Der Himmel wird zur See (Sven Haupt)

Eridanus (Juni 2025)
Taschenbuch, 272 Seiten, 16,00 EUR
ISBN: 978-3-946348-47

Genre: Science Fantasy / Postapokalypse / New Weird


Klappentext

Die Raumschiffpilotin Hannah Riley bestreitet zusammen mit ihrem Roboterfreund Andy einen Lebensunterhalt durch illegale Frachtflüge im äußeren Sonnensystem. Von einem geheimnisvollen Auftraggeber erhalten die beiden eine schier unmögliche Mission. Sie sollen zur zerstörten Erde reisen, um eine Bibliothek voller medizinischem Wissen zu bergen, das angeblich den Untergang der menschlichen Rasse aufhalten kann. Unterwegs müssen sich die beiden dem Wahnsinn stellen, der ihnen in Form von gefakten Vampiren, verrückten KIs und mörderischen Robotern begegnet. Sie finden die Wahrheit - aber auf gänzlich andere Art als erwartet...


Rezension

"Dort, wo der Himmel zur See wird, trifft unser Leben auf unsere Träume. Es ist eine unendlich dünne Linie ohne physische Ausdehnung. Du kannst es nicht messen und je länger du darauf zu rennst, desto schneller wird sich der Horizont von dir entfernen. Genauso ist das mit unseren Träumen und Wünschen." (Seite 118)

Im Krieg mit Künstlichen Intelligenzen musste die Menschheit die Erde opfern und lebt nun über das Sonnensystem verstreut, während der Feind auf der alten Erde eingesperrt ist. Viel Wissen ist verloren gegangen und die Gesellschaft gleicht einem pseudoreligiösen Faschismus, der vom ewigen Feindbild KI zehrt und die Menschen, insbesondere Frauen, unterdrückt. Raumschiffkapitänin Hannah Riley lebt nur noch, weil ihre Biodaten von einem Androiden, ihrem guten Freund Andy, gefälscht werden. Ihr Schiff ist schwer reparaturbedürftig und ihren neusten Auftrag muss sie daher zwingend annehmen - auch wenn der sich als wahres Himmelsfahrtskommando erweist. Eine gefakte Vampirin schickt sie zur Erde, wo sie medizinische Daten bergen soll, um die Menschheit zu retten. Die wird sonst bald an einer mysteriösen Krankheit zu Grunde gehen, die auch Hannah längst befallen hat und unter anderem für ihr Zittern und ihre Gehörlosigkeit verantwortlich sein soll. Letztere lässt sich durch Implantate verbergen. Auf der Erde erwartet sie erst einmal ein Haufen Müll und künstliche Raben, die gegen waffenproduzierende Fabriken, die wie Geisterwale am Himmel schweben, kämpfen. Ein kleiner lampenähnlicher Roboter und ein intelligenter Jeep holen Hannah am Treffpunkt ab und bringen sie zu einer mächtigen KI, die ihr auf einer Reise durch ein postapokalyptisches Wunderland die Wahrheit über den Krieg zeigt ... 

Zunächst fällt auf, dass "Der Himmel wird zur See" deutlich weniger Seiten hat als die letzten Werke von Sven Haupt, was einen dazu verleitet, langsam lesen zu wollen, damit das Buch nicht so schnell endet. Doch es lässt sich kaum langsam lesen, schon die ersten Seiten reißen die Leser*innen mit in eine postapokalyptische Zukunft, in der kaum etwas so ist, wie es scheint. Hannah glaubt zu Beginn schon nicht alles, was die Hüter erzählen, denn sie ist als Frau mit brauner Haut mehrfach marginalisiert und lebt in ständiger Angst. Diese Angst hat sie hart und trotzig gemacht. Sie ist stets bemüht, ihre Schwächen zu verbergen, was ihr dank Android Andy meist gelingt. Die beiden kümmern sich umeinander, auch wenn ihr Umgangston ziemlich rau (und zugleich liebevoll) ist. Andy begleitet Hannah zunächst als Stimme in ihrem Kopf, doch auf der Erde verliert sie den Kontakt zu ihm. Sie ist dennoch nicht allein, denn der kleine Roboter Nono, Jeep Sally und KI Mica, die als holographische Projektion auftritt, stehen ihr zur Seite. Hannah fällt es schwer, diese Hilfe auch als Hilfe zu erkennen und anzunehmen, denn auch wenn sie die offizielle Geschichtsschreibung für eine Lüge hielt, ist die Wahrheit ziemlich unglaublich. Entsprechend reagiert sie mit Abwehr und Misstrauen, sieht aber bald ein, dass nicht die KIs der Feind der Menschheit sind. 

"Ich bin der Mittelwert aus allen Menschen, die mich erschaffen haben. Das Kondensat Tausender widersprüchlicher Forderungen und Träume. Erleuchtet, pervers, genial und verdorben. Ich bin stark und schön. Männlich und weiblich. Gut und schlecht. Göttlich und teuflisch. Ich muss alles für jeden sein, in allen Farben und Formen. Und kaum versuche ich die Ansprüche zu erfüllen, erklärt mir die Menschheit den Krieg und hundert Jahre später kommt eine Frau, die keine sein will, zu mir und wirft mir mangelnde Ethik vor."  (Seite 163)

Nono ist ein unheimlich liebenswerter kleiner Roboter, dessen verbale Kommunikation aus einem schlichten "Nono" besteht - doch in diesem "Nono" liegen viele verschiedene Bedeutungen. Jeep Sally äußert sich gar nicht mit Worten, doch man weiß, was sie denkt und fühlt und bemerkt es, wenn sie verletzt ist. Mica zeigt sich in menschlicher Form mit männlichen und weiblichen Attributen - und zwar mit Bart und einem violetten Glitzerkleid. Sie zeigt Hannah die postapokalyptische Erde, auf der Roboter und andere KIs permanent angegriffen werden. Die fliegenden Fabriken produzieren unerlässlich Waffen, die in Form von schwarzem Regen auf die Erde fallen und alle künstlichen Wesen jagen. Dennoch helfen die KIs Hannah, die sich nach anfänglicher Ablehnung mit Mica, Sally und Nono anfreundet. Es gibt erstaunlich wenige Menschen in dieser Geschichte und die wenigen, die man kennenlernt, sind fast ausnahmslos bedrohlich, während die KIs oftmals freundlich und empathisch sind. Sie haben sich die Menschlichkeit bewahrt, die die meisten Menschen im Krieg verloren haben. Im Verlauf der Handlung trifft man auf unterschiedlichste Roboter und intelligente Maschinen, die Bücher lesen, Pflanzen anbeten oder aus ihren eigenen Körperteilen neue Roboter bauen. 

In "Der Himmel wird zur See" steckt nicht nur viel Empathie, Sven Haupt fordert sie auch von den Leser*innen, denn man muss sich ständig in völlig andere Lebensrealitäten hineinversetzen. Bereits Hannahs Leben ist weit entfernt von dem, was wir kennen, und das der KIs erst recht. Zugleich steckt in diesem Buch viel von unserer Gegenwart. Man muss hinter die Worte blicken und wenn man das tut, treffen viele Sätze ins Mark. Zugleich ist die Geschichte merkwürdig leicht geschrieben, die Seiten fliegen dahin, trotz oder auch wegen der ungewöhnlichen Metaphorik, die Sätze greifen perfekt ineinander und man wird regelrecht mitgerissen. Der Stil ist geprägt von einem feinsinnigen Humor und Poesie, viele Sätze lesen sich wie kleine Gedichte, ohne kitschig zu sein. In den Text ist zudem ein reales Gedicht eingeflossen, das sich immer wieder in Hannahs Gedanken schleicht ("Die Blätter fallen" von Rainer Maria Rilke). Der Roman beginnt zudem mit einem Zitat aus "Alice im Wunderland", das merklich Inspiration für Hannahs Reise zur Erde war. Diese ähnelt in dieser Zukunftsvision tatsächlich einem düsteren Wunderland voll fremdartiger Wesen und Wahnsinn. Und inmitten der Absurditäten offenbaren sich der wahre Wahnsinn und die Grausamkeiten, die Menschen einander und anderen Wesen antun. 

"Wir waren immer Teile eines eng verflochtenen Netzes aus Abhängigkeiten und Beziehungen. Das hat sich durch den Krieg nicht geändert, es ist nur deutlich geworden, weil wir alle gemeinsam schwächer geworden sind." (Seite 180)

Bereits in früheren Werken widmete sich Sven Haupt insbesondere Frauen und dem, was sie zu Frauen macht - oder auch nicht. Protagonistin Hannah erscheint als Frau, lehnt ihre Weiblichkeit jedoch ab. Sie ließ sich Gebärmutter und Brüste entfernen, um dem politischen Zwang, Kinder zu gebären, zu entkommen. Sie sagt von sich selbst, sie sei keine Frau, sondern "zerbrochen". Mica hingegen ist als KI geschlechtslos, tritt als Hologramm mit widersprüchlich erscheinenden Merkmalen auf und nutzt weibliche Pronomen. Beide sind Frauen und sind gleichzeitig etwas anderes, das sie für sich selbst noch definieren müssen. Sven Haupt behandelt diese Identitätsfragen wie nahezu alles, auch Diskriminierung und -Ismen, mit dieser ganz eigenen Leichtigkeit und Melancholie. Die wenigen Einblicke in die zukünftige Gesellschaft reichen, um zu sehen, wie gefährdet Frauen in ihr sind. Hannah entgeht vielen dieser Gefahren, indem sie sich in die Illegalität begibt. Sie schmuggelt Ware, versteckt einen intelligenten Androiden, der ihre Biodaten fälscht. Auch Mica ist eine Verfolgte - eine, die zugleich mächtig ist, wie sich im Verlauf der Handlung herausstellt. In Bezug auf Mica hält "Der Himmel wird zur See" einige Überraschungen parat. 

Jedes Kapitel beginnt mit vier bis fünf kreativen Kurzbeschreibungen, ähnlich wie die Nennung beliebter Tropes. Da wären zum Beispiel: "Vom Fluch mansplainender Weltuntergänge", "Überraschende Einsichten beim Scannen" oder auch "Spontane Lyrik im freien Fall". Diese dienen der Einstimmung auf die Kapitel, erzeugen einige Fragezeichnen im Kopf, passen aber nach Beenden des Kapitels erstaunlich gut zum Inhalt. Die Dialoge sind gewohnt amüsant, teils von Zynismus, teils von Traurigkeit und manchmal von überraschender Intimität geprägt. Geplänkel wechselt sich mit existenziellen Fragen ab und Hannah wird so manches Mal vor den Kopf gestoßen und auf ihre eigenen Voruteile aufmerksam gemacht. Ihre Fragen gehen ebenso der Leserschaft durch den Kopf und die Antworten verblüffen und beschämen. Sven Haupt gelingt es, komplexe gesellschaftspolitische Themen in menschliche Stärken und Schwächen zu übersetzen und begreifbar zu machen. Vor allem wird immer wieder deutlich, was alles Fassade und was echt ist. Kritisieren kann man an diesem Buch eigentlich nur die Kürze, wobei die Geschichte tatsächlich in unter dreihundert Seiten funktioniert. Man wäre nur gerne länger auf dieser postapokalyptischen, von KIs bevölkerten Erde geblieben. 

"Das Problem mit dem Bekämpfen von Bösem ist, dass man wissen muss, wann man wieder damit aufhört." (Seite 160)


Fazit

"Der Himmel wird zur See" ist eine weirde Reise durch das postapokalyptische Wunderland einer zukünftigen Erde. Dort tobt noch immer der Krieg gegen Künstliche Intelligenzen, die sich als menschlicher erweisen als das, was von der Menschheit noch übrig ist. Sven Haupt begeistert abermals mit feinsinnigem Humor und melancholischer Poesie, die von spektakulärer Action durchbrochen wird. Wer bereit ist, hinter die Zeilen zu schauen, erkennt dort unsere Gegenwart, verzerrt in einem Spiegel, der uns zeigt, was wirklich von Bedeutung ist. 


Pro & Contra

+ postapokalyptischen Wunderland voll erstaunllicher KIs
+ Hannah als gebrochene Heldin, die Heilung findet
+ KI Mica als perfektes Gegenstück
+ spektakuläre Inszenierung vieler Szenen
+ enthält und fordert viel Empathie
+ hält diverse Überraschungen parat
+ humorvoll, poetisch, tiefgreifend und wahnsinnig kreativ
+ großartiges Cover

Wertungsterne5

Handlung: 4,5/5
Charaktere: 5/5
Lesespaß: 5/5
Preis/Leistung: 4/5


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Tags: Künstliche Intelligenz, Science Fantasy, deutschsprachige SF, Postapokalypse, New Weird, Sven Haupt