Ihr Körper, das Schiff (Hrsg. Yvonne Tunnat und Chris Witt)

A7L Books (Juli 2025)
Taschenbuch, 316 Seiten, 18,99 EUR
ISBN: ‎978-3690284578
eBook, 322 Seiten, 9,99 EUR
ISBN 978-3949575693

Genre: Science Fiction / Near Future / Dystopie / Postapokalypse / Hopepunk / Kurzgeschichten


Klappentext

Eine neue Technik erlaubt es, noch nach dem Tod geliebter Angehöriger lebensechte Erinnerungsfotos mit ihnen anzufertigen. Eine perfekte Androidin entwickelt ganz andere Vorstellungen von Schönheit als ihr Schöpfer. Nach der Invasion der Erde müssen die Menschen den Außerirdischen ihre Erinnerungen verkaufen. Eine Behandlung gegen das Altern führt zu unerwarteten Nebenwirkungen. Ein Unternehmen stellt Wegwerfandroiden für spezielle Anlässe her, deren Überreste nach Überschreiten der dreißigtägigen Haltbarkeitsdauer im Garten kompostiert werden können. Ein Alien-Auftragskiller sorgt auf ganz spezielle Art für die Sühne für einen Völkermord.

Dieser Band versammelt die fünfzehn besten internationalen Science-Fiction-Geschichten von 2023 und 2024, ausgewählt nach dem Sichten hunderter Stories. Geschichten, die aufrütteln, schockieren oder im wahrsten Sinne des Wortes unter die Haut gehen. Sie zeigen kein glückliches Utopia, sondern eine Zukunft, deren Bewohner sich den Herausforderungen einer sich rasant verändernden Welt stellen müssen oder sich in Ausnahmesituationen wiederfinden, in denen sie sich entscheiden müssen, was sie als Menschen ausmacht.


Rezension

Phantastische Kurzgeschichten haben es relativ schwer auf dem deutschen Buchmarkt. Zwar gibt es neben deutschsprachigen Anthologien aus Kleinverlagen gelegentlich Übersetzungen von Kurzgeschichten, aber wer keine englischsprachigen Magazine liest, hat keinen Überblick darüber, was SF-Fans außerhalb von Deutschland begeistert. Yvonne Tunnat und Chris Witt wollen das ändern und haben für Ihr Körper, das Schiff fünfzehn internationale SF-Kurzgeschichten ausgewählt, die auf dem Cover als „die besten“ angepriesen werden. Im Klappentext folgt die Einschränkung, dass sich "die besten" auf die Jahre 2023 und 2024 bezieht. Dabei handelt es sich natürlich um die subjektive Meinung der Herausgeberinnen, die beide so viele Geschichten (hunderte!) gelesen haben, dass sie das voller Stolz für sich behaupten können. Auch haben einige Autor*innen und Geschichten dieser Anthologie Preise erhalten. Schauen wir uns also an, wie gut die hier erstmals übersetzten Beiträge wirklich sind:

Angela Liu beschreibt in „Pinocchio Photography“ eine Technologie, mit der sich Erinnerungen mit Toten erstellen lassen. Mit Hilfe von Nanomaschinen werden tote Körper so hergerichtet, dass sie (fast) lebendig wirken und man kann Fotos und Videos mit seinen verstorbenen Liebsten machen. Das ist makaber, geht aber auch ans Herz. So ganz will der Funke hier nicht überspringen, auch wenn die Story einen durchaus interessanten Blick in die nahe Zukunft bietet.

Kelsea Yu erzählt in „In Erinnerungen ertrinken wir“ von einer Forschungsstation auf dem Meeresgrund, die vielleicht der letzte Ort ist, an dem Menschen leben (können). Dort unten entdeckt Rosalie eine Pflanze, die für jeden einen ganz einzigarten Geschmack voller Erinnerungen hat. Die Autorin beschreibt eindrücklich die psychischen Belastungen, die sich aus der Isolation am Grund des Ozeans ergeben. Eine melancholische Geschichte in einer dystopischen Zukunft voller Ungewissheit.

„Brutparasitismus“ von Auston Habershaw erinnert ein wenig an „Jupiter Ascending“, denn auch hier bekriegen sich mächtige Clans in der Galaxie und löschen beiläufig ganze Spezies aus, um auf deren Planeten ihre eigenen Visionen zu verwirklichen. Protagonist der Geschichte ist eine Lebensform, die ihre Form beliebig verändern und so verschiedene Spezies imitieren kann – weshalb sie als Auftragskiller angeheuert wird. Doch dieser Auftrag ist zugleich sehr persönlich, denn die Lebensform will Rache für all die vernichteten Leben. Eine spannende, actionreiche Story, die gut unterhält.

Ein Highlight dieser Sammlung ist „Ich werde dein Spiegel sein“ von Rebecca Schneider, das eine ferne Zukunft beschreibt, in der Künstliche Intelligenzen humanoide Körper erhalten und ihre eigenen Wege ins Leben suchen. Sie knüpfen Freundschaften, entdecken Intimität und suchen nach einem Sinn. Unter anderem geht es um die Frage, ob diese KIs eigenständiger Lebensformen sind – doch vor allem ist diese Kurzgeschichte eine leise Liebesgeschichte mit einem schmerzhaft-schönen Ende.

In „Sieh es als Chance“ von J.A.W. McCarthy erhält die Protagonistin ein verstörendes Geschenk von ihren Eltern – einen InteriMate, einen künstlichen Menschen mit Ablaufdatum, der sich nach etwa einem Monat zersetzt und bis dahin ihr Bruder sein soll. Dieser künstliche Bruder enthält erschreckend viele Erinnerungen und wird schließlich zum Komplizen für die Rache an den Eltern. Eine makabre Story über die Beziehung einer jungen Erwachsenen zu ihren toxischen Eltern.

„Die Leiden des neuen Zeitalters“ von Katherine Ewell widmet sich der Frage, was mit Menschen passiert, deren Leben künstlich verlängert werden und die so ihre eigenen Kinder überleben. Die Protagonistin hat früh ihren Mann verloren und lässt jede neue medizinische Technologie an sich testen, um ihr Leben zu verlängern. Sie ist überzeugt davon, dass ihr Mann gewollt hat, dass sie lebt. Doch je länger sie lebt, desto schwieriger wird es für sie, Vergangenheit und Zukunft auseinander zu halten. Und ihr Trauma hat sie nicht verarbeitet. Eine nachdenklich stimmende Story mit einer fragmentierten Wahrnehmung, die es schwer macht, zu entscheiden, was wann passiert ist – und was echt ist.

Die stilistisch ungewöhnlichste Story dieser Anthologie ist „Plötzliches Verhängnis“ von Natasha King. In dieser Zukunftsvision ist es möglich, Menschen zu „slotten“ und ihnen so Wissen zu stehlen. Ursprünglich sollte die Technologie dazu dienen, das Gedächtnis zu verbessern, doch die Menschen nutzen sie, um Wissen zu stehlen. Wer „geslottet“ wurde, stirbt – oder doch nicht? Protagonist*in dieser Geschichte sind mehrere Personen in einem Körper, die zusammen neues Leben bilden. Sehr interessant, aber chaotisch und dadurch herausfordernd geschrieben. Mehr Hintergrundinformationen wären gut gewesen.

Ein weiteres Highlight der Anthologie ist „Erinnerungen an verlorene Erinnerungen“ von Mahmud El Sayed. Technologisch weit überlegende Außerirdische beherrschen die Erde, doch sie haben kein Interesse an Bodenschätzen oder Nahrung. Das Einzige, was sie wollen, sind Erinnerungen, die quasi als Steuern entrichtet werden müssen. Der Protagonist will eine mit besonderen Erinnerungen verknüpfte und sich lange im Besitz der Familie befindende Uhr eintauschen, um seinem dementen Vater eine letzte Reise in seine Heimat, Ägypten, zu ermöglichen. Persönliches, Politisches und Fiktives verschmelzen zu einer großartigen Story, die durch Erinnerungen Spannung erzeugt.

Die titelgebende Story „Ihr Körper, das Schiff“ von Z. K. Abraham spielt auf einem Generationenschiff, auf dem verschiedene Berufsgruppen in Clans organisiert sind. Die Menschen suchen nach einer neuen Heimat, doch für die Protagonistin ist das Schiff ihre einzige Heimat. Es erhält sie am Leben, ist alles, was sie kennt und kennen will. Als ein Planet entdeckt wird, der für eine Besiedlung geeignet scheint, wird sie zur Saboteurin. Tribalismus trifft auf SF-Technologie und die Reise durchs Universum wird zu einem individuellen Schicksal. 

Auch „Frank Peterson kommt nach Hause“ von Michael Teasdale beschäftigt sich mit dem Tod bzw. dessen Überwindung. Der Protagonist stirbt – und wird aus einer Backupdatei wieder hergestellt. Zunächst wird er in einer virtuellen Umgebung trainiert, ehe er zurück zu seiner Familie kann, die sehr skeptisch auf seiner Rückkehr reagiert. Zudem hat Frank Peterson so einige Geheimnisse. Einer der schwächeren Beiträge.

„In den Tagen danach“ von Frank Ward ist mehr eine Mystery-Story als SF, allerdings mit einer sehr spannenden Ausgangssituation. Durch ein Ereignis, das gerade einmal fünfzehn Minuten gedauert hat, wurde das Leben mancher Menschen grundlegend verändert: Sie altern nicht mehr, bleiben für immer in dem Zustand, den sie zum Zeitpunkt des Ereignisses hatten. Manche hatten Glück und bleiben ewig junge Erwachsene, während andere als ewig alte Menschen weiter existieren und manche als nicht einmal ein Jahr altes Baby. Die Gesellschaft reagiert mit Hass auf diese besonderen Menschen und grenzt sie aus. Die Protagonistin will ein ewiges Kind bei sich aufnehmen, um ihrem immer gleichbleibenden Leben einen Sinn zu geben. Es lohnt sich, diese Geschichte zwei Mal zu lesen, denn Frank Ward hält anfangs viele Informationen zurück, die manche Szene rückblickend in einem anderen Licht erscheinen lassen.

„Scarlett“ von Everdeen Mason beschreibt den Schaffensprozess eines Körpers für die Künstliche Intelligenz Scarlett, die der männliche Designer als schöne Frau betrachtet und sie entsprechend in einen idealisierten Frauenkörper steckt. Die beiden kommen sich näher, doch Scarlett fühlt sich nicht wohl in ihrem Körper und nimmt schockierende Änderungen vor. Schade, dass sich hier mal wieder ein Mann einen sexy Roboter baut – immerhin stellt Scarlett dessen Vorstellungen auf den Kopf.

„In der Angelegenheit Homo sapiens“ von Kei Coleman ist ein unterhaltsames Intermezzo, in dem sich zukünftige Künstliche Intelligenzen mit unterschiedlichen Körpern darüber austauschen, ob sie ihre als ausgestorben geltenden Erschaffer, den Homo sapiens, wieder zurückholen sollten. Es entspinnt sich eine spannende Diskussion mit unterschiedlichen Standpunkten, die recht amüsant geschrieben ist.

Abschließend folgen zwei relativ lange Texte, die beide zu den besten dieser Anthologie gehören. „Dein kleines Licht“ von Jana Bianchi ist quasi Space Horror, kommt jedoch ohne Gewalt aus. Die Protagonistin ist die einzige Überlebende auf einem Generationenschiff – zumindest der einzige Mensch. Ein außerirdisches Tier hat ebenfalls überlebt. Und das Baby in ihrem Bauch, das sie bald ohne Hoffnung auf Zukunft zur Welt bringt. „Dein kleines Licht“ zeigt eindrucksvoll den Überlebenskampf einer jungen Frau, die sich um das Baby kümmert, das sie eigentlich nicht wollte, und um ein fremdartiges Tier, zu dem sie eine Bindung aufbaut. Eine emotional anstrengende Geschichte, die Mutterschaft und speziesübergreifende Empathie thematisiert.

„Das Jahr ohne Sonnenschein“ von Naomi Kritzer ist Dystopie und Utopie zugleich: In der nahen Zukunft wird der Himmel von Asche verdunkelt. Der Strom fällt immer wieder aus, Internet und Mobilfunk funktionieren nicht mehr, es gibt immer weniger Medikamente und Lebensmittel. Doch statt einem gewaltvollen Zerfall gesellschaftlicher Strukturen, blicken wir hier auf ein Viertel im zukünftigen Minneapolis, in dem die Menschen freundlich und solidarisch sind. Die Nachbarschaft organsiert sich selbst, teilt Wissen und Fähigkeiten und kümmert sich umeinander. Auch um eine alte kranke Frau, die auf Sauerstoff angewiesen ist – und für diesen auf Strom. Sie finden kreative Lösungen, bauen Lebensmittel an, verteidigen sich und überleben gemeinsam ein hartes Jahr ohne Sonne. Dieser Text ist zum Abschluss nochmal ein echtes Highlight voller Freundlichkeit und Empathie inmitten einer Katastrophe.

Die handwerkliche Qualität der von Yvonne Tunnat und Chris Witt ausgewählten Geschichten ist konstant hoch. Keine ist wirklich schlecht geschrieben, auch wenn manche wenig Überraschendes bieten und auf Klischees setzen, während andere das sagenumwobene „gewisse Etwas“ haben. Überzeugen können vor allem jene Kurzgeschichten, die neben kreativen SF-Settings und -Technologien tief in die Persönlichkeit ihrer Protagonist*innen eintauchen und so das Leben in ihren Zukunftsvisionen wirklich erlebbar machen. Positiv fällt zudem auf, dass hier unterschiedlichste Subgenres vertreten sind: Near Future, Cyberpunk, Postapokalypse, Space Opera, Military SF, Mystery, Hopepunk. Am Ende hat man das Gefühl, einen guten Überblick über aktuelle englischsprachige SF-Kurzgeschichten bekommen zu haben. Es wäre wünschenswert, wenn solch ein Sammelband in Zukunft regelmäßig  erscheint. 

Die Kurzbiografien der Autor*innen finden sich jeweils am Ende der Geschichten, sodass man nach dem Lesen direkt einen Eindruck von der Person hat, die sie geschrieben hat. Ebenso wird erwähnt, wo die jeweiligen Beiträge zuerst erschienen sind. Abschließend gibt es jeweils ein Nachwort der beiden Herausgeberinnen und der Verleger von A7L Books. Das Nachwort der Herausgeberinnen hätte sich jedoch besser als Vorwort geeignet, da es grob umreist, was die Leser*innen in dieser Anthologie erwartet. Im Anhang finden sich außerdem die Content Notes, die auch als Fußnoten zu Beginn jeder Geschichte eingebettet sind.


Fazit

Ich Körper, das Schiff begeistert mit der (Sub-)Genrevielfalt und der Qualität der ausgewählten Kurzgeschichten, die einen guten Eindruck davon vermitteln, was in den letzten Jahren international gern gelesen wurde. Die Anthologie dürfte für viele gleich mehrere Highlights bieten – überzeugend sind insbesondere die Geschichten, die neben spannenden Zukunftsentwürfen von Menschlichkeit und Empathie erzählen. Bitte mehr davon! 


Pro und Contra

+ vielfältige Auswahl mit konstant guter Qualität
+ „Ich werde dein Spiegel sein“, „Erinnerungen an verlorene Erinnerungen“ und „Das Jahr ohne Sonnenschein“
+ erstmals übersetzte, teils preisgekrönte Texte
+ viele Geschichten setzen auf Emotionen und Empathie
+ tolle Covergestaltung

- einzelne Texte bedienen Klischees

Wertungsterne4.5

Geschichten: 4/5
Auswahl: 4,5/5
Lesespaß: 4,5/5
Preis/Leistung: 4/5

Tags: Cyberpunk, Space Opera, Hopepunk, Mystery, Kurzgeschichten, Near Future, Postapokalypse