Interview mit Laura Dümpelfeld
Literaotpia: Hallo, Laura! Kürzlich ist Dein Dark-Fantasy-Roman „Schattenblut“ bei Edition Roter Drache erschienen, in dem Leonore von blutigen Albträumen gequält wird – was steckt dahinter?
Laura Dümpelfeld: „Schattenblut“ spielt in einem alternativen 19. Jahrhundert in Preußen und beinhaltet Elemente des Gothic Horror und der Dark Fantasy, und so wird es definitiv eher düster und blutig als romantisch oder gar spicy. Wir begleiten Leonore, Tochter eines preußischen Generals, auf ihrer Suche nach Antworten: Was haben diese Albräume zu bedeuten? Wie kommen sie zustande? Was ist der Auslöser? Und was hat es mit der geheimnisvollen Präsenz auf sich, die ihr in diesen Träumen erscheint und die wortlos mit ihr kommuniziert? Was genau hinter ihren blutigen Albträumen steckt, werde ich natürlich nicht verraten – um das herauszufinden, muss man schon das Buch lesen. ;)
Literatopia: Erzähl uns mehr über Leonore. Was ist sie für ein Mensch? Und wie geht sie als Erwachsene mit den Träumen um, die sie seit der Kindheit plagen?
Laura Dümpelfeld: Leonore lebt quasi im viel zitierten „goldenen Käfig“ – als einziges Kind eines preußischen Adelshauses fehlt es ihr naturgemäß an nichts, sie ist von Bediensteten umgeben und ihre größte Sorge ist ein unerwünschter Verehrer, von dem sie befürchtet, dass er ihr in nicht allzu ferner Zukunft einen Antrag machen wird. Sie ist ruhig, bedacht, eher introvertiert, aber nicht schüchtern. Zum Zeitpunkt der Haupthandlung von „Schattenblut“ ist Leonore neunzehn – also gerade erst erwachsen. Die Träume, die kurz nach ihrem dreizehnten Geburtstag begannen und sie seitdem jede Nacht begleiten, sind ihr größtes Geheimnis, und bestimmen einen Großteil ihres Lebens. Sie sind für sie mittlerweile zur Normalität geworden, aber sie sehnt sich nach Antworten, möchte verstehen, was diese Träume zu bedeuten haben, warum sie jede Nacht von ihnen heimgesucht wird.
Literatopia: Auf einem Maskenball begegnet Leonore dem jungen Offizier Clemens von Walter, der das Gespräch mit einem Zitat aus Novalis‘ „Hymnen an die Nacht“ eröffnet. Wer ist er? Was will er von Leonore?
Laura Dümpelfeld: Genau diese Fragen stellt sich Leonore bei der Begegnung mit ihm ebenfalls. Aus dem Gespräch wird ihr recht schnell klar, dass er irgendetwas über ihre Albträume wissen muss. Da er aber ein völlig Fremder ist und sie nicht weiß, ob er ihr wohlgesonnen ist, zögert sie, ihn ins Vertrauen zu ziehen.
Literatopia: Woraus hast Du Inspiration für Deine Werwölfe gezogen? Und sind es überhaupt Werwölfe?
Laura Dümpelfeld: Ich habe ganz bewusst darauf verzichtet, den Wesen, um die es in „Schattenblut“ geht, einen konkreten Namen zu geben, weil ich es persönlich immer bedrohlicher und unheimlicher finde, wenn man einem Phänomen begegnet, das man nicht benennen kann. Ja, ich habe mich an den klassischen Werwölfen bedient, aber wesentlich stärker noch an Vampiren. Die ursprüngliche Inspiration für „Schattenblut“, vor fast zwanzig Jahren, war einmal „Tanz der Vampire“ – allerdings hat das fertige Buch quasi nichts mehr mit der ersten Fassung der Geschichte gemeinsam (die ich ursprünglich als Theaterstück geschrieben habe, das in der heutigen Zeit spielt).
Literatopia: „Schattenblut“ spielt im Preußen des 19. Jahrhunderts – warum hast Du dieses Setting für Deinen Roman gewählt? Und wie nah ist es an der historischen Realität?
Laura Dümpelfeld: Wie oben geschrieben war die Urfassung von „Schattenblut“ ursprünglich in der heutigen Zeit, also dem frühen 21. Jahrhundert, angesiedelt. Über die Jahre habe ich die Geschichte aber immer wieder verändert und umgeschrieben, und eine dieser Änderungen war die Verlagerung ins 19. Jahrhundert. Wobei ich mich eher am Feeling und der Ästhetik bedient habe – ich habe definitiv keinen großen Wert auf historische Korrektheit gelegt. Da ich mich – zumindest in der jetzigen Fassung – ein Stückweit an bekannten Werken aus dieser Epoche orientiert habe (Frankenstein, Dracula, Das Bildnis des Dorian Grey, etc.), kam mir die Wahl dieses Settings nur natürlich vor. Zudem passen die gesellschaftlichen Strukturen und Gepflogenheiten des späten 19. Jahrhunderts in meinen Augen sehr gut zum Erzählstil der Geschichte. Und ehrlicherweise gefällt mir auch einfach die Mode und der allgemeine Stil dieser Zeit. ;)
Literatopia: Du hast eine Playlist für „Schattenblut“ erstellt – was findet sich darauf? Und inwiefern hilft Dir Musik beim Schreiben?
Laura Dümpelfeld: Das ist tatsächlich eine recht bunte Mischung, aber alle Titel gehören auf ihre Art und Weise zur Geschichte dazu. Manche Titel waren schon relativ von Anfang an auf der Liste (z.B. „Totale Finsternis“ aus Tanz der Vampire oder verschiedene Versionen von „Nothing else Matters“ von Metallica), andere sind erst über die Zeit dazu gekommen (z.B. „Darkside“ von Neoni). Einige Titel sind für mich untrennbar mit bestimmten Szenen im Buch verknüpft (z.B. „The Blood Legion“ von In This Moment, „Coffin“ von The Amity Affliction, „Bliss“ von Tony Ann oder „Roads Untraveled“ von Linkin Park), und manche gehören zu einer bestimmten Figur (z.B. „Empire“ von Beth Crowley, „Insane“ von Black Gryph0n & Baasik oder „Deep End“ von Ruelle).
Ich nutze Playlists zum Schreiben schon seit ich zwölf bin. Das ist für mich quasi der Soundtrack zum Buch. Vielleicht kennt ihr das Phänomen, dass man nur ein Stück aus einem Film-Soundtrack hören muss, und sofort wieder die selben Emotionen fühlt, wie bei der entsprechenden Szene im Film. Nach demselben Prinzip funktionieren meine Schreib-Playlists. Ich schreibe sehr oft an verschiedenen Orten, unterwegs im Zug, draußen unter einem Baum, in einem Café oder auch einfach nur in unterschiedlichen Räumen in meiner Wohnung. Die Playlists sorgen dafür, dass ich mich sehr schnell wieder in das richtige Schreib-Feeling hineinfinden kann, ganz egal, was in meiner Umgebung sonst passiert.
Literatopia: Dein Debütroman „Lemmy Lokowitsch – Das Syrikon-Projekt“ dreht sich um den Lokaljournalisten Lemmy Lokowitsch, der dringend eine gute Story braucht. Wie findet er diese? Oder findet sie ihn?
Laura Dümpelfeld: Ich würde sagen, halb und halb – er stolpert so ein bisschen aus Versehen darüber. ;)
Literatopia: Was sind Lemmys Stärken und Schwächen? Und was ist ihm bei seiner Arbeit als Journalist besonders wichtig?
Laura Dümpelfeld: Oje, Stärken – vermutlich sein Sarkamus und seine Fähigkeit, irgendwie auch den brenzligsten Situationen mit halbwegs heiler Haut zu entkommen. Schwächen sind definitiv sein sehr exzessiver Tabak- und Alkoholkonsum, seine große Klappe und seine gelegentliche Selbstüberschätzung und Arroganz. Außerdem kann er manchmal sehr gemein und verletzend sein.
Literatopia: Rezensent*innen loben, dass „Lemmy Lokowitsch“ Fantasy für Erwachsene sei und zwar in einer Fantasywelt spielt, aber reale Probleme behandelt – welche sind das?
Laura Dümpelfeld: Das größte reale Problem, das ich bei Lemmy thematisiere, ist Kolonialismus mit seinen Folgen, also alles was mit Postkolonialismus, Rassismus und so weiter zu tun hat. Allerdings bin ich auf diesem Gebiet natürlich beileibe kein Profi und habe diese Dinge deswegen nur recht rudimentär in den Roman eingebaut.
Literatopia: Du hast bereits als Kind Bilderbücher „gekritzelt“ und eigene Geschichten auf Kassetten gesprochen. Wann war für Dich klar, dass Geschichten erzählen mehr ist als ein Hobby?
Laura Dümpelfeld: Das ist wirklich schwer, konkret zu benennen. Ich weiß, dass ich definitiv schon zu Grundschulzeiten auf die Frage, was ich später mal werden möchte, immer sehr bestimmt „Autorin“ geantwortet habe. Von daher ist es vermutlich kein „schon immer“, aber zumindest ein „schon sehr früh“. Und bis heute ist es so, dass es sich negativ auf meine Grundstimmung auswirkt, wenn ich über längere Zeit nicht geschrieben habe. Ich mag den klischeehaften Spruch „Schreiben ist für mich wie atmen“ nicht, weil das in meinen Augen maßlos übertrieben ist. Aber es trägt definitiv maßgeblich zu meinem Wohlbefinden bei.
Literatopia: Was fasziniert Dich persönlich an Phantastik?
Laura Dümpelfeld: Die Freiheit beim Schreiben. Wenn ich eine bestimmte Geschichte erzählen will, ist nichts frustrierender, als wenn die Realität mir dabei im Weg ist. In der Phantastik kann ich das Setting der Geschichte anpassen, statt umgekehrt. Dann steht dort an der Stelle, wo ich sie brauche, eben eine Burg, die exakt das Layout hat, das ich für die Handlung benötige. Selbst bei „Schattenblut“, das ja nun zumindest ansatzweise in der realen Welt spielt, habe ich den tatsächlichen Handlungsort bewusst vage gehalten. Preußen war damals sehr groß, und ich könnte selbst nicht genau sagen, in welchem Teil von Preußen ich die Handlung angesiedelt habe. Es ist für die Geschichte aber auch irrelevant. Und dasselbe gilt natürlich für alle anderen Aspekte der Phantastik. Ich kann die Rahmenbedingungen für meine Geschichten selbst festlegen, die Regeln definieren, und alles so gestalten, wie ich es brauche, um die Geschichte zu erzählen, die ich erzählen möchte.
Literatopia: Wie wird es mit „Schattenblut“ weitergehen? Und wird es weitere Romane mit Lemmy Lokowitsch geben? Oder arbeitest Du bereits an etwas ganz Neuem?
Laura Dümpelfeld: Da es sich bei „Schattenblut“ um den ersten Teil einer Dilogie handelt, sitze ich derzeit an der Fortsetzung, die für 2026 geplant ist. Danach habe ich tatsächlich vor, den nächsten Lemmy zu schreiben, der aber idealerweise eine ebenso in sich abgeschlossene Handlung haben wird, wie „Das Syrikon-Projekt“. Und natürlich habe ich weitere Ideen und Projekte in der Pipeline, die mich vermutlich ohne Probleme die nächsten zehn Jahre beschäftigen werden – sofern sich weiterhin jemand findet, der bereit ist, die Geschichten, die ich verzapfe, auch zu verlegen. ;)
Literatopia: Herzlichen Dank für das Interview!
Autorinnenfoto: Copyright by Laura Dümpelfeld
Website: https://www.lauraduempelfeld.de
Dieses Interview wurde von Judith Madera für Literatopia geführt. Alle Rechte vorbehalten.
