Rezension

Orlando ist ein junger und gutaussehender Adeliger aus dem 16. Jahrhundert. Seine Schönheit soll niemals vergehen. Ein Wunsch, der ihn zum Verhängnis wird. Er durchlebt beinahe vier Jahrhunderte und vier verschiedene Lebensentwürfe, ohne merklich zu altern.

Aus einem jungen Höfling wird ein Diplomat in Konstantinopel, aus dem Dreißigjährigen eine Frau, die mit einer Zigeunertruppe nach England zurückkehrt. Dort heiratet sie dann den Mann ihrer Träume und bringt einen Sohn zur Welt. Am Ende seines Lebens lebt Orlando als berühmte Dichterin in der englischen Hauptstadt London.

Virginia Stephen wurde 1882 in London geboren. Im Jahre 1912 heiratet sie Leonard Woolf. Ihr Zuhause wird zum Zentrum der örtlichen Künstlerkreise. 1941 bewirkt dann eine Depression, dass sie freiwillig aus dem Leben scheidet.

Orlando – eine Biographie stammt aus dem Jahr 1928. Die fiktive Biografie verbindet historische, literarische und satirische Elemente. Der Roman gilt als experimenteller Beitrag zur Auseinandersetzung mit Geschlecht, Identität und Zeit. Inspiriert wurde das Werk von Woolfs (lesbischer Liebes-)Beziehung zur Schriftstellerin Vita Sackville-West, die als Vorlage für die Hauptfigur diente.

Formal ist Orlando ein hybrider Text zwischen Roman, Biografie und Memoir. Die Mischung aus satirischem Ton, historischen Anspielungen und bewusst übertriebener Bildsprache fordert die Lesenden heraus, Realität und Fiktion beständig neu zu verorten. Woolf nutzt in Orlando die Form einer Biografie, um diese zugleich zu parodieren. Durch die fiktive Darstellung über mehrere Jahrhunderte hinweg und die ironische Kommentierung der "Biografin" wird die traditionelle Biografieform hinterfragt und dekonstruiert.

Die Biografie-Parodie thematisiert literarisches Schaffen als geschlechterpolitischen Akt und wird häufig als Künstlerroman gelesen. Woolf verbindet dabei Fakten und Fiktion, spielt mit dokumentarischen Elementen wie Fotografien und einem Index und stellt reale Personen wie Vita Sackville-West fiktiv dar.

Orlando wurde zu einem Meilenstein der queeren Literatur. In der universitären Lehre dient das Werk bis heute als Ausgangspunkt für Diskussionen über Geschlecht und Identität.

Als Leser sollte man diese literaturwissenschaftlichen Fachinformationen schon im Kopf haben, wenn man unbefangen zu dieser Lektüre greift. Was geschieht wann? Wer ist dieser Orlando? Was sein familiärer Hintergrund? Die Woolf`sche Vorgehensweise erscheint beim unvorbereiteten Leser doch schwammig und unkonkret – man könnte eine Literaturgattung wie Science–Fiction, Abenteuerroman, Schauerroman vermuten (obwohl Kenner Virginia Woolfs wissen, dass das eigentlich nicht möglich ist, weil Woolf nie in diesen Genres tätig war).

Wie schon oben gesagt: Das Buch gilt als Klassiker der lesbischen, queeren Literatur. Vulgäre Erotik oder gar derbe Sexualität werden hier nicht gezeigt. Das wäre in der Entstehungs- und Veröffentlichungszeit des Romans nicht möglich gewesen. Das Buch bietet stattdessen gehobene Unterhaltung für ein verkopftes Bildungsbürgertum.


Dies ist eine Gastrezension von Andreas Rüdig, herzlichen Dank!