
Eigenverlag; (20. Juli 2025)
Taschenbuch, 371 Seiten, 12,99 EUR
ASIN: B0FD5C8R1C
Genre: Kurzgeschichten / Horror / Science Fiction
Klappentext:
Hier erblicken Storys das Licht der Welt, die zuvor – wie die ungeschlachten Träume eines überspannten, niemals schlafenden Hirns – im Dunkeln lagen, nur gestreift vom Licht der Abendsonne, und über Jahre im Verborgenen reifen durften.
Dunkel, poetisch, verstörend – und manchmal überraschend zärtlich.
In diesen Geschichten begegnen wir u.a. einer Frau, die mit dem Tod spielt, einem Mann, der der falschen Mumie vertraut, und Gedankenwelten, in denen Ungeheuerliches entsteht.
Tod und Dunkelheit lauern auf jeder Seite – aber auch die Liebe hat ihren Platz.
Kleine Ausflüge ins Science-Fiction-Genre sorgen für Abwechslung, während kurze Zwischenspiele über das Leben und das Schreiben berichten.
Horror und Mystery lachen einander an, Liebe und Dunkelheit schließen Freundschaft, Kunst und Grauen reichen sich die Hand.
Rezension
Kurzgeschichten führen oft ein Schattendasein. Zu Unrecht, wie ich finde. Während sich viele Leser:innen seitenstarkem Worldbuilding oder ausgefeilten Serienmördern widmen, bleibt die kurze Form oft unbeachtet, dabei verlangt sie von Autor:innen ein besonders feines Gespür: für Atmosphäre, Rhythmus, für Figuren, die auf wenigen Seiten zustande kommen müssen. Dark Tales: Volume I von Ethem Çay zeigt eindrucksvoll, wie viel Tiefe, Spannung und Emotion in wenigen Seiten stecken können.
Die Geschichten in Dark Tales entstanden zwischen 2009 und 2025 – ein Zeitraum, in dem viele Autor:innen stilistisch oder thematisch Brüche zeigen würden. Nicht so Çay. Seine Storys wirken wie aus einem Guss, obwohl sie unterschiedliche Tonlagen, Genres und Stimmungen bedienen. Mal poetisch und still, mal hart und gnadenlos, aber immer präzise und auf den Punkt. Der Autor scheut sich nicht vor düsteren Themen: Tod, Schuld, Rache, seelischer Verfall. Er beobachtet scharf, zeigt das Morbide im Alltag, die Abgründe im Menschen. Und er schafft es, diesen finsteren Themen eine gewisse Zärtlichkeit abzuringen.
Manche Geschichten lassen einen mit einem Kloß im Hals zurück, andere mit einem unbehaglichen Schmunzeln. Das Schöne an Çays Kurzgeschichtenband ist seine Vielfalt. Es gibt keine klare Linie, kein starres Schema. Stattdessen erwartet einen bei jeder neuen Geschichte eine Überraschung, in Thema, Ton und Erzählweise.
Da ist zum Beispiel „Das Mädchen mit den Tagebüchern“: Ein Mann stößt zufällig auf die privaten Aufzeichnungen seiner Frau und entdeckt darin eine Seite an ihr, die ihm fremd und furchteinflößend ist. Zwischen Angst und Faszination wird das Lesen für ihn zur Sucht, bis seine Frau ihn ertappt …
„Winterabendgespräch“ nimmt eine ganz andere Richtung: Hier begegnen wir einem Mann, der mit dem Leben abgeschlossen hat und eine mysteriöse Hotline anruft. Was zuerst wie eine absurde Szene wirkt, entwickelt sich zu einem kleinen Psychodrama mit übersinnlichem Einschlag. Die Grenze zwischen Realität und Wahnsinn verschwimmt und man fragt sich am Ende: Wer spricht hier eigentlich mit wem?
Eine meiner Lieblingsgeschichten ist „Der Weg nach Hause“: Sie beginnt fast harmlos, mit zwei Angestellten in einem kleinen Buchladen, die ihren Chef schrittweise bestehlen. Doch als die Eine den Anderen verrät, kippt die Stimmung. Was als kleine Missetat beginnt, endet in einem dunklen Rachefeldzug, bei dem die letzten Worte – „Das werde ich dir heimzahlen“ – mehr sind als eine Drohung, doch für wen eigentlich? Hier zeigt Çay seine Fähigkeit, mit wenigen Worten psychologischen Druck aufzubauen und eine Geschichte ins Unheimliche kippen zu lassen, und das ohne irgendwelche Szenen explizit zu erwähnen oder zu beschreiben. Beeindruckend.
Was mich an Çays Stil besonders überzeugt hat, ist seine Wandlungsfähigkeit. Manche Geschichten sind klar, schnörkellos, mal rotzig, andere dagegen beinahe poetisch. Diese Mischung wirkt nicht inkonsequent, sondern reflektiert die Inhalte perfekt. Wenn es hart auf hart kommt, schreibt Çay roh, direkt, fast brutal. Wenn es ums Menschliche geht, kann er sanft und melancholisch sein.
In Geschichten wie „Scharlachrot“ oder „Lilienstaub“ merkt man besonders, wie gut der Autor mit Sprache umgehen kann. Atmosphärisch dicht, mit einem Gespür für Rhythmus und Timing, entstehen Szenen, die haften bleiben. Auch „Von oben“ hat mich in seiner düsteren Beobachtungsgabe nachhaltig beeindruckt, eine Geschichte, die mit ihrer Perspektive und moralischen Ambivalenz lange im Gedächtnis bleibt.
Ein besonderes Element in Dark Tales sind die kurzen Zwischenspiele, in denen Çay über das Schreiben, das Leben und seine Gedanken reflektiert. Diese Texte brechen den Erzählfluss nicht, sondern bieten kleine Atempausen, oft nach besonders düsteren Geschichten. Sie sind klug gesetzt, sie sind ein toller Blick hinter die Kulissen. Wer wissen will, wie Geschichten entstehen, warum manche Träume lieber nicht geträumt werden sollten oder wieso Kunst und Grauen manchmal aus derselben Quelle schöpfen, wird hier fündig.
Fazit
Dark Tales richtet sich dabei an alle, die Lust auf dichte, unvorhersehbare Kurzgeschichten haben. Für Leser:innen, die keine Angst vor Dunkelheit haben, aber auch nicht erwarten, dass alles mit einem Paukenschlag endet. Çay verzichtet oft auf das klassische „Twist-Ende“. Stattdessen vertraut er darauf, dass die Stimmung und die Figuren nachwirken. Und das tun sie. Wer sich für psychologisch fundierte Storys interessiert, die mal realistisch, mal fantastisch daherkommen, wird hier voll auf seine Kosten kommen. Und wer glaubt, Kurzgeschichten seien nur etwas für zwischendurch, sollte dieses Buch als Beweis des Gegenteils lesen.
Für Fans von düsterer Literatur, Kurzgeschichtenliebhaber:innen und alle, die das literarisch Unheimliche suchen. Wer Black Mirror, Kafka oder Poe mag, findet hier modernen Nachschub.
Pro & Contra
+ Vielseitige, spannende Kurzgeschichten mit starker Atmosphäre
+ Mischung aus Horror, Mystery, Sci-Fi und psychologischen Elementen
+ Sprachlich flexibel: mal rau, mal poetisch
+ Kurze Zwischenspiele geben Einblick in die Gedankenwelt des Autors
- Manche Geschichten sind sehr kurz und könnten gern noch länger sein
- Nicht jede Story trifft zwangsläufig jeden Geschmack (aber das liegt in der Natur von Sammlungen)
Bewertung: ![]()
Handlung: 5/5
Charaktere: 5/5
Lesespaß: 5/5
Preis/Leistung: 5/5
Interview mit Ethem Çay (2025)
