
Osburg Verlag; (23. Juni 2025)
Taschenbuch: 240 Seiten; 24,00 EUR
ISBN: 978-3955103781
Genre: Roman
Klappentext
Es gibt Leben, die wie Faustschläge sind. Zwischen Rummelplatz, Boxring und Spielhöllen kämpfen Schicksale gegen die Welt und sich selbst an. Punch erzählt von Menschen am Rande: Von einem ukrainischen Boxer, der nicht in den Krieg will, von einer jungen Frau, die auf der Suche nach einem Fight ist, von einem gescheiterten Journeyman, der nie aufgehört hat zu verlieren. Da ist Lena an ihrem Zuckerwattestand, ihr Handgelenk schmerzt. Bis vor wenigen Minuten hat sie Berge voll Süße auf Holzstiele gedreht – sechs Stunden, endlich der Wechsel mit ihrer jüngeren Schwester. Während andere Kinder mit Roboterkrallen in Spielzeugmeeren tauchen, wischt der kleine Leon in der Ringecke Adrian das Blut von der Stirn. Sein Lieblingsboxer schnauft ein letztes Mal durch. Letzte Runde. Der Rummelplatz – sonst ein Ort des Vergnügens – wird hier zum Kaleidoskop der Schattenexistenzen. Was ist Mut? Ist feige und schlecht, wer nicht kämpft? Was ist das Leben im Exil wert, wenn in der Heimat Häuser verbrennen? Mit sprachlicher Intensität und philosophischer Tiefe leuchtet der Roman die Zerrissenheit derer aus, die sich zwischen Kampf und Aufgeben, zwischen Entwurzelung und dem Wunsch nach einem Zuhause bewegen. Paul Garbulski gelingt das Wandern durch jene Welten, die für gewöhnlich unsichtbar bleiben – scharfe Blicke auf das, was sich allzu häufig den Augen entzieht. Eine neue, kraftvolle Stimme in der Gegenwartsliteratur, die in der Tradition großer realistischer Erzähler steht. Extrem verdichtete Prosa mit ultimativer Sogwirkung.
Rezension
Man denkt bei einem Rummel zuerst an Zuckerwatte, kreischende Kinder, Fahrgeschäfte, die dir den Magen umdrehen, oder? Niemand von uns denkt auch nur ansatzweise an abgekämpfte Existenzen, blutige Fäuste und Menschen, die kaum noch wissen, wofür sie morgens aufstehen. Paul Garbulski aber stellt genau diese Seite in den Vordergrund. Er zeigt nicht die bunte Kulisse, oder die lauten Fahrgeschäfte. Er zeigt die Existenzen auf dem Drahtseil. Und das ohne Netz.
Der Roman Punch zeigt, wie es aussieht, wenn Menschen an Orten leben, die andere nur besuchen, um dem Alltag zu entkommen. Für die einen ist der Rummel Vergnügen, für die anderen ist er das, was zwischen ihnen und dem sozialen Absturz steht. Gerade noch. Noch ein paar Tage, noch ein paar Kämpfe, noch ein bisschen durchhalten. Und dann? Niemand weiß das so genau. Auch die Figuren nicht.
Da ist Dima, der Boxer, der lieber in der Rummel-Show eins auf die Mütze kriegt, als zurück in die Ukraine zu gehen und dort Waffen in die Hand zu nehmen, um im Krieg zu dienen. Nicht aus Feigheit, sondern weil er schon genug gesehen hat. Weil er nicht mehr kämpfen will, auch wenn er ständig muss. Seine neue Welt ist eng, laut, schwitzig. Und die Aussicht, dass es irgendwann mal besser wird, ist irgendwo zwischen Wunschdenken und Lichtermeer.
Dann gibt’s Lena, die an ihrem Zuckerwattestand steht, den ganzen Tag rotiert und hofft, dass die Schicht endlich vorbei ist. Ein Leben, das auf Dauer zermürbt. Sie wirkt wie jemand, der mal große Träume hatte und irgendwann einfach aufgehört hat, darüber zu reden oder sie zu verfolgen.
Oder der kleine Leon, der in der Ringecke hockt und Adrian das Blut abwischt. Kinder in dieser Welt sind keine Zuschauer. Sie gehören dazu, übernehmen Aufgaben, wachsen zwischen Boxring und Spielautomaten auf. Kindheit geht da schnell mal verloren. Vielleicht nicht auf einen Schlag, sondern nach und nach. Als Leser merkt man’s sofort und es zieht einem den Boden unter den Füßen weg, Kinder sollten so nicht aufwachsen.
Was Garbulski richtig gut hinkriegt: Er erzählt nichts, um irgendwelches Mitleid zu erzeugen. Keine Figur ist Opfer im herkömmlichen Sinne. Sie alle treffen Entscheidungen. Gute, mal falsche, manchmal vielleicht auch gar keine. Sie kommen klar, irgendwie. Und das macht sie glaubwürdig. Sie sind nicht größer als das Leben, sie sind nicht tragischer als nötig. Einfach Leute, wie sie wirklich auch im realen Leben existieren. In Ecken, die man nur zu gern übersieht.
Was man auch merkt: Garbulski kennt diese Welt oder hat verdammt genau hingeschaut. Er baut hier keine hochtrabende Gesellschaftsanalyse auf. Er zeigt einfach, was ist. Und das reicht völlig. Spielhallen, die das letzte Geld- und damit ganze Existenzen schlucken. Bordelle, in denen längst niemand mehr freiwillig arbeitet, Kundschaft, die widerlicher nicht sein könnte. Menschen, die einfach hoffen, dass es nicht schlimmer wird, und dabei schon längst überfordert sind.
Und trotzdem: Es ist nicht alles nur Elend. Zwischen all dem Dreck und den verpassten Lebenschancen, blitzt immer mal wieder so etwas wie Zusammenhalt auf. Schausteller, die sich umeinander kümmern, ohne viele Worte. Kleine Gesten, die in einer Welt wie dieser mehr zählen als ach so große Versprechen. Auch das ist Teil von Punch. Man kümmert sich umeinander, passt auf sich auf.
Was den Text so richtig stark macht, ist der Stil. Der Autor schreibt auf den Punkt, keine unnötigen Ausschweifungen, kein literarischer Firlefanz. Da sitzt jeder Satz. Man ist mittendrin, manchmal kam es mir so vor, als würde ich über den Jahrmarkt laufen und Garbulski erzählt mir nebenher von den einzelnen Schicksalen. Richtig gut fand ich, wie beiläufig manche Biografien auch enden. Da kündigt sich nichts groß an. Nur ein Satz. Und plötzlich ist jemand weg. Tot, abgehauen, aufgegeben, das weiß man oft nicht mal genau. Und das ist exakt der Punkt. So funktioniert es im echten Leben ja auch. Die meisten Geschichten haben keinen sauberen Schluss. Sie laufen einfach aus, in die eine oder andere Richtung.
Was Punch außerdem interessant macht: die Frage nach dem Kämpfen. Muss man kämpfen, um ernst genommen zu werden? Ist es mutig, sich zu verweigern? Oder zählt schon das tägliche Aushalten als Kampf? Das Buch gibt hierauf keine Antworten, sondern stellt zwischen den Zeilen eher die Fragen. Und es zwingt einen, diese auf sich selbst anzuwenden. Bin ich jemand, der durchzieht oder jemand, der abhaut? Und was davon ist eigentlich falsch?
Wer schon mal das Gefühl hatte, in seinem eigenen Leben nur noch zu funktionieren, wird hier vieles wiedererkennen. Vielleicht nicht in der gleichen Härte, aber im Kern. Burnout, das Ausgebrannt sein, ist sicherlich keine Exklusiverkrankung von Großstädtern. Auch der Typ am Dosenwurfstand kann irgendwann nicht mehr. Oder die Mutter, die sich ein besseres Leben für ihre Kinder wünscht.
Trotz der vielen harten Themen bleibt das Buch gut lesbar. Garbulski verliert sich nicht im Elend der Figuren. Er guckt einfach nur genau hin. Und das reicht. Es reicht völlig, um einen mitzureißen, im besten Sinn. Nicht, weil alles so dramatisch ist. Sondern, weil es so nachvollziehbar ist. Die Sorgen, die Fehler, die kaputten Beziehungen, die Hoffnung, die sich heimlich irgendwo versteckt. Man kennt das. Vielleicht nicht so extrem. Aber das Gefühl ist vertraut. Und das macht Punch stark. Es ist kein hochpolierter Roman, der mit krassem Storytelling glänzen will. Der Roman muss nicht viel tun, um was auszulösen. Es zeigt Gesichter, bei denen du denkst: Die hab ich doch schon mal gesehen. In der Bahn. Am Kiosk. Und plötzlich liest du sie ganz anders, weil es Schicksale sind.
Fazit
Wenn ich ein ehrliches Fazit ziehen müsste, dann wäre es das: Punch zeigt, dass nicht jedes Leben groß sein muss, um relevant zu sein. Dass es reicht, genau hinzusehen. Dass ein Jahrmarkt keine Bühne für Geschichten ist, sondern für Realitäten, harte Realitäten. Und dass Literatur manchmal gar nicht viel braucht, um alles zu sagen, außer Klarheit, Präzision und Respekt vor denen, die sonst übersehen werden.
Für mich eines der stärksten Bücher dieses Jahres. Ein scharf gezeichneter Blick auf Menschen, die oft im Schatten stehen und jeden Tag ums Überleben kämpfen. Es sind Existenzen, die wir gern übersehen, im Übrigen auch ich. Doch nach diesem Buch schaue ich genauer hin. Must Read!
Pro & Contra
+ Ungeschönter Blick auf eine oft vergessene Realität
+ Starke Figuren
+ Hohe gesellschaftliche Relevanz
Bewertung: ![]()
Handlung: 5/5
Charaktere: 5/5
Lesespaß: 5/5
Preis/Leistung: 4/5
