Memoranda (Oktober 2025)
Klappenbroschur, ca. 200 Seiten, 23,00 EUR
ISBN 978-3-911391-12-2
E-Book, ca. 200 Seiten
ISBN 978-3-911391-13-9
Genre: Science Fiction / Kurzgeschichten
Klappentext
Andymonaden präsentiert eine neue Generation deutschsprachiger Autor:innen, die mit Kurzgeschichten auf den beliebtesten Science-Fiction-Roman der DDR antworten.
Erschienen 1982, ist Andymon eine positive Utopie aus einer anderen Moderne, Social Fiction ebenso weit entfernt von der Helden- und Technikverehrung klassischer SF wie vom Jargon der DDR. Im Fokus steht vielmehr der Neubeginn der Menschheit im All und eine Gesellschaft von Geschwistern.
Andymonaden versammelt zwölf neue, eigenständige Erzählungen von Autor:innen, die sich durch Andymon bewegen lassen, den Roman gegen den Strich lesen, und seine Welt neu erzählen: unterhaltsam, poetisch, divers, queer, kritisch, engagiert und immer wieder auch utopisch.
Mit Erstveröffentlichungen von: Patricia Eckermann, Aiki Mira, Dietmar Dath, Lena Richter, Zeinab Hodeib, Luise Meier, Zara Zerbe, Jol Rosenberg, Anna Zabini, Mert Akbal, Nelo Locke und Michael Wehren.
Rezension
Die Weltraum-Utopie Andymon von Angela und Karl-Heinz Steinmüller ist einer der bekanntesten, wenn nicht sogar der bekannteste SF-Roman der ehemaligen DDR und wurde seit seinem Erscheinen 1982 mehrfach neu veröffentlicht. Dennoch kennen ihn viele, insbesondere jüngere SF-Leser*innen nicht (so wie viele Klassiker des Genres in der Masse an Neuerscheinungen untergehen). Auch Herausgeber Michael Wehren kannte ihn zunächst nicht und kam eher zufällig mit der Utopie in Kontakt – und war begeistert. Im Vorwort beschreibt er Andymon als „zu utopisch, zu vernünftig, zu klug und zu humanistisch für jede Gegenwart“, erwähnt aber auch, dass der Roman natürlich von seiner Zeit geprägt war. Also lud er SF-Autor*innen ein, ihre eigenen kleinen Versionen Andymons zu entwerfen, die er Andymonaden nennt (Monaden sind kleinste Einheiten). Ausschnitte aus Zukünften, in denen die Menschheit das All besiedelt, die meisten von ihnen Utopien wie die Vorlage, manche auch Dystopien, doch nie ohne Hoffnung.
Das Vorwort enthält einige Informationen zu Andymon, sodass Leser*innen, die den Roman nicht kennen, einen groben Überblick über die Kernelemente bekommen, die in vielen Geschichten aufgegriffen werden. Manche schreiben über den Anfang der Mission oder über die Menschen, die auf der Erde zurückblieben. Viele Geschichten beschreiben das Leben an Bord des Raumschiffs und die Zeit nach der Ankunft auf Andymon. Und andere widmen sich ferneren Zukünften, in denen Andymon das Schicksal der Erde teilt und in Vergessenheit gerät. Alle Geschichten funktionieren ohne weitere Vorkenntnisse aus dem Roman, wobei sich ganz andere Blickwinkel erschließen dürften, sollte man Andymon bereits kennen. Wer den Roman (noch) nicht gelesen hat, wird sicherlich Lust bekommen, die Utopie zu entdecken.
Michael Wehren hat viele bekannte Stimmen der deutschsprachigen Science Fiction in dieser Anthologie versammelt. Alle interpretieren Andymon auf ihre eigene Weise, doch alle sind mehr oder weniger progressiv und bilden Vielfalt ab. Damit stehen sie ebenso wie Angela und Karl-Heinz Steinmüller in der Tradition großer SF-Autor*innen wie Ursula K. Le Guin und fokussieren sich auf die Menschen in ihren Geschichten, die sich um neue Formen des Zusammenlebens bemühen, kooperativ sind und mit ihrer Identität auseinandersetzen. Handwerklich sind die Texte alle gut bis sehr gut, mal in Form typischer Kurzgeschichten, mal experimenteller. Für Abwechslung ist also gesorgt, stilistisch und inhaltlich. Schauen wir uns die Geschichten genauer an:
Patricia Eckermann eröffnet die Anthologie mit "Sabotage" - und genau darum geht es: Die Andymon-Mission wurde sabotiert. Die Protagonistin sitzt im All im Gefängnis und muss immer wieder die gleichen Verhöre durch eine KI über sich ergehen lassen. Immer wieder gibt sie auswendig gelernte Antworten - bis sie das Signal bekommt, dass ihre Mission erfolgreich war und niemand mehr etwas an ihrer Sabotage ändern kann. Daraufhin berichtet sie mit Genugtuung, was sie getan hat. In dieser Geschichte ist die zukünftige Erde eine zutiefst ungerechte Welt, regiert von superreichen, weißen Suprematisten, die ihre Dystopie auf Andymon fortsetzen wollten. Ein Text voller Wut und Hoffnung auf eine zukünftige Generation, die es besser machen kann.
"Ausreißende Sterne" von Aiki Mira stammt aus einer ferneren Zukunft, in der die Erde längst vergessen ist und Menschen nicht nur auf Andymon leben, sondern manche von ihnen ihre ganz persönliche Reise ins Ungewisse antreten. Die Betrachtung einer Supernova bringt Erinnerungen an die verstorbene Mutter zurück und so besteht diese Geschichte im Wesentlichen aus zwei Elementen: der Darstellung zukünftigen Lebens im All inklusive einer freieren, solidarischeren Gesellschaft als unserer und dem ganz persönlichen Schmerz der Erzähler*in. Aiki Mira greift die Space-Symbiose wieder auf, doch wir erfahren leider wenig über die beiden anderen Personen an Bord des Schiffes. Sprachlich auf gewohnt hohem Niveau verbindet Aiki Mira eine SF-Vision mit einer komplexen Trauererfahrung.
Dietmar Dath bietet einen der spannendsten Beiträge der Anthologie: "In unserer so großen Zahl" ist eine sehr ruhige Geschichte, in der sich zwei Forschende, die unterschiedlichen Menschheiten angehören, zufällig auf einem Mond Andymons treffen und Tee trinken, während ihre Drohnen Daten sammeln. Wir befinden uns weit in der Zukunft und die Menschheit hat sich so weit im Universum ausgebreitet, dass sie zu mehreren Menschheiten geworden ist, die sich teils stark unterscheiden. Trotz unvorstellbar vieler Menschen, die auf unterschiedlichste Weisen auf unterschiedlichsten Planeten und dazwischen leben, entdecken die beiden Forschenden, dass sie miteinander verbunden sind.
"Alles und nichts" von Lena Richter widmet sich den Geschwistern, die auf dem Raumschiff, das Richtung Andymon fliegt, geboren werden und auf der Insel in der Mitte des Naturparks ihre Sexualität entdecken. Durch das Totaloskop (eine Art virtuelles Geschichtsbuch) wissen sie, dass Männer und Frauen zusammenfinden, doch es gibt weitere Formen von Sexualität und Identität, die entdeckt werden und für Verunsicherung sorgen. Die zukünftige Technologie bedeutet zudem andere Möglichkeiten als heute, Kinder zu bekommen, denn sie kommen aus einem Inkubator. Der Text ist fragmentiert, wirft Schlaglichter auf das Leben derer, die andere Wege gehen, neue Formen von Familie erproben und ihre eigene Utopie suchen.
"Ich werde dir von allem erzählen" von Zeinab Hodeib spielt auf der zukünftigen Erde. Das Raumschiff, das Richtung Andymon flog, ist schon lange fort, und der letzte große Krieg lange vorbei. Als Kinder haben Ma'ree und A'Damah einen Bunker entdeckt, der ihnen nun, als junge Erwachsene, sein Geheimnis preisgibt. Ihre Eltern sind einst aufgebrochen, um nach Andymon zu reisen, doch alle Flüge endeten in der Ungewissheit des Alls. Dennoch träumt Ma'ree von den Sternen und will versuchen, nach Andymon zu gelangen, während A'Damah keinen weiteren Verlust verkraften will. Zeinab Hodeibs Geschichte ist eine hoffnungsvolle Postapokalypse, die auf wenigen Seiten die tiefe Verbundenheit der Geschwister zeigt.
“Siedlerinnen in der Schwerelosigkeit“ von Luise Meier beschäftigt sich mit der Wiederentdeckung des Feminismus in der Zukunft. Als Geschwister, die alle aus den gleichen Inkubatoren stammen, sind die ersten Siedler*innen Andymons gleichberechtigt aufgewachsen. Sie kennen das Patriarchat nur aus dem Totaloskop und es war ihnen fremd – bis eine Schwangerschaft sie vor alte Probleme stellt. Die Frauen Andymons entdecken den Feminismus und es ist unheimlich interessant zu lesen, wie Menschen in einer weit entfernten Zukunft mit großem Abstand zu unserer Lebensrealität über das Patriarchat und Reproduktion denken. Der Text beinhaltet mehr Reflektion als Handlung und ist dabei angenehm komplex.
Zara Zerbe widmet sich in „Moosflecken“ der Botanik und erzählt vom Terraforming Andymons, genauer gesagt, vom Ausbringen der ersten im Labor gezüchteten Pflanzen. Diese an den kargen Boden des Planeten anzupassen, ist anspruchsvoll. Fehlschläge sind vorprogrammiert. Und die Pflanzen haben zu dem Thema auch etwas zu sagen. Eine Forscherin hört ihnen zu, aber versteht sie sie auch? Science Fiction handelt meistens nur von Menschen und Maschinen – schön, dass die Botanik hier Aufmerksamkeit bekommt.
“Wovon ich Teil sein will“ erzählt von einem Menschen, der auf dem Raumschiff zurückbleibt, während die anderen Andymon und dessen Mond besiedeln. Nunth zweifelt an der Aufgabe, Andymon bewohnbar zu machen, und sucht nach Antworten auf die Frage, warum sie ins All geschickt wurden. Seine Suche führt ihn zu den Menschen, die den Mond Andymons besiedeln, und eine andere Lebensweise für sich entdeckt haben: sie leben in technologisch miteinander verbundenen Gruppen. Nunths Suche nach dem Sinn ihrer Reise ist letztlich eine Suche nach Identität und Zugehörigkeit, die von Jol Rosenberg empathisch geschildert wird. Die Utopie zeigt sich insbesondere darin, dass Nunth frei ist in seiner Suche.
“Imago“ von Anna Zabini widmet sich der Organisation der Gesellschaft auf Andymon sowie seinem Mond Gedon und einem weiteren Planeten. In kleinen Gruppen ist eine Utopie leichter zu realisieren, wenn die Bevölkerung wächst, müssen mehr und mehr Strukturen aufgebaut werden, die das Potential haben, die Utopie zu zerstören. Protagonist der Geschichte ist quasi ein Bürokrat, der eine Entscheidung treffen und zwischen dem Wohl der Gemeinschaft und dem einer Einzelnen abwägen muss. Ein Dilemma mit gelungener Auflösung.
Mert Akbal widmet sich in „Auf die Sterne fallen“ den Menschen, die auf der Erde zurückblieben, und erzählt von Jugendlichen, die den Schrecken des Krieges im zukünftigen Europa mit Hilfe psychoaktiver Substanzen ertragen. Der Rausch ist ihre Zuflucht und im Rausch machen sie sich Gedanken über ein Raumschiff, das im All gebaut wird, während ihre Nachbarschaft von Explosionen erschüttert wird. Die Utopie ist hier leider nur ein Drogentraum.
“Neue Träume“ ist von Nelo Locke in Form von Logbucheinträgen verfasst und handelt von der Ankunft eines Raumschiffs von Andymon auf einem anderen Planeten, der ebenfalls von Menschen besiedelt wurde – die allerdings andere Identitäten haben als die Frauen und Männer von Andymon. Es treffen unterschiedliche menschliche Gesellschaften aufeinander und sie begegnen einander mit Hilfsbereitschaft und Neugier, teilweise auch mir Irritation und Ablehnung. Die Logbucheinträge stammen sowohl von Menschen von Andymon als auch von den Menschen des neu entdeckten Planeten, sodass die einzigartige Begegnung aus vielen Perspektiven gezeigt wird.
Herausgeber Michael Wehren beendet die Anthologie mit seinem Text "Nach Andymon - Vier Erinnerungen aus der Zukunft", der sich mit vier unterschiedlichen Andymon-Szenarien beschäftigt: Das Schiff ist vorbeigeflogen und die Geschwister müssen nun mit der Situation, quasi an Bord des Schiffes gefangen zu sein, zurechtkommen. Auf der Erde blickt jemand sehnsüchtig dem Schiff nach, während sich Krisen verstärken. Auf Andymon bleibt jemand zurück und gedenkt Verstorbenen. Und auf der Erde werden weiterhin Schiffe gebaut und hoffnungsvoll ins Ungewisse geschickt. "Nach Andymon" liest sich wie die ganz persönlichen Gedanken, die sich Michael Wehren beim Lesen des Romans gemacht hat, und erhebt Andymon zu einer Vision, nach der es sich zu streben lohnt.
Ob man Andymon von Angela und Karl-Heinz Steinmüller gelesen hat oder nicht, beeinflusst sicherlich die Interpretation dieser zwölf SF-Geschichten. Wie bereits erwähnt, funktionieren sie alle auch ohne Vorkenntnisse. Teilweise ergänzen sie sich sogar untereinander, denn auch wenn es völlig unterschiedliche Versionen Andymons sind, fühlt es sich bei der Lektüre an, als würden die meisten Geschichten im gleichen Universum spielen. Andymonaden ist eine ungewöhnliche Anthologie, deren Konzept voll aufgeht. Unweigerlich fallen einem weitere Romane ein, die eine solche Hommage verdient hätten.
Im Anschluss an die Geschichten finden sich die Kurzbiografien der Autor*innen. Hier wäre es schön gewesen, sie wären vor oder nach jedem Beitrag platziert worden. Die Gestaltung ist schlicht und das Cover hat einen passenden Retro-Look. Man könnte die Autor*innen auf dem Cover sehen, die sich aufmachen, ihre eigenen Versionen Andymons zu entdecken.
Fazit
Andymonaden ist eine außergewöhnliche Anthologie, in der deutschsprachige SF-Autor*innen sich kreativ mit einem deutschsprachigen Genreklassiker auseinandersetzen und in eigene Visionen übersetzen. Eine Sammlung kleiner Utopien oder auch Anti-Dystopien, in denen die Menschen oftmals frei genug sind, ihre eigenen Wege zu entdecken, sich kooperativ und solidarisch verhalten und gemeinsam große Aufgaben angehen. Eine wunderbare Hommage und zugleich eine Perle unter den deutschsprachigen SF-Anthologien.
Pro & Contra
+ alle Geschichten funktionieren ohne Kenntnis des Romans
+ meist utopisch, progressiv und vielfältig
+ „In unserer so großen Zahl“ und „Wovon ich Teil sein will“
+ durchweg gute bis sehr gute handwerkliche Umsetzung
+ stilistisch und inhaltlich abwechslungsreich
+ weckt Lust, Andymon zu lesen
Wertung: ![]()
Geschichten: 4,5/5
Gestaltung: 3,5/5
Lesespaß: 4,5/5
Preis/Leistung: 4/5
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