
Eigenverlag; (16. Juni 2025)
Taschenbuch: 380 Seiten; 19,00 EUR
ISBN: 978-3819250835
Genre: Near Future / Dystopie
Klappentext:
Berlin, Mai 2027. Ein plötzlicher Blackout stürzt die Hauptstadt ins Chaos. Stromausfall, Kommunikationsstille, Orientierungslosigkeit. Drei junge Menschen, Matthias, Marie und Lukas, bleiben zurück in einer Stadt, die sich selbst verliert. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg nach Süden, durch zerstörte Landschaften, an brennenden Städten vorbei, verfolgt von der Frage: Gibt es noch ein Morgen? Doch diese Reise ist mehr als Flucht. Sie führt durch Erinnerungen, zersplitterte Beziehungen und neue Nähe. Zwischen Ruinen wächst etwas Unerwartetes: Vertrauen. Zärtlichkeit. Liebe, die keine Etiketten braucht. Berlin Südwärts ist ein intensiver Roman über das, was bleibt, wenn alles zusammenbricht. Eine Geschichte über Mut, Verlust, queere Verbundenheit, und darüber, was uns Mensch sein lässt, wenn die Welt sich auflöst.
Rezension
Andrea Fiorillos Roman Berlin Südwärts ist ein bedrückendes, intensives und zugleich erstaunlich hoffnungsvolles Werk über eine Welt, die kippt. Ganz gewaltig sogar. Und wenn man ehrlich ist, dann muss man sagen: Diese fiktive Welt ist beunruhigend nah an der Realität, in der wir uns momentan bewegen. Und noch nie in meinem Leben habe ich so sehr gehofft, dass diese Geschichte genau das bleibt: eine Geschichte und nicht die Realität.
Die geopolitische Lage unserer Zeit ist angespannt wie lange nicht mehr. Der Ukrainekrieg zieht sich hin, mit immer neuen Eskalationen. Zwischen Israel und dem Iran und sogar den USA brodelt es unaufhörlich, mit dramatischen Folgen für die gesamte Region. China signalisiert mit Blick auf Taiwan eine immer offenere Konfrontationsbereitschaft, und auch der westliche Zusammenhalt steht nicht mehr so fest wie noch vor einigen Jahren. Kurz, wir bewegen uns auf extrem dünnem Eis. All das sind keine dystopischen Fantasien, sondern unsere täglichen Nachrichten. Und genau hier setzt Berlin Südwärts ein – nicht als Dokumentation, sondern als hochsensible literarische Weiterführung eines Szenarios, das alles andere als unrealistisch ist.
Berlin, Mai 2027. Ein flächendeckender Blackout trifft die Hauptstadt. Anfangs ist es „nur“ ein Stromausfall, eine technische Panne vielleicht, nichts, was nicht schon mal passiert wäre. Doch es bleibt dunkel. Kommunikationswege brechen ab, Orientierung wird unmöglich.
Die Stadt, dieses pulsierende, chaotische Herz Deutschlands, erstarrt und beginnt zu zerfallen. Schnell dämmert den Menschen, dass es sich nicht um eine vorübergehende Störung handelt. Die Infrastruktur bricht zusammen, Panik macht sich breit, und eine neue, düstere Realität beginnt. Das eigentlich Erschreckende: Fiorillo deutet vieles nur an. Der Begriff „Weltkrieg“ fällt nie explizit, aber die Spuren sind eindeutig. Bomben, Flüchtlingsströme, zerstörte Städte. Man muss nicht viel Fantasie mitbringen, um zu verstehen, worauf das alles hinausläuft.
Im Zentrum der Geschichte stehen Lukas, Marie und Matthias – drei junge Erwachsene, Freunde, Weggefährten, Leidensgenossen. Sie entscheiden sich, Berlin zu verlassen, und machen sich auf in den Süden, nach Italien. Dort, so hört man, soll es noch halbwegs sicher sein. Diese Reise wird zur inneren wie äußeren Odyssee. Fiorillo zeichnet sie nicht als klassische Helden oder Überlebenskämpfer, sondern als ganz normale Menschen inmitten der größten Katastrophe. Dabei kämpft das Trio weniger gegen äußere Feinde als mit sich selbst, ihren Erinnerungen, ihren Ängsten und ihrer Hoffnung.
Was den Roman besonders macht, ist seine kluge Erzählweise. Immer wieder springt Fiorillo zurück in die Vergangenheit, in die letzten Tage vor dem Zusammenbruch, in jene Zwischenzeit, in der das Alte noch nicht ganz weg, das Neue aber schon spürbar war. Diese Rückblenden sind nicht nur dramaturgisch geschickt gesetzt, sondern auch emotional aufgeladen. Sie öffnen Fenster in die Biografien der drei Protagonist*innen und erlauben einen Blick auf das, was sie geprägt hat: unklare Identitäten, queere Selbstfindung und Beziehungschaos. Das ist fein beobachtet und geht stellenweise richtig unter die Haut.
Das Beziehungsgeflecht zwischen Lukas, Marie und Matthias ist dabei ein zentraler Anker. Lukas und Matthias kommen sich näher, aber Lukas liebt auch Marie. Es ist kompliziert – aber eben nicht auf diese klischeehafte, konstruierte Art, wie man sie aus so vielen Jugendromanen kennt. Es fühlt sich echt an. Und vor allem: Es braucht keine Labels. Fiorillo zeigt, dass Liebe fluide sein kann, dass Nähe nicht immer Unterscheidung der Geschlechter braucht, um tief zu sein. Nur gelegentlich stolpert die Geschichte hier stilistisch, vor allem in einigen „Spice“-Szenen, die ein wenig unbeholfen wirken. Aber das ist verzeihlich. Denn das emotionale Fundament steht.
Überhaupt ist Berlin Südwärts ein Buch, das sich mehr für das Innenleben seiner Figuren interessiert als für das Spektakel außen herum. Natürlich gibt es Gefahr, Zerstörung, Angst. Doch im Gegensatz zu vielen anderen dystopischen Romanen fällt Fiorillo nicht in den Zynismus. Er zeichnet (k)eine Welt, in der sich jeder selbst der Nächste ist, klar gibts hier auch, aber das ist nicht das Herzstück dieses Buches. Im Gegenteil: Immer wieder erleben die drei Protagonist:innen Menschlichkeit, Hilfe, Freundlichkeit – selbst von Fremden. Und jedes Mal sitzt man als Leserin da und denkt: „Das wird schiefgehen. Das ist naiv.“ Aber es geht nicht schief. Die Hilfe bleibt Hilfe, die Menschlichkeit bleibt menschlich.
Und genau das ist das vielleicht Stärkste an diesem Buch. Es erinnert uns daran, dass auch im größten Chaos Empathie möglich ist – und dass sie vielleicht unser einziger Ausweg ist.
Fiorillos Sprache ist dabei überraschend reif für ein Debüt. Der Stil ist klar, oft schnörkellos, aber nicht ohne poetische Glanzlichter. Immer wieder blitzen Sätze auf, die man am liebsten unterstreichen möchte. Die Stimmung ist dicht, die Bilder eindrucksvoll, ohne übertrieben zu sein. Man merkt, dass hier jemand nicht nur schreiben kann, sondern auch etwas zu sagen hat.
Natürlich ist nicht alles perfekt. Eine Szene gegen Ende des Buches – eine Art heroischer Moment – wirkt etwas überzogen, fast wie aus einem anderen Film. Kennt man, ist auch völlig ausgelutscht. Da kippt die Geschichte kurz ins Pathetische, verliert für einen Moment ihre kluge Bodenhaftung. Und auch das Ende kommt zu abrupt. Da wird der Vorhang zugezogen, bevor man wirklich fertig ist mit der Geschichte. Hier hätte ein wenig mehr Raum zur Auserzählung gutgetan. Aber das sind Schwächen, die das Gesamtbild nicht wirklich trüben.
Fazit
Was bleibt, ist ein Roman, der nicht nur bewegt, sondern auch beunruhigt. Weil er so verdammt realistisch ist. Weil er sich nicht weit aus dem Fenster lehnen muss, um ein Szenario zu entwerfen, das jederzeit passieren könnte. Berlin Südwärts ist kein Thriller, kein Action-Roman, keine Katastrophen-Spektakelshow. Es ist ein Buch, das zeigt, was es heißt, Mensch zu bleiben, wenn alles um einen herum zusammenbricht. Und damit ist es ein verdammt wichtiges Buch, gerade jetzt.
Pro & Contra
+ tolle Atmossphäre
+ gar nicht so weit hergeholt
+ Figuren funktionieren überwiegend gut
- gegen Ende hin etwas überzogen
- einige Szenen wirken gehetzt
Bewertung: ![]()
Handlung: 4/5
Charaktere: 3,5/5
Lesespaß: 4/5
Preis/Leistung: 4/5
