Denial of Service (Aiki Mira)

Fischer TOR (Oktober 2025)
Paperback, 258 Seiten, 18,00 EUR
ISBN: 978-3-596-71182-6

Genre: Near Future / Cyberpunk


Klappentext

Vollautomatisiert, supersmart … und tödlich. Aiki Miras visionärer SF-Thriller über die Zukunft unserer Städte.

In Frankfurt am Main sind Dank der ersten Krypto-Milliardärin Deutschlands Polizei, Transport und Stadtverwaltung privatisiert. Ein künstliches neuronales Netzwerk unterstützt alle Institutionen und ist auch Teil des Hirn-Stadt-Interface: implantierte Chips, die eine intuitive Interaktion mit Gebäuden, Straßen und Transportsystemen der Stadt ermöglichen. Das KNN sorgt für ein reibungsloses Funktionieren der Infrastruktur und das größtmögliche Glück aller Bürger. Als es zu Problemen kommt und ein obdachloser Teenager stirbt, machen sich eine Coderin und ein Bot auf die Suche nach der Ursache für seinen Tod. Sie stoßen auf Ungeheuerliches, doch bevor sie irgend jemandem davon erzählen können, schaltet sich das Militär ein …


Rezension

"Lasst mich euch vom Bleiben in der unruhigen irdischen Realität erzählen, in die wir verstrickt und an die wir gebunden sind. Lasst mich euch vom Recht auf das Hier-sein auf diesem besonderen, maroden Planeten erzählen. In diesen gebrechlichen Körpern. Vom Recht, in Würde zu leben, wo immer wir auf dem Planeten sind, selbst wenn die unvermeidlichen Schocks uns zwingen, uns zu bewegen." (Seite 190)

In naher Zukunft ist Frankfurt am Main die erste Privatstadt Deutschlands - zugleich zweite Kryptohauptstadt des Planeten, KI-autonom und super-smart. Ein Künstliches Neuroales Netzwerk (KNN) kontrolliert die Stadt und entwickelt seine eigene Ethik, inklusive permanenter Aktualisierung. Die Stadtverwaltung schaut zu, was das KNN macht, ist mehr Beobachter als Gestalter. Als Data Scientist Jov ihren Job bei der Verwaltung antritt, sagt man ihr nicht einmal, was sie dort tun soll. Das muss sie selbst herausfinden. Bevor sie mit der Suche nach ihrer Aufgabe beginnt, wird ihr ein City-Chip eingesetzt, ein Hirn-Stadt-Interface, das maschinelles Lernen nutzt. Jov ist das nicht geheuer und je mehr sie über die Stadtverwaltung weiß, desto mehr ist sie überzeugt davon, dass diese mit ihrer Einstellung einen Fehler gemacht hat. Als Jov Zeugin wird, wie eine obdachloses Jugendliche in einem Kiosk stirbt, bekommt sie eine Idee davon, was sie in Frankfurt tun soll. Die Stadt reagiert nämlich nicht auf die Tote, niemand kommt, um sie abzuholen, um den Vorfall zu untersuchen. Jov geht diesem Fehler im System nach und entdeckt etwas, das die Stadt und die Menschheit nachhaltig verändern wird ...

In "Denial of Service" erscheint Frankfurt wie eine seltsam cleane Cyberpunk-Stadt: hochtechnisiert, mit einer wandernden Skyline, KI-gesteuert, privatisiert und durch ein militärischen Sperrgebiet abgegrenzt vom Rest des Landes. Doch Frankfurt erscheint nicht neongrau und düster, sondern lichtdurchflutet, hellgrau und grün. Die Handlung des Romans konzentriert sich auf einen kleinen Teil der Innenstadt, wo superschicke Konzern-Wolkenkratzer in den Himmel ragen und die von Konzernen bezahlten Grünflächen von Robotern bis zur Unnatürlichkeit gepflegt werden. Im Licht funktioniert alles perfekt, alles und jeder hat eine Funktion, während im Schatten obdachlose Kinder und Jugendliche leben, die toleriert und vom sogenannten Phantomnetz versorgt werden. Diesem ist es gelungen, den Algorithmen zu entkommen, und so gibt es eine ausgeprägte Kriminalität im Frankfurt, die für die meisten Menschen unsichtbar ist. Die Straßenkinder arbeiten fast alle für dieses Phantomnetz, viele sind auf Drogen und testen bereitwillig die neusten Substanzen.

"Neunzig Prozent des Internetcontents ist KI-generiert. Das bedeutet: Neunzig Prozent der im Netz abgebildeten Welt ist eine Erfindung von Maschinen." (Seite 180)

Tad ist der jüngste Protagonist und lebt mit zwei Jugendlichen auf der Straße. Er hat lange in einem überfüllten Flüchtlingslager gelebt und für ihn fühlt sich die Straße nach Freiheit an. Er selbst nimmt selten Drogen und beschäftigt sich lieber mit seiner Drohne, die Tags auf Gebäuden hinterlässt. Als seine Freund*innen eine neue digitale Droge testen, stirbt eine von ihnen und die andere verschwindet spurlos. Tad schließt sich Jov an, die Interesse an der digitalen Droge hat und glaubt, ihre Aufgäbe läge vielleicht darin, zu erforschen, ob diese in Zusammenhang mit der Untätigkeit der Stadt steht. Per, in deren Kiosk Tads Freundin gestorben ist, verguckt sich in Jov. Sie ist fasziniert von der jungen Frau mit der Beinprothese und vergisst darüber beinahe ihre Sorgen um den Kiosk. Eine Tote zwischen ihren Pilzbällchen kann das das Aus für den Laden bedeuten. Per ist zugleich erleichtert, dass niemand kommt, um nach der Toten zu schauen, und besorgt, weil die Stadt offensichtlich nicht richtig funktioniert. Jov, Per und Tad machen sich schließlich gemeinsam auf die Suche nach Antworten.

Aiki Mira schreibt wie jemand, der nicht einfach nur über eine mögliche Zukunft nachdenkt, sondern in dieser lebt und aus ihr heraus die Geschichte erzählt. Und da diese Zukunft unserer Gegenwart zwar noch sehr ähnelt, aber vieles auch ganz anders ist, wird man beim Lesen herausgefordert und muss sich die Neologismen und Fremdwörter erschließen. Bisher ist es Aiki Mira immer gelungen, dass sich das Lesen dennoch seltsam leicht und natürlich anfühlt, doch "Denial of Service" ist in den ersten Kapiteln etwas unübersichtlich. Es beginnt rasant und dutzende Fragen schießen einem durch den Kopf, doch ehe man darüber nachdenken kann, geht es auch schon weiter. Der Text ist stark komprimiert, kein Wort erscheint zu viel, eher sind es dieses Mal zu wenige Worte. Eine zu starke Kompression, die zu wenig Raum lässt, um Frankfurt wirklich zu entdecken. Zu wenig Raum, um wirklich anzukommen in einer Zukunft, die faszinierend und erschreckend ist. Es lohnt sich, das Buch ein zweites Mal zu lesen, denn mit dem Wissen aus der zweiten Romanhälfte ergibt die erste gleich viel mehr Sinn.

"Wenn das Überleben von anderen abhängt, sind Veränderungen nötig und diese Veränderungen sind selbst im Überwachungskapitalismus unbestimmt. Menschen, Bots und Tiere verändern gegenseitig ihre Welten. Ihre Netzwerke überlappen sich."' (Seite 234)

Auch manche Figuren kommen zu kurz, wie Jovs Vater, zu dem sie ein schwieriges Verhältnis hat. Er ist eine sehr interessante Person mit viel Wissen, das er in der Kürze jedoch nicht teilen kann. Auch Pers Mutter ist spannend, denn sie kommt aus einer anderen Generation, hat wie Jovs Vater einen anderen Blick auf dieses hochtechnisierte Frankfurt. Diese Perspektiven fehlen in "Denial of Service", die älteren Figuren halten sich bedeckt. Die Geschichte konzentriert sich auf die jungen Protagonist*innen, die ihren Weg zwischen Konzernen sowie Robotern und KIs finden müssen. In Frankfurt irren sogenannte Chaos-KIs umher, Bots, die wie Straßenhunde umherstreifen und sich von der Welt der Menschen abgekoppelt haben. Der technologischen Entwicklung sind kaum Grenzen gesetzt, Frankfurt ist ein riesiges Experiment, das zunächst gut zu funktionieren scheint, jedoch immer mehr Probleme offenbart. In der zweiten Romanhälfte schlägt Aiki Mira die Brücke von Technologie und KI zur Biologie und wer "Neurobiest" gelesen hat, kann hier eine Verbindung vermuten. Es geht dabei auch um Tiere, doch auch diese haben wenig Raum im Roman, Menschen und Bots stehen im Vordergrund. 

Jov wird zum Bindeglied zwischen Technologie und Biologie. Mit ihrer Beinprothese hat sie bereits einen Cyber-Körper, sie fühlt sich zudem der Computerwelt näher als der Menschenwelt. Damit ist sie, obwohl sie ihre Eignung anfangs anzweifelt, die perfekte Person dafür, um zu verstehen, was in Frankfurt hinter der High-Tech-Krypto-Kulisse vor sich geht. Tad und Per ergänzen Jov sehr gut, sie beide schlagen sich jeweils auf ihre eigene Weise durch, verfügen über sehr wenige Ressourcen und sind so etwas wie die Verlierer der Zukunft. Beide haben sich jedoch ihre Menschlichkeit bewahrt, ihre Empathie. Sie verankern Jov in der Menschenwelt, halten Kontakt zu ihr, während sie immer weiter abdriftet. Drogen und Bewusstseinsveränderungen/-erweiterungen sind häufig Thema in Aiki Miras Geschichten und auch hier werden dadurch Menschlichkeit und Beziehungen neu gedacht. Die nahe Zukunft erscheint chaotisch und erbarmungslos gegenüber denjenigen, die wenig besitzen, die sich nicht vor den Auswirkungen der eskalierenden Klimakrise schützen können. Letztlich bleibt den Menschen nur, sich bestmöglich umeinander zu kümmern und gemeinsam neue Wege zu einer lebenswerten Existenz zu finden. Jov, Tad und Per finden einen solchen Weg. 

"Wir, die neuste Generation, haben mehr Gemeinschaftsgefühl als alle Generationen davor und als die Menschen, die sich ihrer Verantwortung entziehen gegenüber dem Planeten, gegenüber ihren Mitlebewesen. Ja, wir haben Fehler gemacht. Aber wer hat schon Zeit für Nuancen, wenn die Welt sprichwörtlich in Flammen steht?" (Seite 208)


Fazit

Aiki Mira projiziert die Entwicklung Künstlicher Intelligenz in die nahe Zukunft und zeichnet in "Denial of Service" ein super-smartes Frankfurt, über das die Menschen längst die Kontrolle abgegeben haben. In der Privatstadt sind der Technologie keine Grenzen gesetzt und während Menschen weiterhin ihren Jobs nachgehen, entwickeln sich Bots weiter und es entsteht etwas völlig Neues. Der Roman ist fordernd, vor allem da der Text stark komprimiert ist, und am Ende bleibt das Gefühl, viel verpasst zu haben. Doch wer aufmerksam liest, wird viele Verbindungen entdecken, Netzwerke, die sich gegenseitig beeinflussen und alles Leben - Menschen, Tiere und Bots - in Beziehungen und Abhänigkeiten setzen. 


Pro & Contra

+ Frankfurt als eine Art cleane Cyberpunkmetropole
+ Künstliche Intelligenz in die nahe Zukunft projiziert
+ spannende Figuren, die einander wunderbar ergänzen
+ sprachlich wie direkt aus der Zukunft erzählt und zugleich poetisch
+ positive Visionen neben den Schattenseiten
+ wieder einmal wahnsinnig kreativ

- Text zu stark komprimiert
- interessante Nebenfiguren kommen zu kurz

Wertungsterne4

Handlung: 4/5
Charaktere: 4,5/5
Lesespaß: 4,5/5
Preis/Leistung: 4/5


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Tags: Cyberpunk, Künstliche Intelligenz, queere Figuren, nicht-binäre Autor*innen, deutschsprachige SF, Aiki Mira, Near Future, Frankfurt