Katabasis (R.F. Kuang)

Eichborn (August 2025)
Originaltitel: Katabasis
Übersetzerinnen: Alexandra Jordan, Heide Franck
Hardcover
656 Seiten, 28,00 EUR
ISBN: 978-3-8479-0216-4

Genre: Urban Fantasy


Klappentext

Katabasis, Substantiv, Altgriechisch: Die Geschichte eines Helden, der in die Unterwelt hinabsteigt.

Alice Law hat ihr ganzes Leben lang nur ein Ziel verfolgt: die Beste auf dem Feld der Analytischen Magie zu werden. In Cambridge, als Doktorandin des weltberühmten Professors Jacob Grimes, scheint ihr Traum endlich in Erfüllung zu gehen. Zumindest, bis Grimes bei einem Unfall stirbt, an dem Alice möglicherweise nicht ganz unschuldig ist. Kurzerhand beschließt sie, ihrem Professor in die Hölle zu folgen. Dumm nur, dass ihr Erzrivale Peter Murdoch dieselbe Idee hat.

Mit den Berichten von Orpheus, Dante und T. S. Eliot im Gepäck brechen die beiden auf, um die Seele ihres Mentors zu retten - welchen Preis sie dafür auch zahlen mögen. Doch die Hölle ist nicht so, wie erwartet, und Magie nicht die Antwort auf alles. Denn Alice und Peter verbindet etwas, das sie entweder zu perfekten Verbündeten macht oder für ihren Untergang verantwortlich sein wird.


Rezension

Alice Law und Peter Murdoch, angehende akademische Magier*innen in Cambridge, waren einst befreundet, aber nun verbindet sie nur noch akademische Rivalität – und Professor Jacob Grimes, der charismatische Professor, dessen unerwarteter Tod ein massives Hindernis für ihre akademische Laufbahn aufwirft. Die beiden werden zu unfreiwilligen Reisegefährten in die Hölle, um seine Seele zurückzuholen und doch noch an ihre Empfehlungsschreiben zu kommen. Zumindest ist dies ihr vordergründiges Motiv, sie haben beide noch weitaus persönlichere und komplexere Gründe.

In diesem Urban-Fantasy-Setting ist ein Ausflug in die Hölle zwar teuer, da er die halbe verbleibende Lebensspanne kostet, aber gar nicht mal so selten: Alice kann auf die Berichte älterer Reisender wie Dante, T.S. Elliot oder Orpheus zurückgreifen, auch wenn diese natürlich in ihren historischen Kontext gesetzt werden müssen. Eine der Schwächen des Buches ist es, dass selbst mit allen Informationen die Motivation der Figuren nicht ausreichend für eine so extreme Handlung scheint, aber ihre Reise ist interessant genug, dass sich das verzeihen lässt.

Kuang hat wieder ein originelles Magiesystem erfunden – diesmal basiert es auf logischen Paradoxen. Auch die Hölle, die Vorstellungen verschiedener Kulturen und literarischer Quellen über die Unterwelt aufgreift, ist interessant gezeichnet. Aber wer einen actionreichen Dungeon Crawl durch die Unterwelt erwartet, wird enttäuscht werden. Wir erhaschen Blicke auf interessante „Sehenswürdigkeiten“ und die Figuren stoßen auf unerwartete Hindernisse oder Gefahren, von denen einige durchaus gefährlich sind. Viele externe Herausforderungen jedoch erweisen sich als eher harmlos und werden nicht immer durch die Agency der Figuren gemeistert. Was in einem anderen Roman enttäuschen würde, funktioniert hier.

Die Figuren bewegen sich auf der Suche nach ihrem Professor tiefer und tiefer durch die acht Höfe der Hölle, wo die Seelen der Toten verschiedene Arten der Sünde abbüßen, bevor sie reinkarniert werden. Parallel dazu geschieht auch bei Alice und Peter einiges an Introspektion – die Reise trägt Lage um Lage ihrer Geheimnisse und Lügen ab und zwingt sie, sich mit sich selbst und einander auseinanderzusetzen. Und mit Jacob Grimes, dessen Seele sie bergen wollen. Ziemlich bald entsteht das Bild eines Mannes, der keine Rettung verdient, denn Grimes hat kaum eine Art von Machtmissbrauch ausgelassen. Es ist spannend zu sehen, wie Peter und Alice – brillante junge Menschen – sich auf seine Manipulationen einlassen und fast schon Stolz darauf entwickeln, was sie alles für ihre Berufung ertragen.

Während Alice offen gründlich und ehrgeizig ist und Peter nach außen hin wie das klassische zerstreute Genie wirkt, für das normale Regeln nicht gelten, sind sie einander unter der Oberfläche ähnlicher als erwartet: Sie sind isoliert und empfinden jede Schwäche, die sie bei sich selbst sehen als persönliche Beleidigung. Zwischen diesen beiden verbissenen Einzelkämpfer*innen, die eine mit heftigen, komplizierten Gefühlen beladene Vergangenheit teilen, ist Vertrauen schwierig bis unmöglich. Das wirft eine Reihe von Problemen auf. Durch Flashbacks erfahren wir nach und nach mehr über die beiden und ihren Antrieb. Es ist eine Reise voller psychologischer Krisen und Erkenntnisse, wobei Peter weitaus statischer ist als Alice und wir die Geschichte nur sehr vereinzelt aus seiner Perspektive erleben.

Alice hat eine Reihe unsympathischer Charakterzüge inklusive so einiger internalisierter -Ismen und trifft fragwürdige Entscheidungen, aber sie ist eine Figur, die dennoch Mitgefühl weckt. Sie, Peter und Jacob Grimes sind fast schon satirisch überzeichnet. Auch die Hölle, wie sie Alice erlebt, hat mit ihren schmerzhaft gesteigerten Versatzstücken der akademischen Welt eine düstere Komik.

Kuang hat ihre Prosa, die eine Mischung aus Distanz und Empathie heraufbeschwört und nicht vor „Telling“ zurückschreckt, und ihre Themen gut im Griff – sie weiß genau, worüber sie schreibt und warum. Die Kritik an Sexismus und Strukturen, die Machtmissbrauch ermöglichen, steht alles andere als zwischen den Zeilen. Spannend sind die Unterthemen, zum Beispiel die Verachtung für körperliche Grenzen und Bedürfnisse, die sich den Figuren eingeprägt hat. Ein Mangel an Empathie und Rücksicht für sich selbst und für andere gehen hier Hand in Hand. Es gibt auch eine gute Synergie zwischen Figurenbeziehungen und den größeren Themen des Buches. Romantische Liebe spielt eine Rolle, aber in verschiedenen Beziehungen geht es auch um Vertrauen, Transparenz, Wiedergutmachung und Solidarität, wobei keine romantischen Gefühle im Spiel sein müssen.

Katabasis fühlt sich wie eine Mischung aus zwei vorherigen Romanen der Autorin an – Babel und Yellowface. Ähnlich wie Babel geht es um alternative Geschichte und die Welt der Forschung und Universitäten und ausbeuterische Strukturen darin, aber Katabasis lässt Lesende zumindest ein bisschen mehr ihre eigenen Schlüsse ziehen. Ähnlich wie in Yellowface studiert Kuang die verzerrte Denkweise, die bestimmte Milieus hervorbringen können. Ging es bei Yellowface um Einsamkeit und Neid unter Autor*innen, nimmt sich Katabasis den Fanatismus und die Selbstverleugnung vor, mit der sich junge Wissenschaftler*innen in ihre Arbeit stürzen. Sie zeigt die Normalisierung untragbarer Arbeitsbedingungen auf und rechnet mit Grindset-Romantik und überzogenem Individualismus ab. Das Ganze ist nicht subtil, die Persönlichkeiten der Figuren fast schon überzeichnet, aber es funktioniert sehr gut. Der Weltenbau ist originell, aber beugt sich stark der Gravitationskraft der Themen, über die Kuang reden will, was ihn teilweise weniger real und organisch wirken lässt.

Ständig fallen Anspielungen Klassiker, Philosophie und Mathematik, die man jedoch nicht verstehen muss, um der Geschichte zu folgen. Ein wenig lässt die Art, wie sie in die Geschichte eingebracht sind, an den Enthusiasmus von Studienanfänger*innen denken, die Leute mit der ganzen Bandbreite cooler Konzepte bekannt machen wollen, denen sie begegnet sind. Katabasis verbindet verschiedene Genre, ohne sich vollends auf die Tropes und Strukturen eines davon einzulassen: Es finden sich Elemente von Urban-Fantasy, Romance und Satire. Es steckt sogar ein wenig stark kondensierter Bildungsroman in dem Buch, lernt Alice doch von ihren verschiedenen teils wiederkehrenden, teils temporären Weggefährt*innen – wobei das Verlernen fast eine noch größere Rolle spielt.

Anmerkung: Gelesen wurde die englischsprachige Originalausgabe.


Fazit

Katabasis verbindet Unterwelt und Wissenschaftsbetrieb und mindestens drei verschiedene Genres in einer Mischung, die nicht alle Lesenden ansprechen dürfte, aber thematisch sehr stimmig ist. Originelles, wenn auch sehr um ein bestimmtes Thema herum konstruiertes Worldbuilding trifft auf eine Hauptfigur, die so einige unsympathische Überzeugungen hat, aber dennoch Empathie weckt und eine große Entwicklung durchläuft. 


Pro und Contra

+ Gute Synergie aus Plot, Themen, Figurenentwicklung
+ Alice durchläuft eine große Entwicklung
+ Originelles Urban-Fantasy-Worldbuilding
+ Gesellschaftskritik

o überzeichnete Figuren
o Hölle oft eher Hintergrund als Hindernis
o man muss Infodumps und eine Mischung aus Romantisierung von und Abrechnung mit dem Wissenschaftsbetrieb mögen

- Motivation der Figuren überzeugt nicht ganz

Bewertung:

Charaktere: 4/5
Handlung: 4/5
Lesespaß: 4,5/5
Preis-Leistung: 4/5


Yellowface

Tags: Dark Academia